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Wolfgang Schmidbauer: Lebensgefühl Angst - Jeder hat sie, keiner will sie.

Cover Wolfgang Schmidbauer: Lebensgefühl Angst - Jeder hat sie, keiner will sie. Was wir gegen die Angst tun können. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2005. 208 Seiten. ISBN 978-3-451-28615-5. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 33,40 sFr.
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Kernthese

Kernthese von Wolfgang Schmidbauers aktuellem Buch über das "Lebensgefühl Angst" ist, dass wir unsere Angst nur verstehen können, wenn wir wesentliche gesellschaftliche und kulturelle Faktoren berücksichtigen. Diese und individuelle Entwicklungsvoraussetzungen würden sich gegenseitig bedingen.

Inhalt

Auch wenn Schmidbauer im 1. Kapitel "Was ist Angst?" verschiedene Angstformen benennt ("Panik und Furcht", "Angst und Verlassenheitsgefühle", "Agoraphobie [Platzangst]", "Höhenangst [Akrophobie]", "Angst vor Eingesperrtsein und engen Räumen [Klaustrophobie]" "Gebundene Angst" und "Posttraumatisches Syndrom"), spricht er im folgenden zumeist von "der Angst". Ihr Kern wäre heutzutage eine Bedrohung unseres Selbstwertgefühls: Es handelte sich also nicht (mehr) um übersteigerte oder irrationale Ängste vor äußeren Bedrohungen, sondern um eine "narzisstische Angst" (vgl. S. 33f. und S. 39).

Unser Selbstwertgefühl wäre in unserer Zeit durch viele Umstände bedroht: So lebten wir in einer Gesellschaft, die uns größtmögliche Sicherheit und rasche Befriedigung unserer Bedürfnisse vorgaukle (Schmidbauer spricht von einer "in den Fortschritten der Industriegesellschaft immanente[n] Verwöhnung"; S. 100). Gleichzeitig würden wir uns in eine fatale Abhängigkeit begeben: die Gesellschaft gleichsam als verwöhnende Über-Mutter, von der wir nicht loskämen und die unsere freie Entfaltung erschwere: Diese "ambivalente Bindung" würde den Aufbau eines gesunden Selbstwertgefühls behindern: "Illusionen perfekter Symbiose entstehen." (S. 106). So hätten wir immer weniger Kontrolle über unsere Umwelt und unsere täglichen Gebrauchsgegenstände - wir lebten in beständiger Anspannung, dass ja nichts defekt würde: Während man sich bspw. bei Autopannen früher noch selbst behelfen hätte können, wäre dies bei der komplizierten Elektronik in modernen Autos so gut wie ausgeschlossen. Wir versuchten gegenzusteuern, indem wir letztlich Nebensächlichkeiten perfektionierten (- man sieht sich an die samstäglichen Autowasch-Rituale erinnert).

Auch der heutzutage oft unermessliche Entscheidungsspielraum hätte seinen Preis: Die Angst, Fehler zu machen oder Chancen zu verpassen, beeinflussten die Partnerwahl (Schmidbauer führt als Beleg hierfür die zunehmende Tendenz zum Single-Dasein an) und erschwerten die Entscheidung für eigene Kinder. Die Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft oder ein Kind wäre zur "Brutstätte von Ängsten" geworden (S. 54). Und das schwindende Vertrauen in den eigenen Körper korrespondierte mit den vielfältigen Diagnose-Methoden der modernen Medizin (Kapitel 12: "Angstmacher", womit die Ärzte gemeint sind).

Da Partnerschaften und auch Elternschaften immer schwieriger würden, würden Kinder auch unter zunehmend schwierigen Bedingungen aufwachsen. Zentrale Erfahrungen wären oft der fehlende "Austausch", ein Machtgefälle zwischen den Elternteilen, außerdem die eingeschränkte Kommunikation von Gefühlen. Damit aber wären wesentliche Voraussetzungen einer "strukturbildenden Identifikation" und die Entwicklung einer gesunden Beziehungsfähigkeit gefährdet (s. v. a. S. 67 ff.). Macht und Besitz träten an die Stelle liebevoller Beziehungen. Zudem erweise sich der in unserer Gesellschaft geförderte und geforderte Perfektionismus als übersteigerte, "manische" Angstabwehr, für die wir einen hohen Preis bezahlten: Nichts könnten wir gut sein lassen (Schmidbauer spricht vom "Hai-Syndrom", s. S. 41 ff.). Auch unsere Ansprüche an Beziehungen stiegen ins Unerfüllbare und ließen diesen kaum eine Chance.

