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Jörg Matzen (Hrsg.): Die Konstruktion der Welt - wie Kinder ihre Wirklichkeit [...]

Cover Jörg Matzen (Hrsg.): Die Konstruktion der Welt - wie Kinder ihre Wirklichkeit entdecken. Bausteine für einen zukunftsfähigen Kindergarten. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2006. 201 Seiten. ISBN 978-3-8340-0025-5. 18,00 EUR, CH: 31,90 sFr.
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Kontext und Anliegen

Seit einiger Zeit ist die frühkindliche Bildung wieder in der Diskussion. Ging es zunächst angesichts der knappen öffentlichen Kassen vor allem um Finanzierungsprobleme und - modelle der Kindergärten und Kindertagesstätten (Kitas), steht seit kurzem deren konzeptionelle Ressource als Bildungsort für Kinder auf der Agenda.

Diese aktuelle Diskussion erhält ihre Impulse vor allem aus drei Quellen:

  • Die PISA-Studie und die darauf einsetzende Analyse des Beitrags der einzelnen Sozialisationsinstanzen zu einer umfassenden Bildung hat besonders die Bedeutung der Bildung im Kindesalter hervor gehoben und damit die Bedeutung der Kitas für eine  umfassende Bildungsentwicklung enorm aufgewertet.
  • Diese Bedeutung wird in besonderer Weise akzentuiert durch die Ergebnisse der neueren Hirnforschung, die die wichtige Rolle der Kindheit für den Entwicklungsprozess belegt und in ihrer differenzierten Beschreibung neurobiologischer Prozesse des Lernens wichtige Anregungen für eine förderliche Gestaltung kindlicher Lern- und Bildungsprozesse liefert.
  • Bei der Suche nach Formen der Ganztagsbetreuung von Kindern, die es ermöglichen, Familie und Beruf besser miteinander zu verbinden, haben Krippe und Elementarbereich eine Aufmerksamkeit erhalten, die ermöglicht und herausfordert, diese Bereiche konzeptionell neu zu gestalten.

Der  vorliegende Band ist entstanden aus einer Veranstaltungsreihe des Ev. Bildungszentrums Bad Bederkesa in Niedersachsen und verfolgt die Absicht, mit den einzelnen Beiträgen "Bausteine für einen zukunftsfähigen Kindergarten" zu liefern.

Aufbau und Inhalt

Der Band enthält insgesamt 10 Aufsätze, die aus unterschiedlicher interdisziplinärer Sicht den Handlungsbedarf und die Handlungsoptionen für die Zukunft der Kita-Arbeit beschreiben.

Raingard Knauer stellt in ihrem Beitrag "Was können Kindertageseinrichtungen aus PISA lernen?" das Selbstverständnis von Schule und Kita gegenüber, setzt sich kritisch mit der Aussagekraft von Schulleistungsstudien auseinander und leitet vor diesem Hintergrund praktische Konsequenzen für die Praxis in Kitas ab. "Sie müssen

  • einerseits qualitativ hochwertige Bildungs-und Erziehungskonzepte für alle Kinder anbieten,
  • andererseits insbesondere diejenigen Kinder spezifisch fördern, die in den Leistungsstudien als Bildungsrisikogruppen benannt wurden: also insbesondere Kinder aus sozial schwächer gestellten Familien und solche mit Migrationshintergrund."(18)

Dazu stellt die Autrorin praxisnahe Ideen für die Gestaltung des< Lernens in der Kita in den Bereichen Sprachförderung und natürwissenschaftlichem Lernen vor.

In seinem Beitrag "Wie lernen Kinder?"  referiert Gerald Hüther in gewohnter Weise klar und auch für Laien verständlich die Ergebnisse der neueren Hirnforschung und umreißt so die "Voraussetzungen für gelingende Bildungsprozesse aus neurobiologischer Sicht". Nachdrücklich mahnt er: "Die Herausbildung komplexer Verschaltungen im kindlichen Gehirn kann nicht gelingen

  1. wenn Kinder in einer Welt aufwachsen, in der  die Aneignung von Wissen und Bildung keinen Wert hat (Spaßgesellschaft),
  2. wenn Kinder keine Gelegenheit bekommen, sich aktiv an der Gestaltung der welt zu beteiligen (passiver Medienkonsum),
  3. wenn Kinder keine Freiräume mehr finden, um ihre eigene Kreativität spielerisch zu entdecken (Funktionalisierung),
  4. wenn Kinder mit Reizen überflutet, verunsichert und verängstigt werden (Überforderung),
  5. wenn Kinder daran gehindert werden, eigene Erfahrungen bei der Bewältigung von Schwierigkeiten und Problemen zu machen (Verwöhnung),
  6. wenn Kinder keine Anregungen erfahren und mit ihren spezifischen Bedürfnissen und Wünschen nicht wahrgenommen werden." (28 f)

Bildungstheoretisch begründet Marion Musiol in ihrem Beitrag "Auf den Anfang kommt es an" den Bildungsauftrag von Kitas. Sie verdeutlicht den Zusammenhang von Erziehung und Bildung, betont die Selbstbildungsprozesse der Kinder und reflektiert das daraus erwachsende veränderte professionelle Selbstverständnis von Erzieherinnen.

