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Ludger Kolhoff (Hrsg.): Aktuelle Diskurse in der Sozialwirtschaft VI

Rezensiert von Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf, 30.09.2026

Cover Ludger Kolhoff (Hrsg.): Aktuelle Diskurse in der Sozialwirtschaft VI ISBN 978-3-658-49576-3

Ludger Kolhoff (Hrsg.): Aktuelle Diskurse in der Sozialwirtschaft VI. Die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes - Nachhaltigkeit in der Sozialwirtschaft - Social Entrepreneurship. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2026. 277 Seiten. ISBN 978-3-658-49576-3. D: 79,99 EUR, A: 82,23 EUR, CH: 88,50 sFr.
Reihe: Perspektiven Sozialwirtschaft und Sozialmanagement.

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Autor

Dr. Ludger Kolhoff war von 1993 bis 2025 Professor für Soziales Management an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, wo er bis 2024 den Masterstudiengang „Social Management” leitete.

Thema

Im Mittelpunkt des Sammelbandes stehen die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes, Nachhaltigkeit in sozialwirtschaftlichen Organisationen und Social Entrepreneurship. Damit greift der Band drei Debatten auf, in denen sich gegenwärtige Veränderungsanforderungen an die Sozialwirtschaft besonders deutlich zeigen: die Verwirklichung personenzentrierter Teilhabe unter administrativen und finanziellen Restriktionen, die sozial-ökologische Transformation sozialer Dienstleistungen sowie das Verhältnis etablierter Wohlfahrtsorganisationen zu gemeinwohlorientiertem Unternehmertum.

Die Beiträge betrachten diese Themen aus unterschiedlichen Perspektiven. Empirische Untersuchungen zur Teilhabe am Arbeitsleben und zur regionalen Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes stehen neben konzeptionellen Überlegungen zum Nachhaltigkeitsmanagement, einem gesundheitswissenschaftlichen Forschungs‑ und Praxisprojekt, einem historischen Fallbeispiel sowie begrifflichen, historischen und didaktischen Zugängen zu Social Entrepreneurship. Der Band verfolgt somit keine einheitliche Theorie oder Forschungsfrage. Sein Anspruch besteht vielmehr darin, aktuelle fachliche Diskussionen abzubilden und Impulse für Forschung, Lehre und Leitungspraxis zu geben.

Über die drei Teile hinweg verbindet die Beiträge die Frage, wie sozialwirtschaftliche Strukturen auf gesellschaftlichen Wandel reagieren und dabei ihren Anspruch auf Teilhabe, Nachhaltigkeit und Gemeinwohlorientierung praktisch einlösen können. Zugleich führt die Zusammenstellung vor Augen, dass fachliche, rechtliche und betriebswirtschaftliche Fragen in der Sozialwirtschaft kaum getrennt bearbeitet werden können. Entscheidungen über Organisation und Finanzierung berühren stets auch Rechte, professionelle Standards und die Verteilung gesellschaftlicher Teilhabechancen.

Aufbau und Inhalt

Nach einem knappen Vorwort von Ludger Kolhoff gliedert sich der Band in drei Teile mit insgesamt zwölf Beiträgen. Das Vorwort erläutert den Entstehungszusammenhang: Die Beiträge gehen auf eine Online-Fachtagung im November 2023 sowie zwei hybride Fachtagungen im September und November 2024 zurück. Zugleich skizziert es die einzelnen Kapitel, ohne die drei Themenfelder in einer übergreifenden Problemstellung systematisch miteinander zu verbinden.

Der erste Teil des Buches enthält zwei empirische Beiträge zur Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes. Michael Boecker, Sina-Marie Levenig und Moritz Bock untersuchen Barrieren und Gelingensbedingungen der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsleben. Ausgangspunkt ist die geringe Zahl von Übergängen aus Werkstätten für behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Auf eine Vorstudie mit elf Expert:innen folgt eine standardisierte Befragung, aus der 1.101 Datensätze ausgewertet werden. Als Gelingensbedingungen identifizieren die Autor:innen unter anderem tragfähige Kooperationen zwischen Betrieben, Werkstätten, Rehabilitationsträgern und Bildungseinrichtungen, verlässliche Kommunikation, unterstützende soziale Beziehungen, Wertschätzung im Betrieb, passende Hilfsmittel sowie eine individuelle Begleitung.

