socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Birgit Stappen (Hrsg.): Begleitung pflegebedürftiger und an Demenz erkrankter Menschen [...]

Cover Birgit Stappen (Hrsg.): Begleitung pflegebedürftiger und an Demenz erkrankter Menschen und ihrer Angehörigen. Matthias-Grünewald-Verlag (Mainz) 2005. 136 Seiten. ISBN 978-3-7867-2580-0. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 34,80 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


AutorInnen in Reihenfolge der Beiträge

  • Drs. theol. Gottfried Michelbrand OP - Dominikanerpater, Supervisor, Therapeut, Ethiker, Krankenhausseelsorger im Malteserkrankenhaus Bonn 
  • Prof. Dr. Birgit Stappen - Professorin für Psychologie und Gerontologie, Katholische Fachhochschule Mainz
  • (Ohne Autorenportrait:) Alfred Becker-Dernier, Ursula Lehr. Ulrich Moser, Valentin Doering

Thema

Die Themen Pflegebedürftigkeit und Demenzerkrankungen gehören in der aktuellen Diskussion um den demografischen, sozialen und gesundheitspolitischen Wandel zu den größten Herausforderungen, mit denen sich die Gesellschaft und jeder Einzelne auseinander setzen muss. Beides sind angstbesetzte und das Leben bedrohende Themen und für Sozial- und Gesundheitspolitik von höchster Brisanz. Es gibt aktuell zahlreiche Veröffentlichungen aus unterschiedlichen Professionen zu den beiden Themen, vor allem zu den verschiedenen Aspekten der Pflege- und Versorgungsprozesse mit Blick auf die Sicherstellung von Lebensqualität und den längeren Verbleib in häuslicher Umgebung. Auch dieses Buch behandelt diese Thematik und nimmt den Aspekt der Begleitung pflegebedürftiger und demenzerkrankter Menschen und ihrer Angehörigen in den Mittelpunkt. Die AutorInnen wollen durch unterschiedliche Zugänge (Wissenschaft / Forschung, Seelsorge und Angehörigenperspektive) Erklärungsansätze zum besseren Verständnis der Situation geben, Bewältigungsmöglichkeiten aufzeigen und vor allem Mut machen zur Begleitung.

Aufbau

Einem kurzen Vorwort der Herausgeberin folgen 8 in sich abgeschlossene Beiträge von 6 AutorInnen sowie ein Hinweis auf weiterführende Literatur. Kapitel I ist der Erfahrungsbericht eines Krankenhausseelsorgers aus seiner 30jährigen Berufserfahrung. In Kapitel II werden psychosoziale Qualitätsstandards für eine Betreuung und Begleitung in häuslicher Pflege vorgestellt. Kapitel III fokussiert die Situation von Menschen mit Demenz, gibt Erklärungsansätze, zeigt Hilfen für den Umgang mit Demenzerkrankten und erklärt verschiedene Wohn- und Lebensformen. Kapitel IV führt in das Leben eines pflegenden Angehörigen, der seine Erfahrungen und sein Wissen bündelt, um Hilfestellung zu geben und Mut zu machen. Kapitel V will den Blick auf eine tiefere Sinndimension lenken, "Leidbewältigung als Sinnerfüllung". Kapitel VI gibt Aufschluss über den demografischen Wandel, die daraus resultierenden Herausforderungen und zeigt die Bedeutung und die Notwendigkeit der auszubauenden Interventionsgerontologie auf. Kapitel VII beleuchtet "Pflege und Begleitung verwirrter alter Menschen aus theologischer Sicht" und Kapitel VIII beschließt mit Gedanken zum Thema "In Glaube und Würde leben und sterben".