Den Aspekt der Selbstbildung greift Jörg Matzen in seinem Beitrag "Kinder als Konstrukteure ihrer Welt" auf und entwickelt anschaulich anhand von Praxisbeobachtungen "das Leitbild vom Kind als Akteur seines Lernens. Nur wenn die Prinzipien Offenheit, Teilhabe, Partizipation, Vielfalt, Kommunikation und Veränderung in einer Kita handlungsleitend werden und so Kindern, Eltern und Erzieherinnen Neugierde auf und Lust am Lernen sowie nachhaltige Erfahrungen der Selbstwirksamkeit ermöglichen, können die Potenziale, die in diesem Leitbild liegen produktiv zum Tragen kommen.

Der Beitrag "Qualitätsentwicklung und Konzeptionserarbeitung" von Irene Dittrich "…will dazu anregen, die verschiedenen Grundlagen der Arbeit einer Tageseinrichtung für Kinder miteinander zu verknüpfen und Wege aufzeigen, wie diese in ein spezifisches Konzept …münden können."(64) Systematisch entwickelt die Verfasserin dazu ein detailliertes Phasenmodell einer Konzeptions- und Qualitätsentwicklung, das als "Fahrplan" gut geeignet erscheint, sich als Kita-Team auf den Weg zu machen.

Einem ganz anderen Aspekt einer konzeptionellen Neuorientierung widmet sich Harald Seehausen in seinem Beitrag "Orte für Kinder und Familien". Um die Bildungsorte Familie und Kita stärker aufeinander zu beziehen und im Sozialraum zusätzliche Orte für kindliches Lernen und Forschen zu schaffen, schlägt der Autor die Entwicklung sozialer Netzwerke und eine Vernetzung vorhandener Aktivitäten vor. Sie soll kinderfreundliche Lebensräume durch eine Öffnung der Kita  nach innen und außen erweitern oder neu schaffen. Der Autor bezieht sich in seinen Ausführungen explizit auf die Ergebnisse des  gleichnamigen Modellprojektes des BMFSFJ.

Die praktischen Konsequenzen seines Ansatzes führt derselbe Autor in seinem zweiten Beitrag "Was  heißt flexible Kindertagesstätte?" weiter aus und referiert einleuchtende und anregende Formen ihrer praktischen Realisierung.

Im Rahmen der PISA-Studie und den nachfolgenden Forschungen wurde die besondere Bedeutung der Sprachförderung für eine Chancengleichheit im Bildungssystem belegt. Ulrich Holste greift in seinem Beitrag "Spracherziehung in Kindertagesstätten" diesen Gedanken auf und zeigt "neue Wege der Unterstützung und Begleitung des Spracherwerbs vor dem Hintergrund veränderter Sozialisationsbedingungen von Kindern" auf. Dazu formuliert er drei Handlungsmaximen

  • Präsenz - eine sprachlich reiche Umgebung verfügbar machen
  • Kreativität - zum anspruchsvollen Umgang mit Sprache animieren
  • Metakognition - das eigene Tun bewusst machen.

Zwei Beiträge zu eher spezielleren Themen schließen den Band ab. Dagmar Zirfas-Steinacker widmet sich unter den Titel "Es ist normal, verschieden zu sein" der Begabtenförderung in der Kita und stellt dafür ein methodisches Instrumentarium vor.

Friedrich Schweitzer schließlich geht der Frage nach, "Welche Religionspädagogik brauchen Kinder und was für Kompetenzen benötigen Erzieherinnen?" (186). Er plädiert für ein "Recht des Kindes auf Religion" und stellt deren Relevanz für eine ethische Grundorientierung heraus.

Fazit

Der vorliegende Band besticht durch seine Themenvielfalt, die in allen Beiträgen klar und verständlich, gut strukturiert und hinreichend differenziert entfaltet wird. Der Band ist in hervorragender Weise geeignet, ErzieherInnen, SozialpädagogInnen, aber auch Lehrern, Eltern und - nicht zuletzt - Bildungspolitikern einen umfassenden und detaillierten Überblick über die verschiedenen Aspekte einer konzeptionellen Neuorientierung und bildungspolitischen Positionsbestimmung der Kita zu geben. Die ausgesprochen praxisbezogene Wendung  in den meisten Beiträgen vermag darüber hinaus Mut und Motivation zur Veränderung und Weiterentwicklung der Kita als Bildungsort zu geben. Damit bietet der Band in der Tat "Bausteine für einen zukunftsfähigen Kindergarten".


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 23.07.2007 zu: Jörg Matzen (Hrsg.): Die Konstruktion der Welt - wie Kinder ihre Wirklichkeit entdecken. Bausteine für einen zukunftsfähigen Kindergarten. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2006. ISBN 978-3-8340-0025-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3585.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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