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Hilarion G. Petzold, Lotti Müller (Hrsg.): Supervision in der Altenarbeit, Pflege & Gerontotherapie

Cover Hilarion G. Petzold, Lotti Müller (Hrsg.): Supervision in der Altenarbeit, Pflege & Gerontotherapie. Brisante Themen - Konzepte - Praxis - integrative Perspektiven. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2005. 224 Seiten. ISBN 978-3-87387-626-2. D: 22,50 EUR, A: 23,20 EUR, CH: 39,50 sFr.

Aus: Zeitschrift Integrative Therapie ; Jg. 31. 2005.
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Thema, Hintergründe und Autor

Die Überalterung der Gesellschaft ist ein hinlänglich bekanntes und beschriebenes Faktum. Die Konsequenzen werden allerdings häufig einseitig diskutiert: zu den Auswirkungen auf den finanziellen Sektor, hier vor allem auf das Gesundheits- und Rentensystem werden ständig neue Szenarien entworfen. Sonstige soziale, z.B. schlicht zwischenmenschliche Wirkungen werden seltener bedacht. Die Professionen, die mit Betreuung, Pflege und Therapie alter Menschen befasst sind, reflektieren solche Veränderungen und bilden hoch spezialisierte Orientierungen und Instrumente aus. Allgemeine Kenntnisse und Fähigkeiten reichen nicht mehr aus, vieles muss "gerontospezifisch" neu bedacht werden. Es wird in Zukunft vor allem darum gehen, die Erkenntnisse der verschiedenen Disziplinen, die sich mit der Situation alter Menschen befassen, zu vernetzen und deren theoretisches Wissen und praktische Erfahrung zu vernetzen und füreinander anschlussfähig zu machen. Die Disziplinen müssen eine "Perspektive der Lebensspanne" entwickeln, die in vielen Bereichen (Psychotherapie, Familientherapie etc.) noch unterentwickelt ist.

Hier sehen die AutorInnen eine wichtige Aufgabe für Supervision: einen solchen Paradigmenwechsel in Richtung "mehrgenerationales Denken" zu initialisieren bzw. zu begleiten. Das geht, im Bereich der Gerontologie, nicht ohne fundierte Feld- und Fachkompetenz. Lange war man im Feld der Supervision davon überzeugt (und ist es z.T. heute noch!), die Feldkompetenz eine Supervisors bestehe in erster Linie in seiner "Felderfassungskompetenz", also darin, dass er in der Lage sei und über hinreichende theoretische Orientierungen verfüge, um sich in viele verschiedene Fachbereiche hineindenken zu können. Im Übrigen sei kommunikative Kompetenz und ein solides systemisches Konzept vonnöten. Demgegenüber betonen die AutorInnen: "Deshalb kann sich Supervision heute nicht mehr nur auf Förderung von Kommunikation und Kooperation etc. beschränken, besonders nicht in den Bereichen Altenarbeit und Pflege, wo ein so hoher Nachholbedarf an gerontologischem Wissen bei vielen MitarbeiterInnen und ein praxeologischer Qualifizierungsbedarf bestehen." (S. 5) Die AutorInnen fordern demgegenüber sach- und fachkompetente SupervisorInnen - eine Forderung, der ich mich als Supervisor, der schwerpunktmäßig in diesem Bereich arbeit, nur anschließen kann!

Hilarion G. Petzold muss als Autor kaum noch vorgestellt werden. Wer immer sich entweder mit Supervision oder mit Gerontotherapie je befasst hat, ist ihm längst begegnet. Man kann ihn gewiss als Wegbereiter des Faches Supervision und als überaus aufmerksamen und kritischen Begleiter von Entwicklungen in diesem Bereich bezeichnen. Neben vielen anderen Themen gilt seine wissenschaftliche Aufmerksamkeit seit mehr als 30 Jahren den Fragen der Sozialgerontologie und der "Entwicklungspsychologie der Lebensspanne".

