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Gerit Götzenbrucker: Soziale Netzwerke in Unternehmen

Cover Gerit Götzenbrucker: Soziale Netzwerke in Unternehmen. Potenziale computergestützter Kommunikation in Arbeitsprozessen. Deutscher Universitätsverlag (Wiesbaden) 2005. 303 Seiten. ISBN 978-3-8350-6009-8. 39,90 EUR.

Mit einem Geleitwort von Roman Hummel.
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Einführung in das Thema

"… dann sitzt jeder nur noch an seinem PC und man sieht sich kaum mehr" - Immer noch hegen Mitarbeiter sozialer Organisationen Befürchtungen solcher Art, wenn es um die Einführung von Informationstechnologien geht. Besonders gilt dies für bislang eher technikferne und zugleich stark kommunikativ geprägte Arbeitsfelder der Pflege oder Pädagogik. Der Computer, so die Meinung, könnte einer Entpersönlichung der Sozialen Arbeit Vorschub leisten. - Wie ist also computergestützte Kommunikation in Organisationen tatsächlich beschaffen? Welche Potenziale und welche Risiken liegen in ihr? - Das vorliegende Buch verspricht, Antworten auf diese Fragen zu geben

Aufbau und Inhalt

  • Der einleitende Problemaufriss stellt Defizite und Befunde der Erforschung elektronischer Kommunikation in Unternehmen dar. Dabei wird abweichend vom Titel des Werkes deutlich, dass sich die Autorin fast ausschließlich mit E-Mail, also nur einer Ausprägung computergestützter Kommunikatikon in Unternehmen eingehend beschäftigt. Zu den zentralen Grundannahmen dieser Arbeit zählt, dass das Medium E-Mail keine der bisherigen Kommunikationsformen gänzlich ersetzt, sondern das Spektrum medialer Möglichkeiten erweitert. Insbesondere können mit Hilfe dieses Mediums Kommunikationsräume ausgedehnt und neuartig gestaltet werden.
  • Der Theorieteil referiert eine Fülle von Erklärungsansätzen zu sozialen Netzwerken, stellt Bezüge zum Sozialkapital-Konzept sowie zu Kommunikations- und Medientheorien her. Die Fokussierung dieser Ansätze auf computergestützte Netzwerke führt zur Kerntheorie des Buches: "Computernetzwerke sind von Grund auf soziale Netzwerke, da sie Menschen, Institutionen und Wissen verbinden." (S. 81)
  • Den Hauptteil des Werkes bildet eine empirische Studie, die soziale Netzwerke von vier Arbeitsgruppen in einem relativ jungen deutschen IT-Unternehmen mit 1.500 Mitarbeitern untersucht. Der Erläuterung des Methodenmixes aus Interviews, teilnehmender Beobachtung und Strukturanalyse der elektronischen Kommunikation folgt die Ergebnis-Darstellung. Neben vielen hinlänglich bekannten Merkmalen der E-Mail-Kommunikation gibt es auch einen bemerkenswerten Befund: Selbst in einem Hightech-Unternehmen wird das Medium E-Mail vor allen anderen, vermeintlich viel moderneren Technologien wie Intranet, Newsgroups oder Videokonferenz klar favorisiert.
  • Der Schlussteil diskutiert die eigenen Ergebnisse im Kontext anderer empirischer Studien unter dem Blickwinkel der Effekte von Arbeitsprozess-Virtualisierung. Dabei wird E-Mail eine "effizienzsteigernde Wirkung durch vermehrte Einbindung von Akteuren und eine Forcierung von Informations-Tausch-Systemen und Kommunikationsströmen" (S. 259) zugesprochen.

