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Holger Lindemann: Konstruktivismus und Pädagogik

Cover Holger Lindemann: Konstruktivismus und Pädagogik. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2006. 280 Seiten. ISBN 978-3-497-01843-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 42,70 sFr.
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Anliegen und Kontext des Buches

Neben den neueren Forschungen der Neurobiologie hat besonders der Konstruktivismus die pädagogische Diskussion darüber, wie wir lernen und was daraus für die pädagogische Gestaltung von Lernprozessen folgt, beeinflusst. "Die Grundannahme konstruktivistischer Theorien liegt darin, dass die Wahrnehmung keine Gegebenheiten einer von uns unabhängigen Realität abbildet, wie sie "an sich" sind, sondern dass wir lediglich Modelle entwerfen, deren Objektivität oder Wahrheit nicht überprüft werden kann. Es wird davon ausgegangen, dass das einzelne Subjekt sein gesamtes Erleben aufgrund interner Kriterien konstruiert." (13)

Konstruktivistische Auffassungen repräsentieren keine einheitliche Denkschule, der eine einheitliche Theorie zugrunde liegt, sondern ein Diskursfeld, das sich auf sehr unterschiedliche Theorieansätze ganz verschiedener Disziplinen bezieht. Neben Psychologie und Soziologie haben insbesondere Biologie, Neurobiologie und Kybernetik Beiträge zu diesem Diskurs geleistet. Demgegenüber haben konstruktivistische Ansätze erst relativ spät Eingang in die Pädagogik gefunden.

Die jeweiligen  theoretischen Grundlagen und Bezüge sind schon für sich genommen nicht immer leicht verständlich, eine Zusammenschau ist daher außerordentlich komplex. Das vorliegende Buch will "hierzu eine verständliche und umfassende Einführung in die Grundlagen der Erkenntnistheorie und in verschiedene Modelle und Implikationen für die Pädagogik" bieten (11)

