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Fritz B. Simon: Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus

Cover Fritz B. Simon: Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. 120 Seiten. ISBN 978-3-89670-547-1. 12,95 EUR, CH: 23,00 sFr.
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Über den Autor

Fritz B. Simon, Dr. med.habil., Professor für Führung und Organisation, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Witten/Herdecke, Systemischer Organisationsberater, Psychiater, Psychoanalytiker und systemischer Familientherapeut. Autor bzw. Herausgeber von mehr als 200 wissenschaftlichen Fachartikeln und 20 Büchern zum Thema.

Zum Hintergrund

In der Reihe Carl-Auer Compact liegt nun - nach der Einführung in die Systemtheorie (N. Luhmann), der Einführung in das systemische Wissensmanagement (H. Wilke) und der Einführung in die systemische Organisationsberatung (Königswieser) - die Einführung in die Systemtheorie und den Konstruktivismus (Simon) vor.

Systemtheorie und Konstruktivismus sind - so führt der Klappentext ins Thema ein - zwei eng miteinander verbundene Theorierichtungen, die für die Bereiche Psycho- und Familientherapie, Pädagogik, Organisationsberatung, Management, Politik u.v.a. in Theorie und Praxis zentrale Bedeutung gewonnen haben.

Systemtheorie ist ein interdisziplinäres Erkenntnismodell, in dem Systeme zur Beschreibung und Erklärung komplexer Phänomene in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen (Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Philosophie etc.) herangezogen werden.

Der Konstruktivismus ist eine erkenntnistheoretische Theorie, die sich in der philosophischen Diskussion des 20. Jhdts. in unterschiedlichen Strängen entwickelte. Zusammenfassend kann er als Theorie, die sich mit dem menschlichen Denken, Erkennen und Urteilen, vor dem Hintergrund der Überwindung simpler linearer Erklärungsmodelle, wie sich die Welt in ihrer Vielfalt und darbietet, erklären.

Systemtheorie und Konstruktivismus sind die beiden theoretischen Modelle, die gemeinsam die Grundlagen, für "systemisches" Denken liefern. Die Systemtheorie beschäftigt sich mit der "Welt der Objekte" und der Konstruktivismus mit dem menschlichen Erkennen, Denken und Urteilen.

Aufbau und Inhalt

Simon empfiehlt in seiner einleitenden Vorbemerkung, das Buch gleich zweimal zu lesen, denn es sei ein "Kondensat aus Hard-Core-Theorie, dessen Verdaubarkeit durch doppeltes Kauen gesteigert werde". Dieser Hinweis darf weniger als Hinweis auf zu erwartende Verständnisschwierigkeiten beim Lesen dieser Einführung verstanden werden, denn als ein Grundprinzip systemischer Pädagogik, welches sich dem Ziel der Text- bzw. Wissenserschließung nicht direkt, linear annähert, sondern Lernprozesse als das Ziehen von Schleifen versteht.

Der Rezensent erlaubt sich - aus seiner Lese/Lernerfahrung - die Empfehlung anzuschließen, das abschließende Kapitel "10 Gebote des systemischen Denkens" vorzuziehen und je nach Lust und Laune während des Lesens immer wieder darauf zurück zu kommen.

Fritz Simon entwickelt auf 119 Seiten in der Tat eine aufschlussreiche Einführung in den Konstruktivismus und die Systemtheorie, die sowohl für "systemische Profis" als auch für Leser und Leserinnen, die im "systemischen Code" noch nicht so vertraut sind, die Nebel der Komplexität des Themas lichten helfen.

Das Buch ist in sieben Teile gegliedert, die die Chronologie der Konstruktivismus/Strukturalismusdebatte nachvollziehbar machen. Diese Linearität wird von Simons systemischer Grundhaltung durch in den Text eingebaute Schleifen und Vernetzungen zur besseren Verständlichkeit bzw. Erschließbarkeit des Themas durchbrochen. Immer wieder werden durch Schleifen Bezüge zwischen den dargestellten unterschiedlichen theoretischen Konzepten hergestellt. Auch die Vernetzung der in die Konstruktivismus/Strukturalismusdebatte involvierten Disziplinen und der praktischen Anwendung zieht sich als roter Faden durch den Text.

  • Bereits im ersten Kapitel kommt ein systemisches Prinzip zur Informationsfindung zur Anwendung. Der Autor entwickelt auf wenigen Seiten die Cartesianische Sicht auf unsere Welt, die das "westliches Denken" bis heute wesentlich beeinflusst hat. "Cogito ergo sum" bietet uns eine geradlinige Sicht auf diese Welt. Ursache und Wirkung - werden getreu dem Wirken von einfachen Maschinen - direkt aufeinander bezogen. Wechselwirkungen zwischen Systemen können derart nicht mehr ausreichend erschlossen bzw. erklärt werden. Durch das Aufzeigen dieser Einschränkungen zeichnet Simon die Unterschiede auf, die für die Systemtheorie einen wesentlichen Unterschied machen. An die Stelle geradlinig-kausaler Erklärungen tritt ein zirkuläres Denken. Statt isolierter Objekten werden die Beziehungen zwischen den Teilen/Subjekten betrachtet.
  • In den Kapiteln zwei und drei beschäftigt sich Simon intensiv mit den theoretischen Grundlagen der Systemtheorie und des Konstruktivismus. Detailliert werden die unterschiedlichen Ursprünge und Entwicklungsstränge nachgezeichnet und zu einem Gesamtbild verwoben. Chaos- und Komplexitätstheorie, Synergetik, Kybernetik, der Entrophiesatz der Thermodynamiker, dissipative Strukturen, die Autopoiese, die nicht-triviale Maschine sind nur einige der Theoriekonzepte, die vorgestellt werden. Mit viel "Fingerspitzengefühl" unterstreicht bzw. erläutert Simon seine Ausführungen mit Zitaten aus den Arbeiten der Protagonisten der Theoriediskussion. Wissenschafter wie Wiener, Maturana, Varela, Foerster haben die Diskussion maßgeblich beeinflusst und dürfen hier nicht fehlen. Aber auch zahlreiche andere - die vielleicht auf den ersten Blick weniger mit der Systemtheorie in Zusammengang gebracht werden - z.B. Piaget sind vertreten.
  • Die Kapitel 4 bis 6 folgen dem Konzept der Darstellung aus den Blickwinkeln unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen und spannen nun den Bogen auch in die Praxis.  Simon beginnt auch hier mit einer Abgrenzung. Er stellt die Unzulänglichkeit des linearen Sender - Empfängermodells für die Analyse von Kommunikationssituationen vor und entwickelt derart den Weg von der Informationsübermittlung zur Informationskreation. Auch hier gelingt es Simon die Definitionen bzw. Begrifflichkeiten der systemischen Theorien nachvollziehbar darzustellen. Die Definition von Information, die Unterschiede, die einen Unterschied machen, die Beziehung zwischen Beobachten, Unterscheiden und Bezeichnen, oder dem Beschreiben, Erklären und Bewerten, das Re-Entry, die Viabilität, die strukturelle Koppelung, die Koevolution sind wiederum nur einige der diskutierten Schwerpunkte. Schließlich spannt er in Kapitel 6 den Bogen zum "ganzen Menschen" und der Kommunikation als Element sozialer Systeme und ist somit ganz und gar in der menschlichen Praxis (ob beruflich oder privat) gelandet. Selbstverständlich fehlt auch diesmal der Bezug zu den ausführlich zitierten Ursprungstexten nicht. Bateson, Spencer-Brown, Piaget, Glasersfeld, Gertz, Maturana und andere mehr kommen an den jeweils passenden Stellen zu Wort  und erleichtern es somit dem Leser, der Leserin sich ein umfassendes Bild von der Komplexität, Tiefe und Vielfalt der wissenschaftlichen Diskussionen zu machen. Das Zusammenspiel der Einzelteile ergibt - ähnlich einem Puzzle - immer mehr als die Summe aller Teile.
  • Den Abschluss dieser Einführung bilden, wie schon eingangs erwähnt, die "10 Gebote des systemischen Denkens". Sie sollen dem Leser, der Leserin gewissermaßen einen praxistauglichen "roten Faden" des systemischen Denken bzw. systemischer Haltung auf den Weg mitgeben.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Klappentext auf der letzten Umschlagseite nicht zuviel verspricht, wenn er ankündigt, das der "Leser ... eine kompakte und konsistente theoretische Basis für sein Handeln in nicht berechenbaren Umwelten, die hilft, mit den Unsicherheiten, wie sie in einer komplexen Welt unvermeidlich sind" mitbekommt. Fritz Simon ist es (wieder einmal) gelungen, komplexe und verschlungene Inhalte so darzulegen, dass aus dem Nebel der Vielfalt und Verwobenheit indivuelle praxisnahe Haltungen entwickelt werden können.


Rezension von
Mag. Andreas Paula
Personalmanagement & Personalentwicklung Die Wiener Volkshochschulen GmbH
Homepage www.vhs.at


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Zitiervorschlag
Andreas Paula. Rezension vom 26.09.2006 zu: Fritz B. Simon: Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. ISBN 978-3-89670-547-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3507.php, Datum des Zugriffs 26.09.2020.


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