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Renate Kränzl-Nagl, Johanna Mierendorff u.a. (Hrsg.): Kindheit im Wohlfahrtsstaat

Cover Renate Kränzl-Nagl, Johanna Mierendorff, Thomas Olk (Hrsg.): Kindheit im Wohlfahrtsstaat. Gesellschaftliche und politische Herausforderungen. Campus Verlag (Frankfurt) 2003. 467 Seiten. ISBN 978-3-593-37021-7. 34,90 EUR.

Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung, Band 11.
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Einführung in die Themenstellung

"Kindheit ist sowohl in der internationalen als auch deutschen Wohlfahrtsstaatsforschung weitgehend ein blinder Fleck" (S. 9) - so leiten die beiden Herausgeberinnen und der Herausgeber ihren Sammelband ein. Kinder seien die einzige gesellschaftliche Gruppe, die keinen gesetzlichen Anspruch auf sozialstaatliche Leistungen hätte. Diese Situation ließe sich aus der Geschichte des Wohlfahrtsstaates erklären.

"Wechselt man nun die Perspektive und betrachtet die aktuellen Debatten im Kontext einer Soziologie der Kindheit, so findet man eine spiegelbildliche Ausblendung des Themas Wohlfahrtsstaates" (S. 32). Dies gelte laut den Herausgeber/innen nicht nur für die deutschsprachige Kindheitsforschung, sondern auch weitgehend für die internationale.

Herausgeber und Ziel des Sammelbandes

Dementsprechend unternehmen Renate Kränzl-Nagl (Koordinatorin des Programmbereichs "Childhood and Youth" am Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung in Wien), Johanna Mierendorff (Hochschulassistentin für Sozialpädagogik und Sozialpolitik an der Universität Halle-Wittenberg) und Thomas Olk (Professor für Sozialpädagogik und Sozialpolitik an der Universität Halle-Wittenberg) mit diesem Sammelband den Versuch, "die komplexen Beziehungen struktureller Art zwischen Kindheit bzw. Kindern und wohlfahrtsstaatlichen Systemen angemessen" zu rekonstruieren (S. 37). Dabei wird in den meisten Beiträgen von einer makrotheoretischen Perspektive ausgegangen.

Die Absicht ist, Kinder als eine eigenständige Bevölkerungsgruppe mit spezifischen Rechten und Bedürfnissen zu definieren, die in eine wohlfahrtsstaatliche Ordnung eingefügt ist. So soll das breite Spektrum der Beziehungen zwischen Kindheit und Sozialstaat deutlich gemacht werden. Damit sollen "Anstöße zu einer Perspektivenerweiterung sowohl in der Wohlfahrtsstaatsforschung als auch in der soziologischen Kindheitsforschung" gegeben werden (S. 38), die möglichst zu integrativen Ansätzen führen sollen. Zugleich wird eine Verbesserung der gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Situation von Kindern angestrebt.

Aufbau und Inhalte

1. Teil: Das Verhältnis von Wohlfahrtsstaat und Kindheit

In drei Beiträgen - von Angelika Engelbert und Franz-Xaver Kaufmann, von Jens Qvortrup und von Magdalena Joos - wird behandelt, dass die Wohlfahrt von Kindern nicht alleine durch staatliche Geld- und Dienstleistungen sichergestellt werden kann, sondern dass hier vor allem die Familie gefragt ist. Ferner werden Rechte, Ansprüche und Bedarf von Kindern hinsichtlich wohlfahrtsstaatlicher Leistungen beleuchtet. In diesem Kontext wird das Verhältnis von Kindheit und Markt analysiert, wobei hier (mehr oder minder erstmalig) Theorien des fairen Tauschs und der (Verteilungs-) Gerechtigkeit angewandt werden. Ferner wird gefragt, welche gesellschaftlichen Akteure für die Wohlfahrt von Kindern verantwortlich sind. Schließlich werden die Konsequenzen des derzeit erfolgenden Umbaus des Sozialstaates für die Konstituierung von Kindheit diskutiert, wobei hier vor allem auf das Gutscheinmodell für Kindertageseinrichtungen als Beispiel für die "Einführung" marktwirtschaftlicher Modelle eingegangen wird.

