socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sabine Ader: [..] Wahrnehmung, Deutung und Intervention in der Jugendhilfe

Cover Sabine Ader: Was leitet den Blick? Wahrnehmung, Deutung und Intervention in der Jugendhilfe. Juventa Verlag (Weinheim) 2005. 260 Seiten. ISBN 978-3-7799-1616-1.

Reihe: Koblenzer Schriften zur Pädagogik.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Einführung in das Thema

Prozedierungskarrieren von Jugendhilfefällen sind nicht gerade jener Stoff, aus dem sich leicht lesbare affirmative Literatur basteln ließe. Die institutionelle Wirklichkeit des Jugendamtes scheint ein unerschöpfliches Reservoir für schlechte Beispiele sozialpädagogischer Praxis zu sein. Sabine Aders Arbeit reiht sich ein in jene Analysen, die sich diese Praxis mit unbestechlichem Blick vornehmen und versuchen, zu einer Verbesserung dieser Praxis beizutragen. Hinlänglich bekannt sind die Befunde, dass die Sichtweisen des Klientels in die Hilfepläne kaum eingehen, dass oft genug die Organe der Jugendhilfe zu einer Verschärfung der Situation beitragen. Bleibt man optimistisch, dann kann man weitere ernsthafte Forschungsarbeiten zu diesem Thema allerdings nur begrüßen. Schließlich gibt es jede Menge guter Gründe, die Jugendhilfearbeit zu einem zentralen Thema in der Weiterentwicklung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit zu machen. Sie berührt Grundinteressen der Gesellschaft. Die Hoffnung, über frühzeitige Intervention zum Schutz von Kindern und Jugendlichen Traumatisierungen und deren dramatische Folgen zu minimieren, wäre doch eine politische und professionelle Kraftanstrengung wert.

Entstehungshintergrund

Sabine Ader ist bereits durch eine Reihe von Publikationen zum Thema hervorgetreten. Im Umfeld von Christian Schrapper beschäftigte sie sich vor allem mit dem sozialpädagogischen Fallverstehen und mit dem Potenzial kollegialer Konsultation für die Diagnostik in der Jugendhilfe. Die vorliegende Arbeit wurde nun 2004 als Dissertation an der Universität Koblenz-Landau eingereicht und angenommen und liegt nun erfreulicherweise als Buchpublikation vor.

Aufbau und Inhalt

Kern der Arbeit ist eine empirische Studie. Die Autorin untersuchte die Hilfegeschichten von 11 Fällen mit qualitativem Instrumentarium. Sogenannte Fallkonsultationen bildeten das Herzstück der Untersuchung, ergänzt wurden sie durch die Aktenanalyse und durch Evaluationsbögen. Als Gegenstand der Untersuchung werden Formen und Prozesse des Fallverstehens in sozialen Diensten der Jugendhilfe genannt. Die Fallkonsultationen dauerten jeweils einen Arbeitstag lang, wobei jeweils am Vormittag der Fall vorgestellt und unter Teilnahme der fallbearbeitenden KollegInnen aufgerollt wurde, der Nachmittag diente der fallübergreifenden Auswertung des Falles.

  • Der Band beginnt mit einer Darstellung des Diskussionsstandes zu Fallverstehen und Diagnostik in der Sozialen Arbeit.
  • Im zweiten Kapitel werden der methodische Zugang und die Anlage der Untersuchung erläutert.
  • Die Kapitel 3 und 4 entfalten schließlich exemplarisch 2 der Fälle.
  • Im Kapitel 5 werden fallübergreifende Handlungsmuster und Handlungslogiken dargestellt.
  • Schlussfolgerungen für Praxis und Forschung finden sich im abschließenden 6. Kapitel.

