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Christoph Werner, Arnold Langenmayr: Die Bedeutung der frühen Kindheit

Rezensiert von Prof. Dr. Hermann Staats, 01.01.2007

Cover Christoph Werner, Arnold Langenmayr: Die Bedeutung der frühen Kindheit ISBN 978-3-525-45007-9

Christoph Werner, Arnold Langenmayr: Die Bedeutung der frühen Kindheit. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. 438 Seiten. ISBN 978-3-525-45007-9. 44,90 EUR.
Reihe: Psychoanalyse und Empirie, Band 3
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Thema

Die Bedeutung der frühen Kindheit ist ein aktuelles Thema - entwicklungspsychologische und neurobiologische Forschungsergebnisse nehmen hier zurzeit Einfluss auf Diskussionen in der Pädagogik, der Psychotherapie und der Psychoanalyse. Umsetzungen von Forschungsergebnissen in die pädagogische und therapeutische Praxis werden versucht. Die Diskussion dazu hat die allgemeine Presse erreicht. Ein Buch mit dem Titel "Die Bedeutung der frühen Kindheit" trifft damit auf ein breites Interesse.

Das Buch von Werner und Langenmayr ist der dritte Band der Reihe "Psychoanalyse und Empirie", in der auch die Bände "Das Unbewusste und die Abwehrmechanismen", "Der Traum und die Fehlleistungen" und "Psychoanalytische Psychopathologie" erschienen sind. Der Leser kann aufgrund des Buchtitels neugierig darauf werden, etwas über die empirischen Befunde zur Bedeutung früher Beziehungserfahrungen und zu deren Integration in die psychoanalytische Theorie und Behandlungstechnik zu erfahren.

Aufbau …

Nach einer Einleitung gliedert sich das Buch in 5 Abschnitte mit zahlreichen Unterkapiteln. Es endet mit einer Zusammenfassung, einem Autoren- und Sachregister.

Das Inhaltsverzeichnis erschließt den Text nur wenig. Der erste Abschnitt (50 Seiten) nimmt mit der Überschrift "Auswirkungen der frühen Kindheit" das Thema des ganzen Buches auf. Es folgen Kapitel "Untersuchungen zum Ödipuskomplex"(135 Seiten), zum "Primärnarzissmus" (9 Seiten), zur "Quantifizierung der Libido(entwicklung)" (8 Seiten) und zu "Untersuchungen zur Existenz einer oralen und analen Persönlichkeit" (121 Seiten).
Geht es also in diesem Buch fachspezifisch um die Betrachtung einiger psychoanalytischer Konzepte unter Bezugnahme auf empirische Untersuchungen - und nicht, wie die Titel von Buch und Reihe nahe legen, um die aktuellen Befunde zur Bedeutung der frühen Kindheit und ihre Rezeption in der Psychoanalyse?

… und Inhalt

  • Ohne in einer Einführung eine Antwort auf diese Frage zu geben, werden im ersten Abschnitt "Auswirkungen der frühen Kindheit" "Modellvorstellungen bezüglich der psychologischen Hintergründe des Zusammenhangs von frühkindlichen und späteren Erlebnissen" auf den ersten drei Seiten abgehandelt, die Frage der empirischen Überprüfbarkeit des Einflusses von Kindheitserfahrungen auf das spätere Leben auf den folgenden vier. Unvermittelt folgt ein Abschnitt über "Frühkindliche Deprivation und hirnphysiologische beziehungsweise anatomische Auswirkungen". Dann werden zwei Untersuchungen ausführlicher dargestellt. Eine Studie stellt Zusammenhänge zwischen frühkindlichen und späteren Lebenslaufereignissen dar (1987 von einem der Autoren veröffentlicht), eine weitere Korrelationen zwischen frühkindlicher und späterer Persönlichkeit (2000 veröffentlicht). Unter der Überschrift "Elternverhalten und späteres Verhalten des Kindes" werden auf drei Seiten bindungstheoretische Überlegungen genutzt, um die dargestellten Studienergebnisse einordnen zu können.
  • Zum Ödipuskomplex (Kapitel B) werden zahlreiche, vielfach ältere Untersuchungen zitiert. Die Autoren ordnen die Arbeiten unter den Überschriften "Elternpräferenzen und Partnerwahl", Untersuchungen zum Kastrationskomplex bei Jungen", und "Untersuchungen zum Penis-Baby Äquivalent". Eine Untersuchung mit subliminalen Reizen wird ausführlicher dargestellt. Die hier vorgestellte Übersicht über Versuche, psychoanalytische Grundannahmen empirisch zu belegen indem aus ihnen abgeleitete Hypothesen geprüft werden, ist historisch interessant. Aus heutiger Sicht wirken einige der dargestellten Operationalisierungen psychoanalytischer Konzepte zu stark vereinfachend. So fehlen in Studien vielfach die - schwerer zu operationalisierende - Aspekte des Konflikthaften innerhalb des Konzepts der ödipalen Entwicklung. Hier hätte ein Bezug zu aktuellen Modellen der ödipalen Entwicklung erfolgen können, die sich nicht auf Inhalte, sondern auf die Entwicklung von Strukturen beziehen - zum Beispiel auf die Fähigkeit zur Triangulierung oder Mentalisierung.
  • Wieder mit Bezug auf überwiegend schon länger zurückliegende Untersuchungen wird dargestellt, dass aus empirischer Sicht die Annahme einer autoerotischen Phase unmittelbar nach der Geburt nicht zu halten ist (Kapitel C).
  • Ein Versuch der Quantifizierung von Libido (Kapitel D) wird dargestellt - wie beim Ödipuskomplex sind vor allem die Schwierigkeiten der Operationalisierung dieses Konzepts deutlich.
  • Untersuchungen zur oralen und analen Persönlichkeit werden im fünften Kapitel (E) dargestellt. Die Konzeptualisierungen beider Persönlichkeitstypen lassen sich empirisch stützen. Kausale Beziehungen zwischen elterlichem Verhalten und der Entwicklung bestimmter Persönlichkeitszüge sind mit den hier vorgestellten Messinstrumenten aber nicht überzeugend darzustellen. Auch hier zeigt die Literatur, dass das Interesse an einer empirischen Validierung triebtheoretischer Konzepte (in diesem Abschnitt zweier Persönlichkeitsmodelle) in den 60ger und 70ger Jahren am größten war. Inzwischen sind in der Psychoanalyse andere Konzepte zur Beschreibung von Persönlichkeit klinisch und theoretisch wichtiger geworden.

