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Thomas Platt (Hrsg.): Genussbarometer Deutschland. Wie wir zu leben verstehen

Cover Thomas Platt (Hrsg.): Genussbarometer Deutschland. Wie wir zu leben verstehen. Links Verlag (Berlin) 2004. 254 Seiten. ISBN 978-3-86153-336-8. 14,90 EUR, CH: 26,80 sFr.
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Thema

Drogen haben, wie man weiß, ihre guten und ihre schlechten Seiten; man kann ihnen süchtig verfallen, sagt man; man kann sie aber auch genießen. Vor den Gefahren warnt uns - vergeblich - eine immer weiter ausufernde "Sucht-Prävention". Eine alternative "Drogenerzie­hung" setzt dagegen auf Drogenmündigkeit, in der man lernt, Drogen wieder zu genießen. Doch, was heißt "Genuss"? Können wir arbeitsamen Deutschen überhaupt "genießen"? Kann man, muss man das lernen?

Inhalt

Eine jüngst abgeschlossene "Große Deutsche Genuss-Studie 2004" - nicht zufälliger Weise bezahlt von der „Japan Tobacco International Germany“ ("Tochter des weltweit drittgrößten Zigarettenunternehmens") - zeigt ganz unerwartet, dass "die Deutschen dem Genuss nicht nur außerordentlich hohen Stellenwert beimessen. Sie halten sich selbst auch für große Genießer - auch wenn sie gerade dies der Mehrheit ihrer Landsleute absprechen" (15f). Weshalb der Herausgeber vielleicht zu recht hoffen darf: "womöglich finden die Deutschen ja eines Tages doch noch zu einem Genuss, der keiner Rechtfertigung mehr bedarf" (11).

Die Fähigkeit zum Genuss ist eine Frage der Kultur, also erlernbar: "Je weiter im Westen und Süden man innerhalb Deutschlands lebt, desto mehr scheinen die Menschen tatsächlich genießen zu können … das Saarland und Rheinland-Pfalz, zwei der wichtigsten Weinbau-Regionen in Deutschland, führen die Liste der genussreichen Bundesländer an" (24). Man unterscheidet zwischen kleinen, alltäglichen Genüssen und großen, aufwändigeren Genüssen; in beiden Fällen braucht man Zeit, Muße - für die kleinen Alltags-Pausen ebenso wie für das anspruchsvollere Naturerleben, Sport oder Wellness-Erfahrungen.

Genuss-Vorlieben passen sich den sozialen Umständen an; sie variieren bei Jugendlichen ("hedonistischer eingestellt"), Frauen, "Gebildeten" und Rentnern: "Der größte Genuss dürfte jedoch in einer Arbeit liegen, die selbst Spaß macht. Immerhin 57 Prozent aller Befragten geben an, dass ihnen ihre Arbeit bzw. ihre Alltagspflichten Genuss bereiten" (36). Genießer sind dabei die Aktiveren (47); und "Genuss ist ein aktiv gesuchtes positives Gefühl … Im Übrigen bedarf Genuss gehöriger Erfahrung und Übung. Beides ist  die Voraussetzung dafür, eine Vielfalt der Genüsse kennen und schätzen zu lernen, die nur darauf wartet, wahrgenommen zu werden" (51).

Die Autoren unterscheiden (cluster-analytisch) vier genusstypische Lebensstile:

  1. Die Couch­genießer ("Trautes Heim, Genuss allein");
  2. die Geschmacksgenießer, für die Genuss zumeist Konsum bedeutet;
  3. die planenden Erlebnisgenießer (besonders in der Gruppe der bis 29-jährigen Männer) und
  4. die Alltagsgenießer mit überdurchschnittlich vielen Genussmomenten: "Genießen ist eine Frage der Einstellung, und die kann man sich aneignen. Oberstes Credo aller Genießer: Genuss ist etwas Positives und wichtig für jeden Menschen … Der Genuss kommt nicht von alleine, er fällt nicht einfach vom Himmel. Insgesamt gesehen orientieren sich Genießer stärker an der Gewissheit, dass man für seinen Genuss etwas tun muss, sich bemühen und nach einer kreativen, vielleicht sogar gewagten Lösung suchen muss" (45).

Der größere Teil der mit Genuss zu lesenden weiteren Essay-Sammlung schildert - mit ein we­nig Statistik und vielen einleuchtenden Beispielen - solche "verschiedenen Arten zu genie­ßen". So, dass man am Ende überlegen kann, zu welchem dieser Genuss(misch)typen man sich sel­ber zählen will: Musik und Lesen oder doch ein Besuch in der deutschen Spitzenküche, bei kultiviertem Wein, Slowfood oder bei einer „Zigarre im Raucherzimmer“. Als Erlebnisgenießer im Theater oder Musical, beim Wellness und in der Achterbahn, oder doch lieber alltäglicher im eigenen Kräutergarten oder auch nur in der Kaffee- und Zigaretten-Pause: "Rauchen hat nur mit dem Rauchen zu tun, es ist eine rein kontemplative, möglicherweise erzkatholische, in jedem Fall eine ganz und gar unprotestantische Angelegenheit" meint Stefanie Flamm in ihrem "Kleines Ständchen für die Zigarette" (226).

Anmerkung der Redaktion: Diese Rezension wurde in leicht modifizierter Version zuerst (November 2004) im Archiv und Dokumentationszentrum für Drogenliteratur ARCHIDO veröffentlicht. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Rezensenten.


Rezensent
Prof. Dr. Stephan Quensel
Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 28.02.2006 zu: Thomas Platt (Hrsg.): Genussbarometer Deutschland. Wie wir zu leben verstehen. Links Verlag (Berlin) 2004. ISBN 978-3-86153-336-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3601.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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