Fritz B. Simon: Moralisieren
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 11.09.2026
Fritz B. Simon: Moralisieren. Waffe im Kulturkampf. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2026. 101 Seiten. ISBN 978-3-8497-0666-1. D: 14,50 EUR, A: 15,00 EUR.
Reihe: update gesellschaft.
Was der Wissenschaft dient, dient auch der Menschheit?
Dieses aus der Zeit der Aufklärung stammende Eureka hat Risse bekommen. Wissenschaftliche Forschungen und Erkenntnisse werden in den Zeiten der globalen Kapitalismus- und Marktorientierung immer mehr zu Erfüllungsgehilfen und Mägden von Nutzungs- und Profiterwartungen, und die Definition „Wissenschaft, die Wissen schafft“ hat längst ihre Unschuld und ihren Gemeingut-Anspruch verloren. Die zahlreichen Menschheitskatastrophen, die sich alleine im 20. Jahrhundert ereignet haben – Hiroshima, Tschernobyl, Bhopal und viele andere, bis hin zu Finanz- und Klimakatastrophen – stellen wissenschaftliches Forschungsdenken und -handeln auf den Prüfstand. Darf der Mensch alles realisieren, was er kann? – oder „zu können“ meint? Die Frage nach der Funktion und Verantwortung der Wissenschaft für eine humane Existenz und Weiterentwicklung der Menschheit stellt sich immer deutlicher und drängender. In der von der „Stiftung Valencia Drittes Jahrtausend“ 1999 initiierten und von der UNESCO unterstützten universellen Deklaration der menschlichen Verantwortung und Pflichten heißt es in Artikel 12: „Wissenschaftler haben die Aufgabe, so zu handeln, dass Leben und Wohlergehen jedes Menschen uneingeschränkt Beachtung finden. Sie haben die Pflicht, alle erforderlichen Maßnahmen – einschließlich der Einführung eines ethischen Kodexes – zu ergreifen, damit die Ergebnisse wissenschaftlicher oder technologischer Forschung nicht auf eine Weise verwendet werden, die den Frieden, die Sicherheit, die Menschenrechte und die grundlegenden Freiheiten gefährdet. Der einzelne Wissenschaftler wiederum hat die Aufgabe, seine Forschungstätigkeit zu jeder Zeit so zu führen, dass dabei stets strenge ethische Prinzipien eingehalten werden. Er ist ferner dazu aufgerufen, die Öffentlichkeit über jede potenziell gefährliche oder ethischen Prinzipien zuwiderlaufende Forschungstätigkeit zu unterrichten, von der er Kenntnis erhält“. Es wird zu bedenken gegeben, dass in der lokal und global vorherrschenden Machbarkeits- und Verwertungs- (Konsum-)Hysterie, die den homo oeconomicus hervorgebracht und zum erstrebenswerten Lebensziel stilisiert hat, auf der Strecke bleibt, was im philosophischen Denken der Menschheit als „gutes Leben“ erdacht, erwünscht und erhofft wird.