I. Leben, von dem es sich lohnt zu erzählen - Erfahrungen eines Seelsorgers (Gottfried Michelbrand)

Pater Gottfried nimmt in einem Interview Stellung zu den Fragen: Welche Erfahrungen ermutigen zu einem 30-jährigen Einsatz für kranke und pflegebedürftige Menschen? Wo gibt es besondere Herausforderungen, Grenzen, Schwierigkeiten und Belastungen? Welche Erfahrungen verbinden sich speziell mit dem Thema Pflegebedürftigkeit, mit den Betroffenen, ihren Angehörigen und Begleitern? Was hat sich in einer solchen Situation als hilfreich aus seelsorgerlicher Sicht erwiesen? Wie gestaltet sich die letzte Wegstrecke im Blick auf die Endlichkeit und Endgültigkeit des Daseins? Gibt es Menschen, die sich den Tod wünschen? Welche Bedeutung hat der christliche Glaube für die Bewältigung dieser Aufgabe? Was hält ein Priester der Forderung nach aktiver Sterbehilfe entgegen? Das Interview erscheint im Originalton, die Beantwortung der Leitfragen erfolgt narrativ, ohne unmittelbar auf einzelne Fragen zu antworten und ohne erkennbare Zwischenfragen. Er schildert Gespräche und Begegnungen aus seinem Klinikalltag, überwiegend mit PatientInnen, bei denen ein inoperabler Tumor diagnostiziert wurde. Es sind zumeist erste Begegnungen mit Menschen in der letzten Phase ihres Lebens, mit Angehörigen, die durch die Begegnung mit dem Tod auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit bewegt, aber auch mit ehemaligen PatientInnen, die er noch heute im Altenheim oder in häuslicher Umgebung begleitet. Es sind kurze Sequenzen vom Leben und Sterben dieser Menschen und seiner facettenreichen Begleitung, die vom Gedanken der Lebensbewältigung aus dem Glauben heraus getragen sind, mit Blick auf das Wesentliche, viel Einfühlungsvermögen, hoher Wertschätzung gegenüber dem Geworden-Sein der einzelnen Menschen und Respekt vor Entscheidungen der Erkrankten sowie der Angehörigen. Er lässt begreifen, wo Begleitung ansetzen kann und gleichsam, wo Grenzen erscheinen und zu akzeptieren sind.

II. Psychosoziale Qualitätsstandards für die Pflege zu Hause - Wissen und Wege zu mehr Lebensqualität (Birgit Stappen)

Als Ergebnis empirischer Untersuchungen der Katholischen Fachhochschule Mainz werden daraus entwickelte pflegewissenschaftlich wichtige Standards (10 Kategorien) für eine qualitätsvolle Betreuung und Begleitung in der häuslichen Pflege vorgestellt und erläutert:

  1. Lebensqualität
  2. Autonomie
  3. Soziale Teilhabe der Pflegebedürftigen und seiner Angehörigen
  4. Entwirren komplexer emotionaler Erlebnisinhalte
  5. Vertiefte Kommunikation
  6. Familien als System
  7. Soziale Beratung
  8. Bewusste Auseinandersetzung mit der Endlichkeit und Endgültigkeit des Daseins
  9. Sich als Mann oder Frau fühlen
  10. Interkulturelle Pflege/Religiosität.

Die Autorin beschreibt Voraussetzungen, was zu beachten und worauf zu achten ist bei der Verwirklichung der Ziele, benennt konkrete Aufgaben des Begleiters/Begleitteams und gibt Hilfen durch praktische Empfehlungen. Sie geht auf die christlich humane Grundhaltung des Begleiters, die erforderlichen Kompetenzen sowie auf die Erfahrungen und den Umgang mit der eigenen Person ein. Die Standards wurden entwickelt, um die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen und Angehörigen nach Sicherheit, Zugehörigkeit, Wertschätzung, Respekt, Autonomie und Entscheidungsfähigkeit besser zu befriedigen.