Die beiden ausführlicher dargestellten Fälle sind der aufregendste Teil der Lektüre. Es handelt sich dabei um besonders "schwierige" Fälle. Man beneidet die professionellen Akteure der Jugendhilfe nicht um diese Aufgaben. Trotzdem: Die Dürftigkeit ihres Instrumentariums zum Verständnis und die vorwiegend an den kurzfristigen Interessen der Institution ausgerichteten Handlungsstrategien schmerzen und werfen kein gutes Licht auf den Status an Professionalität. Die Autorin verdeutlicht, wie die Organisationslogik zu Verschärfungen der Lebenssituation der Klientel beiträgt. Sie kritisiert auch ein Professionalitätsverständnis, das formalisierte Interventionen bevorzugt, die Anstrengung der Konfrontation meidet und die eigene Emotionalität der Fachkräfte nicht zum Thema werden lässt. Die Hilfesysteme wiederholen die familiären Muster.

Die Autorin kritisiert schlüssig einen in den Jugendämtern weit verbreiteten Habitus. Ihre Schlussfolgerungen, ihre theoretischen Bezüge sind auf der Höhe der Zeit, gleichzeitig sind sie über weite Strecken nicht wirklich neu. Vieles (wie zum Beispiel die oben angesprochene Notwendigkeit des bewussten Umgangs mit der eigenen Emotionalität) gehört zum alten Wissensbestand der Profession und wurde schon vor Jahrzehnten in der Casework-Literatur ausgeführt. Das wertet die Arbeit von Ader aber keineswegs ab, im Gegenteil.

Bei ihren Schlussfolgerungen setzt die Autorin deutliche Akzente für eine reflexive Soziale Arbeit. So plädiert sie etwa für ein Fallverständnis, das Biographie, institutionellen Kontext und professionelles Handeln einschließt - Diagnostik und Fallverstehen also nicht auf ein Sammeln von Wissen über die KlientInnen reduziert. Für die Forschung fordert sie eine Fokussierung auf die Prozesse, die Wirkweise von Institutionen. Sie kritisiert die Geschichtslosigkeit der sozialpädagogischen Forschung und plädiert schließlich für ein Forschungsverständnis, das Forschung als Teil sozialpädagogischer Praxis begreift.

Zielgruppen

Ich empfehle die Lektüre Fach- und Leitungskräften der Jugendhilfe, Lehrenden und Forschenden in der Sozialen Arbeit.

Einschätzung

Der Band ist anspruchsvoll geschrieben, aber nicht komplizierter, als es das Thema erfordern würde. Es lohnt sich eine genaue Lektüre, da wichtige und erhellende Gesichtspunkte oft nur in ein bis zwei Absätzen angedeutet werden. Insofern ist die Arbeit vielleicht nicht "leicht zu lesen", bei genauer Lektüre dafür umso lohnender.

Fazit

Die Autorin entwickelt anhand der Analyse von Fallgeschichten ein umfassendes Verständnis der Aufgaben der Jugendhilfe, der Bedingungen und Fallen der fachlichen Arbeit im institutionellen Kontext. Aus der Fülle an Publikationen zum Themenbereich ragt dieses Buch hervor: Wegen der Sorgfalt bei den Fallanalysen, wegen der umfassenden analytischen Sicht auf ein komplexes Bedingungsgefüge, wegen der Verankerung in einer reflexiven Tradition sozialarbeiterisch/sozialpädagogischen Professionalitätsverständnisses. Ich habe den Band mit großem Gewinn gelesen, und so unangenehm dieser genaue Blick auch sein mag, verdient das Buch doch weite Verbreitung. Vor allem aber verdient es anschließende Arbeiten. Denn offen bleibt, wie denn das von Ader skizzierte Programm konkretisiert und umgesetzt werden könnte.


Rezension von
Prof. Mag. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher
Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor (ÖVS)
Leiter Department Soziale Arbeit, Master-Stdgg. Soziale Arbeit
Fachhochschule St.Pölten GmbH University of Applied Sciences
Homepage pantucek.com


Alle 17 Rezensionen von Peter Pantuček-Eisenbacher anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Pantuček-Eisenbacher. Rezension vom 12.09.2006 zu: Sabine Ader: Was leitet den Blick? Wahrnehmung, Deutung und Intervention in der Jugendhilfe. Juventa Verlag (Weinheim) 2005. ISBN 978-3-7799-1616-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3636.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht