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Ronald Lutz (Hrsg.): Befreiende Sozialarbeit. Skizzen einer Vision

Cover Ronald Lutz (Hrsg.): Befreiende Sozialarbeit. Skizzen einer Vision. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2005. ISBN 978-3-86585-409-4. 29,90 EUR.
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Thema

Der Titel dieser Sammlung von Aufsätzen macht es schon deutlich: Es geht um eine Soziale Arbeit, die sich als eine "befreiende" bezeichnet und die LeserIn darf gespannt sein, was darunter im Kontext der Internationalisierung, Globalisierung und "Ökonomisierung" der Sozialen Arbeit verstanden wird. Eine "Befreiende Pädagogik", die - sich als dialogischer Prozess verstehend - politische Dimensionen und emanzipatorische Ideale beinhaltet, ist das zentrale Anliegen von Paulo Freire, dessen pädagogische Konzeption sich wie ein roter Faden durch die Ausführungen dieses Bandes zieht. Der Herausgeber macht deutlich, dass in diesem Band die Vision einer Befreiung und - entgegen dem Zeitgeist - ein neuer Optimismus verbreitet werden soll. Damit soll eine Sozialarbeit als soziale Bewegung und als Hilfestellung gegen "verordnete Unmündigkeit und Knechtschaft" skizziert werden. Eine sozialarbeiterische Praxis, die im Sinne Freires eine Praxis der Freiheit ist, wird theoretisch und exemplarisch in diesem Band (aus der Reihe "Dialog und Diskurs - Zur Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit", Fachbereich Sozialwesen der FH Erfurt) dargestellt und reflektiert. Die verschiedenen Aufsätze geben Einblicke in die facettenreiche und vielseitige aktuelle Soziale Arbeit, deren AkteurInnen die Visionen einer gerechteren Welt nicht aufgegeben haben und alternative Handlungsformen der Sozialen Arbeit aufzeigen und realisieren. Neben einem einführenden Beitrag des Herausgebers umfasst der Band 4 Abbschnitte.

Einführung des Herausgebers

Der Herausgeber Ronald Lutz stellt in seinem einführenden Beitrag fest, da es im Zeitalter der Globalisierung und Ökonomisierung, "an neuen Entwürfen fehlt und die alten verblassen, obwohl sie im öffentlichen Diskurs einen immensen Lärm verursachen, lehnen sich viele Entwicklungen und Prozesse nah an das neoliberale Alltagsgeschäft an und versuchen es in ihren eigenen Alltagshandlungen zu kopieren bzw. mit seinen Gesetzmäßigkeiten und Bedingungen zu arrangieren. Das erleben wir auch in der Sozialen Arbeit, die sich in einem schleichenden, mitunter sogar bejubelten Prozess ihrer eigenen Ökonomisierung befindet. Besoffen davon wird der Begriff der Sozialwirtschaft emphatisch übernommen ohne zu bemerken, was sich dahinter eigentlich verbirgt. Der Bezug auf die reine Ökonomie ist nämlich zugleich der Abschied von den weltanschaulichen Kontexten, eben Visionen und ethischen Codices, der Träger, von der Diakonie über die Caritas bis hin zu den weltlichen Wohlfahrtsverbänden. Soziale Arbeit wird zum ökonomisch orientierten Geschäft, das, wie bei den Autos, lediglich von unterschiedlichen Produzenten in einem großen Supermarkt angeboten und vermarktet wird." Die Soziale Arbeit läuft somit Gefahr, ihre Identitäten und Ideen aufzugeben und zu einer "eigenschaftslosen Dienstleistung" zu verkommen. Starker Tobak für eine Profession, die sich aus der Tradition ihres Selbstverständnisses heraus an den Bedürfnissen und Nöten derer orientiert, die sich nicht auf der Sonnenseite der Gesellschaft befinden und mit Marginalisierungen und strukturellen Ungerechtigkeiten von Gesellschafts- und Wirtschaftssystemen zu kämpfen haben. Es ist dringend an der Zeit also, den selbstreflektierenden Prozess von AkteurInnen der Sozialen Arbeit auszuweiten.

Dieser Band ist - um es vorweg zu nehmen - ein gelungener und fundierter Beitrag zu diesem Prozess, in dem soziale Frage neu gestellt und Visionen thematisiert werden. Folgerichtig werden in dieser Aufsatzsammlung nicht allein theoretische Überlegungen angestellt sondern auch in vielfältiger Art und Weise die verändernde Praxis einer "befreienden" Sozialen Arbeit aufgezeigt.

1 "EinBlicke"

So entstehen in einem ersten Kapitel "EinBlicke" in das Verhältnis von

  • "Befreiungspädgogik und Soziale Arbeit" (Renate Zwicker-Pelzer),
  • bevor sich Christine Rehklau mit "Empowerment. Zauberwort oder Neubesinnung" und
  • Christian Thomas Reutlinger mit dem Titel "Räume von den Menschen her denken" befassen und
  • Ronald Lutz "Neue Herausforderungen für die Stadtgesellschaft" benennt.

2 Partizipation im Gemeinwesen

Das folgende zweite Kapitel steht unter dem Aspekt der Partizipation im Gemeinwesen. Hier werden

  • die Aspekte der "Bürgerbeteiligung" (Heidi Sinning) reflektiert und
  • der Frage nach einem "Bürgerschaftlichen Engagements als Integrationschance oder als Reproduktion gesellschaftlicher Ausgrenzungsprozesse?" (Chantal Munsch) nachgegangen.
  • Eine kritische Analyse der Gemeinwesenarbeit wird von Fabian Kessl und von Mario Rund vorgenommen, wobei letzterer Überlegungen zu einer "Emanzipatorischen Gemeinwesenarbeit" anstellt.
  • Abgerundet wird dieses Kapitel mit den Ausführungen von Susanne Elsen, die die Gemeinwesenökonomie als eine "reale Utopie einer befreienden Sozialen Arbeit" erkennt mit der Chance einer nachhaltigen Entwicklung des Gemeinwesens.

