socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Judith Kerschbaumer, Wolfgang Schroeder (Hrsg.): Sozialstaat und demographischer Wandel

Cover Judith Kerschbaumer, Wolfgang Schroeder (Hrsg.): Sozialstaat und demographischer Wandel. Herausforderungen für Arbeitsmarkt und Sozialversicherung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 239 Seiten. ISBN 978-3-531-14846-5. 24,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Entstehungshintergrund

Die Diskussion um den demographischen Wandel als Hauptursache der Finanzierungs- und Nachhaltigkeitsproblematik des Sozialstaats ist in den vergangenen Jahren immer intensiver geworden. Dabei zeigt sich deutlich, dass die Szenarien, die hier verhandelt werden, längst nicht alle Faktoren, die den demographischen Wandel beeinflussen, mit einbezogen werden und auch häufig voreilig Schlussfolgerungen gezogen werden. Münden diese Schlussfolgerungen dann in konkrete Reformen, wie beispielsweise den Einbezug eines "demographischen Faktors" oder, in einem weiteren Reformschritt, einen "Nachhaltigkeitsfaktor" in die Rentenformel, so zeigt sich die außerordentliche Bedeutsamkeit des Zusammenhangs des Wirkzusammenhangs von demographischem Wandel und Sozialstaatsreformen. Hier haken die Herausgeberin Judith Kerschbaumer, die als Leiterin des Bereichs Sozial- und Gesundheitspolitik bei der Verdi-Bundesverwaltung tätig ist,  und der Herausgeber Wolfgang Schroeder, der Leiter des Funktionsbereichs Sozialpolitik beim Vorstand der IG Metall ist, ein.

Entstanden ist der Band auf einem Workshop der IG Metall, der Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen zusammengebracht hat mit der Zielsetzung, Wirkungszusammenhänge zu erläutern und Lösungsansätze aufzuzeigen. Dabei ist die These handlungsleitend gewesen, dass der Umgang mit dem demographischen Wandel eine für Gesellschaft und (Sozial)politik eine gestaltbare und lösbare Aufgabe darstellt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in insgesamt neun Kapitel gegliedert und wird durch ein Glossar ergänzt.  Im Vorwort machen die Herausgeberin und der Herausgeber deutlich, dass mit dem vorliegenden Band keine abschließenden Antworten zu erwarten sind, sondern das Verständnis für das Verhältnis von demographischem Wandel und sozialstaatlicher Entwicklung verbessert werden soll.