Entstehungshintergrund und Autor
Hochschulen sind Orte des Wissens, der Wissensanalyse und –verbreitung. 1994 hat der Berliner Soziologe Rudolf Stichweh das 1994 erstmals erschienene, vergriffene Buch „Wissenschaft, Universität, Professionen“ als unveränderte Neuauflage vorgelegt [1]. Die darin verbreiteten Auffassungen, dass das, was der Wissenschaft, auch der Menschheit diene, heute, in den Zeiten von Fake News und digitalisierten Wissensteilen, infrage gestellt werden muss. Mit dem Begriff „Autopoiesis der Wissenschaft“ thematisiert Stichweh Fragen nach der Innendifferenzierung in den wissenschaftlichen Disziplinen, gleichzeitig aber auch die nach dem Kontext und den Funktionen im Wissenschaftssystem. Die Veränderungsprozesse, wie sie sich in den Zeiten von lokaler und globaler Kapitalismus- und Markt(Gewinn-)orientierung bedingen, den Spruch – „Wissenschaft, die Wissen schafft“ – obsolet erscheinen. Die zahlreichen Menschheitskatastrophen, die sich alleine im 20. Jahrhundert ereignet haben – Hiroshima, Tschernobyl, Bhopal und viele andere, bis heute hin zu Finanz-, Klimakatastrophen und Kriegen – stellen wissenschaftliches Forschungsdenken und -handeln auf den Prüfstand. Darf der Mensch alles realisieren, was er kann oder zu können meint? In der von der „Stiftung Valencia Drittes Jahrtausend“ 1999 initiierten und von der UNESCO unterstützten universellen Deklaration der menschlichen Verantwortung und Pflichten heißt es in Artikel 12: „Wissenschaftler haben die Aufgabe, so zu handeln, dass Leben und Wohlergehen jedes Menschen uneingeschränkt Beachtung finden. Sie haben die Pflicht, alle erforderlichen Maßnahmen – einschließlich der Einführung eines ethischen Kodexes – zu ergreifen, damit die Ergebnisse wissenschaftlicher oder technologischer Forschung nicht auf eine Weise verwendet werden, die den Frieden, die Sicherheit, die Menschenrechte und die grundlegenden Freiheiten gefährdet. Der einzelne Wissenschaftler wiederum hat die Aufgabe, seine Forschungstätigkeit zu jeder Zeit so zu führen, dass dabei stets strenge ethische Prinzipien eingehalten werden. Er ist ferner dazu aufgerufen, die Öffentlichkeit über jede potenziell gefährliche oder ethischen Prinzipien zuwiderlaufende Forschungstätigkeit zu unterrichten, von der er Kenntnis erhält.“
Aufbau und Inhalt
Simon stellt fest: „Wissenschaftliche Erkenntnisse werden disqualifiziert, weil sie angeblich moralisch bzw. moralistisch begründet seien.“ Es ist die von Luhmann ausgewiesene „Alarmierfunktion der Moral“, die den alltäglichen Gebrauch des moralischen Bedenkens immer schon bestimmt hat, als „Silent Language“ (Edward T. Hall) oder als „Cancel culture“. Ethik- und Moralnormen bedingen das Zusammenleben der Menschen. Sie sind „höhere Macht“; ihnen zu widersprechen oder sie gar abzulehnen, bewirkt Aussenseitertum. Andererseits ist Widerspruch angesagt und notwendig, wenn Moral zum Machtmissbrauch wird. Dort, wo „Hate Seech“ vorherrscht, können sich Formen von „Herren-Moral“ und „Sklaven-Moral“ bilden. Sie widersprechen den Werten und Normen, wie sie als „Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (als) Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ (Menschenrechtsdeklaration 1948). Ego-, Marktfundamentalismus und Populismus stellen die Autonomie der Wissenschaft infrage: Wenn der demokratische, freiheitlich gewählte Staat nicht Erhalter und Verwalter eines humanen Zusammenlebens, sondern als Problem und Störer verstanden wird, bedarf es des Prinzips der „funktionellen Differenzierung“ in der Gesellschaft: Gesellschaftliche Subsysteme bringen füreinander Leistungen.
Diskussion
Vom 9. – 12. 6. 2026 fand an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen eine Konferenz statt, bei der an das Werk des 1998 verstorbenen Soziologen Niklas Luhmann erinnert und anlässlich seines 100. Geburtstags am 8. 12. 2027 eine Erinnerungsgabe vorbereitet wird. 47 Referentinnen und Referenten haben differenzierte Fachbeiträge geliefert, u. a. auch der Professor für Führung und Organisation, Psychiater, Psychoanalytiker, Systemischer Therapeut. Organisationsberater und Autor Fritz B. Simon [2]. Seinen Beitrag - „Moralisieren: Waffe im Kulturkampf“ – legt er vorab in der Buchreihe „update gesellschaft“ des Carl-Auer-Verlags vor.
Fazit
Wenn nicht objektives, autonomes wissenschaftliches Denken und Handeln Grundlagen der Conditio Humana darstellen, sondern Haben und Sein nur unter ökonomischen, rechnerischen Spekulationen bestimmt werden, bleibt der anthrôpos auf der Strecke.
[1] www.socialnet.de/rezensionen/15143.php
[2] Fritz B. Simon, Wenn rechts links und links rechts ist, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14542.php
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
Mailformular
Es gibt 1766 Rezensionen von Jos Schnurer.