3 "Aufbrüche und Erweiterungen"

"Aufbrüche und Erweiterungen" werden im dritten Kapitel des Bandes praxisnah konkretisiert:

  • Doren Kiesel und Fritz Rüdiger Volz setzen sich kritisch mit dem Bildungsbegriff auseinander und stellen einen "Zusammenhang von Lebensführung, Bildung und Interkulturalität" her.
  • Leonie Wagner stellt Überlegungen zu dekonstruktiven politischen Bildung an bevor
  • Uwe von Düker einen Einblick in die Konzeption und die gelebte pädagogische Praxis der Freiburger Straßenschule gibt und konkret verdeutlicht, wie eine durch Freire inspirierte "Bewusstseinsmachung" in der Arbeit mit Straßenkids aussieht.
  • Eva Wonneberger stellt den Genderaspekt in das Zentrum ihrer Betrachtungen über "Weiterbildung, Empowerment und Weibliche Lebenslagen" und zeigt auf, wie "im Rahmen von Bildungsarbeit das Geschlechterthema bzw. allgemein die Problematik von Dominanz und Hierarchie aufgegriffen und methodisch so eingesetzt werden (kann), dass Reflexionsprozesse über geschlechtsspezifische Hemmnisse und kulturelle Ordnungssysteme in Gang kommen und schließlich Veränderungsmöglichkeiten deutlich werden."
  • Von Verena Hammer und Ronald Lutz werden die Lebenslagen von Alleinerziehenden als Herausforderung für die Soziale Arbeit beschrieben und zur Abrundung des Kapitels skizziert
  • Eckhard Giese die "Befreiung der Geschlechter in dreizehn Schritten".

4 "Ausblicke"

Das abschliessende Kapitel des umfangreichen und thematisch umfassenden Bandes gibt "AusBlicke" und macht den Blick frei auf die globale Dimension einer befreienden Sozialen Arbeit.

  • Jos Schnurer umreißt eine soziale und interkulturelle Arbeit bei Nord-Süd-Partnerschafts-Initiativen und sieht "Globale Partnerschaften als eine allgemeinbildende Aufgabe" an.
  • Emil A. Sobottka und Danilo R. Streck berichten über Soziale Bewegungen in Brasilien und
  • Melha Rout Biel beschreibt in seinem Beitrag Sozialarbeit in Afrika, die sich mit den Fragen der Kolonialisierung und deren "Erbe", der Arbeitslosigkeit und der AIDS-Problematik kritisch auseinandersetzt.
  • Den Schlusspunkt des Buches wird von Linda Smith (Universität Johannesburg) gesetzt, die in ihrem englischsprachigen Aufsatz Kultur, Spiritualität und Werte einer emanzipatorischen Sozialen Arbeit in (Süd-)Afrika und deren "westlichen" Wurzeln analysiert.

Diskussion

Der vorliegende Band ist der Versuch, eine Vision zu skizzieren, eine Vision von Sozialer Arbeit, die sich in einer befreienden Praxis den zur Beliebigkeit führenden Trends der Postmoderne zu widersetzen und die unterdrückerischen Mechanismen einer - zumeist eindimensional ökonomisch-neoliberal verstandenen - Globalisierung in Frage stellt. Dem Herausgeber und den AutorInnen der verschiedenen Wortmeldungen ist es gelungen, eine verändernde und veränderte Praxis und Theorie der Sozialen Arbeit konkret zu dokumentieren. Sie zeigen auf, wie eine aktuelle und weiterführende Rezeption des dialogischen und bewusstseinsbildenden Konzeptes von Paulo Freire realisiert wird und zeigen die kritischen Aspekte und ungerechten Folgen der Globalisierung auf, die nicht zuletzt von den AkteurInnen der Sozialen Arbeit selbstkritisch entmythologisiert werden müssen.

Fazit

Die Lektüre der Aufsatzsammlung gibt auf vielfältige Weise theoretische und praktische Anregungen für eine befreiende Praxis der Sozialen Arbeit und macht vor allen Dingen Mut, auch in Zeiten des sog. Spardrucks im sozialen und kulturellen Bereich Veränderungen zu initiieren. Dieses Buch sei allen empfohlen, die sich mit den Fragen einer aktuellen Praxis der Sozialen Arbeit im regionalen, nationalen und globalen Kontext auseinandersetzen. Auch wenn nicht alle aufgeworfenen Fragen abschliessend beantwortet werden können: die Diskussionsbeiträge geben wichtige Impulse zur Reflexion der Sozialen Arbeit und ihrer Dimensionen in einer von Komplexität geprägten Welt. Ein sehr zu empfehlendes, lesenswertes und aktuelles Werk für Studierende, Lehrende und PraktikerInnen der Sozialen Arbeit!


Rezensent
Dipl. Pädagoge Andreas Schauder
Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz, Olten / Basel
Homepage www.fhnw.ch/sozialearbeit
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Zitiervorschlag
Andreas Schauder. Rezension vom 01.10.2006 zu: Ronald Lutz (Hrsg.): Befreiende Sozialarbeit. Skizzen einer Vision. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2005. ISBN 978-3-86585-409-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3491.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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