III. Die Pflege von Menschen mit Demenz - Verstehenshilfen, Erklärungsansätze, hilfreiche Umgangsformen, zu empfehlende Lebensweise (Birgit Stappen)

Die Autorin beschreibt Herausforderungen und psychische Belastungen, die ein Leben mit Demenz mit sich bringen und was unter Demenz zu verstehen ist. Es folgen eine entwicklungspsychologische Deutung des Verwirrtheitssyndroms sowie einige tiefenpsychologische Erklärungsansätze. Bevor sie in einem zweiten Abschnitt auf Hilfen für den Umgang eingeht, nimmt sie Bezug auf die Interventionsgerontologie von Ursula Lehr und zieht aus den Grundannahmen generelle Schlussfolgerungen für den Umgang mit Demenzerkrankten. Im zweiten Abschnitt beschreibt sie therapeutische Hilfen wie verhaltensorientierte Techniken, deren theoretischer Hintergrund klassische Lerntheorien (operantes / klassisches Konditionieren) sind, Milieutherapie, kognitiv orientierte Rehabilitationsstrategien, Körper-, Musik- und Kunsttherapie wie auch kreatives Gestalten, Biografiearbeit und Validation, deren allgemeine Techniken (Naomi Feil) sie vorstellt. Für einige Hilfen gibt sie ein Beispiel aus der Praxis. Der dritte Abschnitt lenkt den Blick auf "Integrative Konzepte des Wohnens und Begleitens" für Menschen mit Demenz. Sie unterstreicht die Notwendigkeit von differenzierter Zugangsweise und Begleitung sowie von vernetzten, möglichst individuellen, dem Erkrankungsstadium angepassten Dienstleistungs- und Unterstützungsangeboten. Sie benennt verschiedene Entlastungsangebote, um den Verbleib in häuslicher Umgebung so lang wie möglich zu gewährleisten, erinnert aber auch an die Gefahr der Überforderung in Familien und beschreibt Angebote der stationären Hilfe, wenn eine häusliche Pflege nicht mehr möglich ist. Abschließend folgen Empfehlungen für die Praxis (Tom Kitwood) aus dem Qualitätshandbuch "Leben mit Demenz" 2002 (Kuratorium Deutsche Altershilfe Köln).

IV. Pflegerisches Zwischenspiel: "Unsere eigene kleine Privatklinik" (Alfred Becker-Dernier)

Der Autor schildert die langjährige häusliche Pflege seiner 70-jährigen Ehefrau, die nach einem schweren Treppensturz 1996 (Diagnose: Schädelbruch verbunden mit Quetschungen und Blutungen) pflegebedürftig wurde. Sehr wortgewandt und die medizinische sowie pflegerische Fachterminologie (mittlerweile oder schon vorher?) beherrschend, schildert er die Vorgeschichte der Pflegebedürftigkeit, die Krankenhaus- und Reha-Odyssee begleitet von Fortschritten und zahlreichen Rückschlägen des Gesundheitszustandes seiner Frau bis zur Aufnahme in "Unsere eigene kleine Privatklinik", die gut vorbereitet mit Hilfe einer Brückenschwester eines Krankenhauses entstand. Er bezeichnet sich als Selbstständiger, der eine "höchst persönlich-individuelle Privatklinik" leitet, "unterstützt und instruiert vom Hausarzt" und "mit einem Stab freier Mitarbeiter Ihrer Wahl". Er schildert seine Funktionen, Pflichten und die menschliche Seite in der häuslichen Gemeinschaft und macht eine "Verlust- und Gewinnrechnung" [Anm.: Reihenfolge!] in den persönlichen Verhältnissen als pflegender Angehöriger auf. Es folgen zahlreiche Erklärungen und Empfehlungen von der Informationsbeschaffung über Organisationsfragen, Formalitäten bis hin zu praktischen Informationen wie das Einrichten eines Pflegeplatzes oder den Umgang mit einer verstopften PEG-Sonde in der künstlichen Ernährung. 8 Jahre nach dem Unfall (2004) lag seine Frau im Wachkoma, verblieb in der "kleinen Privatklinik" und schlief dort im Juni 2005 ein.