Lotti Müller ist klinische und Gerontopsychologin in Zürich. Seit langem arbeit sie sowohl therapeutisch als auch forschend im gerontopsychiatrischen Bereich. Gleichzeitig ist sie Lehrtherapeutin für (die von Petzold inaugurierte) Integrative Therapie sowie Supervisorin.  [Weitere AutorInnendaten im Zusammenhang mit ihren jeweiligen Artikeln]

Aufbau und Inhalt

  • Nach einem einführenden Vorwort von Petzold/Müller eröffnet Klaus-Josef Knaus das Thema mit dem Aufsatz: "Zur Situation von Altenheimen in Deutschland - Materialien, Insiderperspektiven, Aufgaben für die Supervision". Knaus arbeitet am "Zentrum für Psychosoziale Medizin" der Donau-Universität Krems, dessen Studiengang "Supervision im Gesundheitswesen" Petzold leitet. Er liefert wichtige Daten und Fakten, die für SupervisorInnen unentbehrlich sind, die im Bereich der Altenpflege arbeiten wollen. In seiner Zusammenfassung schreibt Knaus: "Ohne eine spezifische "Feldkompetenz", die eine hohe "intergenerationale Kompetenz und Performanz" einschließen muss, sollte man in diesem Feld als Supervisor/Supervisorin nicht tätig werden." (S. 23)
  • Es folgt ein hoch spannender Aufsatz der HerausgeberInnen unter dem Titel: "Der permanente Skandal - gefährliche Pflege, sozialtoxische Kontexte, maligner Burnout. Verletzte Menschenwürde und dehumanisierende Heimsituationen - in Tirol und überall." Die AutorInnen bezeichnen ihre Arbeit als "Felderkundung" mit sozialwissenschaftlichem und supervisorischem Instrumentarium. Das Thema ist prekär: es geht um Gewalt gegen alte Menschen in Heimen. Zu diesem Zweck werden Dokumente und Interviews mit Pflegekräften analysiert. Die "Tiroler Interviews" bieten einen exemplarischen Blick auf die Wirklichkeit in Heimen, der mit Ergebnissen der Gerontologie auf dem Hintergrund gesellschaftlicher Bedingungen von Pflege reflektiert wird. "Riskante Pflege", "Inhumanität in sozialtoxischen Kontexten" sind Stichwort, die auf die Brisanz des Themas hinweisen.
  • Jutta Stahl von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich hat einen Beitrag zum Thema "Multimodale Depressionsbehandlung in der Tagesklinik für Alterspsychiatrie und -psychotherapie" geschrieben. Der Titel mag SupervisorInnen abschrecken, weil sie vermuten, das sei nun zu speziell, als dass es für sie von Interesse sein könnte. Auf dem Hintergrund der Notwendigkeit von Fachkompetenz ist es aber m.E. von einiger Bedeutung, wenn Supervisoren über Faktoren Bescheid wissen, die Depressionen aufrechterhalten, statt depressive Teufelskreise zu durchbrechen.
  • Gemeinsam mit Peter Varevics schreibt Petzold über "Leben und Tod, Altern und Sterben, Leid, Trost, Sinn. Hilfen für therapeutische, beraterische und supervisorische Suchbewegungen". Varevics ist Teilnehmer des Studiengangs Supervision an der Freien Universität Amsterdam, den Hilarion G. Petzold leitet. Es ist eine Stärke von Supervision, das sie einen Raum bietet, über Dinge zu sprechen, die im Alltag selten oder nie Thema werden. Supervision im Kontext einer "gerontotrophen" Gesellschaft und gerontologischer Professionen thematisiert gesellschaftliche Tabuthemen: Tod, Leid, Altern, Sterben etc. Diese Themen sind aber nicht nur für SupervisandInnen von existentieller Bedeutung, sondern auch für SupervisorInnen - auch das wird in diesem Beitrag reflektiert. Die Autoren geben wichtige Hilfen für den Umgang mit diesen "schwierigen" Themen.
  • Eine ähnliche Perspektive zeichnet auch Petra Sange mit einem Beitrag aus der "Europäischen Akademie für psychosoziale Gesundheit" in Düsseldorf mit dem Thema "Integrative Supervision zum Thema Sterben und Tod in der Ausbildung junger Krankenschwestern und -pfleger". Dabei geht sie von zwei grundsätzlichen Beobachtungen aus: zum einen vom Wandel im Kliniksektor, der eine ständige Balance von technisch Machbarem, ethisch Vertretbarem und ökonomisch Bezahlbarem erfordert. Zum anderen von der Beobachtung, dass das Thema Tod und Sterben, jedenfalls in einer das eigene Leben tangierenden Realität, aus der Kultur Jugendlicher weitgehend ausgeblendet ist. Junge Krankenschwestern und -pfleger sind daher auf die Begegnung mit Alter, Tod und Sterben denkbar schlecht vorbereitet. Eine Supervision, die hier hilfreich begleiten soll, muss diese Themen selbst intensiv reflektieren.
  • Eine empirische Studie beschließt den Band. Lotti Müller, Hilarion G. Petzold und Ursula Schreiter-Gasser (Ärztin im Gerontopsychiatrischen Zentrum der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich) beschreiben "Supervision im Feld der klinischen und sozialgerontologischen Altenarbeit. Eine explorative Multicenterstudie in der Deutschschweiz". Wie schon in anderen Studien, an denen Petzold maßgeblich beteiligt war, wird auch hier die Effektivität von Supervision kritisch überprüft - mit bedenkenswerten Ergebnissen, die in jedem Fall die eingangs erhobene Forderung stützen, dass SupervisorInnen in diesem Arbeitsbereich ohne Feldkompetenz und gerontologisches Fachwissen kaum hilfreich sein können.

