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Dieter Wolfer: Ein Leben mit Kindern der Straße. Vermittelnde Pädagogik

Cover Dieter Wolfer: Ein Leben mit Kindern der Straße. Vermittelnde Pädagogik. Ein Vergleich von Ursachen und Hintergründen im Zusammenhang mit Erfahrungen aus der Wohngruppe Jardin del Edén, Ecuador. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2005. 2. Auflage. 321 Seiten. ISBN 978-3-86585-214-4. 24,90 EUR.
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Thema

"Wir müssen bemüht sein, mit Empathie, Akzeptanz und Kongruenz auf andere zuzugehen",

diese von C.R. Rogers in seinem visionären Appell zur Selbstverwirklichung (Die Kraft des Guten, 1985) postulierte Aufforderung bestimmt viele (sozial)pädagogische Initiativen, die sich mit "abweichendem Verhalten" (Sandro Napolitano, Straßenkinder in Deutschland - eine Lebenssituation, 2005) oder mit der "Förderung von autonomer Handlungsfähigkeit auf der Grundlage der subjektorientierten Theorie des Empowerment-Konzepts" (Malve von Möllendorff, Kinder organisieren sich!? Über die Rolle erwachsenen Koordinator(innen) in der südafrikanischen Kinderbewegung, 2005) auseinander setzen. Im Blickpunkt der "befreienden Sozialarbeit" (Ronald Lutz, 2005), von "Straßenpädagogik" oder "Streetwork" steht die Vision des lateinamerikanischen "Befreiungs"-Pädagogen Paulo Freire (Pädagogik der Unterdrückten, 1991), der die wirkliche, tätige und bewusste Partizipation der Menschen am gesellschaftlichen Leben zum Leitbild menschlichen Zusammenlebens propagierte (www.freire.de). Das Konzept der "vermittelnden Pädagogik" basiert dabei auf der Erkenntnis, dass "erziehende, bildende, beratende und unterstützende… Pädagogik" in der Bildung und Erziehung der Menschen Vorrang haben müsse. Es ist vielfach darüber geschrieben, postuliert und geklagt worden, dass vor allem Kindern in unserer Welt die Rechte vorenthalten werden, die sie benötigen, um zu selbstbewussten, autonomen und gleichberechtigten Mitgliedern in den jeweiligen Gesellschaften zu werden. Mit der Etikettierung "Straßenkinder" werden Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen benannt, deren Existenz-Ort die unbehütete Straße, das Außerhalb von Familie und Wohnung, ist. Bei der Beschreibung der Problematik überwiegen im Allgemeinen negative, individuelle Zuschreibungen, wie: Außenseitertum, Unangepasstheit, Kriminalität. Nicht selten resignieren institutionalisierte Einrichtungen ob dieser scheinbar unlösbaren Erziehungsaufgabe. Dabei wird zu wenig danach gefragt und in der Erziehungskonzeption berücksichtigt, was beim "Leben auf der Straße" Ursache und was Wirkung ist.

Noch bis vor wenigen Jahren haben wir das Problem der "Straßenkinder" als ein soziales Phänomen betrachtet, das sich überwiegend in den Großstädten und Ballungsgebieten der südlichen Metropolen, in Rio, Kalkutta und Kapstadt findet. Und die Ursachen darüber ließen sich relativ eindeutig festmachen: Kinder leben und überleben auf der Straße, weil ihre Familien und die Gemeinschaften insgesamt zu arm sind, sie "ordentlich" zu ernähren, zu kleiden, zu bilden … Doch die "Straßenkinder" sind bei uns angekommen! Nach den offiziellen statistischen Angaben leben in Deutschland zur Zeit rund 2,2 Millionen Kinder unterhalb des amtlichen Existenzminimums, davon etwa eine halbe Million als Obdachlose.

Der seit vielen Jahre in Lateinamerika als Sozialpädagoge und Aktionsforscher arbeitende Uwe von Dücker hat darauf hingewiesen, dass viele der aktuellen und angewandten Konzepte der Kinder- und Jugendsozialarbeit, insbesondere im Bereich der "Straßensozialisierung", sich auf ein Gesellschaftsbild a priori, "als etwas Heiles oder Gutes", stützen. Die Darstellung von individuellen Defiziten, oft genug begründet und ausgewiesen in den Feldern der Kriminalstatistik, bestimmen die gesellschaftliche Einschätzung und die pädagogischen, erzieherischen Maßnahmen. Im Sinne Paulo Freires hingegen soll die "Erziehung auf der Straße" zur Grundlage eines vom Lebensfeld des Kindes ausgehenden Pädagogik sein: "Für die auf der Straße lebenden Kinder muss daher die Straße Lernstoff bleiben und die Problematik eines menschlichen Lebens auf der Straße ständig thematisiert werden".