V. Wie Leben gelingen kann - Leidbewältigung als Sinnerfüllung (Birgit Stappen)

Leitend für dieses Kapitel ist die Logotherapie von Viktor Frankl, die in besonderen Lebens- und Krisensituationen Hilfen zu einem sinnerfüllten Leben anbieten und Möglichkeiten aufzeigen kann, "wie Leben bis zuletzt gelingen kann". Die Autorin setzt nochmals wesentliche Grundgedanken (wie bereits in anderen Beiträgen) in den Kontext Pflegebedürftigkeit. Es geht um die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Sinn des Daseins in schweren Zeiten, die Chance einer Neuorientierung, um "Werte" des Lebens - "Sinnoptionen" für die es sich zu leben lohnt (Frankl) und die Verwirklichung von "Wertkategorien" und die dafür wichtigen Voraussetzungen. Den für die emotionale Bewältigung wichtigen Aspekt Trauer/Trauerbewältigung führt sie hier näher aus, da er eine wichtige Voraussetzung ist, das Leben als Pflegebedürftiger bzw. die Rolle des pflegenden Angehörigen als Herausforderung annehmen bzw. als Lebensaufgabe meistern zu können. Sinn kann jedoch nicht von außen gegeben werden, sondern muss von jedem selbst "aufgespürt, gefunden" und manchmal erst mühsam erarbeitet werden. Sie stellt daher nochmals die Bedeutung der Seelsorge für das Entwickeln einer Lebensbilanz, das Entdecken des inneren Sinnzusammenhangs von Ereignissen und der Aufgaben eines Lebens heraus und erinnert an Religiosität als eine Kraftquelle zur Bewältigung des Schicksals.

VI. Älter werden in Zeiten des demografischen Wandels - eine Herausforderung (Ursula Lehr)

Nach einleitenden Worten zum demografischen Wandel und den Herausforderungen unserer alternden Welt erinnert die Autorin an die Möglichkeiten der Gesellschaft und vor allem auch des Einzelnen, positiv Einfluss zu nehmen, "wie wir älter werden", aber auch an die Verpflichtung, diese wahrzunehmen. Sie analysiert unter 4 Aspekten unsere "alternde Welt" ("Die Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung" - "Nicht nur der Einzelne wird älter, wir leben in einer alternden Welt" - "Das Verhältnis zwischen den Generationen hat sich verändert" - "Altern muss nicht Hinfälligkeit und Pflegebedürftigkeit bedeuten"), zeigt in einem zweiten Teil die Bedeutung und Notwendigkeit von Interventionsmaßnahmen auf ("Die Bedeutung der Interventionsgerontologie: Langlebigkeit verpflichtet - Den Jahren Leben geben!") und führt die 4 Säulen ihrer Interventionsgerontologie (Optimierung der Entwicklung, Prävention, Rehabilitation, Management der Situation) allgemein und unter Berücksichtigung der Situation von Demenzerkrankten aus, die es dringend auszubauen gilt. Besonderes Gewicht in ihren Ausführungen hat der Präventionsgedanke, allen voran die Primärprävention, im Hinblick auf Erhalt der Selbstständigkeit im Alter und angesichts der Grenzen der Familienpflege sowie im Hinblick auf eine Vermeidung oder Verzögerung von dementiellen Prozessen. Ein Beitrag, der die wichtigsten Fakten zum Thema komprimiert zur Verfügung stellt, u.a. interessante Studienergebnisse zum Wert von bewegungsorientiertem und kognitivem Training in Bezug auf dementielle Erkrankungen anführt und eine Literaturangabe zur Vertiefung bereit hält.