  1. Im ersten Kapitel gehen Judith Kerschbaumer und Wolfgang Schroeder von der auch für das gesamte Buch relevanten Hypothese der Gestaltbarkeit des demographischen Wandels aus. Dabei beziehen sie sich auf die Ergebnisse der Enquete-Kommission "Demographischer Wandel - Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzelnen und die Politik", die von 1992 bis 2002 gearbeitet hat. Die dort vorgelegten Ergebnisse sind für Kerschbaumer und Schroeder nicht ausreichend, um die Komplexität des Wirkzusammenhangs zwischen demographischer Entwicklung und Sozialstaat zu erklären. Diese zeigt sich auch daran, dass es in diesem Zusammenhang verschiedenste Positionen in Wissenschaft und Politik gibt, die in den markanten Begrifflichkeiten "Dramatisierer", "Mythenknacker" sowie "Gestalter" knapp vorgestellt und diskutiert werden. Weiterhin erläutern Kerschbaumer und Schroeder die Frage nach dem Beitrag, den Gewerkschaften zur Diskussion der Folgen des demographischen Wandels beitragen können. Von ganz zentraler Bedeutung ist hier der hohe Stellenwert, der der Zukunft der Erwerbsarbeit im Zusammenhang mit dem demographischen Wandel zukommt. Kommt es hier zu einschneidenden Veränderungen, so ist die Finanzierungsbasis für den (deutschen) Sozialstaat in seiner jetzigen Form durch seine Erwerbsarbeitszentrierung gefährdet. Dies wird auch Auswirkungen auf die Aufgabenstellung der Gewerkschaften haben, deren Legitimationsbasis im Wesentlichen die Interessenvertretung von Arbeitnehmer/inn/en darstellt. Der Beitrag von Kerschbaumer und Schroeder schließt mit zehn Thesen, die sowohl allgemeine Aspekte des Zusammenhangs zwischen demographischem Wandel und Sozialstaat aufgreifen, aber auch spezifische Aspekte thematisieren wie Generationengerechtigkeit, das Leitbild älterer Menschen, Arbeitslosigkeit sowie die verschiedenen Sozialversicherungen.
  2. Im zweiten Kapitel diskutieren Frank Nullmeier und Sonja Wrobel den Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit und Demographie. Dabei gehen sie von der Überlegung aus, dass Generationengerechtigkeit zwar einerseits ein junger Terminus ist, andererseits aber im Zusammenhang mit der Rentendebatte mittlerweile zu einem bedeutsamen Begriff avanciert ist. Allerdings ist es unklar, wie sich dieser Begriff zu den politischen und sozialphilosophischen Konzepten von Gerechtigkeit verhält. Dies zu klären ist die Aufgabe des ersten Teils des Beitrages von Nullmeier und Wrobel. Dabei werden die Gerechtigkeitskonzepte von John Rawls, Friedrich August von Hayek sowie Michael Walzer auf ihre mögliche Thematisierung von Generationengerechtigkeit hin untersucht. Deutlich wird hierbei, dass in jeder der Theorien Generationengerechtigkeit mehr oder weniger deutlich thematisiert wird und in die je spezifische Gerechtigkeitskonzeption einfügbar ist. Ganz anders verhält es sich hingegen in der politischen Debatte um Generationengerechtigkeit, wo häufig ein Konflikt zwischen "sozialer Gerechtigkeit" und Generationengerechtigkeit entsteht.
  3. Im dritten Kapitel unternimmt Frank Micheel den Versuch, die Einflussfaktoren der demographischen Entwicklung wie Geburtenentwicklung, Sterblichkeit und Wanderungsverhalten darzustellen und im Anschluss daran die immer wieder thematisierten Lösungsansätze wie verstärkte Zuwanderung sowie die Steigerung der Geburtenrate kritisch zu diskutieren. Dabei kommt er zu der Schlussfolgerung, dass mit solcherlei Lösungsansätzen die Nachhaltigkeit des Sozialstaats nicht gesichert werden kann, sondern Reformen in den sozialen Sicherungssystemen notwendig ist.
  4. Das vierte Kapitel von Stephan Fasshauer steht ganz im Zeichen der Gesetzlichen Rentenversicherung unter dem Einfluss des demographischen Wandels. Die ersten Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Gesetzliche Rentenversicherung sind mit der Einführung des Nachhaltigkeitsgesetzes bereits deutlich erkennbar, zeitigen Fasshauers Meinung nach aber noch nicht genügend Wirkung. Hier mahnt er ein Maßnahmenbündel an, das nicht nur rentenpolitisch ansetzt, sondern ebenso familien-, bildungs- und finanzpolitisch nachhaltige Reformen einführt.
  5. Das fünfte Kapitel von Klaus Jacobs und Hendrik Dräther widmet sich dem Einfluss des demographischen Wandels auf die Gesetzliche Krankenversicherung. Hier wird vornehmlich die Ausgabensituation der Gesetzliche Krankenversicherung thematisiert, die sich deutlich verändern wird, insofern bei einer steigenden Lebenserwartung auch die Ausgaben steigen werden. Allerdings wird sich auch die Einnahmensituation durch den Wandel des Arbeitsmarktes verändern, der nicht alleine auf den demographischen Wandel zurückgeführt werden kann sondern auch durch externe Effekte, wie die wirtschaftliche Globalisierung, mit beeinflusst wird.
  6. Die Pflegeversicherung steht im Mittelpunkt des sechsten Kapitels, in dem Heinz Rothgang grundsätzliche Fragen diskutiert wie die nach der Anzahl der Menschen, die künftig pflegerische Leistungen in Anspruch nehmen müssen sowie die Ungewissheit darüber, ob der Trend mehr zu ambulanten oder stationären Leistungen gehen wird. Von wesentlicher Bedeutung ist ähnlich wie in der Gesetzlichen Krankenversicherung die Frage der Finanzierung, d.h. sowohl Einnahmen- als auch Ausgabenseite sowie die Diskussion hinsichtlich der Notwendigkeit eines möglichen Systemwechsels. Einen grundsätzlichen Systemwechsel sieht Rothgang angesichts der Herausforderungen durch den demographischen Wandel weder als wünschenswert noch als notwendig an sondern empfiehlt, Innovationspotentiale innerhalb des bestehenden Systems auszunutzen.
  7. Im siebten Kapitel verdeutlicht Ernst Kistler, dass der demographische Wandel kaum in der Lage sein dürfte, die angespannte Arbeitsmarktsituation zu entschärfen. Er setzt in seinem Beitrag sehr grundsätzlich an, indem er die Forderung von einigen Teilen der Politik nach einer Erhöhung der Beschäftigungsquote um jeden Preis grundsätzlich hinterfragt. Dabei stellt sich jedoch die Frage, wie angesichts des demographischen Wandels eine Arbeitsmarktpolitik für ältere Arbeitnehmer/innen grundsätzlich aussehen könnte und kritisiert die derzeitigen Reformkonzepte. Angesichts des zu erwartenden steigenden Anteils älterer Arbeitnehmer/innen sieht er eine hohe Bedeutung in der Entwicklung alternsgerechter und altersgerechter Arbeitsbedingungen sowie einer Unterbindung der Altersdiskriminierung.
  8. Im achten Kapitel untersucht Reinhold Tiede die Altersteilzeit hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Gesetzliche Rentenversicherung und deren Finanzierungsprobleme. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass das Instrument der Altersteilzeit ein geeignetes Instrument zur Flankierung der Reformen in der Alterssicherung darstellt. Allerdings schränkt er sein positives Urteil dergestalt ein, als noch weiterer Forschungsbedarf vonnöten ist und künftig die Wirkungen der Reformen in der Arbeitsmarktpolitik, insbesondere die Einführung des SGB II (Hartz IV) eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf die Inanspruchnahme von Altersteilzeit haben dürfte.
  9. Im neunten Kapitel untersuchen Gabriele Freude und Eberhard Pech den Zusammenhang von demographischem Wandel, Gesundheit und Arbeitsfähigkeit. Dabei steht die Frage nach den Konsequenzen eines Anstiegs des Durchschnittsalters der Belegschaften in den Betrieben auf deren Arbeitsfähigkeit. Von besonderer Bedeutung ist hierbei die Untersuchung bereits existierender Präventiv- und Gesundheitsförderungsmaßnahmen hinsichtlich des Erhalts der Leistungsfähigkeit der Belegschaft. Hier erkennen Freude und Pech noch deutliche Verbesserungspotentiale, um die bereits existierenden Konzepte wie die "alter(n)sgerechte Arbeitsgestaltung" noch wirkungsvoller anzuwenden. Gleichzeitig verdeutlichen sie aber auch, dass der Begriff der "Arbeitsfähigkeit" gerade in Bezug auf ältere Arbeitnehmer/innen auch noch konzeptionell-theoretische Defizite aufweist, die es zu beseitigen gilt.