Aufbau und Inhalt

  • In seinem einführenden Kapitel erläutert der Verfasser die Grundbegriffe und Grundgedanken konstruktivistischen Denkens und verweist zunächst auf die zahlreichen "Konstrukteure" des konstruktivistischen Diskurses. Ausgehend von Wahrnehmungspsychologie und erkenntnistheoretischen Überlegungen arbeitet er heraus, dass eine konstruktivistische Sicht auf die Wirklichkeit ein autonomes Menschenbild zur Folge hat. "Die Auffassung der Wahrnehmung als ein "Für-wahr-Nehmen" führt dazu, den Menschen als ein autonomes Subjekt zu begreifen, das sich in sinnvollen Handlungen seine Welt aufbaut und nicht als jemanden, der sich lediglich aufgrund von Gegebenheiten und Gesetzen in einer von vornherein gegebenen Umwelt verhält." (27)
  • Daran schließt sich ein Überblick über die zentralen Zusammenhänge der Systemtheorie an, den der Verfasser im darauf folgenden Kapitel mit den neurobiologischen Befunden zur menschlichen Wahrnehmung und Bewusstseinsbildung verknüpft.
  • Der konstruktivistische Blick auf Wahrnehmungsprozesse und die Kontextualisierung durch die Systemtheorie führen zwangsläufig zu veränderten Auffassungen von kognitiver Entwicklung und Lernprozessen. Ihnen geht der Autor mit zahlreichen  Beispielen anschaulich im Kapitel "Kognitive Entwicklung, Kommunikation und Gesellschaft" nach.
  • Damit hat der Verfasser die Grundlage geschaffen, auf der er eine "konstruktivistische Anthropologie" beschreibt. Mit Rückgriff auf Heinz von Foersters Unterscheidung zwischen trivialen und nicht-trivialen Systemen hebt er das nicht-triviale Menschenbild des Konstruktivismus hervor. "…Trivial bzw. nicht-trivial bezeichnen…zwei unterschiedliche Stufen der Komplexität, wobei sich trivial auf allgemein bekannte und eindeutige Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung bezieht, während diese Beziehungen bei nicht-trivialen Systemen nicht eindeutig und daher  vielschichtiger sind." (139)
  • Einleuchtend leitet der Verfasser daraus im Abschnitt "Pädagogisches Denken zwischen Trivialität und Komplexität" ausführlich die Konsequenzen für ein konstruktivistisches Verständnis von Pädagogik ab und stellt dieses dem trivialen Denken gegenüber. "Triviales Denken entspricht einer pädagogischen Tradition, die Wissen als außerhalb der Menschen liegend betrachtet und der zufolge sich der Mensch dem Wissen annähern muss. Pädagogisches Handeln besteht dann in der Wissensvermittlung, bei der durch bestimmte Inputs bestimmte Outputs erzeugt werden sollen. Das erziehungsbedürftige und unmündige Subjekt wird durch Erziehung erst zum selbständigen Individuum, das entsprechend der Gegebenheiten der Welt handeln kann." (151) Konstruktivistische Pädagogik zeichnet sich seiner Auffassung nach aus durch "…einen Wandel von linearen und rein personenbezogenen Situationen zu Modellen, die Beziehungen und Kontexte pädagogischer Situationen in den Vordergrund stellen" (177) und einen "Wandel zu vernetzten Analyse- und Handlungsmodellen" (178). Damit verbunden ist ein neues professionelles Selbstverständnis der Pädagogik: "In einem Pluralismus möglicher Erklärungen und Handlungen, die das Lernen und die Entwicklung der Adressaten pädagogischen Handelns sowohl unterstützen als auch behindern können, ist Pädagogik keine Wissenschaft, die Normen und Ziele setzt." Sie wandelt sich "…von einer normativen Wissenschaft zu einer kritisch reflexiven Disziplin." (184) Damit gewinnen ethische Orientierungen der pädagogischen Profession an Bedeutung: "An die Stelle einer vermeintlich allgemeingültigen Ethik tritt im Konstruktivismus daher eine Individual- und Diskursethik subjektiver Entscheidung und sozialer Einigung, die sich nicht auf "objektive" Gegebenheiten, Grundannahmen und werte berufen kann." (189)
  • In seinem abschließenden Kapitel "Systemisch-konstruktivistische Pädagogik: Vom Umgang mit Autonomie und Vielfalt" führt der Autor seine bisherigen Überlegungen zusammen und bietet eine anregende, differenzierte und plausible Ortsbestimmung des Verhältnisses von Konstruktivismus und Pädagogik. "Der Konstruktivismus bietet…ein erkenntnistheoretisches Fundament, das die Vielfalt theoretischer Modelle, Praxiskonzepte und Lebenswelten zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen macht und diesen (jeweils subjektiv viablen Konstrukten) einen gleichwertigen Status zuspricht. Fragen der Wertung, Auswahl und Konkretisierung sind aus einer konstruktivistischen Perspektive nicht allein aus ihrer theoretischen Betrachtung im Voraus zu beantworten, sondern müssen aus einer ethischen Perspektive hinsichtlich ihrer Handlungsfolgen geklärt werden." (253)

Fazit

Dem Autor ist es mit dem vorliegenden Werk in hervorragender Weise gelungen, eine komplexe und anspruchsvolle Materie anschaulich, klar und verständlich aufzubereiten, ohne dass Nuancen und notwendige Differenzierungen verloren gehen. Die klare Struktur seiner Ausführungen und die plausible Darstellung sehr unterschiedlicher  theoretischer Wurzeln konstruktivistischen Denkens ermöglichen Leserinnen und Lesern, sich die unterschiedlichen Facetten konstruktivistischen Denkens und deren Konsequenzen für pädagogisches Handeln auch ohne spezifische Vorkenntnisse systematisch zu erarbeiten. Insofern ist dieses Buch ein sehr empfehlenswertes Grundlagenwerk für Interessierte aller Professionen, das - m.W. erstmalig - einen umfassenden allgemeinen Überblick über die Thematik ermöglicht. Das Glossar im Anhang sowie die zahlreichen eindrücklichen schematischen Darstellungen im Text machen das Buch besonders für Studierende als Basislektüre geeignet.


Rezension von
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP, www.hiip-hamburg.de)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 09.10.2007 zu: Holger Lindemann: Konstruktivismus und Pädagogik. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2006. ISBN 978-3-497-01843-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3583.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


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