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Martin Hillebrand, Ebru Sonuc u.a. (Hrsg.): Essenzen aus der systemischen Organisationsberatung

Cover Martin Hillebrand, Ebru Sonuc, Roswitha Königswieser (Hrsg.): Essenzen aus der systemischen Organisationsberatung. Konzepte, Kontexte und Kommentare. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. 238 Seiten. ISBN 978-3-89670-522-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 52,00 sFr.
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Über die Herausgeber

  • Martin Hillebrand. Studium der Psychologie, Ausbildung in Gesprächspsychotheraphie nach Roger, systemische Berater-Langzeitausbildung.
  • Ebru Sonuc. Studium der Medizin und Kunstgeschichte, Ausbildung in Gruppendynamik und Coaching, systemische Berater-Langzeitausbildung
  • Roswita Königswieser. Dr. phil., Tätigkeitsschwerpunkte: Systemische Beratung in komplexen Veränderungsprozessen in internationalen Unternehmen, Integration von Prozess- und Fachberatung, wissenschaftliches Arbeiten und Publikationen, Coaching von Topmanagern, Pionierin der internationalen Beraterszene.

Zum Hintergrund

Der Begriff "Essenzen" im Titel des Buches ist hervorragend gewählt. Er bringt all das, was den Leser, die Leserin auf der Lese- und Lernreise durch die vielschichtige Gedankenwelt systemischen Denkens und Handels erwartet, auf den Punkt.

Essenz in seiner ursprünglichen Bedeutung meint die Kernaussage einer Idee. In der Chemie etwas handelt es sich um ein Konzentrat, welches z.B. nicht verwässert ist. In dem vorliegenden Band ist den Herausgebern ein derartiges "Konzentrat" systemischer Texte gelungen. Das Buch lädt den Leser, die Leserin auf eine Reise durch systemisch orientiertes BeraterInnen-Know How ein. Das Konzept, zur "Konzentratsdestillation" ist erstaunlich einfach, aber offensichtlich sehr wirksam und tiefgängig und hat etwas mit der Beziehung von Ebru Sonuc und Martin Hillebrand zu Königswieser zu tun. Sie kennen Königswieser und ihre beraterische bzw. therapeutische Kompetenz bereits seit den 90er Jahren. Sie stellen in vorliegendem Buch eine Auswahl ihrer Texte, die teilweise bereits vergriffen sind, vor und ergänzen sie mit Kommentaren von berufenen Experten und Expertinnen aus den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern. Der Leser, die Leserin erfährt so nicht nur einen Einblick in die Gedanken- und Erfahrungswelt von Frau Königswieser, sondern erkennt auch, wie diese Gedanken aufgenommen, weiter- und quergedacht wurden und werden. Da es sich teilweise (z.B. ein Text aus dem Jahr 1981) auch um Texte älteren Datums handelt, lässt sich bis zu einem gewissen Grade auch die Entwicklung der Beratungswelt auf der zeitlichen Achse erkennen.

Aufbau und Inhalte

In den elf Kapiteln des Buches wird zu unterschiedlichen Themenbereichen das beraterische Know How von Roswita Königswieser vermittelt. Die Texte sind teilweise sehr anspruchvolle soziologische, philosophische oder wissenschaftliche Arbeiten, teilweise sehr praxisnahe Darstellungen aus dem BeraterInnenleben oder dem Organisations(entwicklungs)alltag.

