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Claudia Kemfert: Kurzschluss

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 04.09.2026

Cover Claudia Kemfert: Kurzschluss ISBN 978-3-593-52185-5

Claudia Kemfert: Kurzschluss. Wie wir unsere Energiezukunft verspielen. Campus Verlag (Frankfurt) 2026. 264 Seiten. ISBN 978-3-593-52185-5. D: 26,00 EUR, A: 26,90 EUR.

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Kurzschluss ist Denk‑ und Handlungsverweigerung

„Wo gehen wir hin?“. Diese Frage ist immer auch verbunden mit der „Wo kommen wir her?“ und „Wer sind wir?“. Denn der Mensch als evolutionäres Lebewesen ist immer auf den Weg. Er verändert sich. Die Entwicklung vollzieht sich mit dem Bewusstsein, entweder gut, sozial und solidarisch zu sein, oder egoistisch und ausbeuterisch zu leben.

Entstehungshintergrund und Autorin

Euzôia, das gute Leben und Sein, ist nicht auf das Notwendige beschränkt, sondern umfasst das Ganze des menschlichen Daseins und ist Glück (Aristoteles-Lexikon). Danach zu streben, ist Aufforderung, Herausforderung und Ziel. Der Mensch als zôon politikon ist aufgefordert, sein Denken und Tun auf die Waagschale der Conditio Humana zu legen und deren Folgen im Blick zu haben. Die Wissenschaftlerin Claudia Kempfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) setzt sich mit Kurzschluss‑ und To-Do-Handlungen auseinander und fragt nach deren individuellen und kollektiven Folgen. Anhand von drei ausgewählten Beispielen – der Ölkrise der 1970er Jahre, dem Dieselskandal 1995 und den LNG-Terminals 2022 – verdeutlicht sie die lokalen und globalen Entwicklungen, die sie „Fossilokratie“ bezeichnet: „Fossile Energien sind nicht nur Rohstoffe, sondern Grundlage wirtschaftlicher und geopolitischer Macht.“ Es sind die einfachen, kurzschlüssigen Antworten, die komplexe Lösungen verhindern und zu neuen Abhängigkeiten, neuen Kosten und neuen Krisen führen.

Aufbau und Inhalt

In insgesamt dreizehn Kapiteln thematisiert die Autorin das traditionelle energetische Bewusstsein und fordert einen Paradigmenwechsel: Da ist die Frage danach, wie es gelingen kann, die Automobilität zu modernisieren – hin zur E-Mobilität und Verkehrswende. Sie kritisiert, dass die deutsche Autoindustrie und die Energiepolitik systematisch falsche Weichenstellungen vorgenommen haben: „Anstatt klare Signale über die Elektromobilität zu setzen, wurde jahrelang über ‚Technologieoffenheit‘ diskutiert.“ Es sind die konkreten Unterschiede zwischen dem städtischen und dem ländlichen Straßen‑ und Schienenverkehr, die neue Antworten erfordern: „On-Demand-Verkehr“, „ÖVNP-Reform“. Eines sollte klar sein: „Die Zukunft gehört nicht dem Auto … (sondern) einem integrierten Verkehrssystem, das Menschen Wahlfreiheit gibt und gleichzeitig Klima schützt.“ Mit der Behauptung „Klimaschutz schafft soziale Gerechtigkeit“ betritt die Autorin ein politisch umkämpftes Feld. Sie plädiert für „Klimageld“, denn „wer wenig verbraucht, wird entlastet. Wer viel verbraucht, zahlt mehr.“ Der Kurzschlussgedanke „Technologieoffenheit“ muss ersetzt werden durch „Technologieklarheit“.

