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Franz Josef Wetz: Illusion Menschenwürde. Aufstieg und Fall eines Grundwerts

Cover Franz Josef Wetz: Illusion Menschenwürde. Aufstieg und Fall eines Grundwerts. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2005. 396 Seiten. ISBN 978-3-608-94122-7. 22,00 EUR, CH: 39,60 sFr.
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"Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren",

dieses Postulat der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte", die von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 als von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal proklamiert wurde, basiert auf der Überzeugung "der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte...". Die Basis für ein Verständnis und letztlich damit auch einer Übereinkunft der Prämisse "Menschenwürde", ist die Unteilbarkeit der in der UN-Resolution 217 A (III) festgelegten Menschenrechte. Der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Butros Butros Ghali, hat dies in der UNO-Weltkonferenz über Menschenrechte, 1993 in Wien, als leidenschaftlichen Appell formuliert: "Menschenrechte (sind) nicht der kleinste gemeinsame Nenner aller Nationen, sondern im Gegenteil das, was ich als das `nicht reduzierbare Menschliche` nennen würde, das heißt die Quintessenz der Werte, durch die wir gemeinsam bekräftigen, dass wir eine einzige menschliche Gemeinschaft sind". Schauen wir in die Welt und darauf, wie legitimierte und selbsternannte Regierungen und Machtgruppen mit den Werten umgehen, die 1998, aus Anlass der 50. Wiederkehr der Etablierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, erneut als "unantastbar" und als "condition humaine" bestätigt wurden, dann kommen Zweifel, ob die dort formulierten Grundlagen des friedlichen und gerechten menschlichen Zusammenlebens mehr wert sind als das Papier, auf dem sie gedruckt stehen.

Autor

Der an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch-Gmünd lehrende Philosoph und Ethiker, Franz Josef Wetz (1958) ist ein "Einmischer", einer, der sich aufregen kann über den Umgang mit der Menschenwürde, etwa in seinen Positionen zu den "schönen neuen Körperwelten" des Plastinators Gunter von Hagen, aber auch zu unseren aktuellen Befindlichkeiten. Er ist einer, der Fragen stellt, ohne gleich rezeptuell die Antworten und Lösungsmöglichkeiten parat zu haben; einer, der unangenehm insistiert, ob es denn, angesichts der alltäglichen weltweiten Menschenrechtsverletzungen überhaupt eine "unantastbare Menschenwürde" gibt.

Inhalt

Wetz ist überrascht und überrascht uns mit der "Entdeckung", dass es, sowohl in den internationalen, als auch in den nationalen Normen, wie z. B. auch in unserem Grundgesetz, keine klare Definition darüber gibt, was "Menschenwürde" eigentlich bedeuten soll: "Obwohl wir uns lautstark zum Grundsatz der Menschenwürde bekennen, weiß kaum einer genau, was dieser Ausdruck eigentlich bedeutet und worauf sich dieses schöne Wort im Ernstfall noch stützen könnte"; ja, so stellt er mit erkennbarer Überraschung fest, seine Konturen verschwämmen um so mehr, je intensiver man sich damit befasste.

So macht er sich in seinem Buch erst einmal daran, dem Würdebegriff und der -idee in der Geschichte des abendländischen Denkens, von der griechischen und römischen Antike, über das Mittelalter, dem Humanismus und der Renaissance, bis in die Neuzeit und Moderne, nachzugehen.

Den zweiten, zwangsläufigen Schritt unternimmt der Autor, indem nach der Würde als höchsten Verfassungswert fragt und die hierbei verschiedenen abendländischen Rechtsauffassungen diskutiert.