Barrieren entstünden demgegenüber durch unflexible Arbeitsbedingungen, schwierige Arbeitswege, fehlende Informationen über Förderinstrumente, Ängste vor Überforderung oder dem Verlust sozialrechtlicher Ansprüche und ablehnende Einstellungen in Betrieben. Besonders deutlich werde, dass das Budget für Arbeit und das Budget für Ausbildung vielen Befragten kaum bekannt sei. Der Beitrag verbindet strukturelle Bedingungen mit den Erfahrungen und Einschätzungen der Betroffenen und zeigt, dass Arbeitsmarktinklusion nicht allein durch neue Rechtsinstrumente erreicht wird.

Ludger Kolhoff richtet den Blick anschließend auf die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes in Südostniedersachsen. Seine Fallstudie verbindet die Sekundäranalyse zweier Projektberichte mit einer qualitativen Primäranalyse. Untersucht werden eine Zusatzqualifikation für Fachkräfte sowie die Perspektiven öffentlicher und freier Träger in Salzgitter und Wolfsburg. Die Ergebnisse verweisen auf wiederkehrende Probleme: hohe Fallzahlen, unklare Zuständigkeiten, unzureichende digitale Infrastruktur, fehlende Qualifizierung, fragmentierte Kommunikation und eine starke administrative Belastung.

Freie Träger übernähmen zusätzliche Dokumentations‑ und Verwaltungsaufgaben, blieben aber teilweise von Teilhabeplanungsprozessen ausgeschlossen. Für Leistungsberechtigte könnten komplizierte Verfahren und nicht barrierefreie Kommunikation zu einer faktischen Überforderung führen. Als erfolgversprechend erschienen Tandemarbeit, sozialraumorientierte Teams, trägerübergreifende Gremien, Peer-Support, standardisierte Abläufe und zielgruppengerechte Information. Die Untersuchung beschreibt die Reform plausibel als nicht linearen Organisations‑ und Kooperationsprozess, in dem der normative Anspruch der Personenzentrierung bislang nur teilweise umgesetzt wird.

Der umfangreichste zweite Teil des Werkes behandelt Nachhaltigkeit in der Sozialwirtschaft. Andreas Tietze eröffnet ihn mit einem breit angelegten Überblick zu ökologischen Aspekten und Nachhaltigkeit. Er führt in Begriffe und die Sustainable Development Goals ein, erörtert Klimagerechtigkeit, Gemeinwohlorientierung und die Verantwortung von Fach‑ und Führungskräften und widmet sich den besonderen Herausforderungen von Sozialimmobilien. Europäische Regulierung, Finanzierungshürden und die Gefahr unbeabsichtigter sozialer Folgen ökologischer Vorgaben werden ebenso angesprochen wie Experimentierklauseln und Reallabore. Nachhaltigkeit erscheint hier als Innovationsaufgabe, deren Bewältigung eine Verbindung von politischer Unterstützung, partizipativen Prozessen, Bildung und technischer Entwicklung erfordert.

Peter Stepanek konkretisiert diese Perspektive für das Management sozialwirtschaftlicher Organisationen. Er versteht Nachhaltigkeitsmanagement als fortlaufenden Prozess, der von der Bestandsaufnahme und Wesentlichkeitsanalyse über Zielbildung, Maßnahmenplanung und Datenerhebung bis zu Berichterstattung und organisationalem Lernen reicht. Der Beitrag berücksichtigt dabei auch die Schwierigkeiten kleinerer und mittlerer Organisationen: knappe personelle Ressourcen, unzureichend digitalisierte Verwaltungsbereiche, fehlende Daten und die Gefahr, Nachhaltigkeit vor allem als Berichtspflicht wahrzunehmen.

Zugleich zeigt er, dass die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit Prozesse, Routinen und Organisationskulturen sichtbar machen und neue Möglichkeiten der Positionierung, Personalgewinnung und Effizienzsteigerung eröffnen kann. In der Prozessdarstellung werden Stakeholderanalyse, Verantwortungszuordnung, Kennzahlenbildung und interne Kommunikation verknüpft. Nachhaltigkeit wird dadurch nicht als einmaliges Projekt, sondern als wiederkehrende Führungs-, Controlling‑ und Lernaufgabe gefasst. Entscheidend ist nach Stepanek ein positives organisationales Verständnis, das über die Erfüllung von Berichtspflichten hinausweist.

