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Claudia Köster: Die Reformpädagogik von Alexander Neill, [...]

Cover Claudia Köster: Die Reformpädagogik von Alexander Neill, Célestin Freinet und Don Milani. Summerhill, École Moderne und Barbiana als Beispiel befreiender Pädagogik. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2005. 122 Seiten. ISBN 978-3-86585-217-5. 22,90 EUR.
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War oder ist Reformpädagogik ?

Die reformpädagogischen Bewegungen, vor allem zu Beginn des 20. Jahrhundert, zeigten, wie sie uns in der Geschichte der Pädagogik übermittelt sind, insofern mächtige Erscheinungen und Auswirkungen, als sie über die je speziellen Veränderungsbemühungen hinausgingen und sich zu einer pädagogischen Aufbruchstimmung in der Gesellschaft entwickelten. Insofern ist die begriffliche Bezeichnung "Reformpädagogik" auf eine, wie es scheint abgeschlossene pädagogische Phase bezogen. Aber nur scheinbar, wie die Reformpädagogen heute insistieren. Da gibt es in Oldenburg eine rege Riege von Theoretikern und Praktikern, die sich um die Weiterentwicklung einer reformpädagogischen Idee bemühen, die als "befreiende Pädagogik" bezeichnet wird. Der lateinamerikanische Pädagoge Paulo Freire (1921 - 1997) hat mit seiner Pädagogik der Hoffnung und Befreiung anfangs die Unabhängigkeitsbewegungen in Lateinamerika, Afrika und Asien stark beeinflusst; und vor allem mit der Gründung der Paulo Freire Kooperation e.V. (Pfk(www.freire.de), ab den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, auch reformpädagogische Initiativen in Europa befruchtet. In Deutschland, das zeigen die zahlreichen Publikationsreihen des Paulo Freire Verlags (Pädagogische Reihe; Neuer Diskurs; Aspekte der Freire-Pädagogik; Dialog und Diskurs, sowie die Paulo-Freire-Jahrbücher), gibt es vielfältige Ansätze und Forschungsvorhaben in Schule, Sozialarbeit, Kindergarten, Kunst und Theater, das Konzept einer "befreienden Pädagogik" Hier und Heute weiter zu denken und zu erproben.

Inhalt

Claudia Köster vom Vorstand der Paulo Freire Kooperation legt nun in der Pädagogischen Reihe eine Studie vor, auf der Folie der Freire-Pädagogik drei Reformansätze darzustellen, die, wie Paulo Freire, von jeweils herausragenden einzelnen Reformpädagogen initiiert wurden:

  • Die Versuchsschule im Leiston an der englischen Ostküste, als Summerhill in der pädagogischen Geschichte weltweit bekannt, wurde vom schottischen Lehrer Alexander Sutherland Neill(1883 - 1973) gegründet. Sie besteht bis heute, nachdem sie nach Neills Tod von seiner Frau Ena bis 1985 weitergeführt und danach von seiner Tochter Zo‘ übernommen wurde. Neills Menschenbild und seine Kritik am etablierten staatlichen Schulsystem wirkte insbesondere in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der Bundesrepublik als Zeigefinger und Symbol, an Stelle von Furcht, Gehorsam und Disziplin als die wesentlichen Werte in der Erziehung, das Vertrauen in das Kind in den Vordergrund erzieherischen Denkens und Handelns zu stellen. Ein Schlüssel für Summerhill kann die Selbstverwaltung und Selbstbestimmung der SchülerInnen angesehen werden; vielleicht etwas, was wir heute Partizipation nennen.
  • Der französische Volksschullehrer und Reformpädagoge Célestin Freinet (1896 - 1966) revoltierte gegen die "école-caserne", mit den engen, finsteren und schmucklosen Räumen, der autoritären Haltung der Lehrer und dem, wie er empfand, unsinnigen Memorieren und Deklamieren bei frontalem Unterricht. Das, was die Schule produziert - "Verkrüppelung des Individuums, Lebensuntüchtigkeit und Feindseligkeit gegenüber der falschen Kultur der Schule" - nannte er "Scolatismus", was sicherlich mit "Verschulung" nur unzureichend zu übersetzen ist. In dem mit seiner Frau Elise 1935 gegründetem privatem Landerziehungsheim in Vence, nachdem er bereits vorher, 1924, zusammen mit anderen Gewerkschaftlern, die Lehrerbewegung der cole Moderne aufgebaut hat. Nachdem er während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich gegen den Faschismus in Italien und Deutschland opponierte, dadurch erhebliche politische Schwierigkeiten bekam und die Einschränkung seiner politisch-pädagogischen Arbeit beeinträchtigte, war er nach 1945 bis zu seinem Tod, wesentlich an der Gründung des "Institut Coopérative de l„cole Moderne" beteiligt. Von diesem Zusammenschluss von reformwilligen Lehrerinnen und Lehrern in Frankreich entwickelten sich die bis heute andauernden Einflüsse auf Schulreformen in Europa und darüber hinaus. Freinets Prinzip "Par la vie - pour la vie - par le travail" bedeutete von Anfang etwas anderes als das, was über den Eingangstüren vieler Schulen in Deutschland stand: "Nicht für die Schule - für das Leben lernen wir".
  • Der Dritte im Bunde der Schulreformer ist der italienische, katholische Priester Lorenzo Milani (1923 - 1967). Auch er verzweifelt und empört über die Bildungs- und Schulsituation in seinem Land, vor allem für die Benachteiligten und Kinder, trat als öffentlicher Kritiker an den gesellschaftlichen Zuständen auf; wobei er der katholischen Amtskirche in Italien vorwarf, die Probleme des einfachen Volkes zu ignorieren und nicht auf deren Seite zu stehen. Von seiner Pfarrerstelle in der toskanischen Berggemeinde Barbiana aus, unternimmt er immer wieder Versuche, nicht nur die Zustände zu kritisieren, sondern auch konkret mit zu verändern. So gründet er 1955 die "Scuola di Barbiana". Seine Schülerinnen und Schüler zu ernsthaftem Lernen und zur Reflexion über ihre eigenen gesellschaftlichen Zustände zu bringen, das kann als das wesentliche Erziehungsziel von Lorenzo Milani angesehen werden. Der sozialpolitisch engagierte Priester schrieb, zusammen mit seinen Schülerinnen und Schülern das Buch "Lettere a una professoressa" (Brief an eine Lehrerin, 1967), das als "Die Schülerschule" in Deutschland erschien und, ähnlich wie die Arbeiten von Freinet und Neill, in der gesellschaftlichen Aufbruchstimmung der 60er und 70er Jahre engagiert diskutiert wurde.

Diskussion

Claudia Köster bringt in ihrer Darstellung von drei ausgewählten reformpädagogischen Bewegungen nicht nur biographische Daten und zeigt die wichtigsten Entwicklungslinien auf, sondern sie schaut dabei auch auf das Umfeld der engagierten Reformpädagogen. Dadurch wird deutlich, was vielleicht in der pädagogischen Rezeption bisher zu wenig beachtet wurde, dass es sich bei den drei (und schließt man Paulo Freire ein, auch den vier) Männern nicht um individualistische, gar frustrierte Menschen gehandelt habe, die daraus ihr Reformwerk aufbauten, sondern um offene, kooperative Pädagogen, die bemüht waren, andere Ideen, Theorien und Diskussionsstränge aufzunehmen und in ihre Arbeit einzubeziehen. In der vergleichenden Zusammenfassung kommt die Autorin (natürlich!) zu der Erkenntnis, dass die Bemühungen um die Veränderung von Schule - und damit auch der Gesellschaft - keine Episoden in der Reformgeschichte der Pädagogik waren, sondern der pädagogische Reformbedarf auch heute noch (und viele sagen: besonders heute) besteht. Ansätze und Initiativen dafür sieht sie in der "Community Education", der Intensivierung des "Arbeitsschulgedankens", der "multikulturellen Schule", mit den Methoden des Projektunterrichts, des handlungsorientierten Lernens und des offenen Unterrichts. Einige Ideen der Reformbewegungen sind ja immerhin schon in unser drei- und mehrgegliedertes Schulsystem eingegangen. Doch der Beobachter schulischen Lernens heute und der schulsystemorientierten Verfächerung der Schule wie der "Takt"-Schule (in der ersten Stunde hat der Schüler … zu lernen, in der zweiten …, in der dritten …), machen deutlich: Es gibt noch viel zu tun. Dabei können uns Alexander Sutherland Neill, Célestin Freinet und Lorenzo Milani mit ihrem reformerischem Denken und Handeln auf eines aufmerksam machen: Ein bisschen Veränderung reicht nicht! Es bedarf der grundsätzlichen Infragestellung dessen, was heute als Lernpraxis sich Tag für Tag in der Schule vollzieht - der Überbetonung des kognitiven (Trichter-)Wissens und der Vernachlässigung des sozialen und emotionalen Lernens. Dies aber erforderte, "die traditionelle `Kopf- und Paukschule` grundsätzlich in Frage zu stellen".

In der Rezeption der Reformmodelle wird immer wieder mal nach Charakteristiken gesucht, wie die genannten Reformpädagogen bezeichnet werden könnten: Gudjons (1997) vergleicht Freinet mit einem Gärtner; Neill könnte man einen Therapeuten nennen; Milani einen Schäfer. Und Freire, der die Befreiung des Menschen aus seiner gesellschaftlichen, lokalen und globalen Benachteiligung zum Ziel seines pädagogischen Denkens gemacht hat? Ich würde Paulo Freire als einen "Erkenner" im Sinne der aristotelischen epistêmê, eines "demonstrativen Wissens" über die gesellschaftliche Existenz von Individuen und Gemeinschaften, charakterisieren.

Fazit

Die Arbeit von Claudia Köster eignet sich m. E. gut für Lernangebote in der gymnasialen Oberstufe, für Erziehungsseminare in der Ausbildung zur Sozialen Arbeit und für erziehungswissenschaftliche Übungen in der Lehreraus- und -fortbildung. Als Baustein für eine zu intensivierende neue Phase der Reformpädagogik hat das Büchlein seinen Platz.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.03.2006 zu: Claudia Köster: Die Reformpädagogik von Alexander Neill, Célestin Freinet und Don Milani. Summerhill, École Moderne und Barbiana als Beispiel befreiender Pädagogik. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2005. ISBN 978-3-86585-217-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3606.php, Datum des Zugriffs 25.05.2019.


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