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Albrecht Brühl, Wolfgang Deichsel u.a.: Strafrecht und soziale Praxis

Cover Albrecht Brühl, Wolfgang Deichsel, Gerhard Nothacker: Strafrecht und soziale Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2005. 404 Seiten. ISBN 978-3-17-018540-1. 37,00 EUR.
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Thema

Strafrechtskenntnisse und ein reflektiertes Strafrechtsverständnis sind für die Fachkräfte der Sozialen Arbeit aus verschiedenen Gründen unverzichtbar: Weil sie professionell in Grenzbereichen tätig sind oder in Grenzbereiche hineingeraten und / oder weil ihr Klientel mit der Strafjustiz zu tun hat - oder zu tun bekommt - und weil sie gerade in Grenzsituationen dem Vertrauen gewachsen sein müssen, das von verschiedenen Seiten in sie gesetzt wird. Ihr Strafrechtsverständnis ist dabei allerdings anders gefragt als bei Strafjuristen, denn ihre Arbeitsperspektive ist eine andere. Sie wenden nicht Strafrecht an, sondern arbeiten mit Menschen, die zusätzlich zu ihren sonstigen Problemen von Maßnahmen der Strafrechtspflege betroffen sind, meist als (Straf-)Täter, aber auch als Opfer - oder auch als deren Angehörige. Viele Fachkräfte arbeiten dazu extra justizfern in freien Wohlfahrtsträgern oder bürgerschaftlichen Organisationsformen ( z.B. der Jugend- oder Erwachsenenstraffälligenhilfe oder einer Opferhilfe), andere sind mit sozialen Handlungsaufträgen im öffentlichen Dienst tätig etwa in der Bewährungshilfe oder im Sozialdienst einer Justizvollzugsanstalt. Da oder dort: Humanes Strafrechtsverständnis ist für sie Hintergrundwissen und professionelles Handlungswissen zugleich. Sich dieses Instrumentarium zu erarbeiten, ist allerdings keine leichte Aufgabe, denn die Materie ist und bleibt juristisch kompliziert und soll doch für Nichtjuristen mit sozialen Handlungsaufträgen überschaubar werden. Um diese etwas paradoxen Anforderungen zu bewältigen, mangelt es vielfach an passgenauer Fachliteratur. Jetzt kommt die gute Nachricht: Das vorliegende Lehr-, Lern- und Arbeitsbuch für Ausbildung und Praxis der Sozialen Arbeit bringt die wichtigen Strafrechtsthemen für die professionellen Perspektiven der Sozialen Arbeit gut dosiert, kompakt und zugleich verständlich geschrieben in zwei Teilen auf den Punkt.

Inhalt

Im ersten Teil finden sich folgende Beiträge:

  • In die Grundlagen des Strafrechts führt Albrecht Brühl als Hochschullehrer und mit seiner Berufserfahrung als Strafrichter ein, d.h. in die Grundmerkmale der Straftat, in Rechtfertigungsgründe und Schuldfragen sowie die verschiedenen Straftatfolgen.
  • Nach 60 Seiten beschreibt Wolfgang Deichsel als ehemaliger Strafverteidiger und heutiger Hochschullehrer einen informativen Durchgang durch die wichtigsten Stationen und Grundsätze des Strafprozesses.
  • Gerhard Nothacker, ebenfalls ein erfahrener Praktiker und Hochschullehrer (promovierter Jurist wie seine beiden Koautoren), präsentiert von Seite 105 bis 160 ein integriertes Handbuch des Strafvollzugs einschließlich Strafregister, Begnadigung und Entschädigung.
  • Vor seinem Praxishintergrund als ehemaliger Jugendamtsleiter verfasst Nothacker anschließend einen kompletten Durchgang durch das Jugendstrafrecht: Die speziellen Sanktionsformen für junge Straftäter sowie die Besonderheiten des Jugendstrafverfahrens und -vollzuges. Das alles bildet den 1. Teil des Fachbuches.

Den 2. Teil des Werkes nennen die Autoren "Soziale Praxis". Hier thematisieren und reflektieren sie sozialarbeiterische Praxisfragen im Umfeld der Justiz: Sie besprechen generelle Fragen wie berufliche Schweigepflichten oder Rollenkonflikte zwischen Hilfe und Kontrolle, dann einzelne Berufsfelder wie Gerichtshilfe, (Jugend-) Bewährungshilfe, Entlassenenhilfe oder Straßensozialarbeit sowie auch Anforderungen und professionelles Vorgehen bei besonderen Zielgruppen wie Drogenabhängigen oder Opfern von Straftaten. So enthält der 2. Teil vielfältige wiederkehrende oder auch aktuelle Herausforderungen, die eine Fachkraft der Sozialen Arbeit kennen sollte, weil sie mit ihnen in der Praxis - und daher möglichst auch schon im Studium - in Berührung kommt. Viele dieser Themen erschließen sich zudem nicht alleine durch Informationen,  sondern sollten, weil sie oft fachlich oder gesellschaftspolitisch umstritten sind, auch kritisch reflektiert werden. Beides leisten oder ermöglichen die Autoren mit übersichtlich gegliederten Textteilen (mit Randnummern und gut ausgewählten Literaturhinweisen), mit Zitaten, mit Fallbeispielen, Schaubildern und auch Handlungsabläufen einerseits und mit der Wiedergabe von innerfachlich diskutierten Pro- und Contra-Argumenten.

Fazit

Das kombinierte Strafrechtsbuch für die Fachausbildung und -praxis der Sozialen Arbeit ist damit eine rundum gelungene Darstellung des Stoffes mehrerer Seminare, Module oder Praxisjahre auf dem aktuellen Stand der Fachdiskussion. Es sortiert das funktionelle Spannungsverhältnis von Justiz und Sozialer Arbeit gezielt auf Basis von ausgewiesener Praxiserfahrung in diesem Feld wie von Lehrerfahrung darüber. Die ausgewertete Literatur ist ein gelungener Mix des aktuellen "Who is who" des kombinierten Faches von Praktikern, Pragmatikern, Theoretikern, Dogmatikern, Mahnern, Kritikern und Reformern. Dass ein wenig mehr (jugend-)kriminologische Analyse dem Ansatz des Buches noch mehr genützt hätte, ist ein Tipp für die nächste Auflage, aber kein Abstrich an dem, was es bietet. Siehe oben.


Rezensent
Prof. Dr. iur. Walter H. Kiehl
Ehemaliger Rechtsanwalt, lehrt u.a. Strafrecht, Jugendkriminologie und Jugendstrafrecht am Fachbereich „Soziale Arbeit und Gesundheit“ der Frankfurt University of Applied Sciences Main,
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Zitiervorschlag
Walter H. Kiehl. Rezension vom 17.10.2006 zu: Albrecht Brühl, Wolfgang Deichsel, Gerhard Nothacker: Strafrecht und soziale Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2005. ISBN 978-3-17-018540-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3496.php, Datum des Zugriffs 18.06.2019.


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