Der Band schließt mit einem kurzen Glossar, in dem die wichtigsten Begriffe, Daten und relevanten Institutionen aus den Bereichen Demographie und Sozialpolitik zusammengestellt sind.

Haupterkenntnisse des Buches

Der Sammelband lässt die Leserinnen und Leser eher mit mehr Fragen zurück als er Antworten zu geben vermag - was aber durchaus kein Manko ist. Angesichts der Komplexität des Themas ist auch kaum etwas anderes möglich gewesen. Auf jeden Fall gibt dieses Buch aber eine Vielzahl von Denkanstößen, die die Gestaltbarkeit des demographischen Wandels möglicherweise erleichtern. Und da der enge Zusammenhang mit den Sozialstaatsreformen in allen Beiträgen aus unterschiedlichsten Perspektiven erläutert wird, kann die Diskussion um die Zukunft des Sozialstaats hier nochmals neue Impulse erhalten.

Zielgruppen

In erster Linie ist dieser Sammelband für Sozialstaats-ExpertInnen sowohl aus Wissenschaft wie auch Praxis konzipiert. Da die Beiträge voraussetzungsvoll sind, ist das Buch für Studierende nur bedingt geeignet, trotz des Glossars, das zwar hilfreich ist, für Studienanfänger/innen aber zu knapp gehalten ist.

Fazit

Das Buch bietet einige neue Perspektiven auf die Herausforderungen, mit denen sich die Gesellschaft konfrontiert sieht, und hebt sich insofern aus der Vielzahl der Publikationen zum Thema Sozialstaat hervor. An einigen Stellen wären redaktionelle Eingriffe sinnvoll gewesen, um die Mehrfachnennung von Grunddaten zu vermeiden oder um noch mehr Querbeziehungen unter den Beiträgen herzustellen. Davon abgesehen stellt der Band eine wichtige Grundlagenliteratur in dem bislang wissenschaftlich unterbelichteten und teilweise zu populärwissenschaftlich diskutiertem Schnittmengenthema demographischer Wandel und Sozialstaat dar.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
E-Mail Mailformular


Alle 46 Rezensionen von Marion Möhle anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 21.02.2008 zu: Judith Kerschbaumer, Wolfgang Schroeder (Hrsg.): Sozialstaat und demographischer Wandel. Herausforderungen für Arbeitsmarkt und Sozialversicherung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. ISBN 978-3-531-14846-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3678.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Kaufmännische Leitung (w/m/d), Kiel

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung