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Siegfried Lamnek: Gruppendiskussion. Theorie und Praxis

Cover Siegfried Lamnek: Gruppendiskussion. Theorie und Praxis. UTB (Stuttgart) 2005. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 312 Seiten. ISBN 978-3-8252-8303-2. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.

3-621-27417-0 (Beltz).
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Thema

Die Gruppendiskussion (focus group) kann man definieren als "ein Gespräch einer Gruppe zu einem bestimmten Thema unter der Anleitung eines Moderators unter „Labor„-Bedingungen" (S.35). Sie ist eine sozialwissenschaftliche Forschungsmethode, die unter der Vielfalt möglicher Forschungsdesigns nicht gerade den höchsten Bekanntheitsgrad erreicht hat und viel seltener zur Anwendung kommt als etwa die Einzelbefragung. Vielleicht zu Unrecht, möchte man angesichts der von Siegfried Lamnek in seinem Lehrbuch zusammengefassten Anwendungsmöglichkeiten meinen, die für Soziologie und Psychologie ebenso interessant sind wie für Pädagogik, Politikwissenschaft oder Markt- und Meinungsforschung. Außerdem könne sie in quantitativ orientierter Forschung ebenso angewandt werden wie in empirischen Studien, die sich am sogenannten qualitativen Paradigma ausrichten.

Zielgruppe

Zielgruppe des Buches sind Studierende, WissenschaftlerInnen und AnwenderInnen aus der Marktforschung. Der Autor hat sich vorgenommen, "den „theoretischen“ Implikationen ebenso gerecht zu werden wie dem Bedürfnis der Praktiker nach konkreter Handlungsanleitung" (S.5).

Gemessen am Umfang der jeweiligen Kapitel, liegt der Schwerpunkt eindeutig auf den Anwendungsmöglichkeiten der Forschungsmethode.

Aufbau und Überblick

Nach drei kurzen einführenden Kapiteln zum Stand der Literatur, zur Geschichte und zum Stellenwert der Gruppendiskussion im sozialwissenschaftlichen Fächerkanon werden theoretischer Hintergrund, Methodologie und spezifische Konzeptionen in drei weiteren Kapiteln auf über 50 Seiten abgehandelt. Der anwendungsbezogene Teil des Buches nimmt dagegen über 200 Seiten in 9 Kapiteln in Anspruch. Eine nähere Betrachtung der Inhalte lässt diese Aufteilung angemessen erscheinen, sofern man die methodologischen und praktischen Probleme zugrunde legt, die es im Forschungsprozess zu lösen gilt.

