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Claudia Karell: Sprachlos? Nein Danke!

Cover Claudia Karell: Sprachlos? Nein Danke! Mein Buch (Hamburg) 2005. 96 Seiten. ISBN 978-3-86516-333-2. 10,80 EUR.
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Thema

Das Buch schildert - größtenteils in Tagebuchform - das Praktikum der Autorin in einem Wohnheim für behinderte Menschen. Dort lernt sie einen jungen Mann kennen, Tobias, der nicht sprechen kann bzw. offensichtlich nie eine Sprachförderung erhalten hatte und deshalb auch im Heim aus der Kommunikation ausgeschlossen ist.

Ausgewählte Inhalte

  • Kapitel 3 bis 5 beschäftigen sich mit "Nichtsprechen", Sprache und Kommunikation, Kapitel 6 mit Kommunikations- und Sprachentwicklung.
  • Gebärdensprache wird zwar einmal als Kommunikationsmöglichkeit aufgeführt (S. 20), bleibt aber im gesamten Verlauf der Geschichte offensichtlich unberücksichtigt. Stattdessen zeigen die Kapitel 7 ("Basale Kommunikation nach Winfried Mall") und 8 ("Unterstützte Kommunikation…"), dass die Autorin mit Hilfssystemen, die keine Sprachen darstellen, arbeitete.
  • Als Kapitel 9 erscheint ein eineinhalbseitiger Förderplan, den die Autorin für Tobias entwickelte.
  • Kapitel 10 schildert die auf dessen Basis durchgeführte "Kommunikationstherapie". Tobias standen dabei für seine Äußerungen eine kleine Anzahl von Gesten sowie Bildkärtchen mit schriftdeutschen Namen des Abgebildeten zur Verfügung. Die Fortschritte (welche nicht nur Verständigungsmöglichkeiten, sondern auch Anfänge von Schreiben und das allgemeine Verhalten von Tobias betrafen) werden ausführlich geschildert. Als Ausblick wird der Einsatz eines Computers als elektronischer Kommunikationshilfe erwähnt.
  • Kapitel 11 schildert das Ende des Praktikums und den "Abschied", den Tobias allerdings damit zu einem offenen Ende wendet, indem er der Autorin nachreist und sie besucht. Eine sehr kurze  Bibliografie und ein Anhang mit einem Leitfaden zur Unterstützten Kommunikation schließen das Buch ab.

Diskussion

Die Autorin ist sich zwar bewusst, dass "nichtsprechend" ein Begriff ist, der - eigentlich ungeeignet - vielfältige Ursachen mittels eines äußerlichen Phänomens zusammenfasst (interessanterweise stellen das viele AutorInnen fest, um sich anschließend für die Verwendung des Begriffs zu entschuldigen), sie verwendet ihn dann doch und vermittelt den Eindruck, dass ihr Text bzw. ihre Erfahrungen auf die gesamte Gruppe der "Nichtsprechenden" anzuwenden wären.

Wir erfahren keine genaue Diagnose (nicht einmal Antwort auf die Frage, ob Tobias als schwerstbehindert gelten könnte); es findet sich dazu lediglich eine kurze Bemerkung im ganzen Buch (S. 28): "bei Tobias sind dies die nicht funktionierenden Sprechwerkzeuge". Über die Qualität der Sprachrezeption von Tobias erhalten wir keine Angaben, der Sprachcharakter seiner aktiven Kommunikation steht aufgrund der angewandten Methode sehr in Zweifel.

"Jeder kann sprechen" (Teil des Titels von Kapitel 10) und die Aussage der Autorin, "zeigt, diese nichtalltägliche Geschichte, dass niemand sprachlos bleiben muss." (S. 82) ist damit nicht wirklich richtig, sondern nur eine Metapher für (wesentlich) verbesserte Kommunikationsmöglichkeiten. Damit steht auch der Buchtitel in Frage.

Fazit

Das Buch taugt wegen der vielen fehlenden Sachinformationen bzw. Daten (z.B. zu Anamnese, Sprachstand von Tobias zu bestimmten Zeitpunkten, Angaben zu Intelli-genzleistungen) leider nicht als Fallstudie. Es ist eine Geschichte: Einerseits eine schöne, berührende Geschichte, die zeigt, was Empathie und intensive Bemühung um den Einzelmenschen bewirken können. Andererseits vielleicht eine tragische Geschichte, weil man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass in der intensiven Bemühung möglicherweise vergessen wurde, in der Kommunikation mit Tobias alle sprachlichen Möglichkeiten (insbesondere Gebärdensprache) für Tobias einzusetzen. Das hätte möglicherweise zu einem noch wesentlich besseren Erfolg geführt, insbesondere zur Entwicklung einer aktiven Sprache geführt. Der sehr allgemeine Untertitel ("Über den Umgang mit nichtsprechenden Menschen") führt also Interessierte in die Irre.


Rezensent
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 17.02.2007 zu: Claudia Karell: Sprachlos? Nein Danke! Mein Buch (Hamburg) 2005. ISBN 978-3-86516-333-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3602.php, Datum des Zugriffs 16.11.2019.


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