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Silke Gahleitner, Susanne Gerull u.a.: Methodenspektrum sozialwissenschaftlicher Forschung

Cover Silke Gahleitner, Susanne Gerull, Begoña Petuya Ituarte, Lydia Schambach-Hardtke, Claudia Streblow: Einführung in das Methodenspektrum sozialwissenschaftlicher Forschung. Schibri-Verlag (Uckerland) 2005. 119 Seiten. ISBN 978-3-937895-27-7. 10,00 EUR.
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Entstehungshintergrund

Aus der Praxis von Methodenworkshops an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin entstanden, in denen StudentInnen teilnehmen, die an ihrer Diplomarbeit bzw. Promotion arbeiten oder sich darauf vorbereiten,  ist der vorliegende Band für Menschen gedacht, die einen Einblick in die unterschiedlichen Methoden ("Wege") sozialwissenschaftlicher Forschung erhalten wollen. Die Bandbreite der vorgestellten Methoden reicht von quantitativer Dokumentenanalyse über halbstandardisierten qualitative Erhebungen bis zu biographischen qualitativen Methoden sowie unterschiedlichen Auswertungsverfahren.

Inhalt

  • Zunächst gibt Lydia Schambach-Hardtke eine Einführung in die Grundlagen sozialwissenschaftlicher Methoden (Kapitel 1): Was bedeutet induktives oder deduktives Vorgehen? Was unterscheidet empirische Wissenschaft von Erfahrungswissenschaft? Was ist der Unterschied zwischen qualitativer und quantitativer Forschung? Welche Zwischenformen existieren? Sie macht deutlich, dass die Entscheidung über die Methode eng mit der Forschungsfrage zusammenhängt - aber dazu bedarf es des Wissens über die unterschiedlichen Methoden. Zugang zu diesem Wissen herzustellen, ist dann auch das folgerichtige Ziel dieses Bandes.
  • Im zweiten Kapitel beschreibt Susanne Gerull eine quantitative Herangehensweise am Beispiel ihres Forschungsprojektes über "Behördliche Maßnahmen bei drohendem Wohnraumverlust", für die sie weit über 500 sozialarbeiterische Akten anhand eines Erhebungsbogens aufschlüsselte und mithilfe eines Computerprogramms auswertete. Sie erläutert Schritt für Schritt die zahlreichen Überlegungen und praktische Arbeiten, die für die Erhebung der Daten nötig sind, so z.B. die Auswahl der Faktoren (Variablen), die einfließen müssen, um zu einem nachprüfbaren - und zum Vergleich mit anderen Studien geeigneten - Ergebnis zu kommen. Anhand des gleichen Beispiels beschreibt sie im dritten Kapitel die computergestützte Auswertung statistischer Daten vom Eingeben der Daten bis zu den Möglichkeiten der Verbindung verschiedener Variablen (Kreuztabellen) zu aussagefähigen Schlussfolgerungen.
  • Anschließend kommen halbstrukturierte Erhebungen an die Reihe, indem Silke Gahleitner das "problemzentrierte Interview" anhand ihrer Studie "Sexuelle Gewalterfahrung und ihre Bewältigung bei Frauen und Männern" vorstellt (Kapitel 4). Die verschiedenen Phasen eines Forschungsvorhabens, bei dem diese Methode zur Datengewinnung angewandt wird, von der Entwicklung der genauen Fragestellung über die Erarbeitung des Interviewleitfadens bis zur tatsächlichen Erhebung stellt sie anschaulich dar (z.B. mit ihrem eigenen Interviewleitfaden).
  • Im fünften Kapitel steht dann die Auswertung der Interviews mit der "Qualitativen Inhaltsanalyse" nach Mayring im Vordergrund, bei der zunächst die verschriftlichten (transkribierten) Interviewtexte vergleichbar gemacht werden, indem sie zusammengefasst, nach gemeinsamen "Kategorien" durchforstet werden und ein Kategoriensystem erstellt wird. Anhand ihrer Studie macht sie (be)greifbar, was das konkret heißen kann. Die Darstellung der Ergebnisse und die anschließende Diskussion dieser Ergebnisse mit den Erkenntnissen aus der Literatur schließen eine solche Forschungsarbeit ab.
  • Eine andere Möglichkeit, an Daten zu gelangen, ist die Gruppendiskussion. Claudia Streblow zeigt im sechsten Kapitel auf, inwiefern für ihre Forschung mit der Fragestellung, wie Jugend­liche den schulischen Alltag erleben und wie sie die Schulsozialarbeit erfahren, Gruppen­diskussionen die Methode der Wahl war, weil damit ein Zugang zu kollektiven Erfahrungen und Mustern möglich ist. Sowohl die Durchführung von Gruppendiskussionen, unterstützt durch einen Interviewleitfaden, als auch die Auswertung (hier nach der "dokumentarischen Inter­pretation", die letztlich zur Bildung von "Typen" führt) sind komplexe Angelegenheiten, auf die die Autorin detailliert eingeht. Als sinnvolle Ergänzung dazu erläutert sie im anschließenden Kapitel die Methode der Teilnehmenden Beobachtung mit ihren unterschiedlichen Phasen und macht damit nachvollziehbar, dass die Anwendung unterschiedlicher Methoden für ein Forschungsvorhaben, also ein Methodenmix, sehr sinnvoll sein kann (dies gilt auch für die anderen Autorinnen).
  • Im nun folgenden achten Kapitel führt Begoña Petuya Ituarte anhand ihres Forschungsprojekts über Handlungsstrategien von Migrantinnen aus Spanien insbesondere in Hinblick auf Scheidungen die "biographische Fallrekonstruktion" nach Rosenthal aus. Nach der Vorstellung ihrer Forschungsfrage beschreibt sie diese aufwendige Methode ausführlich, insbesondere die Auswertungsschritte, bei denen aus den transkribierten biographischen Interviews (hier insgesamt 16) durch Hypothesenbildung ("was könnte das [die jeweilige Aussage] bedeutet haben? Was schließt sie an Möglichkeiten ein?"), die vorzugsweise in einer Gruppe erfolgen sollte, jeder einzelne Fall dargestellt wird und "Typen" benannt werden. Drei einzelne Aussagen, anhand derer sie diese Auswertungsmethode durchspielt, führen vor Augen, wie komplex die Denkweise ist, die dieser Methode unterliegt. Sie kann jedoch insbesondere für Fragestellungen, bei denen es auf die subjektive Erklärung der Betroffenen selbst ankommt, nützlich und angebracht sein.
  • Im neunten Kapitel des Bandes kommt noch einmal Susanne Gerull zu Wort und stellt in kurzer Form eine "Programmevaluation" vor, wobei dies weniger eine Methode als eine Herangehensweise an die Forschung darstellt. Sie erläutert den Sinn und Zweck von Evaluation (Erkenntis, Kontrolle/Selbstkontrolle u.a.) sowie verschiedene Konzepte von Evaluation (summativ = bilanzierend und formativ = begleitend).
  • Die Fragen danach, was Forschung an ethischen Standards erfüllen soll bzw. muss, stehen im letzten Kapitel, das Silke Gahleitner schrieb, im Vordergrund. Gerade in den Sozialwissenschaften, in denen die "Forschungsobjekte" in der Regel Menschen sind - individuell oder kollektiv - müssen sich ForscherInnen immer fragen, was ihre Forschung bewirkt, sowohl in den Individuen, mit denen sie es im Rahmen ihrer Forschungsprojekte zu tun haben, als auch im Hinblick auf ihre Ergebnisse. Sie müssen aufmerksam sein, welche Folgen ihre Forschung haben kann und ständig ihre eigene Rolle und ihr Handeln reflektieren. Dabei geht es gerade bei sozialarbeiterischen (Forschungs-)Themen um potentielle Dilemmata von Parteilichkeit versus "Objektivität", Risikominimierung für die TeilnehmerInnen versus Erkenntnisgewinn und Deutungsmacht der ForscherInnen versus den Interessen der "Beforschten".

Fazit

Insgesamt ist dieser Band eine hilfreiche Handreichung für diejenigen, die sich mit Forschung und den vielen Möglichkeiten der Forschungsmethoden beschäftigen müssen oder wollen. Die zahlreichen Literatur- und Linkhinweise am Ende jedes Beitrags stellen dabei eine nützliche Ergänzung der Inhalte dar. Da die Autorinnen nicht über die jeweiligen Methoden schreiben, sondern sie in ihren Dissertationen selbst angewandt haben, sind sie in der Lage, die Vorteile, aber auch die Schwierigkeiten "ihrer" Methode/n zu benennen. Als Kritikpunkt ist zu sagen, dass die Sprache zum Teil nicht ganz einfach ist, bzw. im Vokabular der jeweiligen Methode verhaftet bleibt, was der Absicht des Bandes, "Neulinge" an die Methoden heranzuführen, nicht recht entspricht.


Rezension von
Dr. Chris Lange
Von Beruf Sozialarbeiterin, promovierte zum Thema deutsche Wohlfahrtsverbände und europäische Integration; freiberuflich tätig in Forschung und Lehre zu ‘Europa‘, Dritter Sektor/Sozialwirtschaft/Wohlfahrtsverbände, soziale Arbeit/soziale Dienstleistungen und Gender.


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Zitiervorschlag
Chris Lange. Rezension vom 28.02.2006 zu: Silke Gahleitner, Susanne Gerull, Begoña Petuya Ituarte, Lydia Schambach-Hardtke, Claudia Streblow: Einführung in das Methodenspektrum sozialwissenschaftlicher Forschung. Schibri-Verlag (Uckerland) 2005. ISBN 978-3-937895-27-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3536.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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