Inhalt

Hier nun setzt der Dresdener Diplom-Sozialpädagoge Dieter Wolfer mit seinem Erfahrungsbericht ein, den er gleichzeitig als "Vermittlungsversuch" zwischen den germano- und eurozentrierten Identitäten, den unseren also, und den bei den Ind‘genas vorgefundenen verstanden wissen will. Seit mehreren Jahren arbeitet er als Geschäftsstellenleiter der Treberhilfe Dresden e.V., einem anerkannten Träger der freien Jugendhilfe, mit der Fundaci–n Jard‘n del Edén ("Garten Eden") in Ecuador zusammen. Diese Erfahrungen mit "Mädchen und Jungen in (außer-) gewöhnlichen Situationen" in dem lateinamerikanischen Land und ähnliche Eindrücke von der sozialpädagogischen Arbeit mit "Straßenkindern" in Kolumbien, Peru und Bolivien, stellt er mit "emphatischem" Anspruch dar. In seine Reflexion bezieht er auch ein, wie ausländische Helfer, Volontäre etwa, in die Handlungskonzepte der einheimischen Experten einer "vermittelnden Pädagogik" einbezogen werden, welche kulturellen und interkulturellen Konflikte und Missverständnisse dabei auftreten. Schließlich wagt er auch, durchaus nicht unproblematisch, Vergleiche der lateinamerikanischen Erfahrungen mit denen in Deutschland.

Seine Überzeugung bestimmt die gesamte Berichterstattung: Kinder haben Menschenrechte, überall auf der Erde. Sie haben ein Bildungs-, Betreuungs- und Vermittlungsrecht. Diese zu ermöglichen, sind die Erwachsenen aufgefordert. Und die Potentiale, die Kinder selbst, als partizipatorisches Recht, haben, bilden die Chancen, den Kindern "auf der Suche nach …" Geborgenheit, Lebenssicherheit und Perspektive behilflich zu sein und sie bei ihren "(außer)gewöhnlichen Lebenslagen" zu begleiten. Die Vergleiche mit den unterschiedlichen, historisch gewachsenen und kulturell determinierten, gesellschaftlichen Vorstellungen der Lebensphase der "Kindheit" in lateinamerikanischen Kulturen, vor allem in Ecuador, mit denen in unserem Land bedürfen der besonderen Aufmerksamkeit. Nur allzu leicht sind wir geneigt, "unsere" Vorstellungen von Bildung und Erziehung, von gesellschaftlichem und individuellem Wohlstand, auf die Lebensbedingungen von Menschen in anderen Ländern und aus anderen Kulturen zu übertragen. Dabei gilt es zu beachten: "Die erfahrbare Lebenswelt eines Menschen steht in einem geschichtlichen, soziokulturellen Bezugsrahmen". Gleichzeitig muss mit der Situation umgegangen werden, dass Kinder und Jugendliche überall in der Welt, auch durch den Einfluss von Medien, von Werbebildern und Konsumvisionen ähnliche, aber auch ganz andere Lebensvorstellungen und -erwartungen entwickeln; dass sie in ihrem jeweiligen Lebensumfeld spezifische Kulturmerkmale und Subkulturen ausbilden, Konflikte erzeugen und zur Gesellschaftsveränderung beitragen. Angesichts der globalen Problematik, dass, nach UNICEF, pro Tag weltweit rund 35.000 Kinder an "vermeidbaren Krankheiten" sterben, etwa 1 Million Kinder im Jahr in Lateinamerika, derzeit etwa 150 Millionen Jungen und Mädchen an Gesundheitsschäden und Wachstumsstörungen leiden, rund 100 Millionen Kinder zwischen sechs und elf Jahren keine Schule besuchen können, ist die Charakterisierung vom Dasein von Kindern in "(außer)gewöhnlichen Lebenssituationen" beinahe zynisch: "Dies lässt den Umkehrschluss zu, dass sich wohl behütete Mädchen und Jungen in (außer)gewöhnlichen Lebenssituationen befinden"