VII. Pflege und Begleitung verwirrter alter Menschen aus theologischer Sicht (Ulrich Moser)

Einleitend erinnert der Autor an die zunehmenden Diskussionen, die vor allem das Leben von Menschen mit schwersten hirnorganischen Störungen in ihrem Wert infrage stellen und die ökonomische Belastung für die Gesellschaft in den Blick nimmt. Diese Gedanken führen unweigerlich zum Menschenbild bzw. den zahlreichen nebeneinander existierenden Menschenbildern in unserer Gesellschaft. Moser wendet sich dem christlichen Menschenbild zu und führt einzelne Aspekte näher aus - tragende und Mut machende Botschaften des Glaubens besonders in Zeiten von Not und Krankheit, aber auch verpflichtend für alle und jeden Einzelnen, so Moser, die Not eines jeden Menschen zu erkennen und ihm zu einer menschenwürdigen Existenz zu verhelfen. Dazu gehört eine große Sensibilität für die spirituellen Bedürfnisse, die "alle Dimensionen menschlichen Lebens" betreffen und "im Grunde nur durch die Hingabe an Gott 'befriedigt' werden können". Er erläutert einzelne spirituelle Bedürfnisse, die sich besonders mit dem Altern ergeben können, und bietet Antworten aus religiöser Perspektive. Der nächste Abschnitt konzentriert sich auf die Begleitung bei Demenzerkrankten, die schnell aufgrund der Defizitsicht eine Grenze erfährt, wenn die Sorge als "Sinn"-Sorge verstanden wird und an geistige Fähigkeiten anknüpft. Er wendet sich der Kommunikationsfähigkeit und dem Kommunikationsbedürfnis von Demenzerkrankten zu, zeigt Wege der Ansprache und Begleitung auf und erinnert an die grundlegenden spirituellen Bedürfnisse von Demenzerkrankten, die er "nicht aus sich heraus alleine befriedigen kann, sondern … dazu der Zuwendung Gottes bedarf, vermittelt durch Mitmenschen". Begleiten fordert daher die Bereitschaft, neue Formen vor allem in Kommunikations- und Beziehungsgestaltung zu entwickeln. Elementar in der Begleitung ist das Wissen um die Lebens- und auch individuelle Glaubensgeschichte, da religiöse Vollzüge häufig die lange ansprechbare emotionale Seite berühren. Begleitung kann, so Moser, aber nur geleistet werden, wenn die eigene Angst vor einem solches Schicksal "angeschaut und ausgehalten werden kann in dem Vertrauen, dass vor Gott auch dieses Leben unbedingten Sinn und Wert hat". Nur so ist Begegnung mit gegenseitigem Geben und Nehmen möglich.

Schlusswort: In Glauben und Würde leben und sterben (Valentin Doering)

Wenn besonders in Krankheit und Not die Angst vor der Sinnlosigkeit des Lebens und die Furcht, dem Menschen nicht mehr vertrauen zu können und ihm ausgeliefert zu sein, das Leben infrage stellen, dann muss es, so Doering, das innerste Anliegen eines Helfenden sein, "… die Sinnspuren des Lebens zu erschließen oder zum Leuchten zu bringen und einen Raum des Vertrauens zwischen Menschen zu schaffen" und um den Gedanken in Bezug auf die Begleitung zu vervollständigen, sei gleich sein letzter Satz angefügt "…Dazu müssen einander helfende Tat und sinnvermittelnder Glaube sich verbinden". Er bietet weiterhin Ausführungen zu Leid/Leiden im Licht des christlichen Glaubens ("Das Leid als Erfahrung der Heillosigkeit" - "Das Leid ist in Jesus Christus aufgehoben" - "Leid im Vertrauen bestehen").

Würdigung

Die Beiträge bieten aus Sicht der theologisch nicht vorgebildeten Rezensentin ein umfangreiches theoretisches und praktisches Wissen, das erheblich zu einem verbesserten Verständnis der Situation und der Betroffenen beiträgt, und halten zahlreiche Bewältigungshilfen bereit. Die Ausführungen zur Logotherapie, hier im Kontext Pflegebedürftigkeit, gehören für die Rezensentin mit zu den wertvollsten Inhalten, da sie besonders in unserer heutigen Zeit, wo Quellen der Sicherheit, Zuversicht, Orientierung und Motivation rar sind, wichtige Hilfestellung bieten. Auch die Darstellung über Trauer/Trauerbewältigung, vor allem antizipierende Trauer im Zusammenhang mit pflegenden Angehörigen von Demenzerkrankten, ist von großer Bedeutung in der Begleitung. Die theologischen Beiträge schaffen vor allem den Transfer des Wortes "Würde" in den Alltag, zeigen Religiosität als Kraftquell und geben Antworten auf religiöse Fragen und spirituelle Bedürfnisse. Vielleicht kann dieses Buch dazu beitragen, dass sich Seelsorge und andere Professionen vor allem im häuslichen Bereich mehr vernetzen und ggf. neue Kooperationen und Begleitansätze entstehen. Die verschiedenen Zugänge haben gezeigt, dass für eine ganzheitliche Begleitung ein multidisziplinäres und interdisziplinäres Begleitteam mit einer belastbaren und anhaltenden Vernetzung sowie einem effektiven Management erforderlich ist, und von Begleitern neben einer hohen Fachlichkeit auch über die eigene Profession hinaus, Managementkompetenzen und breite Kontakte für ein tragfähiges Begleitnetz sowie eine hohe "persönlich-soziale und emotionale Kompetenz" (Stappen) verlangt. Begleitung setzt hier hohe Maßstäbe und braucht vorbereitende Ausbildung, regelmäßige Fortbildung und vor allem ZEIT.