Diskussion

Der Rezensent blieb beim Lesen lange im Unklaren darüber, was für eine Arbeit er vor sich hatte. Eine Einleitung des Buches fehlt - die im Text auf das Inhaltsverzeichnis folgende Einleitung bezieht sich lediglich auf das erste Kapitel, dessen Titel "Auswirkungen der frühen Kindheit" dazu einlädt, es fälschlich auf das Buch als ganzes zu beziehen.
Werner und Langenmayr referieren einzelne Arbeiten ausführlich und geben einen Überblick über empirische psychologische Untersuchungen psychoanalytischer Konzepte. Hier ist das Buch eine Fundgrube. Die Anmerkungen (fast 40 Seiten) laden zum Stöbern ein. Allerdings sind diese Inhalte - anders als der Titel vorschlägt - eher für Spezialisten interessant.

So ist die Wahl des Titels nicht glücklich. Die Bedeutung der frühen Kindheit kann nicht diskutiert werden, ohne aktuelle und interdisziplinäre wissenschaftliche Befunde zu nennen (z. B. aus epidemiologischen Untersuchungen zu den Auswirkungen frühkindlicher Erfahrungen auf Gesundheit, Lebensbewältigung und Mortalität, aus der Entwicklungspsychologie, der Zwillingsforschung, der Psychosomatik, der Psychotherapieforschung,…). Vielfach sind in diesen aktuellen Untersuchungen die Bezüge zu psychoanalytischen Konzepten deutlicher und die Ergebnisse überzeugender als in den dargestellten Untersuchungen aus dem Bereich der akademischen Psychologie. Auch neurobiologische und genetische Aspekte - deren Behandlung der Titel nahe legt - werden nur vereinzelt in die Diskussion einbezogen.

Die Autoren stellen Zusammenfassungen ans Ende der jeweiligen Kapitel, halten sich aber mit der kritischen Interpretation und Wertung der dargestellten Untersuchungen zurück. So bleibt es die Aufgabe des Lesers, die Integration der vielen gesammelten Informationen zu leisten. Für Leser ohne Vorkenntnisse wird das Buch daher voraussichtlich eine Enttäuschung mit sich bringen. Damit eine solche Enttäuschung nicht am Thema festgemacht wird, bräuchte das Buch eine klare Einordnung seines Beitrags zu dem Gesamtwissen über die Bedeutung der frühen Kindheit. Diese wäre auch für den Fachmann nützlich, der das Buch als Quellenangabe nutzen möchte.

Fazit
Das Buch "Die Bedeutung der frühen Kindheit" von Werner und  Langenmayr wird den im Titel geweckten Erwartungen auf ein interdisziplinär und breit angelegtes Thema nicht gerecht. Stattdessen bietet es eine Übersicht über empirische psychologische Untersuchungen zu einigen triebtheoretischen Konzepten. Nicht oder kaum werden epidemiologische, entwicklungspsychologische, neurobiologische oder psychosomatische Forschungsergebnisse zum Thema referiert. Auch aktuelle Entwicklungen in der Psychoanalyse werden lediglich in wenigen Bereichen gestreift.

So ist das Buch kein Einführungstext. Es ist vor allem für die Leser geeignet, die sich mit der Bedeutung der frühen Kindheit schon aus einer anderen Fachdisziplin heraus beschäftigt haben und sich auch in der Psychoanalyse auskennen. Sie erhalten einen Einblick in ein wenig bekanntes Spezialgebiet und können die dazu referierten Befunde in ein interdisziplinäres Wissen einordnen.

Rezension von
Prof. Dr. Hermann Staats
FH Potsdam, Sigmund-Freud Professur für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie
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Es gibt 16 Rezensionen von Hermann Staats.

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Zitiervorschlag
Hermann Staats. Rezension vom 01.01.2007 zu: Christoph Werner, Arnold Langenmayr: Die Bedeutung der frühen Kindheit. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. ISBN 978-3-525-45007-9. Reihe: Psychoanalyse und Empirie, Band 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3546.php, Datum des Zugriffs 16.05.2022.


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