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Sabine Hebenstreit-Müller, Barbara Kühnel (Hrsg.): Integrative Familienarbeit in Kitas

Cover Sabine Hebenstreit-Müller, Barbara Kühnel (Hrsg.): Integrative Familienarbeit in Kitas. Individuelle Förderung und Zusammenarbeit mit Eltern. Dohrmann Verlag (Berlin) 2005. 176 Seiten. ISBN 978-3-938620-02-1. 17,90 EUR.
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Einführung ins Thema

Integration ist ein hochaktuelles Schlagwort: Jede Debatte, aktuelle Berichte, Rundfunk- und Fernsehbeiträge gebrauchen diesen Begriff, um Fragen der Eingliederung von Migranten in die bundesrepublikanische Gesellschaft zu diskutieren. Dagegen ist die Integration von Eltern in eine pädagogische Institution eher ungebräuchlich, wenn nicht sogar befremdlich. Und dennoch wurde der Begriff sicherlich gezielt gewählt, denn die hier beschriebene Zusammenarbeit zwischen Eltern und Erziehungspersonal geht weit über die üblichen Erwartungen von Kooperation hinaus.

In den vergangenen Jahren wurden viele Anstrengungen unternommen, um die Zusammenarbeit von Kindergarten und Elternhaus zu verbessern. Es sind vor allem die Bildungs- und Erziehungspläne der Länder, die für die Kindergartenerziehung eine Bildungspartnerschaft zwischen Erzieher/innen und Eltern nahe legen. Die vorgestellte "Integrative Familienarbeit" liefert dazu ein außergewöhnliches Konzept und zeigt auf, wie die Kooperation mit Eltern intensiviert werden kann.

Aufbau und Inhalte

Die vorliegende Veröffentlichung ist eine Zusammenstellung von 18 Einzelbeiträgen. Sie geben einen Einblick in die Erfahrungen, die bei der Zusammenarbeit von Eltern und Pädagogen/innen gewonnen wurden. In einem Modellprojekt wurden in der Kindertagesstätte Schillerstraße (in Berlin) des Pestalozzi-Fröbel-Hauses die Prinzipien der englischen Early Excellence Centres umzusetzen versucht. Dabei wurde im Laufe der Modellarbeit die Kindertagesstätte in ein Kinder- und Familienzentrum umgestaltet.

Die Kooperation zwischen Eltern, Erziehungspersonal und Kindern ist in dieser Einrichtung so eng aufeinander bezogen, dass Eltern, Erziehungspersonal und Kinder als Team bezeichnet werden können, das miteinander forschend Lern- und Bildungsmöglichkeiten auskundschaftet und ausbeutet.

Diese Teamarbeit folgt folgenden Prinzipien und methodischen Leitlinien:

  • Kooperation als Arbeitsprinzip
  • Zusammenarbeit mit Eltern als Qualitätsstandart
  • Von der Beobachtung zur individuellen Förderung
  • Dokumentation - Formen integrativer Elternarbeit.

Ein Anhang ergänzt das pädagogische Konzept und sichert es rechtlich ab, indem alle einschlägigen Paragraphen aus unterschiedlichen Gesetzestexten aufgelistet werden.

Im ersten Abschnitt legen die beiden Beiträge - "Eltern in der Kita" und "Kinder in der Kita" - die pädagogischen und psychologischen Grundlagen. Das methodische Vorgehen bei der Zusammenarbeit mit den Eltern wird am Konzept des "Loop" verdeutlicht, wie es im britischen Pen Green Centre praktiziert wird. Wie diese Ansprüche konkret im Kinder- und Familienzentrum an der Schillerstraße verwirklicht wurden, zeigen folgende zwei Beiträge: "Eine Kita öffnet sich für die ganze Familie" und "Orte der Zusammenarbeit".

Drei Einzelbeiträge berichten darüber, wie die pädagogische Qualität durch enge Zusammenarbeit mit den Eltern gewachsen ist. Zunächst wurde deutlich, dass eine solche Kooperation mit den Eltern zusätzliche Anforderungen an die Pädagoginnen stellt und daher kontinuierliche Weiterqualifikation erforderlich ist. Ein Vergleich der Eingewöhnung der Kinder im Kindergarten vor dem Modellprojekt mit den jetzigen Erfahrungen lässt deutlich werden, dass viele Verbesserungen erreicht werden konnten.

Die individuellen Fähigkeiten der Kinder fördern und die Interessen einzelner Kinder können von Pädagoginnen nur aufgegriffen werden, wenn möglichst umfängliche und genaue Beobachtungen durchgeführt werden. Daher werden im Abschnitt "Von der Beobachtung zur individuellen Förderung" ausführlich die Grundprinzipien der Beobachtung, Beobachtungsstudien und die Umsetzung der Beobachtung in Fördermaßnahmen aufgezeigt. Abgerundet werden diese Studien durch einen Bericht, der aufzeigt, wie es einer weiteren Kita gelingt, sich auf eine so intensive Zusammenarbeit mit den Eltern einzulassen.

Der Austausch von Erfahrungen, Anliegen, Wünschen und Belangen kann nur in dem Maße erfolgreich sein, wie es gelingt die Bildungsprozesse zu dokumentieren. Daher geht der folgende Abschnitt auf die Vielfalt der Dokumentationsformen ein, die im Kinder- und Familienzentrum eingesetzt werden, und die die Zusammenarbeit vertiefen.

Zielgruppe und Diskussion

Die unterschiedlich gestalteten Einzelbeiträge sollen vor allem den pädagogischen Fachkräften in Kindergärten zeigen, dass ein partnerschaftliches Miteinander zwischen Erziehungspersonal und Eltern möglich ist. Wie diese Zusammenarbeit organisiert und durchgeführt werden kann, zeigen anschaulich die praktischen Beiträge. Weiterhin wird deutlich, dass eine aktive Integration der Eltern ins pädagogische Geschehen der Einrichtung äußerst ertragreich für Kinder, Eltern und Erzieherinnen ist.

Herauszuheben ist insbesondere der Blick über den Tellerrand, denn hier wurde überzeugend dargelegt, dass die vorbildliche Zusammenarbeit mit den Eltern in den Early Excellence Centres auch in Deutschland realisiert werden kann. Zusätzlich erfährt der interessierte Leser bzw. die Leserin, wie es gelingen kann, anspruchsvolle pädagogische Prinzipien in einem Modellprojekt zu realisieren.

Die genannten Beiträge liefern die erforderlichen Grundlagen zum Verständnis des pädagogischen Konzepts und illustrieren praxisnah und anschaulich, wie sich der pädagogische Alltag vor Ort gestaltet.

Letzte Behauptung muss an einigen Stellen kräftige Einschränkungen hinnehmen: Denn die äußerst innovativen und weitgehend noch fremden Ansätze der Kooperation mit Eltern bräuchten dringend noch zusätzliche Erklärungen. Ganz sicherlich ist vielen Lesern/innen die Arbeit in den Early Excellence Centres nicht eingehend bekannt. Ein ausführlicher Einblick wäre hilfreich gewesen. Weiterhin bleiben die Rahmenbedingungen des Modellversuchs unklar: Wurden etwa wie in England ebenfalls Family Workers eingesetzt? Wie viel zusätzlicher Arbeitsaufwand ist bei einer derart intensiven Kooperation nötig? Sind die Eltern ohne Vorbehalt zu einer Integration bereit? Wie konnten auftretende Schwierigkeiten gelöst werden?

Fazit

Wer sich zäh und verbissen durch die Beiträge hindurcharbeitet, der erlebt einen Innovationssturm in der Elternarbeit, den dieses Projekt hervorrufen könnte. Leider wird durch unzureichende Abstimmung der Beiträge und durch geringen Gestaltungsaufwand in der Präsentation die Innovationskraft geschmälert. Trotz aller Einschränkungen möchte man der Veröffentlichung viele Leserinnen und Leser wünschen, weil in der Zusammenarbeit zwischen Erzieherinnen und Eltern in vielen pädagogischen Einrichtungen nur zaghafte Schritte unternommen werden oder sogar Vorbehalte und Ausreden eine Kooperation blockieren. Die Erfahrungen aus dem Modellprojekt beweisen: Eine engagierte Zusammenarbeit gibt dem pädagogischen Personal einen kräftigen Profilierungsschub, für die Kinder ergeben sich individuelle Bildungsimpulse und für die Eltern Unterstützung und Begleitung für ihren Erziehungsauftrag.


Rezensent
Michael Schnabel
Staatsinstitut für Frühpädagogik, München


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Zitiervorschlag
Michael Schnabel. Rezension vom 04.07.2006 zu: Sabine Hebenstreit-Müller, Barbara Kühnel (Hrsg.): Integrative Familienarbeit in Kitas. Individuelle Förderung und Zusammenarbeit mit Eltern. Dohrmann Verlag (Berlin) 2005. ISBN 978-3-938620-02-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3558.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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