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Jürg Frick: [...] Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben

Cover Jürg Frick: Ich mag dich - du nervst mich! Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2006. 2., überarbeitete und ergänzte Auflage. 357 Seiten. ISBN 978-3-456-84170-0. 24,95 EUR, CH: 39,90 sFr.
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"Vater, Mutter, Kind"

Zunehmende Aggression, Depression und andere Verhaltensauffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen lassen die Bedeutung der Familie nicht nur im aktuellen politischen Geschehen zu einem wichtigen Gesprächsthema werden. In den letzten 30 Jahren ist die Bedeutung der Familientherapie geradezu stürmisch gewachsen. Die unterschiedlichen systemischen Therapiemethoden stützen sich alle gleichsam auf eine Änderung der familiären Muster, Strukturen und Systemregeln, die in den betroffenen Systemen zu starr, und daher in einem Subsystem zum Problem geworden sind. Das Augenmerk muss auf alle Subsysteme gelegt werden, wobei ganz besonders die verschiedenen Beziehungen und dadurch entstehenden Verhaltensmustern beleuchtet werden müssen. Die Geschwisterbeziehung ist in diesem Kontext lange ein Waisenkind gewesen, deren Bedeutung in den Köpfen behandelnder Professionen sowie der Bevölkerung im Allgemeinen unterschätzt wurde.

"Brüderchen komm tanz mit mir"

Die Rivalität unter Geschwistern ist so alt wie die Menschheit selbst. Schon das Alte Testament erzählt von der wachsenden Eifersucht zwischen den Söhnen von Adam und Eva, bis Kain schließlich Abel erschlägt. In der ägyptischen Mythologie waren es die Brüder Seth und Osiris, die sich bekämpften; bei den Römern die Zwillinge Romulus und Remus. Bei genauer Betrachtung lassen sich jedoch auch positive Beispiele von Geschwisterbeziehungen finden. Denken wir nur an Hänsel und Gretel oder Brüderchen und Schwesterchen. Im Mittelpunkt des Buches steht die Reflexion über die Bedeutung der Geschwisterbeziehung sowie eine positive Eigennutzung dieser Erkenntnisse. Jürg Frick greift als Mitarbeiter der Pädagogischen Fachhochschule Zürich auf Jahre lange Erfahrung aus psychologischer Beratung und Kursen, aus Vorlesungen und Seminaren sowie aus Supervisionsgruppen mit Lehrkräften zurück.

Aufbau und Inhalt

Jürg Frick bietet mit seinem Buch eine Zusammenfassung wichtiger Aspekte von Geschwisterbeziehungen. Er erhebt damit keinen Anspruch auf eine vollständige oder gar erschöpfende Darstellung des Themas. Die Auswahl der Inhalte erfolgte vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrung und seiner Einschätzung des Bedeutungsgrades spezifischer Aspekte. Das Buch ist in 13. Kapitel unterteilt, die das Thema umfassend behandeln.