Michael Batz untersucht anschließend die Verankerung von Nachhaltigkeit im normativen und strategischen Management. Er kritisiert punktuelle Zusatzaktivitäten, die das Kerngeschäft unberührt ließen, und fordert, Nachhaltigkeit in Vision, Mission, Leitbild und Organisationsstrategie aufzunehmen. Ausführlich erläutert er den SDG‑Compass als Vorgehensmodell: Die Organisation solle die SDGs verstehen, relevante Wirkungen und Handlungsfelder priorisieren, messbare Ziele festlegen, diese in Prozesse und Verantwortungsstrukturen integrieren und über Fortschritte berichten. Der Beitrag übersetzt die allgemeine Nachhaltigkeitsforderung damit in einen nachvollziehbaren strategischen Ablauf.

Bettina Stoll konzentriert sich auf soziale Nachhaltigkeit. Sie unterscheidet eine äußere, eine integrierende und eine innere Dimension. Äußere soziale Nachhaltigkeit bezieht sich auf die gesellschaftlichen Wirkungen sozialwirtschaftlicher Organisationen, innere auf Arbeitsbedingungen, Beteiligung und den Umgang mit Mitarbeitenden. Besondere Aufmerksamkeit legt die Autorin auf erhaltene Führung und Organisationsgestaltung. Dabei greift sie unter anderem auf die von Frederic Laloux beschriebenen evolutionären Organisationen zurück und diskutiert Selbstführung, Ganzheitlichkeit, Transparenz sowie einen evolutionären Organisationszweck als mögliche Bezugspunkte nachhaltiger Organisationsentwicklung. Damit verschiebt Stoll die Perspektive von der gesellschaftlichen Mission sozialer Dienste auf deren eigene Organisationsverhältnisse.

Der Beitrag von Nadja Arndt, Raimund Geene, Elisa Hartung, Maria Ihm, Eric Krase und Frank Lehmann verbindet Klimawandel, Prävention und Gesundheitsförderung. Der Begriff der Klimagesundheitsförderung bezeichnet einen settingbezogenen Ansatz, der gesundheitliche Anpassung an den Klimawandel mit Klimaschutz verbindet. Im Mittelpunkt stehen vulnerable Bevölkerungsgruppen, kommunale Lebenswelten, partizipative Entwicklung, Community Resilience sowie gesundheitliche Zusatznutzen klimaangepasster Stadtplanung. Das Forschungs‑ und Praxisprojekt KliGeS dient als Anwendungsbeispiel, auch digitale Gesundheitsförderung und die Gefahr einer digitalen Ungleichheit werden berücksichtigt.

Ute Kahle schließt den Teil mit der Gartenstadt Hellerau als historischem Vorbild ab. Sie ordnet die Gartenstadtbewegung in die sozialen und ökologischen Probleme der Industrialisierung ein und zeigt, wie Karl Schmidt in Hellerau genossenschaftliches Eigentum, sozialverträgliche Architektur, Grünräume, Arbeit und kulturelle Bildung miteinander verband. Das Beispiel soll verdeutlichen, dass die heute in den Sustainable Development Goals getrennt ausgewiesenen Dimensionen nachhaltiger Entwicklung bereits in historischen Reformprojekten zusammengedacht wurden.

Der dritte Teil des Buches behandelt Social Entrepreneurship. Matthias Raith entwickelt zunächst eine Arbeitsdefinition und grenzt Social Entrepreneurship von kommerziellem Unternehmertum, Corporate Social Responsibility, Sustainable Entrepreneurship und Social Enterprise ab. Entscheidend sei weniger die Rechtsform als die vorrangige Ausrichtung auf soziale Zielgruppen und soziale Wirkung. Zugleich arbeitet er die hybriden Logiken sozialer Unternehmen heraus und warnt vor einer zu engen Mission, wenn soziale, ökologische und ökonomische Folgen nicht gemeinsam berücksichtigt werden. Wirkungsmessung und ein präziser Kriterienkatalog werden deshalb zu zentralen Voraussetzungen glaubwürdigen sozialen Unternehmertums.