Den dritten geht er mit der religiös-metaphysischen Interpretation der Menschenwürde und der Kantschen Zumutung, dass die Würde des Menschen seine Fähigkeit zu freiem, moralischem Handeln ermögliche und sich von den Neigungen der eigenen Triebnatur lösen könne. Mit der Selbstbestimmung postuliere der Mensch schließlich den "Gestaltungsauftrag", wie Würde zu denken und zu leben sei. "Würde muss konstituiert werden", wie Luhmann feststellt. Um ein solches, neues Würdeverständnis in die Welt zu bringen, bedürfe es der "Selbsterkenntnis des Einzelnen als eines endlichen, verwundbaren, leidensfähigen Wesens mit starkem Erhaltungs-, Entfaltungs- und Entwicklungsdrang". So kommt er eigentlich zwangsläufig zu dem Ergebnis, die verallgemeinerungsfähige Idee der Menschenwürde mehr mit Verletzlichkeit und Hilfsbedürftigkeit der Menschen zu tun habe als mit Erhabenheit und Größe. Deshalb bedürfe es, im Sinne von Richard Rorty, einer "Schule der Empfindsamkeit" (vgl. dazu auch:Donald Davidson / Richard Rorty: Wozu Wahrheit? Herausgegeben von Mike Sandbothe, Frankfurt/M. 2005). Um also der menschlichen Grundeigenschaften - Humanität und Brutalität - habhaft zu werden und sie im Sinne einer erstrebenswerten Menschenwürde lebbar zu machen, bedarf es eines Schwenks von der elitären Ehre, einem individualistischen Ehrbegriff, hin zur egalitären Würde, wie sie ein "zivilisierter Mensch" inne hat.

Trotz der zahlreichen Quellenhinweise und philosophischen wie konkret gesellschaftlichen Exempel, "wie wir wurden, was wir sind", auch im Schlussteil zu den Problemen der wirtschaftlichen Existenz der Menschen und der Globalisierungsauswirkungen, wird der Autor in seiner wirklich fleißigen historischen Recherchearbeit mit Auswuchtungen auf die konkreten Lebensbedingungen der Menschen auf der Erde, seinem Anspruch nicht gerecht, aufzuzeigen, dass in der Praxis Hier und Heute "Abgründe zwischen Anspruch und Wirklichkeit" liegen. Weil er beinahe ausschließlich seine Analyse fokussiert auf die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen, Auffassungen und Philosophien über Menschenwürde in der abendländischen Geschichte. Dabei fehlt völlig die Auseinandersetzung mit philosophischen Konzepten aus den anderen, nicht abendländisch verfassten Kulturen. Wenn die Unantastbarkeit der Menschenrechte und damit der Menschenwürde global gelten und durchgesetzt werden soll, wie dies ja in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte grundgelegt und in der Charta der Vereinten Nationen postuliert wird, dann muss das Nachdenken darüber, ob Menschenwürde eine Illusion in der Menschheitsgeschichte bleibt, eine Vision zur Verwirklichung der Allgemeingültigkeit der Menschenwürde erkennbar ist, oder ob der Clash of Civilizations (Samuel P. Huntington) die Durchsetzbarkeit einer globalen Menschenwürde verhindert.

Fazit

Das Buch von Franz Josef Wetz: "Illusion Menschenwürde" hätte als Untertitelung der Ergänzung bedurft: Aufstieg und Fall eines abendländischen Grundwerts; aber vielleicht ist ja der Autor gerade dabei, in einem weiteren Buch dieses Manko zu beheben. Trotz dieser Einschränkungen handelt es sich bei der Analyse über den Begriff "Menschenwürde" um eine wichtige Arbeit und einen bemerkenswerten Beitrag zum globalen Diskurs: Wie halten wir es in unserer Einen Welt mit der Menschenwürde? Denn: Um Ansprüche an andere Menschen zu stellen, menschenwürdig zu sein, bedarf es der eigenen Habhaftwerdung der Menschenwürde.

 


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.01.2006 zu: Franz Josef Wetz: Illusion Menschenwürde. Aufstieg und Fall eines Grundwerts. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2005. ISBN 978-3-608-94122-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3501.php, Datum des Zugriffs 23.10.2021.


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