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Deutscher Verein für Öffentliche und Private Fürsorge (Hrsg.): Die sozialpädagogische Diagnose im kommunalen Sozialdienst [...]

Rezensiert von Dr. Anne-Kathrin Mayer, 02.08.2007

Cover  Deutscher Verein für Öffentliche und Private Fürsorge (Hrsg.): Die sozialpädagogische Diagnose im kommunalen Sozialdienst [...] ISBN 978-3-89983-141-2

Deutscher Verein für Öffentliche und Private Fürsorge (Hrsg.): Die sozialpädagogische Diagnose im kommunalen Sozialdienst. Rahmenvorgaben. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. - DV (Berlin) 2005. 52 Seiten. ISBN 978-3-89983-141-2. 6,50 EUR.CH: 12,30 sFr.
Sonderdrucke und Sonderveröffentlichungen, Heft 41. Für Mitglieder des Deutschen Vereins EUR 5,50. Bestellungen über Cornelsen Verlagskontor, Herrn Thomas Ulber, Kammerratsheide 66, 33609 Bielefeld, thomas.ulber@cvk.de.

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Entstehungshintergrund

Die vorliegende 52-seitige Broschüre fasst die Ergebnisse von Arbeitsgruppen zusammen, die sich im Rahmen mehrerer Fachtagungen des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge in den Jahren 2002 resp. 2003 konstituiert hatten. Wesentliche Ziele der Arbeitsgruppen bestanden darin, Grundsätze und einheitliche Kriterien der sozialpädagogischen Diagnose zu erarbeiten, den Praxisbedarf zu definieren und zu konkretisieren und sich auf bundesweit verbindliche Rahmenvorgaben und Standards zu verständigen, die gut verständlich und im Alltag der Kommunalen Sozialdienste umsetzbar sein sollten. Die Vorgaben wurden bewusst so allgemein gehalten, dass sie Praktikern zwar Anregungen zur Umsetzung liefern, jedoch auch noch zahlreiche Gestaltungsspielräume eröffnen.

Aufbau und Inhalt

Die Broschüre umfasst neben einer Präambel zu ihrer Entstehungsgeschichte und Zielsetzung sieben kurze Kapitel und einen Anhang.

Kapitel 1 ("Derzeitige Praxis") liefert ein kritisches Resümee der bisherigen Praxis sozialpädagogischer Diagnostik und leitet hieraus die Notwendigkeit ab, einheitliche Definitionen, Kriterien und Verfahren für die sozialpädagogische Diagnose zu formulieren. Hierbei sollte auf existierende allgemein anerkannte Theorien der sozialen Arbeit zurückgegriffen werden.

Kapitel 2 "Auftrag, Stellenwert, Funktion und Ziel einer sozialpädagogischen Diagnose" umreißt die Bedeutung sozialpädagogischer Diagnosen, die als Grundlage für persönlich hochbedeutsame, oft auch sehr kostenintensive Entscheidungen über Hilfsmaßnahmen fungieren.

Unter der Überschrift "Nutzen eines sozialpädagogischen Diagnoseverfahrens" wird in Kapitel 3 die Notwendigkeit fachlich und wissenschaftlich verbindlicher Standards der sozialpädagogischen Diagnostik begründet. Dabei werden insbesondere die Nachvollziehbarkeit, Transparenz und Eindeutigkeit des Vorgehens und seine Begründbarkeit gegenüber Fachkollegen, Angehörigen anderer Professionen und Hilfesuchenden hervorgehoben.

In dem umfangreichsten Kapitel 4 ("Theoretische, konzeptionelle und normative Rahmenvorgaben für eine sozialpädagogisch Diagnose") wird zunächst der Begriff der Diagnose erläutert, um dann einzugehen auf:

  • den Gegenstand einer sozialpädagogischen Diagnose (auch in Abgrenzung zu Diagnosen anderer Professionen),
  • sozialpädagogische Diagnosen im dreistufigen Prozess der Hilfeerschließung (Clearing, Diagnose, Entscheidungsprozess),
  • methodische Anforderungen an die sozialpädagogische Diagnostik (dargestellt unter Aspekten wie "Partizipation", "Empowerment" und "systemische Betrachtungsweisen") sowie
  • Instrumente, welche die sozialpädagogische Diagnostik allgemein (Dokumentationsunterlagen) sowie in verschiedenen Phasen des Diagnoseprozesses (Phase des professionellen Wahrnehmens; Phase des Verstehens, Erklärens und Bewertens, Planens; Phase der Schlussfolgerung) unterstützen sollen.