Philipp Kenel rekonstruiert die Entwicklung des Social Entrepreneurship in Deutschland und sein wechselhaftes Verhältnis zur etablierten Sozialwirtschaft. Die frühere Konfrontation zwischen einer innovationsorientierten Gründungsszene und wohlfahrtsstaatlich eingebundenen Organisationen sei einer differenzierteren Wahrnehmung gewichen. Social Entrepreneurship könne als ökonomisch aktive Zivilgesellschaft das Engagementrepertoire erweitern, ohne deshalb die Institutionen der Sozialwirtschaft zu ersetzen.

Ludger Kolhoff, Felicitas Kresimon und Justus Sprengel stellen danach das Erasmus+-Projekt DigiLance4SE vor. Es entwickelte ein Innovationsbuch, modularisierte Lehr‑ und Lernangebote sowie eine digitale Plattform für angehende Sozialunternehmer:innen und Mentor:innen. Die Materialien sollen selbstgesteuertes Lernen, internationale Vernetzung und die Entwicklung von Geschäftsmodellen unterstützen. Die Module reichen von der Entwicklung einer sozialen Geschäftsidee über rechtliche und finanzielle Grundlagen bis zur Ausarbeitung eines Businessplans. Unterschiedliche Lernpfade, digitale Tests, Feedbackmöglichkeiten und Materialien für Mentor:innen sollen verschiedene Vorkenntnisse und regionale Bedarfe berücksichtigen. Internationale Mobilitäten ergänzen das Online-Angebot um Begegnungen mit Praxisprojekten.

Den Abschluss des Sammelbandes bildet ein Text von Wolf Rainer Wendt. Er ordnet soziales Unternehmertum in die pluralen Arrangements sozialer Daseinsvorsorge ein und lenkt den Blick von einzelnen Gründungen auf lokale und regionale Versorgungssysteme. Sozialunternehmerische Innovationen können wichtige Anstöße geben, bewirken für sich genommen jedoch keinen Systemwandel. Entscheidend ist ihr Beitrag zu einem langfristigen, politisch und zivilgesellschaftlich ausgehandelten Umbau sozialer Infrastruktur. Damit setzt der Beitrag einen skeptischen und zugleich anschlussfähigen Schlusspunkt.

Diskussion

Bei der Bewertung des Buches fallen aus Sicht des Rezensenten folgende positive Aspekte auf:

Hohe Relevanz der Themensetzung: Eine Stärke des Bandes liegt darin, dass der Herausgeber gesellschaftlich und organisationspolitisch relevante Themen ausgewählt hat, die in Sozialwirtschaft und ‑politik diskutiert werden. Bundesteilhabegesetz, Nachhaltigkeit und Social Entrepreneurship berühren unterschiedliche Handlungsfelder, betreffen aber jeweils das Verhältnis von normativem Anspruch und institutioneller Umsetzung. In allen drei Teilen zeigt sich, dass rechtliche Programme, Leitbilder oder innovative Geschäftsmodelle allein keine Veränderung garantieren. Sie müssen in Zuständigkeiten, Finanzierung, Personalentwicklung, Kooperationsformen und alltägliche Routinen übersetzt werden. Diese wiederkehrende Einsicht verleiht dem Band mehr Zusammenhang, als seine Tagungsstruktur zunächst erwarten lässt.

Didaktisch lässt sich gerade die Verschiedenheit der Beiträge sinnvoll nutzen: Die beiden BTHG-Studien eignen sich für die Diskussion empirischer Designs und von Implementationsproblemen. Die Nachhaltigkeitskapitel ermöglichen den Vergleich normativer, strategischer und operativer Ebenen; der SDG Compass kann unmittelbar auf Fallorganisationen angewandt werden. Im dritten Teil lassen sich Definitionen, Geschäftsmodelle und wohlfahrtsstaatliche Einbettung kontrastieren. Für ein durchgängiges Selbststudium wären dagegen Lernziele, Zusammenfassungen oder kapitelübergreifende Leitfragen hilfreich gewesen. Der Band stellt kurzum ein reichhaltiges Material bereit.

