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Ulrike Schäfer, Eckart Rüther u.a.: Boderline-Störungen. Ein Ratgeber [...]

Cover Ulrike Schäfer, Eckart Rüther, Ulrich Sachsse: Boderline-Störungen. Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. 118 Seiten. ISBN 978-3-525-46249-2. 14,90 EUR.
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Einführung in die Themenstellung

"Borderline", darauf weisen die Autoren einführend hin, ist keine Modediagnose. Wer wirklich, direkt oder indirekt, mit dieser Störung konfrontiert ist, erfährt emotionale Schwankungen und Verhaltensweisen, die oft unverständlich und sehr belastend sind. Wissen über die psychische Dynamik der Borderline-Persönlichkeitsstörung kann dabei helfen, Störungssymptome als solche zu erkennen und deren Folgen zu verringern.

Das Autorenteam vereinigt große Erfahrung, als Ratgeber und in der Arbeit mit Borderlinepatienten. Dr. Ulrike Schäfer arbeitet als Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in eigener Praxis in Göttingen. Prof. Dr. Eckart Rüther, Nervenarzt, ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Göttingen. Prof. Dr. Ulrich Sachsse, Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse, ist Oberarzt der Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Niedersächsischen Landeskrankenhaus Göttingen. Schäfer und Rüther haben beim gleichen Verlag bereits eine Reihe von Ratgebern zu verschiedenen psychischen Störungen verfasst. Sachsse ist zu der Thematik des vorliegenden Buches bereits durch seine Veröffentlichungen zum Zusammenhang von Borderlinestörung und psychischer Traumatisierung sowie zum selbstverletzenden Verhalten hervorgetreten.

Aufbau und Inhalte

  • Wie wirkt eine Borderline-Störung sich auf das Erleben der Betroffenen aus? Diese Frage steht berechtigterweise am Anfang des Buches. Erst der Versuch einer einfühlenden Innensicht erschließt die extremen Spannungen und die Beeinträchtigung der Lebensqualität, die von einer Borderline-Störung betroffene Personen erfahren. Auf knappem Raum werden die verschiedenen Ebenen der Störungsdynamik gut nachvollziehbar integriert. Das Buch "übersetzt" die klinischen Leitsymptome der Störung in typische alltagsbezogene Beeinträchtigungen und stellt diese in Zusammenhang mit charakteristischen Dysfunktionen im Selbsterleben der Betroffenen.
  • Nahestehende Angehörige drohen in den Strudel der inneren Widersprüche gezogen zu werden, die das Erleben der Betroffenen prägen. Der Ratgeber beschreibt gut nachvollziehbar die interaktive Störungsdynamik, die sich typischerweise im Bezugssystem von Borderlinepatienten abspielt. Die Störungen der Beziehungsregulation werden detailliert und alltagsnah beschrieben, auf häufig begleitend auftretende psychische Störungen wird eingegangen. Borderlinesymptome werden im sozialen Umfeld meist widersprüchlich bewertet, einerseits als Ausdruck von innerem Chaos und emotionaler Überforderung der Betroffenen, andererseits als potenter Versuch, das Verhalten von Bezugspersonen zu kontrollieren. Das Buch schafft es gut, beide Interaktionsaspekte miteinander in Kontakt zu bringen. Aus psychologischer Sicht steht im Zentrum der Borderline-Störung ein fragmentiertes Selbsterleben, das die eigene Erfahrung nicht angemessen repräsentiert. Im psychodynamischen Störungsverständnis dienen die symptomatischen Verhaltensweisen dazu, die mit der Fragmentierung tendenziell verknüpfte, existenziell bedrohliche innere Verunsicherung unter Kontrolle zu bringen, quasi "abzuschirmen". Als wahrscheinliche Entstehungsbedingungen der beeinträchtigten Selbststruktur diskutiert das Buch spezifische Wechselwirkungen von organismischen und Umweltfaktoren, vertieft wird dabei das Konzept der "invalidierenden Umgebung".
  • Die Ausführungen zum typischen Verlauf der Störung können Mut machen, ohne dabei falsche Hoffnungen zu wecken. Sehr gut strukturiert beschreibt der Ratgeber Ansatzpunkte eines günstigen Umgangs der Betroffenen mit ihrem Störungsbild. Konkret und gut nachvollziehbar werden Hilfen zur Bewältigung suizidaler und selbstverletzender Verhaltensimpulse gegeben. Als Beispiele therapeutischer Behandlungsmöglichkeiten werden die dialektisch-behaviorale Therapie, tiefenpsychologisch-psychodynamische Verfahren und traumazentrierte Therapieansätze aufgeführt. Den Angehörigen gibt das Buch Hinweise für ein günstiges Beziehungsverhalten, das Verstrickungen in die Borderline-Dynamik entgegenwirken kann.

Zielgruppe und Fazit

Die Botschaft des Buches ist: Borderline-Störungen sind ernstzunehmende, komplexe psychische Beeinträchtigungen, doch, wenn sie als solche anerkannt werden, gibt es Ansatzpunkte für Veränderung. Die Betroffenen sind nicht ohnmächtig ausgeliefert, wenn ein Weg der vielen kleinen Schritte eingeschlagen wird. Hierzu muss die Bereitschaft wachsen, den Streit mit der Umgebung zugunsten einer Auseinandersetzung mit sich selbst zurückzunehmen. Ob eine solche Bereitschaft im Störungsverlauf entsteht, hängt nicht zuletzt vom Interaktionsverhalten der mitbetroffenen Angehörigen ab. Diesen kann das Buch eine echte Hilfe sein, eine günstige Haltung zu entwickeln, in der Abgrenzung und Verständnis keine unversöhnlichen Gegensätze bilden. Borderline-Patienten, die sich für den Weg einer langfristigen Veränderung entschieden haben, bietet der Ratgeber Anerkennung für ihr teilweise unerträgliches inneres Erleben und wertvolle Informationen für ein günstigeres Selbstmanagement.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 08.08.2006 zu: Ulrike Schäfer, Eckart Rüther, Ulrich Sachsse: Boderline-Störungen. Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. ISBN 978-3-525-46249-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3614.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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