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Nitza Katz-Bernstein: Selektiver Mutismus bei Kindern

Cover Nitza Katz-Bernstein: Selektiver Mutismus bei Kindern. Erscheinungsbilder, Diagnostik, Therapie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2005. 249 Seiten. ISBN 978-3-497-01754-6. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Zur Autorin

Nitza Katz-Bernstein ist Professorin an der Fakultät für Rehabilitationswissenschaften an der Universität Dortmund. Sie leitet das Zentrum für Beratung und Therapie und das Sprachtherapeutische Ambulatorium. Nach 22 Jahren therapeutischer Arbeit wechselte sie 1994 an die Hochschule. Damals nahm sie sich vor, ein Buch über die Therapie von Kindern mit selektivem Mutismus zu schreiben; jetzt liegt es vor.

Zum Thema

Ziel des Buches ist es, Informationen über selektiven Mutismus bei Kindern zu vermitteln. Fachkräften, die mit diesen Kindern therapeutisch arbeiten, sie betreuen oder unterrichten, sollen vielfältige, konkrete therapeutische und rehabilitative Zugänge und Arbeitsinstrumente eröffnet werden. Therapeutinnen und Therapeuten mit mehr Erfahrung soll das Buch eine Erweiterung der eigenen Zugänge, Bestätigung, Vertiefung und Einordnung der Interventionen ermöglichen.

Aufbau und Inhalte

Der erste Teil vermittelt theoretische Zugänge. Nitza Katz-Bernstein definiert nach ICD-10 (selektiven) Mutismus als "eine Störung, die durch eine deutliche, emotional bedingte Selektivität des Sprechens charakterisiert ist. Das Kind zeigt seine Sprachkompetenz in einigen Situationen, in anderen definierten Situationen jedoch nicht. Meistens tritt die Störung erstmals in der frühen Kindheit auf. ()" (S.22). Sie bespricht diagnostische Kriterien, Epidemiologie, Co-Morbiditäten und Risikofaktoren.

Anschließend stellt sie einen entwicklungspsychologischen Ansatz vor, der die Verbindung zwischen der Entwicklung der sprachlichen Kompetenz und Performanz und der psychosozialen und der Identitätsentwicklung verdeutlicht. Als relevante Entwicklungsbereiche im Kleinkind-, Vorschul- und Schulalter stellt sie dar:

  • Vorsprachliche Kommunikation und erste Dialoge
  • gemeinsame Aufmerksamkeit mit einer Bezugsperson
  • Umgang mit neuen fremden Situationen
  • Entwicklung innerer Vorstellungen und des Verständnisses von Symbolen
  • Entwicklung narrativer Kompetenzen
  • Entwicklung pragmatischer sozialer Kompetenzen mit dem Erkennen der Angemessenheit von Äußerungen innerhalb und außerhalb des familiären vertrauten Kontextes
  • Verinnerlichung von Wertmaßstäben.

Die Autorin arbeitet dabei jeweils die Relevanz für Kinder mit selektivem Mutismus heraus. Sie zeigt dabei, dass der kindliche Mutismus als eine "Bewältigungsstrategie" verstanden werden kann, Störungen in diesen Bereichen auszugleichen. Ausgehend von diesem Verstehen kann nach "Defiziten" beim einzelnen Kind gesucht werden.

Der zweite Teil des Buches gibt Anregungen zur Diagnostik. Die Autorin beschreibt Beobachtungskriterien für Kindergarten und Schule und diskutiert die Erhebung therapierelevanter Daten. Sie schlägt die Berücksichtung dreier Perspektiven vor:

  • Erfassung des Ausmaßes und der kontextuellen Bedingungen des Sprechens und des Schweigens (Symptomdiagnostik)
  • Betrachtung der psychodynamischen Organisation und der begleitenden Kognitionen (Strukturdiagnostik)
  • Entwicklung von Hypothesen über den Sinn des Verhaltens im System und der Lebensumwelt des Kindes (Systemdiagnostik).

Der dritte Teil beschäftigt sich mit therapeutischen Zugängen und Wirkfaktoren. Die vorgeschlagene therapeutische Haltung ähnelt einer intuitiven elterlich-didaktischen Haltung, die dem Kind die bestehenden kulturell-sozialen Regeln vermittelt. Sie gibt empathisch Halt, Gerüst und Struktur, fördert die nächste Entwicklungsstufe, hält die Motivation aufrecht und hilft Hindernisse zu überwinden. Die Therapie beginnt mit der Klärung des Therapieauftrags. Eine allmähliche Trennung des Kindes von seiner Bezugsperson für die Therapiestunde ist unumgänglich, um mit der Zeit eine eigenständige Kommunikation zu einer fremden Person aufbauen zu können. Die Schaffung eines "Sicheren Platzes", real innerhalb des Therapiezimmers oder imaginiert, und das verbale Spiegeln und Kommentieren des kindlichen Tuns werden als Möglichkeiten, sich dem Kind zu nähern und eine Beziehung aufzubauen, vorgestellt. Wichtig dabei ist vor allem das Durchhaltevermögen des Therapeuten.