2. Teil: Die gewandelte Stellung des Kindes im Wohlfahrtsstaat

In vier Kapiteln - verfasst von Reinhard Wiesner, Doris Bühler-Niederberger, Ursula Nissen und Heinz Hengst - wird aufgezeigt, wie sich der gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Wandel auf die Kindheit auswirkt. Zunächst wird beschrieben, wie sich die rechtliche Stellung von Kindern geändert hat - dass Kindern heute bei weitem mehr Rechte als früher zugesprochen werden, weil sie als Rechtssubjekte, als autonom handelnde, aber noch in ihrer Entwicklung zu fördernde und zu schützende Personen mit Beteiligungsrechten gesehen werden. Ferner geht es um den "Wert" von Kindern, wie dieser von der (Familien-) Politik berechnet wurde/ wird und was dieses für Konsequenzen in der politischen Debatte (gehabt) hat. Dann werden die Bürgerrechte von Kindern und ihre Teilhabe an politischen Prozessen behandelt, wobei die geringere Partizipation von Mädchen und jungen Frauen problematisiert und mit einer unterschiedlichen (politischen) Sozialisation erklärt wird. Schließlich wird Kindheit aus der Perspektive von Markt und Konsum betrachtet und die relativ neue ökonomische Rolle des Kindes als Konsument analysiert. Dies habe nicht nur die Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern aufgeweicht, sondern führe auch zur Stärkung der Position von Kindern als Bürger.

3. Teil: Kinderarmut als Ausdruck wohlfahrtsstaatlicher Regulationsmechanismen

In zwei Kapiteln - verfasst von Michael Förster und Ilona Ostner - wird der Zusammenhang zwischen der in OECD-Ländern weit verbreiteten Kinderarmut und dem Umbau des Wohlfahrtsstaates untersucht. Zunächst werden die Entwicklung von Kinderarmut in den letzten 20 Jahren in verschiedenen Ländern und die zugrunde liegenden Faktoren beschrieben, wobei Kinder als eigenständige Teile von Haushalten betrachtet werden. Hier wird insbesondere auf die Arbeitslosigkeit von Eltern und unzureichende wohlfahrtsstaatliche Leistungen verwiesen. Wege zur Bekämpfung von Kinderarmut werden im Ländervergleich aufgezeigt. Ferner wird analysiert, welche Konsequenzen die gesellschaftliche Diskussion über Kinderarmut für den Umbau der sozialen Sicherungssysteme hat, insbesondere bezogen auf die Steuerungsmechanismen Prävention, Aktivierung und Neuverteilung von Erwerbschancen. Sozialpolitik für Kinder wandle sich immer mehr zur Beschäftigungspolitik für Eltern.

4. Teil: Kindheit und Politik

In den letzten vier Kapiteln - geschrieben von Kurt Lüscher, Andreas Lange, Sven Borsche sowie Johanna Mierendorff und Thomas Olk - werden verschiedene Perspektiven der aktuellen kinderpolitischen Debatte deutlich. So werden vier Typen von Kinderpolitiken anhand der Pole Vertrautheit / Fremdheit und Zugehörigkeit / Eigenständigkeit unterschieden. Dann geht es um den Erneuerungsbedarf der sozial-ökologischen Begründung von Kinderpolitik, wobei auf die sozialphilosophische Theorie und die Glücksforschung rekurriert wird. Es wird gefolgert, dass Kinderpolitik über finanzielle Transfers und Dienstleistungen hinaus auch auf Wohlbefinden und Handlungsbefähigung von Kindern einwirken und positiv wirkende Umwelten stützen müsse. Anschließend werden wesentliche "kinderpolitische Ereignisse" in den letzten 25 Jahren zusammengefasst und Umbrüche in der Interessenpolitik für Kinder aufgezeigt, wobei für eine Respektierung der beiden Pole "Autonomie" und "Schutzbedürftigkeit" von Kindern plädiert wird. Schließlich wird die Notwendigkeit einer eigenständigen "Kinderwohlfahrtspolitik" begründet, bei der - vor allem wichtig im Kontext des Umbaus des Sozialstaates und der damit verbundenen "De-Familialisierung"- die Perspektive von Kindern beachtet und die Auswirkungen von Maßnahmen wie z.B. des arbeitsmarktbezogenen Ausbaus von Kindertagesbetreuung und der Einführung von Bildungsplänen für Kleinkinder auf Kindheit mitbedacht werden.

Fazit

Dieser für ein wissenschaftliches Werk relativ leicht lesbare und gut gegliederte Sammelband richtet sich in erster Linie an Politikwissenschaftler/innen und Kindheits- bzw. Jugendforscher/innen. Unter Praktiker/innen im Sozialbereich und unter Politiker/innen wird er wohl nur wenige Leser/innen finden.


Rezensent
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 11.11.2003 zu: Renate Kränzl-Nagl, Johanna Mierendorff, Thomas Olk (Hrsg.): Kindheit im Wohlfahrtsstaat. Gesellschaftliche und politische Herausforderungen. Campus Verlag (Frankfurt) 2003. ISBN 978-3-593-37021-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/366.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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