Der Autor geht auf eine Reihe von Entwicklungen ein, die sich in Lateinamerika durch die Probleme der (De-)Kolonialisierung, der Staaten- und Gesellschaftsbildung, der Überbevölkerung, Verstädterung, der Ethnisierung, aber auch durch kulturell bedingte Phänomene, wie etwa dem Machismo, ergeben und unter denen in besonderem Maße Kinder zu leiden haben. Die Kinder Ecuadors stammen aus einer Bevölkerungszusammensetzung, die sich nach wie vor auf der Suche nach einer nationalen Identität befindet. Sie gehören zu den rund 55 Prozent Mestizen, 25 bis 30 Prozent Indigenas, 7 Prozent Weißen, überwiegend spanischer Abstammung und 6 Prozent Afro(latein)amerikanern. Für die sozialpädagogische Betrachtung ist es wichtig zu erkennen, dass die verschiedenen rund zwanzig Ethnien gewisse Formen von "ethnischer Resistenz" entwickeln: "Die kolonialen Gewalterfahrungen und die aufgezwungene Anpassung der Indigenas an neue kulturelle, gesellschaftliche und politische Realitäten werden auf speziell ethnische Art internalisiert, verarbeitet und bewältigt". Die Kinderarbeit, sowohl als verdeckte Form der Feld- und Hausarbeit auf dem Lande, als auch die direkte, ausbeuterische Beschäftigung, bis hin zur Bandenbildung und Prostitution in den städtischen Zentren, stellt ein bisher ungelöstes gesellschaftliches Problem dar. Der Autor macht dabei deutlich, dass diese Problematik sowohl mit "hausgemachten" Strukturen im Lande zu tun hat, als auch mit unserem Markt- und Konsumverhalten. Eindringlich beschreibt Dieter Wolfer das, was als "cultura de maltrato" ("Kultur des Misshandelns") in lateinamerikanischen Ländern bezeichnet wird. Um auf Missbrauchserfahrungen und -folgen bei Kindern in der sozialpädagogischen Arbeit reagieren zu können, werden, in Lateinamerika, Afrika, Asien und in Europa Konzepte heran gezogen, die sich auf die Educaci–n Popular Paulo Freires, die Freinet- und Erlebnis-Pädagogik stützen.

Die Erfahrungen in Ecuador stellt der Autor als Bericht über das Ende der 80er Jahre von einem einheimischen Sozialpädagogen gegründeten Kinderwohnheims "Jardin del Edén" in Panzaleo, im ecuadorianischen Hochland, dar. Die in Wohngruppen zusammen gefassten Kinder stammen aus Familien, die aus sozio-ökonomischen Gründen nicht mehr in der Lage sind, sie weiter zu versorgen; es sind vernachlässigte, misshandelte und missbrauchte Jungen und Mädchen; straffällig gewordene Kinder; solche, die auf der Straße gelebt haben; Kinder, deren Eltern(teile) eine Gefängnisstrafe verbüßen; oder Waisen. Die MitarbeiterInnen des Jardin del Edén wollen den Kindern "mehr als ein Dach über dem Kopf" bieten. Das Konzept lässt sich als ganztägig betreutes Zusammenleben mit den Kindern bezeichnen. Dieses casa familiar ähnelt in einigen Strukturen dem unserer Heimerziehungsformen; es unterscheidet sich jedoch auch in zahlreichen Methoden davon, etwa dadurch, dass sowohl eine "aufsuchende", als auch eine "nachgehende" pädagogische Arbeit besonders gepflegt wird; ebenfalls dadurch, dass der Mitarbeit der Kinder bei den täglichen Gemeinschaftsaufgaben, wie auch bei den Tätigkeiten im Garten, auf dem Feld und in den Werkstätten ein hoher Stellenwert beigemessen wird. Hier tritt in besonderem Maße das Prinzip der "dialogischen Erziehung" Paulo Freires zu Tage. Selbstverständlich besuchen die Kinder des Jardin del Edén die Schule, wie überhaupt der Bildung eine große Bedeutung zukommt. Es versteht sich von selbst, dass bei einer solchen pädagogischen Aufgabe der Aus- und Fortbildung von "Educador Mediador", von "Heim- und StraßenerzieherInnen", ein wichtiges Element darstellt.

Hier nun lassen sich interessante Aspekte eines "Miteinander und Voneinander Lernens" entdecken. Die "Fördergemeinschaft internationaler Kultur" in Albstadt, der auch der Autor angehört, bietet sich als europäisches Forum für Kooperationen an. Vergleiche der Situation und der sozialpädagogischen Arbeit mit "Kindern auf der Straße", in Lateinamerika und in Europa und Deutschland, sind schwierig. Nur allzu leicht entstehen dabei die Probleme der Verallgemeinerung und damit Vereinnahmung, wie der weggeschobenen Spezifisierung und damit Fremdbetrachtung. Gemeinsamkeiten festzustellen und Besonderheiten zu betrachten gehören aber zu dem, was wir (mittlerweile wieder) als reformpädagogische Aufmerksamkeit bezeichnen. Denn: "Straßenkinder in Lateinamerika und hier sind … Phänomene dieser Zeit".

Fazit

So kann der Erfahrungsbericht und die eingebettete Reflexion Dieter Wolfers zum "Leben mit Kindern der Straße" ein Impuls sein, auch hierzulande dem Kinderleben in der Einen Welt eine stärkere Aufmerksamkeit zu widmen und als eine gemeinsame Aufgabe im Bildungs- und Erziehungsprozess Hier, Anderswo und Heute zu verstehen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.03.2006 zu: Dieter Wolfer: Ein Leben mit Kindern der Straße. Vermittelnde Pädagogik. Ein Vergleich von Ursachen und Hintergründen im Zusammenhang mit Erfahrungen aus der Wohngruppe Jardin del Edén, Ecuador. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2005. 2. Auflage. ISBN 978-3-86585-214-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3592.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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