Viele mutistische Kinder sind in ihrem beziehungsregulierenden, nonverbalen Verhalten gehemmt; eine Erweiterung der nonverbalen Kompetenz ermöglicht oft erst weiterführende verbale Schritte. Deshalb werden im vierten Teil Anregungen zum Aufbau von Kommunikationsstrukturen im vorsprachlichen nichtverbalen Bereich gegeben: Das spielerische Erlernen von "turn-taking", die Arbeit mit Puppen und "Übergangsobjekten", die Gestaltung eines Märchenheftes mit Sprechblasen, die Anregung von Symbolspiel, die sprachliche Begleitung der kindlichen Handlungen (auch um den Wortschatz zu erweitern und einen korrekten grammatischen Input zu geben) werden besprochen.

Der Aufbau der verbalen Kommunikation ist Thema des fünften Teils. Erste Schritte in diese Richtung können selbst erzeugte Geräusche sein. Für den Gebrauch der ersten Worte - so die Autorin - ist es von großer Bedeutung, dem Kind zu vermitteln, dass man zuversichtlich ist, dass das Kind bald sprechen könne und werde. Für das Experimentieren entlang der "Schweigegrenzen" können mit dem Schulkind Hierarchien der Orte, der Personen und der Sprechweise für die nächsten Schritte herausgearbeitet werden; hilfreich kann ein erstes Sprechen auf Tonband, das Kaschieren der eigenen Stimme des Kindes durch andere Geräusche ("Schattensprechen") oder die Schaffung eines "Zugzwangs" (Reime) sein; die Arbeit mit inneren Stimmen, einer Technik aus der Gestalttherapie, wird ebenfalls vorgestellt. Wie das Erreichte durch Hausaufgaben unterstützt, in den Alltag transferiert und über die erarbeiteten Hierarchiestufen generalisiert werden kann, wie Widerstand und Krisen umgangen werden können und wann und in welcher Form die Therapie beendet werden soll, wird ebenfalls ausführlich thematisiert.

Im sechsten Teil wird die Zusammenarbeit mit Angehörigen und die Zusammenarbeit im Netzwerk der Fachleute besprochen. Exemplarisch für die Elternarbeit stehen die Themen: Umgang mit Wutausbrüchen und Aggression, Einsatz von Medikamenten, Umgang mit Gewalt- oder Missbrauchsverdacht. Anschließend werden Grundsätze der Zusammenarbeit mit Schule und weiteren Fachleuten behandelt.

In einer ausführlichen Falldarstellung beschreibt die Lehrerin Ruth Marosi am Beispiel des Buben Lui, den sie in den ersten drei Grundschuljahren unterrichtet, wie verschiedene Bausteine kreativ eingesetzt werden können.

Den Abschluss des Buches bildet eine Zusammenfassung der Fallbeispiele der Kinder, die im Verlaufe des Buches beispielhaft dargestellt wurden.

Zielgruppen

"(Selektiver) Mutismus liegt an der Schnittstelle von Medizin, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Sprach- und Kommunikationstherapie, Pädagogik, Sonderpädagogik, Sozialpädagogik und Sozialarbeit" (S.12). Erfolgreiche (therapeutische) Arbeit mit diesen Kindern bedarf eines koordinierten Zusammenwirkens mehrerer Fachkräfte. Zielgruppe des Buches sind deshalb alle Fachkräfte aus den oben genannten Bereichen, die mit mutistischen Kindern arbeiten.

Fazit

Nitza Katz-Bernstein gelingt es in diesem Buch, die Vielfalt der Arbeit mit (selektiv) mutistischen Kindern anregend darzustellen. Mit den vielen Fallbeispielen vermittelt sie anschaulich, dass für jedes Kind entsprechend der individuellen Konstellation der richtige Weg gefunden werden muss, und wie dazu unterschiedliche therapeutische Ansätze integriert werden können. Der Leser kann sich viele Anregungen für die eigene Arbeit holen. Das lesenswerte Buch regt zum Nachdenken und zum begründeten Ausprobieren an.



Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 23.05.2006 zu: Nitza Katz-Bernstein: Selektiver Mutismus bei Kindern. Erscheinungsbilder, Diagnostik, Therapie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2005. ISBN 978-3-497-01754-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3657.php, Datum des Zugriffs 28.02.2021.


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