  • In Kapitel 1 analysiert R. Königswieser jene Schwierigkeiten, mit der systemische Unternehmensführung zur rechnen hat, wenn keine ausreichende Anschlussfähigkeit hergestellt werden kann. Ein Gespräch zwischen R. Königswieser und Th. Sattelberger (Vorstand der Continental AG) laden den Leser, die Leserin auf eine zusätzliche Reflexionsschleife ein.
  • Das 2. Kapitel ist stark im theoretischen Bereich angesetzt. R. Königswieser und J.M. Pelikan entwickeln die Gemeinsamkeiten von und die Unterschiede zwischen Gruppendynamik und Systemtheorie. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen fachlichen Entwicklung zeichnen sie das Bild eines Evolutionsmodells von der Gruppendynamik zum systemischen Ansatz. F. Simon bestätigt in seinem Kommentar zwar die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden vorgestellten Ansätzen, widerspricht aber der These einer evolutionären Entwicklung.
  • In Kapitel 3 (Das Überbringen schlechter Nachrichten) zeigt sich wieder die Vielfalt der Zugänge von Königswieser. Aus ihrer beruflichen Erfahrung und ihrer Forschungstätigkeit entwickelt sie ein 5-Phasen-Modell, welches Personen durchlaufen, wenn ihnen eine schlechte Nachricht überbracht wird. Sie geht davon aus, dass die Kenntnis der gefühlsmäßigen Abläufe helfen kann, derart schwierige Situationen besser zu bewältigen. Ursula Gessner (Personalmarketing und -entwicklung in der swb AG in Bremen) ergänzt diesen Beitrag mit einer Fallschilderung aus ihrer Berufspraxis.
  • In Kapitel 4 (Zur Interventionsarchitektur von Beratungsprojekten) unterstreicht Königswieser den zentralen Stellenwert der Interventionsarchitektur bei Beratungsprojekten. Architektur besteht aus einer Vielfalt von unterschiedlichen Ebenen mit unterschiedlichen Funktionen. Wichtig ist, dass stets das Konzept, die Haltung und die Bilder, die zu Interventionsdesign führen, klar reflektiert werden. G. Jochums (langjähriger Berater und Manager in der Energiewirtschaft) Kommentar unterstreicht die Wichtigkeit der ständigen Weiterentwicklung entsprechender Konzepte, Ideen und Bilder für der BeraterInnenalltag.
  • Die differenziertesten Theorien und die besten Techniken verfehlen ihre Wirkung, wenn die Haltung des Beraters, der Beraterin der systemischen Arbeit entgegensteht. Daher beschäftigen sich die Kapiteln 5 und 6 mit "Haltung" und "Gelassenheit". Königswieser und Hillebrand legen - unterstützt durch "märchenhafte Geschichten" - dar, dass die Weiterentwicklung der eigenen Haltung ein wesentliches Grundprinzip der Beratungstätigkeit ist. Nur dieser Weg ermöglicht das Aushalten von Widersprüchen und Unsicherheiten. D. Baecker (Prof. f. Soziologie, Univ. Wittecke) und H. Demel (Vorstandsvorssitzender und Präsident von Magna Powertrain) nehmen die Gedanken der entsprechenden Kapitel auf, denken sie weiter bzw. von anderer Seite und füllen sie so mit neuen zusätzlichen Perspektiven.
  • Um den Bereich der Konfliktintervention geht es im Kapitel 7 (Konfliktintervention - ein Modell). Mit der systemischen Brille bzw. mit systemischen Techniken und Haltungen entwickelt Königswieser hier ein Modell in dessen Zentrum nicht vorrangig das Erreichen von Konsens steht, sondern gemeinsam Schritte zu Dissensbearbeitung gesetzt werden. Th. Keller (systemischer Berater, Arzt) stellt seinem Kommentar einen Ausspruch von Henning Scherf voran. "Wenn Sie wirklich Partner haben wollen, dann müssen Sie sich den Kopf zweimal zerbrechen: einmal für sich und einmal für den Partner." Dadurch hebt er seinen Appell, dass Kooperation eine der wesentlichsten Ressourcen, aber auch Herausforderungen für das Zusammenleben bzw. das Zusammenarbeiten darstellt, hervor. Es bedarf einer neuen Qualität der gegenseitigen und der Selbstwahrnehmung.
  • Das Kapitel 8 wird von Königswieser "Mutter - Hexe - Trainerin" genannt. Der Text aus dem Jahr 1981 beschäftigt sich aus gruppendynamischer Perspektive mit den unterschiedlichen Phasen der Gruppenentwicklung und mit geschlechtsspezifischem Rollenverhalten in Seminaren. Zu diesem Text liegen zwei Kommentare vor. Einer von T. Lindner (Gruppendynamiker, Lehrer von Königswieser) und J.M.Pelikan (Professor für Soziologie, Univ. Wien). Beide richten u.a. - vor dem Hintergrund ihrer beruflichen Erfahrungen - den Fokus auf das Dependenzmodell zur Analyse der Differenzierung von männlicher und weiblicher Autorität.
  • In Kapitel 9 (Selektive Wahrnehmung) wird ein zentrales Thema systemischer Haltung angesprochen. Das Wissen darüber, dass wir die Welt nicht voraussetzungslos wahrnehmen, ist besonders für Beratungsberufe wesentlich. Königswieser skizziert in ihrem Beitrag drei Ebenen der Wahrnehmungsfilter. Sozialisation, Emotion und Kontext. Diese sind allerdings nur auf der analytischen Ebene zu trennen. Sie beeinflussen einander wechselseitig. Michael Mohe (Juniorprofessor für Business Consulting, Univ. Oldenburg) führt die Ausführungen Königswiesers weiter aus und spitzt sie für Beratungssituationen zu.
  • Kapitel 10 beschreiben R. Königswieser und U. Cichy ihr Modell des Systemischen Integrationsmanagements (SIM). Beratung, Unternehmen, Unternehmensentwicklung stehen immer wieder vor der Herausforderung, mit Widersprüchen konstruktiv umzugehen. So sind z.B. Rationalisierung und Organisationsentwicklung oder Fachberatung und Prozessberatung unter einen Hut zu bringen. Aus diesem Spannungsfeld wurde SIM entwickelt und hier beschrieben. Im Modell verweben sich drei zentrale Elemente zu einem Dreieck der Unternehmensentwicklung: Strategie, Struktur und Kultur.  Matthias Varga von Kibed (Professor für Philosophie, Logik u. Wissenschaftstheorie, Univ. München) streicht in seinem Kommentar den praktischen Wert der Anerkennung von Gegensätzen und Widersprüchen für jegliche Art der Entwicklung besonders hervor und analysiert bzw. kommentiert detailliert die Thesen dieses Kapitels.
  • In Kapitel 11 (Teams als Hyperexperten) gehen R. Königswieser und P. Heintel sowie der Kommentator G. Sollers einem wesentlichen Aspekt der systemischen Beratung nach: Dem Umgang mit Komplexität. Der Artikel zeichnet Teams als Hyperexperten für das Management von Komplexität. Gruppen sind vielfältige Sozialkörper, mit besonders hoher Bedeutung für die konstruktive Bewältigung von Komplexität.

Fazit

In vorliegendem Buch - ein vorzüglicher Begleiter für alle, die sich mit Beratung und / oder mit Organisationsentwicklung beschäftigen - bietet sich eine breite Palette unterschiedlicher Frage- und Themenstellungen aus unterschiedlichsten Blickwinkeln an. Das Buch lädt ein, die Ebenen des Denkens immer wieder zu wechseln. Das Ziel von M. Hillebrand und E. Sonuc durch Reflexionsschleifen die vorliegenden Texte zu essentiellen Inspirationsquellen werden zu lassen, muss vom Leser, von der Leserin selbst angestrebt werden. Die Voraussetzungen dafür sind geschaffen.


Rezensent
Mag. Andreas Paula
Personalmanagement & Personalentwicklung Die Wiener Volkshochschulen GmbH
Homepage www.vhs.at


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Zitiervorschlag
Andreas Paula. Rezension vom 26.09.2006 zu: Martin Hillebrand, Ebru Sonuc, Roswitha Königswieser (Hrsg.): Essenzen aus der systemischen Organisationsberatung. Konzepte, Kontexte und Kommentare. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. ISBN 978-3-89670-522-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3508.php, Datum des Zugriffs 17.08.2019.


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