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Jan Wehrheim: Die überwachte Stadt

Cover Jan Wehrheim: Die überwachte Stadt. Sicherheit, Segregation und Ausgrenzung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2006. 2., völlig überarbeitete und aktualisierte Auflage. 251 Seiten. ISBN 978-3-938094-47-1. 28,00 EUR.
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Thema

In mittlerweile jeder deutschen Großstadt steht der "Kampf" gegen Kriminalität, Unordnung, Verschmutzung, gegen unbotmäßiges Verhalten von Wohnungslosen, Punks, Drogenabhängigen ganz weit vorn auf der politischen Agenda. Bereits das Betteln und das bloße Herumstehen von Jugendlichen in Gruppen wird als Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung empfunden und verbreitet Angst vor bestimmten städtischen Vierteln, die man lieber meidet. Die gesellschaftliche und insbesondere politische Antwort ist eine gewaltige Inszenierung von Sicherheit durch Vertreibung marginalisierter Gruppen, die einfach "unnütz" sind und als störend empfunden werden; durch vermehrte Videoüberwachung, durch private Sicherheitsdienste und verstärkter Präsenz von Polizei und städtischen Ordnungsdiensten wird mehr Sicherheit suggeriert. Parallel dazu verläuft die Schaffung von privat betriebenen Shopping Malls  und Einkaufspassagen, in die der Zugang nach dem Prinzip der Kundenökonomie kontrolliert wird. Die Folge dieser Entwicklung ist die räumlich sichtbare Ausdifferenzierung zwischen arm und reich mit verschärften Ausgrenzungs- und Verdrängungsprozessen.

Aufbau und Inhalt

Das nunmehr in 2. Auflage  erschienene Buch hat gegenüber der 1. Auflage (2002) die rasante Entwicklung dieses beschriebenen Prozesses und die damit einhergegangene wissenschaftliche Aufarbeitung aufgenommen und den aktuellen Stand der internationalen (stadt-)soziologischen und politologischen Forschung einbezogen.

  • Im ersten Kapitel behandelt der Autor unter der Überschrift: "Un-Sicherheit und neue Ausprägungen sozialer Ungleichheit" den durch die Modernisierung vorangetriebenen gesellschaftlichen Wandel mit seinen Auswirkungen auf Städte und ihre Bewohner, von denen Randgruppen sozial ausgegrenzt und zum Gegenstand politischer Exklusion werden.
  • Im zweiten Teil beschreibt und Wehrheim die Mechanismen des Überwachens und Ausschließens in den Städten. Dabei werden das Recht und die damit legitimierten Interventionsmöglichkeiten im öffentlichen Raum, die dazu entwickelten technischen Neuerungen zur Überwachung sowie architektonischen und gestalterischen Möglichkeiten der Ausgrenzung analysiert.
  • Schließlich widmet sich der Autor im dritten Teil den "Archipelen der Sicherheit": Shopping Malls, Bahnhöfe, Parks und Plazas sowie Gated Communities als Orte von privater Ausschließlichkeit mit den recht widersprüchlich verlaufenden Entwicklungen von Inklusion und Exklusion.
  • In einem abschließenden Kapitel werden die Ergebnisse unter den Themen "Zugang zu Raum und soziale Exklusion" sowie "Sicherheit und Stadt" zusammengefasst: Wehrheim spricht in seinem Fazit von einem voranschreitenden Prozess der "Sicherheitszonierung von Stadt", der  unter dem Primat kapitalistischer Ökonomisierung kommunalpolitisch und individuell betrieben wird und in der Konstruktion sicher und unsicher empfundener Räume mündet.

Diskussion

Dem interessierten Leser, dem die fachsoziologische Terminologie nicht geläufig ist (wie mir als Juristem), wird mit der Lektüre einiges abverlangt. Hin und wieder lässt sich das Verständnis des Textes nur durch wiederholtes Lesen herstellen. Aber das ist nun einmal so bei fachfremden wissenschaftlichen Arbeiten. Allerdings lohnt sich die Mühe.

Fazit

Das Buch von Wehrheim beschreibt und analysiert unter Auswertung der aktuellen wissenschaftlich Literatur mit Schaubildern und unter Bezugnahme auf interessante Beispiele in den USA und England, wie Städte mehr und mehr überwacht, kontrolliert und durch eine Politik von Ausgrenzung und Privatisierung segregiert werden. Allen, die sich in ihrer Arbeit z.B. als Streetworker mit den sozialen Folgen dieser Entwicklung auseinandersetzen müssen, kann das Buch nur empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Riekenbrauk
Rechtsanwalt, emeritierter Hochschullehrer an der Hochschule Düsseldorf, Vorsitzender der Brücke Köln e.V.
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Zitiervorschlag
Klaus Riekenbrauk. Rezension vom 13.04.2008 zu: Jan Wehrheim: Die überwachte Stadt. Sicherheit, Segregation und Ausgrenzung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2006. 2., völlig überarbeitete und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-938094-47-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3594.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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