Hier greifen entwicklungspsychologische und soziokulturelle Faktoren ineinander: Eltern, die in einer Gesellschaft leben, in der Kinder und das Engagement für Kinder nichts Selbstverständliches mehr sind; in der auch Partnerschaften zunehmend brüchig geworden sind; Eltern, die vielleicht zusätzlich an einer narzisstischen Störung leiden - und aus all diesen Gründen nicht im geforderten Masse auf ihre Kinder eingehen und deren Gefühle nur begrenzt validieren können; die kein Vorbild für eine gleichberechtigte Partnerschaft sein können; die ihre Kinder oft verwöhnen und auch auf diese Weise die Entwicklung eines guten Selbstwertgefühls erschweren; und dann Kinder, die sich später als Erwachsene ihrerseits schwer täten.

Deutschland, Italien und (weniger ausgeprägt) auch manche sozialistischen Länder hätten noch ein zusätzliches Problem: Für die jetzige Großelterngeneration wären eine Welt zusammengebrochen, eigene Ideale fragwürdig geworden und damit  auch keine Weitergabe gelebter und lebendiger Gefühle mehr möglich gewesen. Gleichzeitig wären die traumatischen Erfahrungen der Kriegsjahre über viele Jahrzehnte hinweg nicht verarbeitet worden (s. S. 65 ff.). Das hätte sich im großen Maßstab vollzogen und auch die Forschung hätte hieran ihren Anteil gehabt. Das Buch von Alexander und Margarete Mitscherlich "Die Unfähigkeit zu trauern" (aus dem Jahre 1967) wäre eine Ausnahme geblieben, Fritz Riemann dagegen hätte mit seinen "Grundformen der Angst" (von 1961) letztendlich auch eine Form von Angstabwehr betrieben, indem er die Ängste ins Astronomische "überhöht" hätte. (Kontrastierend stellt ihm Schmidbauer - am Beispiel von Borwin Bandelows 2004 veröffentlichtem "Angstbuch" - die moderne Form der Angstabwehr gegenüber: Angst werde nunmehr auf ein überwiegend neurobiologisches Phänomen reduziert.

Diskussion

Es gelingt Schmidbauer auf gut 200 Seiten sehr eindrücklich, eine Fülle von Bedingungen des modernen "Lebensgefühls Angst" nachzuzeichnen und dem Leser vor Augen zu führen, wie sie miteinander verwoben sind und in ihren wechselseitigen Abhängigkeiten eine Art Teufelskreis bilden: Der Versuch Angst abzuwehren, verhindere gesunden "Austausch". Macht- und Besitzstreben, Kontrolle und Perfektionismus zerstörten Beziehungen, machten von materiellen Gütern abhängig und provozierten ihrerseits Angst.

Teilweise liest sich das Buch wie eine "Summe" der bisherigen Veröffentlichungen Schmidbauers und zugleich als Kompendium vieler kulturkritischer Aussagen bekannter Autoren. Kein Thema scheint dabei ausgelassen: die Angst als Preis der Freiheit; die Kritik an der Konsumorientierung (- als Leser/in denkt man u. a. an Erich Fromms "Haben oder Sein" oder an die Bergpredigt: "Selig die Armen im Geiste"); die "Entfernung von der Natur" ("Entfremdung"!) und das "Unbehagen in der Kultur"; die Folgen einer allzu verwöhnenden Erziehungshaltung einerseits, die fehlende Aufarbeitung traumatischer Erfahrungen (wie der seelischen Folgen von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg) andererseits; die "Nemesis der Medizin" (Ivan Illich); Höflichkeit und "Mobbing", Seitenhiebe auf moderne Motivationstrainer und - mit Verweis auf König Lear - Tipps für Führungskräfte; Tätowierung und Piercing als "angstbekämpfende Rituale"; Klettern und das "Spiel mit der Angst" mit Hilfe TÜV-geprüfter Geräte (s. den Abschnitt "Der Kletterer" S. 139ff.); Skifahren (als "Mittel der Wahl gegen die Ängste der dunklen Jahreszeit" (S. 138) sowie - mit Goethe als Kronzeuge - "konstruktive Rituale gegen die Angst" (S. 98f.).