Die folgenden Anmerkungen sind als konstruktive Hinweise für eine hoffentlich notwendig werdende Neuauflage gedacht:

  • Der Titel "Begleitung pflegebedürftiger und an Demenz erkrankter Menschen …" ließ eine Fokussierung auf Demenz erwarten.
  • Die Zielgruppe ist nicht klar definiert. Vorwort und Klappentext sprechen nur von "Begleitung" und in einzelnen Beiträgen wird von Begleitern, zeitweise von Helfenden in Pflege und Seelsorge und Begleitenden im Haupt- und Nebenamt … gesprochen und die Qualitätsstandards sprechen von Betreuenden und Begleitenden in der Überschrift. Im Vorwort lässt der Hinweis zum Beitrag des pflegenden Angehörigen, das dieser "… zu dieser Aufgabe ermutigen möchte", sowie der Beitrag selbst vermuten, dass auch Angehörige zur Zielgruppe gehören, gleichzeitig werden diese aber im Titel als zu Begleitende eingeschlossen. Der Hinweis im Klappentext " … dabei ist es hilfreich, den christlichen Glaube als Kraftquelle und Ermutigung zu begreifen" lässt nicht den Anteil der Beiträge zur Begleitung aus religiöser Perspektive erkennen. In der Verlagsankündigung ist nur unter dem Link Neuerscheinungen II/2005 zu erkennen, dass es unter "pastorale Praxis" geführt wird. Dies lässt mehr auf die Zielgruppe Seelsorger/Seelsorgerinnen und in der kirchlichen Arbeit tätige Begleiter schließen. Für Interessenten, die sich vielfach im Internet über Titel und Klappentext orientieren, sollte dies klarer zum Ausdruck kommen.
  • Es wäre ein Kurzportrait von allen AutorInnen hilfreich gewesen. Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Ursula Lehr ist Psychologin und Gerontologin mit weltweiter Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Verdienste auf beiden Gebieten. Bei Moser kann nur vermutet werden, dass es sich um den Theologen und Psychologen Dr. Ulrich Moser, Fachschule für Sozialpädagogik, Gengenbach, und bei Doering um Prälat Dr. theol. Valentin Doering, Ehrendomkapitular und Leiter des kath. Büros Bayerns handelt. Bei Becker-Dernier, pflegender Angehöriger, wäre interessant gewesen, ob und wo seine große Sprach- und Handlungsfähigkeit in der Biografie anknüpft.
  • Da Ausführungen zu Demenz in Beiträgen mehrfach erscheinen bzw. sich eine Gesamtsicht nur durch alle Beiträge erschließt, ist zu fragen, ob nicht ein einleitendes Kapitel über die Erkrankung hilfreich gewesen wäre, vor allem auch im Hinblick auf die hier unterschiedlichen Definitionen und Erklärungsansätze zur Demenz sowie die unterschiedlich genutzten Begrifflichkeiten im Verlauf der Beiträge (Verwirrtheitssyndrom, Alzheimer, Demenz, Bewusstseinseintrübung - Verwirrte, Demenzerkrankte, Menschen mit Demenz, etc.), die fachlich nicht versierte Leser verwirren können. Auch die mehrfach genannten Interventionsmaßnahmen hätten in diesem Kapitel vorgestellt und mit Hinweisen versehen werden können, wie z.B. kontrovers diskutierte Ansätze wie die Validation, die in Kapitel III und VII vorgestellt wird, aber nur in VII einen Zusatz trägt, dass es ein durchaus umstrittenes Konzept ist, bei ROT hätte auf die Bedenken durch die Konfrontation mit bestehenden Defiziten hingewiesen werden können etc. Auch wenn je nach Fachrichtung unterschiedliche Ansichten darüber bestehen, kann nur eine Gesamtsicht für Transparenz sorgen. Bisherige Ergebnisse aus Evaluationsstudien und Erkenntnisse zu Interventionseffekten hätte diesen eigenen wissenschaftlichen Teil dann noch bereichert.