Mit dem Erlöserwort „Digitalisierung“ wirbt sie für eine dezentrale Energiewende, bei der es um eine intelligente Vernetzung kleiner Einheiten zu großen Systemen geht. Wind, Sonne, Speicher, Netze, nicht E‑Fuels. Der Streit um das Gebäudeenergiegesetz (GEG), Habecks „Heizungshammer“, der festlegen wollte, dass jede Heizung, die ab 2024 neu errichtet wird, zu 65 Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben werden sollte, entwickelte sich zu einem Kampfbegriff, bei dem (vorläufig) überwiegend die Gasindustrie gewann. Die Illusion – „Der Markt wird’s schon richten!“ – muss durch eine fundierte Wärmeplanung, als „Fernwärme“ ersetzt werden. Es ist das Dilemma, dass bei den Fragen nach den Energiekosten meist überwiegend das Bestandsschutz‑ und weniger das Werterhalt-Argument im Vordergrund steht: „Energetische Sanierungen amortisieren sich meist innerhalb von 10 bis 20 Jahren, während ihre Lebensdauer oft deutlich darüber liegt“. „Deutschland ist zur Subventionsrepublik geworden.“ Mehr als 60 Milliarden Euro werden jährlich für die Verbilligung fossiler Energie und klimaschädliches Verhalten ausgegeben. Die Lösung: Sofortiger Abbau der größten Subventionen.

Und so geht es weiter: „Ohne Atomstrom gehen in Deutschland die Lichter aus!“. Hier kommt die Resilienzforschung ins Spiel: Robuste Systeme müssen dezentral, redundant und adaptiv sein. Wir landen bei der „Speichertechnologie“, der Frage und dem Missverständnis, dass die Energiespeicherung ein Kurzschluss wäre: „Die Energie, die aus Wind und Sonne im Sommer reicht, reicht nicht aus. Sie kann nicht gespeichert werden.“ Wärme-, Kälte‑ und Wasserstoff-Speicher: „Energiespeicher schaffen dezentrale Wertschöpfung und demokratisieren die Energieversorgung.“ Es ist das Missverständnis, Klimaschutz und wirtschaftlicher Erfolg schlössen sich aus; „Green Deal“ sei eine Illusion und Ideologie. Der „Verbrauchs‑ und Konsumwirtschaft“ muss die „Kreislaufwirtschaft“ entgegengesetzt werden: „Von der Wiege zur Wiege statt von der Wiege zum Grab“. Es gilt, die Frage zu beantworten: Sollen die Dinge, die uns umgeben, die wir nutzen und (ver)brauchen für eine fossile Vergangenheit, oder für eine saubere Zukunft sein?“ Seit Putin Energie als Waffe und nicht als Lebensmittel einsetzt, zeigt sich, dass (scheinbar) billig erworbene Energien teuer erkauft werden. Die Energiewende gestaltet sich zur Friedenswende: „Länder mit hohen Anteilen erneuerbarer Energien sind friedlicher, demokratischer und stabiler.“ Die Warnungen sind nicht zu überhören; und die Ängste, Verzweiflungen und Ohnmächte auch nicht. Aber zwischen Kipp‑ und Wendepunkt steht die Hoffnung; denn „nicht alles Wachstum ist schlecht, nicht jede Schrumpfung ist gut… Fossile Brennstoffe müssen schrumpfen, Verschwendung muss schrumpfen, Überkonsum muss schrumpfen“. Beispiele dafür liefern das „Bruttonationalglück“ aus dem Himalayaland Bhutan, der Genuine Progress Indicator und der Happy Planet Index. Schließlich die nicht mehr auszuweichende Mahnung, dass die Menschheit aufgefordert ist, umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, also neue Lebensformen zu finden“ (Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995). Denn das ist möglich! „Energiewende kann eine Win-win-Situation schaffen“, individuell und gemeinsam.

Diskussion

Der ökonomische Fußabdruck ist ohne den ökonomischen Zeigefinger nicht möglich. Besonders in den Zeiten, in denen Ego‑ und Ethnozentristen, Rassisten und Populisten auftreten, ihr „Heil“ verkünden und mit einfachen Antworten Kurzschlüsse erteilen, kommt es darauf an, für ein Wir-Bewusstsein zu plädieren und Bürgerbeteiligung als alltägliches, gesellschaftliches, demokratisches Wirken einzufordern. So bleibt: „Es kommt auf Sie ganz persönlich an. Sie machen den Anfang. Sie entscheiden selbst, ob und was Sie tun, was Sie lesen, was Sie hinterfragen, was Sie glauben, was Sie weitergeben“.

Fazit

Dem Kurzschluss entgehen! Zu den einzelnen Kapiteln des unterhaltsamen Denk‑ und Handlungsbuches werden Literaturhinweise angeboten, als Weiterdenkmale!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1768 Rezensionen von Jos Schnurer.

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ISSN 2190-9245