Schon die Überschriften der insgesamt 16 Kapitel verdeutlichen die Bandbreite von Schmidbauers Ausführungen: Von "Was ist Angst?" (Kapitel 1) über den "Mitmensch[en] als Angstquelle" (Kapitel 3) und die Frage "Kann ich diese Welt einem Kind zumuten?" (Kapitel 4) zur "Unfähigkeit zur Angst" (Kapitel 14) und zu "Wege[n] aus der Angst" (Kapitel 15) spannt sich ein weiter Bogen. Viele Aussagen möchte man doppelt unterstreichen, wie die folgende, mit Bezug auf das "Gesetz der optimalen Frustration" formulierte Warnung: "Wie meistens, wenn ein Rezept einfach klingt, steckt der Teufel im Detail." (S. 101).

Weniger überzeugt dagegen der (auf eine Seite beschränkte) Ausblick Schmidbauers (Kapitel 16: "Schluss: Generation Zuversicht?"): Schmidbauer drückt hier im letzten Satz seine Hoffnung aus, eine künftige Generation könnte "gelernt haben, die gefährliche Angst, ungerechte Privilegien einzubüßen, zugunsten der solidarischen Angst aufzugeben, nicht rücksichtsvoll genug mit den begrenzten Möglichkeiten unseres Planeten umzugehen, dieses an wenigen Stellen prekär mit Leben überwachsenen Stäubchens im All" (S.206): Wäre hier nicht "Transzendenz" im engeren Sinne gefordert? Diese Dimension vermisst der Rezensent.

Fazit

Insgesamt handelt es sich um ein sehr lesenswertes Buch: Trotz einiger weniger typisch psychoanalytischer Formulierungen, die sich dem Nicht-Psychoanalytiker nicht so ohne weiteres erschließen (z. B. S. 51: "Das Ich, in dem die Angst entsteht, und das Es, welches die gefährliche Wut gegen das Liebesobjekt entwickelt, sind beide Teile unserer Psyche.") hat es der Rezensent - selber ausgebildeter Verhaltenstherapeut - mit großem Gewinn gelesen. Er empfiehlt es allen, die sich als Angehörige helfender Berufe mit dem Thema Ängste auseinandersetzen müssen; und vor allem empfiehlt er es dem eigenen Berufsstand - nicht zuletzt aufgrund der selbstkritischen Äußerungen Schmidbauers bzgl. der eigenen Profession, die sich u. a. auf den Seiten 103 ff. (die Aufgabe der Therapeuten läge nicht mehr in "verwöhnendem" Verständnis, sondern in der "Einübung in den Umgang mit Versagungen") und vor allem auf den Seiten 196 - 205 finden. Schmidbauers Urteil: Die Tatsache, eigene Therapeuten, gar Trauma-Spezialisten, zu benötigen, müsste zu denken geben. Psychotherapie wäre letztlich etwas "Künstliches", das natürliche Beziehungen entwerte (sogar bzgl. der Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen). Und in der Forderung nach professioneller Therapie drücke sich eine Entmündigung der Mitmenschen aus; denn: "Jeder einfühlende Mitmensch" könne hier helfen (S. 203). Und "Therapeuten können es sogar schlechter, wenn sie beweisen müssen, dass sie etwas Besonderes sind." (ebd.).

Diese Aussage Schmidbauers ist nur die Konsequenz aus seinem wiederholt und eindrücklich vorgetragenen Credo: "Gute Beziehungen sind und werden sicher das wirksamste Mittel gegen alle Ängste bleiben." (S. 111) Glücklich (und angstfrei) die Gesellschaft, die gute Beziehungen fördert!


Rezensent
Prof. Dr. Bernhard Brugger
FH Münster FB Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Bernhard Brugger. Rezension vom 25.07.2006 zu: Wolfgang Schmidbauer: Lebensgefühl Angst - Jeder hat sie, keiner will sie. Was wir gegen die Angst tun können. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2005. ISBN 978-3-451-28615-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3570.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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