Die Betonung des Stellenwerts von Beteiligung: Die Tatsache, dass Beteiligung der Betroffenen zentral ist, um Veränderung erfolgreich zu gestalten und Sozialpolitik praktisch zu gestalten, wird in mehreren der Texte im Buch angesprochen. Im ersten Teil geht es um die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen und ihre Mitwirkung an Teilhabeplanung und Arbeitsgestaltung. Im Nachhaltigkeitsteil erscheinen Stakeholderdialog, lebensweltliche Partizipation und Community Resilience als Bedingungen tragfähiger Transformation. Beim Social Entrepreneurship entscheidet die Einbindung unterschiedlicher Anspruchsgruppen darüber, ob ein Geschäftsmodell soziale Wirkung erzeugt. Diese Parallele bietet aber einen produktiven Interpretationsrahmen: Sozialwirtschaftliche Innovation gewinnt ihre Legitimität nicht allein durch eine gute Absicht, sondern durch die überprüfbare Beteiligung derjenigen, deren Lebens‑ und Arbeitsbedingungen verändert werden.

Besonders überzeugend ist der erste Teil: Die Untersuchung von Boecker, Levenig und Bock gibt Menschen mit Behinderungen Raum und reduziert die Schwierigkeiten des Übergangs auf den allgemeinen Arbeitsmarkt nicht auf individuelle Leistungsfähigkeit. Die Verbindung der qualitativen Vorstudie mit einer Befragung von 1.101 Personen schafft eine breite empirische Grundlage. Inhaltlich bedeutsam ist die Verschränkung von materiellen, organisationalen und subjektiven Faktoren. Fehlende Hilfsmittel, starre Arbeitszeiten und komplizierte Wege stehen neben Versagensängsten, unsicherem Wissen über Ansprüche und der Sorge, einen geschützten Kontext zu verlieren. Daraus folgt eine differenzierte, für Praxis und Lehre gut nutzbare Darstellung.

Die Aussagekraft der standardisierten Erhebung hätte allerdings noch genauer eingeordnet werden können. Die Gewinnung der Teilnehmenden über Behindertenbeauftragte, Wohlfahrtsverbände, Selbstvertretungen und weitere Multiplikator:innen ermöglicht Reichweite, begründet aber keine repräsentative Stichprobe. Selbstselektion, unterschiedliche Behinderungsformen, Wohn‑ und Beschäftigungssituationen sowie die Zugänglichkeit des Fragebogens können den Rücklauf beeinflussen. Der Beitrag berichtet viele deskriptive Befunde, diskutiert solche Begrenzungen jedoch nicht in derselben Ausführlichkeit. Für die explorative Identifikation von Barrieren und Gelingensbedingungen bleibt die Studie wertvoll; Verallgemeinerungen auf alle Menschen mit Behinderungen sollten dennoch vorsichtig vorgenommen werden.

Auch Kolhoffs regionale Implementationsstudie ist gewinnbringend. Ihr besonderer Ertrag liegt in der Analyse von Schnittstellenproblemen. Die häufig beschworene Leistungserbringung aus einer Hand trifft in der Praxis auf getrennte Zuständigkeiten, unterschiedliche professionelle Logiken und ungleiche Beteiligungsmöglichkeiten. Der Beitrag macht nachvollziehbar, weshalb zusätzliche Formulare oder Schulungen allein nicht ausreichen. Erforderlich sind belastbare Kooperationsbeziehungen, verbindliche Verfahren, geeignete digitale Systeme und Zeit für personenzentrierte Beratung. Die Prozessevaluation der Zusatzqualifikation zeigt zudem, dass Fortbildung in die OE eingebettet sein muss, wenn neues Wissen tatsächlich das Verwaltungshandeln verändern soll.

Die Grenzen der Fallstudie ergeben sich aus ihrer regionalen und zeitlichen Bindung. Salzgitter und Wolfsburg weisen besondere Verwaltungs‑ und Trägerstrukturen auf; Teile der Erhebung fanden zudem unter pandemiebedingten Einschränkungen statt. Ergebnisse aus dieser Phase lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Bundesländer oder den Umsetzungsstand im Jahr 2026 übertragen. Eine explizitere Trennung zwischen regionalem Befund, plausibler Hypothese und bundesweit relevanter Schlussfolgerung hätte die analytische Präzision erhöht. Dennoch ergänzen sich die ersten beiden Beiträge gut: Der eine zeigt die Wahrnehmungen und Lebenslagen der Betroffenen, der andere die organisationalen Bedingungen der Leistungserbringung.

Hohe Eignung für die hochschulische Lehre: Besonders der Nachhaltigkeitsteil ist aus Sicht des Rezensenten für Lehrveranstaltungen zum Sozialmanagement nützlich. Positiv ist hier, dass Nachhaltigkeit nicht auf Energieverbrauch oder Klimaneutralität verkürzt wird. Tietze, Batz und Stoll beziehen ökonomische Tragfähigkeit, soziale Gerechtigkeit, Arbeitsbedingungen und organisationale Legitimität ein. Der Beitrag von Arndt und den Mitautor:innen zeigt am Feld der Klimagesundheitsförderung besonders anschaulich, dass ökologische und soziale Fragen miteinander verbunden sind: Hitze, Umweltbelastungen und fehlende Grünflächen treffen sozial benachteiligte und gesundheitlich vulnerable Gruppen überproportional. Damit erhält die abstrakte Forderung nach Klimagerechtigkeit eine konkrete lebensweltliche Bedeutung.

Der Band macht einen zentralen Zielkonflikt sichtbar: Einrichtungen sollen Gebäude energetisch sanieren, Daten für Berichte erheben und klimafreundliche Leistungen entwickeln, verfügen jedoch häufig weder über freie Investitionsmittel noch über eine Vergütungslogik, die entsprechende Mehrkosten zuverlässig anerkennt. Nachhaltigkeitsanforderungen können deshalb soziale Angebote belasten, wenn ihre Finanzierung nicht mitgedacht wird. Tietzes Überlegungen zu Sozialimmobilien, Experimentierklauseln und Reallaboren greifen dieses Problem auf. Sie zeigen, dass die Transformation nicht ausschließlich einzelnen Organisationen zugerechnet werden darf, sondern Anpassungen in Leistungsvereinbarungen, Förderpolitik und sozialrechtlichen Rahmenbedingungen benötigt.

Für die Managementpraxis sind gerade die Beiträge von Stepanek und Batz hilfreich: Beide behandeln Nachhaltigkeit als Steuerungsaufgabe und benennen die dafür notwendigen Schritte, Daten und Verantwortlichkeiten. Stepanek berücksichtigt die begrenzten Ressourcen sozialwirtschaftlicher Organisationen und vermeidet damit die Vorstellung, Berichtsstandards ließen sich ohne zusätzliche Kompetenzen und Systeme einführen. Batz zeigt überzeugend, weshalb isolierte Aktionen keine Organisationsstrategie ersetzen. Der SDG Compass bietet einen verständlichen Ordnungsrahmen, der sich in Seminaren, Strategieprozessen und Organisationsanalysen einsetzen lässt.

Überzeugende begriffliche Klärung im dritten Teil: Raith zeigt, dass Social Entrepreneurship nicht über Gemeinnützigkeit, Gewinnverzicht oder eine bestimmte Rechtsform definiert werden kann. Seine Unterscheidung nach primärer Zielgruppe und angestrebter Wirkung ist verständlich, ohne hybride Geschäftsmodelle auszublenden. Besonders wichtig ist der Hinweis, dass eine eng formulierte soziale Mission negative ökologische oder ökonomische Folgen verdecken kann. Damit verbindet der Beitrag Social Entrepreneurship sinnvoll mit dem Nachhaltigkeitsteil. Wirkungsmessung erscheint nicht nur als Nachweis gegenüber Fördernden, sondern als Voraussetzung dafür, Zielkonflikte und unbeabsichtigte Folgen zu erkennen.

Kenels Überblick ergänzt diese systematische Perspektive: Überzeugend ist seine Abkehr von einer einfachen Gegenüberstellung zwischen innovativen Sozialunternehmen und einer vermeintlich unbeweglichen Wohlfahrtspflege. Die etablierte Sozialwirtschaft verfügt über professionelle Kompetenzen, Infrastrukturen und öffentlich legitimierte Versorgungsaufträge; Social Entrepreneurship kann andere Finanzierungswege, experimentelle Formate und zusätzliche Akteurskonstellationen erschließen. Kooperation ist daher plausibler als die Erzählung einer Ablösung. Der Beitrag hätte allerdings stärker herausarbeiten können, unter welchen institutionellen Bedingungen Kooperation gelingt und wann Konkurrenz um Fördermittel, Personal oder öffentliche Aufmerksamkeit problematisch wird.

Wendts Schlussbeitrag ist lesenswert: Er ordnet die einzelne sozialunternehmerische Initiative in das Gefüge öffentlicher Daseinsvorsorge, zivilgesellschaftlicher Sorge, professioneller Dienste und privater Haushalte ein. Diese Perspektive schützt vor einer Überbewertung von Start-ups und Innovationsrhetorik. Soziale Versorgung entsteht nicht aus der Addition attraktiver Geschäftsmodelle, sondern durch politische Steuerung, verlässliche Finanzierung, rechtliche Ansprüche und lokale Aushandlung. Gleichzeitig schließt Wendt sozialunternehmerische Akteur:innen nicht aus, sondern beurteilt sie nach ihrem Beitrag zur Infrastruktur und zum Gemeinwohl. Damit formuliert er einen tragfähigen Maßstab für das Verhältnis von Sozialwirtschaft und Social Entrepreneurship.

Der Band verdeutlicht insgesamt, dass glaubwürdiges Nachhaltigkeitsmanagement sowohl eine normative Selbstverständigung als auch messbare Ziele und operative Umsetzung benötigt. Neben diesen Stärken weist Kolhoffs Sammelband aus Sicht des Rezensenten jedoch auch einige Schwächen auf:

Sprachliche Uneinheitlichkeit: Als Sammelband aus Tagungsbeiträgen weist das Buch erwartbare Unterschiede in Stil, Umfang und wissenschaftlicher Anlage auf. Empirische Forschungsberichte stehen neben Überblicksdarstellungen, konzeptionellen Essays, Projektbeschreibungen und einer historischen Fallskizze. Diese Vielfalt erweitert zwar das Einsatzspektrum, sie erschwert aber einen einheitlichen Qualitätsmaßstab. Manche Kapitel sind methodisch transparent und differenziert belegt, andere arbeiten stärker programmatisch. Auch die Literaturverzeichnisse und formale Gestaltung wirken nicht vollständig vereinheitlicht. Unterschiedliche Genderformen, vereinzelte sprachliche Unebenheiten und redaktionelle Inkonsistenzen fallen auf. Ein Sachregister fehlt, obwohl es die Nutzung des Bandes als Nachschlagewerk erleichtert hätte. Außerdem sind nicht alle Beiträge gleich gut lesbar, da sich in manchen umständliche Formulierungen und Schachtelsätze finden.

Relativ hohe Redundanz: Mehrere Beiträge erläutern erneut den Nachhaltigkeitsbegriff, die drei Dimensionen und die Sustainable Development Goals. Für Leser:innen einzelner Kapitel ist das hilfreich, im fortlaufend gelesenen Band entstehen aber Redundanzen. Eine stärker koordinierende Einleitung zum zweiten Teil hätte gemeinsame Grundlagen bündeln und die spezifischen Fragestellungen der Kapitel deutlicher markieren können. Auch fehlt ein abschließender Synthesebeitrag, der die unterschiedlichen Vorschläge miteinander vergleicht: etwa Nachhaltigkeitsberichterstattung, SDG Compass, Reallabore, soziale Nachhaltigkeit, Klimagesundheitsförderung und historische Reformmodelle. So bleibt es weitgehend den Leser:innen überlassen, aus den Ansätzen ein konsistentes Verständnis sozialwirtschaftlicher Transformation zu entwickeln.

Die Aktualität des Bandes könnte schnell passe sein: Hinzu kommt, dass sich regulatorische Bedingungen und Berichtspflichten rasch verändern. Aussagen zu europäischen Vorgaben, Förderprogrammen oder nationalen Strategien besitzen deshalb eine kürzere Halbwertszeit als die konzeptionellen Kapitelbestandteile. Der Band ist 2026 erschienen, verarbeitet aber Tagungen aus den Jahren 2023 und 2024 und teilweise ältere Erhebungen. Für eine längerfristige Nutzung wäre es hilfreich gewesen, stärker zwischen stabilen Managementprinzipien und zeitgebundenen Regelungsständen zu unterscheiden. Dieser Einwand mindert den dokumentarischen Wert nicht, begrenzt aber die Eignung einzelner Passagen als aktuelle Handlungsanleitung.

Unterschiedliche analytische Distanz: Stolls Differenzierung sozialer Nachhaltigkeit in äußere, integrierende und innere Dimensionen ist produktiv, weil sie Wirkung nach außen und Arbeitsbedingungen im Inneren zusammenführt. Der ausführliche Rückgriff auf Laloux’ evolutionäres Organisationsmodell übernimmt dessen Begriffe und Entwicklungsannahmen jedoch relativ weitgehend. Hier wären eine stärkere Auseinandersetzung mit Macht, informeller Hierarchie, Mitbestimmung und den Grenzen selbstorganisierter Modelle sowie ein Vergleich mit etablierter Organisationsforschung wünschenswert gewesen. Gerade sozialwirtschaftliche Organisationen bewegen sich in rechtlich regulierten, professionell differenzierten und finanziell abhängigen Kontexten, die sich nicht allein über Vertrauen, Ganzheitlichkeit und evolutionären Sinn gestalten lassen.

Das Kapitel zur Gartenstadt ist interessant, aber eher unkritisch: Kahle zeigt anschaulich, dass die Verbindung von Wohnen, Arbeit, Grünraum, Bildung und Gemeinschaft keine Erfindung der Agenda 2030 ist. Der historische Vergleich besitzt einen hohen didaktischen Reiz. Hellerau bleibt allerdings in erster Linie ein illustratives Vorbild. Aus der Ähnlichkeit einzelner Leitideen folgt noch nicht, dass das Modell unter heutigen Eigentums-, Finanzierungs‑ und Beteiligungsbedingungen übertragbar wäre. Eine kritischere Betrachtung der historischen sozialen Selektivität und der Grenzen reformerischer Siedlungsprojekte hätte das Kapitel abgerundet.

Potenzial im Kapitel zu DigiLance4SE ist noch kein Erfolg: Innovationsbuch, Lernmodule und digitale Plattform bilden ein nachvollziehbares Lernarrangement, das auch internationale und zielgruppenspezifische Anpassungen zulässt. Der Beitrag beschreibt jedoch überwiegend Projektziele, Produkte und erwartete Vorteile. Aussagen über langfristig tragfähige Gründungen, Beschäftigungseffekte oder soziale Wirkungen werden nicht durch eine systematische Evaluation belegt. Eine Darstellung von Teilnehmer:innenzahlen, Lernzuwächsen, Nutzungsdaten, Abbrüchen oder Ergebnissen der Pilotierung hätte geholfen, den tatsächlichen Projekterfolg von seinem Potenzial zu unterscheiden. Die stellenweise stark affirmative Sprache verstärkt diesen Eindruck.

Insgesamt kann festgehalten werden: Der Buchtitel „Aktuelle Diskurse“ beschreibt den Charakter des Werkes treffend. Der Band bietet keine geschlossene Theorie der gegenwärtigen Sozialwirtschaft und auch kein Lehrbuch mit systematisch aufeinander aufbauenden Kapiteln. Er dokumentiert ausgewählte Debatten und macht ihren jeweiligen Arbeitsstand sichtbar. Für Forschende liefern insbesondere die empirischen Kapitel Anknüpfungspunkte und offene Fragen. Lehrende finden zahlreiche Fallbeispiele, Begriffsunterscheidungen und Modelle, die sich für Seminare zu Teilhabemanagement, Nachhaltigkeitsmanagement und Social Entrepreneurship eignen. Fach‑ und Führungskräfte erhalten konkrete Hinweise zu Kooperation, Qualifizierung, Strategieentwicklung, Datenerhebung und organisationaler Verankerung. Wer eine integrierte Gesamtdarstellung sucht, muss die Verbindungen zwischen den Teilen selbst herstellen. Wer den Band als multiperspektivische Diskursdokumentation liest, erhält einen informativen Einblick in zentrale Spannungsfelder sozialwirtschaftlicher Entwicklung.

Fazit

Der Band verbindet relevante empirische Befunde mit praxisnahen Managementansätzen und differenzierten Beiträgen zu Social Entrepreneurship. Seine thematische Breite ist anregend, führt aber zu Redundanzen und begrenzter Kohärenz. Für Forschung, Masterlehre sowie Fach‑ und Führungskräfte der Sozialwirtschaft ist er vor allem als fundierte Diskurs‑ und Materialsammlung empfehlenswert.

Rezension von
Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Sozial- und Organisationspädagoge M. A., Case Management-Ausbilder (DGCC), Systemischer Berater (DGSF), zertifizierter Mediator, lehrt Soziale Arbeit an der IU Internationale Hochschule in Braunschweig.
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ISSN 2190-9245