  • Auf Seite 57 werden zwei Kostensätze, den eines Heimplatzes mit € 3.500 und den einer Zimmermiete von ca. € 300 in einer Wohngemeinschaft gegenübergestellt und dann darauf verwiesen, dass Behandlungspflege je nach Bedarf über ambulante Dienste eingebracht werden. Der nackte Zahlenvergleich ist so sicher unglücklich. Es wurden ja auch an keiner anderen Stelle Kosten direkt angesprochen.
  • Die Situation der Angehörigen ist gut berücksichtigt und lebt besonders auch von dem Mut machenden Beitrag des pflegenden Angehörigen, wobei das Bild dieses redegewandten, handlungsfähigen, nicht ängstlichen und äußerst kompetenten Angehörigen leider nicht typisch ist und die Inanspruchnahme der Leistungen, die glücklicherweise gute finanzielle Situation und das gut funktionierende professionelle Versorgungsnetz nicht die Regel. Es wird (Kapitel III S. 51) auf die vielfältigen Angebote hingewiesen, die einzelne Bundesländer besonders für Demenzerkrankte und pflegende Angehörige anbieten. Obwohl in den letzten Jahren die Angebote zugenommen haben, erreichen diese vielfach die Adressaten noch nicht. Begleiter brauchen daher auch Hintergrundwissen über vorhandene bzw. nicht vorhandene Zugangswege, Inanspruchnahme/Nicht-Inanspruchnahme von Leistungen, Gründe für Nicht-Inanspruchnahme, die unterschiedlichen Anforderungen von pflegenden Ehepartnern, Kindern (berufstätig oder nicht), Schwiegerkindern, zukünftig sicher auch über die Mehrgenerationenpflege etc. Mit diesem Wissen kann Begleitung noch individueller, zielgerichteter, präventiver erfolgen und vor allem die soziale Teilhabe pflegender Angehöriger von Demenzerkrankten verbessert werden.
  • Die Überschriften im Inhaltverzeichnis sind nicht alle identisch mit den Kapitelüberschriften, die ausführlicher sind.

Fazit

Dieses Buch wird man mehrfach zur Hand nehmen müssen. Es hat zahlreiche bekannte Fakten, aber es präsentiert nicht nur fertiges Gedankengut. Ist es auch in Bezug auf die theologischen Beiträge empfehlenswert für Menschen ohne christlichen Glauben? Ja - denn sie werden ihre Sensibilität für die religiösen und spirituellen Bedürfnisse der Menschen erhöhen und damit seelsorgerischen Kontakt, falls gewünscht, noch rechtzeitiger herstellen können.


Rezensentin
Anna Marita Bongartz
E-Mail Mailformular


Alle 8 Rezensionen von Anna Marita Bongartz anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Anna Marita Bongartz. Rezension vom 16.05.2006 zu: Birgit Stappen (Hrsg.): Begleitung pflegebedürftiger und an Demenz erkrankter Menschen und ihrer Angehörigen. Matthias-Grünewald-Verlag (Mainz) 2005. ISBN 978-3-7867-2580-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3555.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung