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Kathrin Hauf: Sozialkompetenzen [...] in der Erwachsenenbildung

Cover Kathrin Hauf: Sozialkompetenzen und ihre Bedeutung in der Erwachsenenbildung. Turnshare (London WC1N 3XX) 2005. 98 Seiten. ISBN 978-1-903343-79-1. 8,60 EUR.
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Einführung in das Thema

Soziale Kompetenz gilt auf dem Arbeitsmarkt zunehmend als Schlüsselqualifikation. Doch welche Persönlichkeitseigenschaften umfasst dieser Begriff konkret, der häufig synonym mit dem englischen Terminus soft skills verwendet wird? Im Allgemeinen werden darunter Fähigkeiten wie Empathie, Menschenkenntnis, Kritikfähigkeit, Toleranz, Sprachkompetenz, Team-, Kooperations-, Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit, aber auch Führungsqualitäten wie Verantwortungsbewusstsein, Durchsetzungsvermögen, Flexibilität, Engagement u. ä. subsumiert. Ein abgeschlossener Katalog der unter dem Schlagwort "Sozialkompetenz" geführten Fertigkeiten und Kenntnisse existiert nicht. Diese Offenheit schränkt zugleich die Praktikabilität des Begriffs ein, da seine Verwendung eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten zulässt sowie situations- und kontextabhängig ist. Kathrin Hauf greift diese Problematik in ihrer Diplomarbeit auf und versucht, die historischen Entwicklungslinien der Begriffsgeschichte nachzuzeichnen. Eine ihrer primären Fragestellungen ist hierbei, inwieweit die Schlüsselqualifikation "Sozialkompetenz" an Bedeutungszuwachs im Arbeitsleben gewonnen hat und welche Auswirkungen dies auf das Arbeitsfeld Erwachsenenbildung hat.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit beginnt mit einer etymologischen Herleitung der Wortbestandteile sozial und Kompetenz. Rudimentär wird die Verwendung der beiden Begrifflichkeiten durch die Jahrhunderte skizziert. Hieran schließt Heinrich Roths Theorie über die menschliche Handlungsfähigkeit an, die Hauf als Basis ihrer eigenen Ausführungen definiert. Demnach beschreibt Sozialkompetenz die "sozialen Gleichgewichtsformen, die als Normen dienen und zwischen Individuen, Gruppen sowie dem Einzelnen und der Gesellschaft vermitteln sollen und gerechtere, freiere Formen anstreben" (S. 13). Sozialkompetenz gliedere sich in Kommunikations-, Kooperations-, Konfliktfähigkeit und Empathie auf und setze die pro-soziale Fähigkeit voraus, auf soziale Probleme adäquat zu reagieren. Auf die Entwicklung dieser Arbeitshypothese folgt eine Analyse des Stellenanzeigenteiles der Zeitungen DIE ZEIT und FAZ. Anhand von Stichproben versucht Kathrin Hauf, den tendenziellen Bedeutungszuwachs von Sozialkompetenzen bei den Stellenausschreibungen von Mitte der 60er Jahre bis in die Gegenwart hinein nachzuzeichnen. Als Gründe hierfür führt sie in erster Linie sozioökonomische Veränderungen an, insbesondere die Verschiebungen zwischen Industrie- und Dienstleistungssektor. Mit dem zunehmenden Wechsel vom Anbieter- zum Käufer- und Kundenmarkt sei die Befähigung zur sozialen Interaktion wichtiger geworden. Ebenso habe die Emanzipation der Frau und ihre Präsenz in der Arbeitswelt die Expansion von Sozialkompetenzen begünstigt, da die "sanften", "weiblichen" Attribute Grundvoraussetzung für selbige seien. Auch die Mediatisierung der Gesellschaft sei ein weiteres Argument für den Bedeutungszuwachs von Sozialkompetenzen. Das Anwachsen von Informationen, Möglichkeiten und Anforderungen, die mit der Nutzung der modernen Medien einhergingen, erfordere neben neuen technischen Anforderungen auch veränderte soziale Kompetenzen. Face-to-Face-Kontakte würden reduziert, interkulturelle Kontakte stiegen an.

Dem wachsenden Bedarf an sozialen Kompetenzen stellt Kathrin Hauf ein zunehmendes Defizit an Entwicklungsbedingungen für den Erwerb von Sozialkompetenzen gegenüber. Verantwortlich hierfür sei die Auflösung der traditionellen sozialen Milieus mit ihren verbindlichen Normen und Werten, der Zerfall der Familien sowie die generelle Pluralisierung und Ausdifferenzierung der Lebensformen. Von den Schulen könne diese Entwicklung bislang nicht oder nur unzureichend aufgefangen werden. Implizit wird hierdurch auf die Notwendigkeit einer Verlagerung in den Bereich der Erwachsenenbildung hingewiesen. Folgerichtig beschäftigt sich das folgende Kapitel mit dem Thema Sozialkompetenz als berufliche Qualifikation. Teamarbeit und Arbeitsteilung als Merkmale des modernen Arbeitsalltages nötigten den Menschen ein höheres Maß an Kooperation ab, als dies in früheren Zeiten der Fall gewesen sei. Nur sozialkompetente Mitarbeiter seien Garanten für ein weitgehend reibungsloses Miteinander. Typische Anforderungen an die soziale Qualifikation des Arbeitnehmers seien daher beispielsweise die Fähigkeit, Kontakte aufnehmen und halten zu können, eine angemessene Nähe und Distanz zu Kollegen herzustellen, sich auf verschiedenartige Aufgaben und Personen einzustellen, Entscheidungen durchzusetzen, kontroverse Standpunkte im Arbeitsteam zu behandeln, auf Kritik zu reagieren, autoritären Vorgesetzten entgegenzutreten, sich kollegial zu verhalten etc. Dieser subjektiven beruflichen Nutzanwendung wird die Unternehmenssicht gegenübergestellt. Die Betriebe profitieren von den sozialen Kompetenzen der eigenen Mitarbeiter in Form von Effizienz- und Leistungssteigerungen. Wie aber kann eine erfolgreiche innerbetriebliche Weiterbildung im Bereich der Sozialkompetenzen aussehen? Exemplarisch skizziert Kathrin Hauf zur Beantwortung dieser Frage vier methodische Ansätze:

  1. Coaching,
  2. Simulation bzw. Rollenspiel,
  3. das Projekt "Seitenwechsel" sowie
  4. das Konzept zur Förderung von Teamfähigkeit nach Haug.

Schlusspunkt der Arbeit bildet ein Ausblick auf den Anteil, den das Feld Sozialkompetenzen im Bereich der allgemeinen Weiterbildung ausmacht. Herangezogen wird hierfür das Weiterbildungsangebot der Volkshochschule Mainz, in welchem ein Anstieg von 0 Prozent im Jahr 1970/71 auf 1,54 Prozent im Jahr 2000/2001 zu konstatieren sei, was Kathrin Hauf als Zeichen dafür wertet, dass "der Markt der überbetrieblichen und allgemeinen Weiterbildung […] zur gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Nachfrage zeitverzögert zu reagieren [scheint]."

Fazit

Es handelt sich in erster Linie um eine Diplomarbeit, d. h. die Arbeit wurde nicht für einen breiteren Leserkreis angefertigt. Die Themen sind zu knapp angerissen, um wirklich einen fundierteren Einblick in die angesprochenen Sachverhalte geben zu können. Störend sind die vielen Rechtschreib-, Zeichen- und Grammatikfehler (eine gründlichere Korrektur vor Veröffentlichung des Werkes wäre empfehlenswert gewesen). Letzten Endes bleiben viele Fragen offen, vor allem auch, was die Methodik anbelangt. So fehlt beispielsweise eine Darlegung der Kriterien, nach denen die Stichprobenauswahl bei den Stellenanzeigen erfolgt ist. Bis auf eine Ausnahme wurden nur akademische Berufe herangezogen, was aber nicht weiter diskutiert wird. Interessant wäre auch gewesen, unter welchen Gesichtspunkten die Kurse ausgewählt wurden, die explizit die Förderung von Sozialkompetenzen beinhalten sollen. Die Auswahl lässt Transparenz vermissen, wodurch die Aussagekraft der Zahlen nur sehr bedingt gegeben ist. Insgesamt ist das Werk zu skizzenhaft, teils auch zu pauschal, um wirklich ein Lesegenuss zu sein.


Rezensentin
Dr. Dajana Baum
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Heinrich-Heine-Univer­sität Düsseldorf
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Zitiervorschlag
Dajana Baum. Rezension vom 25.07.2006 zu: Kathrin Hauf: Sozialkompetenzen und ihre Bedeutung in der Erwachsenenbildung. Turnshare (London WC1N 3XX) 2005. ISBN 978-1-903343-79-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3618.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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