  1. Das1. Kapitel (Einleitung und Einführung) hebt die Allgemeine Bedeutung von Geschwistern hervor. Sie sind die einzigen, lebenslangen Begleiter/-innen eines Menschen und haben eine herausragende Position bei der Individuations- und Identitätsentwicklung sowie der Sozialisations- und Integrationsentwicklung.
  2. Das 2. Kapitel (Rollen, Nischen, Konstellationseffekte und individuelle Deutungsmuster) erläutert unterschiedliche Geschwisterpositionen, Geschwisterrollen sowie Konstellationen. Es wird dabei deutlich, dass keine Overallaussagen über Positionen oder Rollen möglich sind. Der entscheidende Faktor einer wahrgenommenen Geschwisterrolle ist die subjektive Deutung durch den Einzelnen.
  3. Das 3. Kapitel (Wichtige Einflussfaktoren auf Geschwisterbeziehungen) zeigt vielfältige Einflussfaktoren und mögliche Wirkungen auf die Geschwisterbeziehung auf.
  4. Das4. Kapitel (Geschwister und ihre Bedeutung füreinander) legt die Bedeutung der Geschwister füreinander in der Kindheit, Jugend und im späteren Erwachsenenalter dar.
  5. Das 5. Kapitel (Bevorzugung, Benachteiligung und Rivalität) zeigt den Zusammenhang zwischen der häufig zu findenden Rivalität zwischen Geschwistern und der Rolle der Eltern dabei.
  6. Das 6. Kapitel (Fallgeschichten aus unterschiedlichen Perspektiven) veranschaulicht anhand von konkreten Beispielen die subjektive Wahrnehmung der eigenen Geschwisterrolle verschiedener Geschwisterkonstellationen.
  7. Das 7. Kapitel (Die Freud-Adler-Kontroverse auf dem Hintergrund ihrer persönlichen Geschwisterkonstellation) analysiert die schwierige Situation zwischen Freud und Adler vor dem Hintergrund ihrer jeweils persönlichen Geschwisterproblematik.
  8. Das 8. Kapitel (Geschwister und Geschlecht) beschäftigt sich mit der ungleichen Behandlung von Kindern verschiedener Geschlechter durch die Eltern und deren Spätfolgen.
  9. Das 9. Kapitel (Geschwisterbeziehungen zwischen Nähe-Intimität und Distanz-Feindschaft) beleuchtet Grundmuster emotionaler Beziehungen von Geschwistern sowie Faktoren, die zu nahen oder distanzierten Geschwisterbeziehungen führen.
  10. Das 10. Kapitel (Geschwisterübertragungen im Erwachsenenalter und ihre möglichen Folgen) ermöglicht es dem/der Leser/-in die eigene Geschwistersituation zu reflektieren und mögliche Geschwisterübertragungen im Erwachsenenalter in einigen Bereichen, wie Liebe oder Berufe zu erkennen.
  11. Das 11. Kapitel (Möglichkeiten und Grenzen neuer Geschwisterbeziehungen im Erwachsenenalter) gibt eine Anleitung zur Neugestaltung von Geschwisterbeziehungen, die sich vor allem mit zunehmendem Alter ergeben können.
  12. Das 12. Kapitel (Persönliche Reflexionen über eigene Geschwistererfahrungen) liefert kurze Beispiele verschiedener Personen, die die Funktion ihrer Geschwister für ihre Persönlichkeitsentwicklung herausarbeiteten. Das Kapitel endet mit einer Zusammenfassung aller möglichen Entwicklungspotentiale, die Geschwister bieten können.
  13. Das 13. Kapitel (Anhang für die Praxis) enthält Fragebögen und Schemata zur Ermittlung der Familienkonstellation für die Praxis.

Zielgruppe

Die Zielgruppe dieses Buches sind pädagogische und psychologische Fachkräfte (Lehrende, Erzieher/-innen, Psychologen/-innen, Pädagogen/-innen etc.) aber auch Laien (Eltern und Menschen mit/ohne Geschwister), die ein breites Hintergrundwissen zum Thema erwerben möchten.

Einschätzung

Bis auf das 7. Kapitel ist kein umfangreiches Vorwissen für die Lektüre des Buches notwendig. Frickgelingt die Gradwanderung einer wissenschaftlichen Fachdarstellung, die sowohl für Laien, als auch für Fachleser/-innen interessant geschrieben ist. Der Inhalt kann zum großen Teil quer gelesen werden, ohne dass dem/der Leser/-innen Wissenslücken entstehen. Die kaleidoskopartige Darstellung der Inhalte vermittelt ein vollständiges Bild über den aktuellen Stand der Geschwisterforschung.

Fazit

Das Buch "Ich mag dich - du nervst mich!" biete eine wertvolle, sachliche Zusammenfassung zum aktuellen Forschungsstand über Geschwisterbeziehungen, das vor allem mit dem Mythos der Gleichbehandlung von Geschwistern aufräumt. Es stellt die subjektive Wahrnehmung der eigenen Geschwistersituation genauso, wie die Veränderbarkeit der Geschwisterbeziehung in den Mittelpunkt. Viele kurze Beispiele machen das Lesen kurzweilig.


Rezensentin
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
Homepage www.oleimeulen.info


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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 23.05.2006 zu: Jürg Frick: Ich mag dich - du nervst mich! Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2006. 2., überarbeitete und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-456-84170-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3627.php, Datum des Zugriffs 21.02.2019.


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