Inhalt

  • Zunächst charakterisiert der Autor die Methode im Kanon sozialwissenschaftlicher Erhebungsverfahren und grenzt sie z.B. vom Gruppeninterview und der Gruppenbefragung ab. Außerdem differenziert er nach dem methodologischen Hintergrund: während die Gruppendiskussion im quantitativen Paradigma eine explorative oder nur illustrierende Funktion, oft komplementär zu anderen Methoden, einnehme, werde sie in qualitativen Studien meist im Rahmen von Befragungen eingesetzt. Hier steht der diskursive Austausch im Zentrum des Interesses. Beide o.g. Herangehensweisen unterscheiden sich wiederum von der Aktionsforschung, die den Zweck der Gruppendiskussion in der Vermittlung von Inhalten an eine Zielgruppe sieht. Die Methode ziele allgemein ab auf die Erforschung von Meinungen und Einstellungen einzelner TeilnehmerInnen, einer Gruppe als Ganzes oder, daraus schließend, auf gesellschaftliche Meinungen und Einstellungen. Während die individuelle Befragung die "öffentliche Meinung" aus dem Durchschnitt vieler einzeln abgefragter Meinungen bilde, gehe die Gruppendiskussion davon aus, dass sich Einzelmeinungen kontextuell, also gesellschaftlich und situativ bedingt bilden. Wenn diese Vorannahme zutrifft, ist es konsequent, Meinungen auch in einem sozialen Kontext zu erforschen. Ein solches flexibles, kommunikatives und reflexives Design biete die Gruppendiskussion. Sie bemühe sich, durch weitestgehende Annäherung an alltägliche Kommunikation besonders realitätsgerecht zu sein. Lamnek zeigt auch die Grenzen der "Natürlichkeit" der untersuchten Kommunikation auf: die Doppelachse der Interaktionen in der Diskussionssituation sei immer methodologisch zu berücksichtigen: Einerseits werde die Kommunikation zwischen den Untersuchungssubjekten erforscht, andererseits diejenige zwischen Untersuchungssubjekten und Forschenden.
  • Der Autor behandelt ausführlich die Planung von Gruppendiskussionen: Er stellt ein Beispiel für Kostenkalkulation, Zeit- und Personalplan vor. Diese für ein sozialwissenschaftliches Lehrbuch außergewöhnlichen Details sind sicherlich der Ausrichtung auf die Zielgruppe der kommerziellen Marktforscher geschuldet, können aber auch von Anfängern auf dem Gebiet mit Gewinn gelesen werden. Überhaupt legt Lamnek in den Kapiteln zur Forschungspraxis besonderen Wert auf organisatorische Einzelheiten, die übersichtlich in Checklisten zusammengestellt werden. Für die Gestaltung der Erhebungsinstrumente und die Auswahl der TeilnehmerInnen empfiehlt er unterschiedliche Strategien, die sich an das jeweilige Erkenntnisziel und methodische Design anpassen lassen. Bei der Durchführung der Gruppendiskussion steht die Moderatorenrolle im Mittelpunkt der Darstellungen, auch hier ist spürbar viel Erfahrungswissen eingeflossen.
  • Bei den Auswertungsstrategien unterscheidet Lamnek zwischen gruppendynamischen und inhaltlichen Konzepten. In der Regel würden Gruppendiskussionen inhaltsanalytisch ausgewertet. Den dafür zur Verfügung stehenden Verfahren mit unterschiedlicher analytischer Tiefenschärfe ist ein größeres Kapitel gewidmet, doch ist zumindest den AnwenderInnnen im wissenschaftlichen Bereich zu empfehlen, auch die angegebene Literatur zur konsultieren. Gruppendynamische Methoden wie Soziometrie oder Interaktionsanalyse werden in diesem Buch nur am Rande behandelt, was mit der seltenen Verwendung in der Praxis begründet wird. 
  • Unverzichtbar für jedes Methodenbuch ist mittlerweile das Einbeziehen computerunterstützter Analyseverfahren. Hier bietet Lamnek einen guten Überblick über die vorhandenen Softwareanbieter und die Programmstrukturen ihrer Produkte. Es fehlt auch nicht der mahnende Hinweis, dass Computer den Forschenden nicht die Mühsal der Interpretation abnehmen können. Die Skizzen einzelner Programme stehen wie bei jedem Buch vor dem Problem, dass sie bei Erscheinen des Druckerzeugnisses schon veraltet sind. Daher könnte man auf manche Details (das Programm erfordert "mindestens 32 MB Hauptspeicher", S.251) getrost verzichten und die Leserschaft auf das Internet verweisen, wo zusätzliche visuelle Informationen ohnehin das Verstehen der Programme erleichtern.
  • Neu in der zweiten Auflage ist das Thema Online-Gruppendiskussion. Es liegt auf der Hand, dass das Diskutieren im virtuellen Raum, das inzwischen ein Massenphänomen ist, auch zum Gegenstandsbereich der Sozialforschung zu zählen ist. Die auch vom Autor aufgeworfene Frage ist, ob dieses Phänomen mit dem herkömmlichen Instrumentarium der Gruppendiskussion zu erforschen ist oder ob der Cyberspace vielleicht ganz anderen Gesetzen gehorcht. Lamnek bejaht die Eignung für einfache Designs zur Informationssammlung, wie sie für die Marktforschung typisch sind. Für den sozialwissenschaftlichen Bereich wirft er einen Blick in die Zukunft: Mit der Weiterentwicklung des audiovisuellen Netzzugangs nähere sich die Internetkommunikation immer mehr der "natürlichen" an; folglich liege in Online-Gruppendiskussionen ein großes Entwicklungspotenzial für zukünftige Forschung.
  • Mit den "Zehn Geboten bei Gruppendiskussionen" endet das Buch: Die praxisnahen Ratschläge zu ethischen und rechtlichen Aspekten sollten bei allen LeserInnen Berücksichtigung finden.
  • Der Anhang ist eine Ergänzung zu den computerbezogenen Kapiteln. Er enthält eine nützliche Listen mit Softwareprodukten und Links (leider fehlt das Programm MaxQDA, obwohl es vorher ausführlich vorgestellt wurde). Rechtliche und ethische Richtlinien des ADM (Arbeitskreis dt. Markt- und Sozialforschungsinstitute) zur Aufzeichnung und Beobachtung von Gruppendiskussionen und für Online-Befragungen sowie ein Personen- und Sachregister ergänzen das Material.

Fazit

Das Lehrbuch ist durchweg auch für "Anfänger" verständlich geschrieben, ohne zu simplifizieren. Die Gliederung lässt erkennen, dass der Autor sich Gedanken über die Bedürfnisse seiner Leserschaft gemacht hat: Der theoretische Teil ist übersichtlich gehalten und kann gut "in einem Rutsch" gelesen werden; die Inhalte bauen aufeinander auf. Die Kapitel zu Detailfragen können auch für sich alleine gelesen werden. Grafisch hervorgehobene Zusammenfassungen am Ende eines jeden Kapitels erleichtern die Übersicht und das rasche Wiederfinden wichtiger Stellen enorm. Wenn auch an manchen Stellen der Spagat zwischen der akademischen Zielgruppe und den  MarktforscherInnen spürbar ist, überwiegt der Eindruck, dass der Blick über den Tellerrand letztlich beiden Gruppen mehr nutzt als Verwirrung stiftet. Inhaltliches Konzept, didaktische Umsetzung und die Aktualität der dargebotenen Informationen machen den Band insgesamt empfehlenswert.


Rezension von
Dipl.-Soz. Miguel Tamayo


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Zitiervorschlag
Miguel Tamayo. Rezension vom 04.07.2006 zu: Siegfried Lamnek: Gruppendiskussion. Theorie und Praxis. UTB (Stuttgart) 2005. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8252-8303-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3562.php, Datum des Zugriffs 19.10.2021.


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