Diskussion

Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive verfolgt das Buch insofern einen interessanten Ansatz, als nicht die Technik, sondern die sozialen Netzwerke seinen zentralen Ausgangspunkt bilden. Dieser Blickwinkel erschließt Zugänge, die weit über das allseits bekannten Beklagen der Informationsüberflutung oder die PR-getränkten Lobeshymnen zur produktivitätssteigernden Wirkung moderner Medien hinausreichen. Manche Ausführungen im Theorieteil, als deren Zeugen Brecht, Foucault, Giddens und manch andere Größe der Zeitgeschichte bemüht werden, tragen allerdings mehr dazu bei, die Belesenheit der Autorin dieser Habilitationsschrift zu belegen, als ein schlüssiges theoretisches Fundament für die nachfolgende empirische Analyse zu legen.

Der praktische Nutzwert des Buches ist letztlich doch eher gering, kommt es doch zu einer Zeit, da E-Mail längst nicht mehr aus der Unternehmenskommunikation wegzudenken ist und die Firmen bereits dabei sind, die Palette der elektronischen Kommunikationsformen massiv zu erweitern: Intranet- und Wissensmanagementlösungen, Groupware, Blogs, Wikies, Videokonferenzen und andere Technologien werden wesentlich weiter reichende Veränderungen als E-Mail mit sich bringen und damit wieder neue Fragen für die Wissenschaft aufwerfen.

Für soziale Organisationen stellt sich freilich auch die Frage nach der Übertragbarkeit der Ergebnisse dieser Studie. Stammt sie doch aus einer Branche, die eine völlig andere Mitarbeiterstruktur aufweist und in der Computer und elektronische Kommunikation von Beginn an integrale Bestandteile von Arbeitsprozessen waren. 

Dennoch könnten einige Befunde auch für Führungskräfte in sozialen Organisationen von Interesse sein: So arbeitet die Autorin etwa gut heraus, dass elektronische Kommunikation wesentlich dazu beitragen kann, eine gesunde Balance zwischen sozialer Schließung und innovativer Öffnung von Arbeitsteams zu schaffen bzw. zu erhalten, in dem sie den Austausch über die Bereichsgrenzen hinweg in das gesamte Unternehmen und über seine Grenzen hinaus fördert: Das elektronische Netzwerk legt sich quasi als weitere Ebene über die realweltlichen Beziehungsmuster und bringt allein schon dadurch eine Bereicherung für das Unternehmen und seine Innovationsfähigkeit mit sich. Bemerkenswert ist ferner, dass die elektronische Kommunikation vor allem Mitgliedern mit geringem sozialen Status oder geringer ausgeprägter Beziehungsfähigkeit neue  Möglichkeit eröffnet, ihre Ideen wirksam einzubringen. -  Eine Erkenntnis, die nicht nur für innerorganisatorische Prozesse, sondern auch für die Arbeit mit sozial benachteiligten Adressaten Sozialer Dienste von Interesse ist.

Im Übrigen widerspricht die Studie auch der weit verbreiteten Annahme, dass produktive Arbeitsbeziehungen nur auf der Basis von face-to-face-Kontakten möglich seien und behauptet, dass "soziale Nähe" auch in elektronischen Kommunikationsnetzen möglich ist. Ob das jedoch auch für die Spezies der Sozialarbeiter oder Heilerziehungspfleger gilt, wurde bislang noch nicht verifiziert.

Fazit

Ein durchaus interessanter Versuch, Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Technikwirkungsforschung zusammenzuführen. Dennoch eher eine reiche Sammlung an Studienergebnissen und Theorien, als ein eigenständiges Konzept. Empirisch werden gleichwohl einige interessante Zusammenhänge zu Tage gefördert, die den Lesern aus der Praxis jedoch besser in einem pointierten Aufsatz als in diesem doch recht umfänglichen Werk zugänglich gemacht werden könnten.


Rezension von
Prof. Helmut Kreidenweis
Professor für Sozialinformatik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und Inhaber der IT-Beratung KI Consult in Augsburg.
Homepage www.sozialinformatik.de
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Zitiervorschlag
Helmut Kreidenweis. Rezension vom 02.05.2006 zu: Gerit Götzenbrucker: Soziale Netzwerke in Unternehmen. Potenziale computergestützter Kommunikation in Arbeitsprozessen. Deutscher Universitätsverlag (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-8350-6009-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3530.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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