Diskussion

Altenpflege ist nach meiner Beobachtung ein Bereich, in dem Supervision stark gefragt ist. Gerade weil Pflegeteams durch ihre Arbeitsbedingungen sehr belastet sind, wird ihnen eine externe Beratung und Begleitung häufig ermöglicht. Das umso mehr, wenn zusätzliche Belastungen dazu kommen: gerontopsychiatrischer Pflegebereich, Palliativmedizin etc. Die mit Alter, Krankheit und Sterben verbunden Themen belasten allerdings nicht nur die Pflegenden, sondern auch die Beratenden und erfordern auf beiden Seiten besondere Kompetenzen. Pflegekräfte erwerben die im Allgemeinen durch besondere Fortbildungen. Aber wie werden SupervisorInnen kompetent für diesen Themenkomplex? Dafür bietet der vorliegende Band, jedenfalls was den theoretischen Kompetenzgewinn betrifft, gute Möglichkeiten. Um es deutlicher zu sagen: wer in diesem Feld supervidieren will, sollte das Buch lesen! Und er/sie wird es mit großem Gewinn tun.

Dazu muss man allerdings Widerstände überwinden - vielleicht erging es aber auch nur mir so. das Buch bietet über viele Seiten (etwa in den Interviews) eine Schriftgröße, die an Datenschutz grenzt. Es sind unheimlich (!) viele Buchstaben auf einer Seite. Das ist nicht einladend, nicht einmal für jemanden, der gern liest. Und dazu kommt, dass jedenfalls Petzoldrecht kreativ mit Sprache umgeht, was die Lektüre auch nicht eben erleichtert. Aber die Überwindung eigener Widerstände führt ja so manches Mal zur Wahrnehmungserweiterung und zum Kompetenzgewinn. Ich kann also nur Mut machen, den spannenden Band zu lesen - und zwar möglichst ganz!

Fazit

Ein für genau den Bereich, den es im Titel bezeichnet, notwendiges, hilfreiches und lesenswertes Buch!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 11.04.2006 zu: Hilarion G. Petzold, Lotti Müller (Hrsg.): Supervision in der Altenarbeit, Pflege & Gerontotherapie. Brisante Themen - Konzepte - Praxis - integrative Perspektiven. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2005. ISBN 978-3-87387-626-2. Aus: Zeitschrift Integrative Therapie ; Jg. 31. 2005. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3547.php, Datum des Zugriffs 19.07.2019.


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