Aus zeitökonomischen Gründen und unter dem Aspekt der Ressourcenschonung ist nach Auffassung der Arbeitsgruppe die Gewinnung sozialpädagogischer Diagnosen nicht in allen Fällen vertretbar. In dem kurzen Kapitel 5 "Fallkategorien zur Anwendung" werden daher exemplarisch Fallkategorien aufgeführt, in denen (aufgrund der Tragweite der zu treffenden Entscheidungen, z.B. Sorgerechtsentzug, gesetzliche Betreuung, Abklärung der Arbeitsfähigkeit) eine umfangreiche diagnostische Klärung empfohlen wird.

Kapitel 6 ("Organisatorische Rahmenbedingungen und Konsequenzen") listet strukturelle Bedingungen auf, die innerhalb derjenigen Organisationen und Einrichtungen herzustellen sind, welche sozialpädagogische Diagnostik betreiben. Hierzu gehören bspw. die Vereinheitlichung von Arbeitsabläufen und Dokumentationsverfahren, regelmäßige Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiter und die Berücksichtigung des hohen Zeitbedarfs für eine adäquate Diagnosestellung in der Personalplanung.

In Kapitel 7 ("Abschließende Bemerkungen und Hinweise für die Umsetzung") werden einige "zwingend zu berücksichtigende" Vorgaben für die sozialpädagogische Diagnostik formuliert. In einem Flussdiagramm wird der Ablauf der Diagnostik im Prozess der Hilfeerschließung veranschaulicht. In Matrixform werden getrennt für die drei Phasen der Diagnose (Wahrnehmen und Beobachten; Verstehen, Erklären, Bewerten und Prognostizieren; Schlussfolgerung/Vorschlag) a) Inhalte der Diagnose spezifiziert, b) Anforderungen an das fachliche Vorgehen genannt, c) Standards formuliert und d) diagnostische Instrumente vorgeschlagen.

Ergänzt wird der Band durch einen Anhang, in dem fünf Konzepte der Diagnostik in der sozialen Arbeit resp. der Sozialpädagogik näher vorgestellt werden. Im Einzelnen handelt es sich dabei um (1) das Konzept zur Diagnostik in der Sozialen Arbeit nach Maja Heiner, (2) eine Übersicht von Bausteinen, Instrumenten und Arbeitsweisen sozialpädagogischer Diagnostik nach Christian Schrapper, (3) die Situationsanalyse unter Beizug des Systemischen Denkfigur nach Silvia Staub-Bernasconi und Kaspar Geiser, (4) die W-Fragen beziehungsweise ihre Antwort als Wissensform nach Werner Olbrecht und Kaspar Geiser und (5) die Vervielfachung der W-Fragen nach Werner Olbrecht und Kaspar Geiser. In einem letzten Abschnitt werden unter der Überschrift "Erläuterungen zu den Instrumenten" jeweils sehr kurz einzelne Methoden und Techniken, die in den vorgestellten Konzepten erwähnt werden, beschrieben und hinsichtlich ihres Nutzens in der sozialpädagogischen Diagnose bewertet (Dokumentationsbogen, Visualisierungsverfahren, Qualitätssicherungsverfahren, Ressourcenerfassung, Hausbesuch, strukturierte Gesprächsführung, kollegial Beratung sowie Selbst- und Fremdbeobachtung).

Zielgruppe

Die Broschüre wurde als Leitfaden für Praktikerinnen und Praktiker entwickelt, die im Bereich der Sozialpädagogik resp. der sozialen Arbeit tätig sind.

Diskussion

Entsprechend der Zielsetzung der Autorengruppe, Leitlinien für praktisch tätige Sozialpädagogen und Sozialarbeiter zu erstellen, ist der Text sehr komprimiert gehalten. Trotz der Bemühungen, verwendete Fachbegriffe im Text (oder zumindest in Fußnoten) zu erklären, ist die Broschüre ohne einschlägiges Vorwissen kaum verständlich. Für bereits ausgebildete Personen (oder fortgeschrittene) Studierende bietet der Band jedoch eine interessante, anregende und für die Planung des diagnostischen Vorgehens hilfreiche Übersicht.

Fazit

Angesichts des häufig kritisierten uneinheitlichen Vorgehens in der sozialpädagogischen Diagnostik erscheint die Entwicklung verbindlicher Leitlinien längst überfällig. Die vorliegende Broschüre enthält einige solcher Standards, die als verpflichtend anzusehen sein sollen, und listet einige hierfür nutzbare Methoden und Konzepte auf. Sie lässt jedoch einzelnen Organisationen und Institutionen bewusst weite Spielräume, um die Leitlinien den jeweiligen Rahmenbedingungen und individuellen Präferenzen anzupassen. Die kommenden Jahre werden zeigen müssen, ob so tatsächlich das Ziel einer Vereinheitlichung sozialpädagogischer Diagnosen (und damit verbunden eine Qualitätserhöhung) erreicht werden kann.

Rezension von
Dr. Anne-Kathrin Mayer
Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID), Trier
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Es gibt 23 Rezensionen von Anne-Kathrin Mayer.

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ISSN 2190-9245