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Thomas Wetzstein, Patricia Isabella Erbeldinger u.a.: Jugendliche Cliquen

Cover Thomas Wetzstein, Patricia Isabella Erbeldinger, Judith Hilgers, Roland Eckert: Jugendliche Cliquen. Zur Bedeutung der Cliquen und ihrer Herkunfts- und Freizeitwelten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 206 Seiten. ISBN 978-3-531-14572-3. 25,90 EUR, CH: 45,30 sFr.

Unter Mitarbeit von Susanne Mayer.
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Thema

Im alltäglichen Leben Jugendlicher spielen Cliquen oder Peergroups eine immer wichtigere Rolle. Welchen Stellenwert nehmen sie aus der Sicht der Forschung ein, was charakterisiert sie, inwieweit ergänzen oder lösen sie die Familie ab und welche Funktion übernehmen sie? Medien folgen oft einer eher reißerischen Diskussion des Themas. Bezüglich notwendiger Identifikationsprozesse und Orientierungen Jugendlicher gewinnen Cliquen aus sozialwissenschaftlicher Sicht zunehmend noch mehr Bedeutung. Lebensentscheidungen von Jugendlichen unterliegen aktuellen Aushandlungsprozessen und deutlich weniger traditionellen Vorgaben. Diesbezüglich gibt es vor allem im Verhältnis von qualitativer zu quantitativer sozialwissenschaftlicher Forschung noch einige Leerstellen.

Untersuchungsanlage

Die Autorinnen und Autoren von der Universität Trier haben ihre Studie zu jugendlichen Cliquen vor allem quantitativ angelegt und mit qualitativen Vor- und Anschlussstudien vertieft. Die Befragungen fanden in der Region Trier statt, die ergänzenden Studien beziehen sich zum Teil auch auf Rheinland-Pfalz. Der Erhebungszeitraum auf der Basis von Telefoninterviews war zwischen 2000 und 2004. Anlage und Ergebnisse der gesamten Studie sind in die aktuelle wissenschaftliche Diskussion eingebettet.

Aufbau

Die Studie ist nach klassischen wissenschaftlichen Kriterien aufgebaut. So folgen auf die wissenschaftliche Analyse von jugendlichen Gleichaltrigengruppen die Forschungsfrage (unterschiedliche Cliquenorientierungen Jugendlicher), die Darlegung des Forschungsdesigns mit der Abwägung von Methoden zu Inhalt sowie die Diskussion empirischer Ergebnisse. Zum Schluss werden die Ergebnisse noch einmal gerafft und überblickartig dargestellt. Der Textkorpus wird um zahlreiche Darstellungen nach herausgeschälten Items, Schaubildern und zusammenfassende Übersichten ergänzt.

Ergebnisse

Ergebnisse und zentrale Aussagen beziehen sich auf Herkunfts- und Freizeitwelten (Familie, Schule und Beruf, Freizeit, jugendkulturelle Zugehörigkeit, Devianz), Cliquen- und Zugehörigkeitsmustern (Mitwirken in organisierten Gruppen, selbstinitiierte Gruppen, Muster der Cliquenorientierung). Angebote der Jugendhilfe finden bis auf eine kurze Heranziehung von Jugendzentren keinen Eingang; auch die Schulsozialarbeit an der Schnittstelle von Schule und Jugendhilfe wird mit ihren möglichen Unterstützungspotenzialen nicht analysiert.

Neben schon bekannten Ergebnissen (z.B.: Jungen Verlierer im Bildungssystem, soziale Vererbung positioniert Chancen, nur 50% der Jugendlichen erkennen den Nutzwert der Schule für das Leben) ziehen die Autorinnen und Autoren Korrelationen, die bisher geringere Berücksichtigung in der Literatur bekommen (interessenzentrierte, geborgenheitsorientierte, fluide oder prekäre Zugehörigkeiten von Jugendlichen zu Cliquen bezüglich Gruppenbindung, Kompetenzerwerb, Verweildauer oder Spezialisierung). In Verbindung werden ebenso Cliquentyp, Cliquenorientierung und Biographie gesetzt. Neben der Kontrollgruppe "Jugendliche ohne Cliquenanschluss" weisen insbesondere geborgenheitsorientierte und prekäre Zugehörigkeiten von Jugendlichen auf biographische Brüche hin. Jugendlichen in Cliquen wird eine höhere Anschluss- und Beziehungsfähigkeit als cliquenfernen zugewiesen. Dadurch erfahren Cliquenmitglieder wichtige Entlastungen gegenüber Schule, Beruf, Familie und anderen Beziehungen. Isolierte Einzelgänger erleben hingegen eher eine risikoreiche Ausgrenzung.

Der Selbstsozialisation auf der Basis implizierter Lernprozesse in Cliquen kommt nach den Ergebnissen des Autorenkollektivs der Schlüssel zur Gesellschaftsfähigkeit zu. Die prekäre Lage devianter Jugendlicher, deren zahlenmäßige Dimension oft sehr überschätzt wird, wird vor allem in den qualitativen Teilen der Studie deutlich.

Einschätzung

Das Buch ist für Leserinnen und Leser als Einführung in das Thema und zu dessen Vertiefung sehr gut geeignet. Die Forschungsergebnisse sind in ihrer Darlegung gut nachvollziehbar und in ihrer Anlage transparent. Für Fachkräfte und Studierende in pädagogischen Feldern erlaubt die Anlage der Studie auch kleinere eigene parallele Projekte zu dargelegten Fragestellungen, um die Ergebnisse auf ihre spezifische Situation und andere Lebenswelten übertragen zu können. Hier liegt vielleicht auch eine mögliche Schwäche der Studie, die auch die Verfasserinnen und Verfassern thematisieren: Bei oberflächlichem Lesen lassen sich Ergebnisse zusammenhanglos zitieren und fahrlässig auf "die Jugend" übertragen. Das aber würde deren Anspruch keinesfalls gerecht.

Fazit

Bei dem Buch "Jugendliche Cliquen" von Wetzstein et al handelt es sich um einen gelungenen Versuch, wissenschaftliche Erkenntnis vor allem für soziologische und pädagogische Arbeit transparent und nachvollziehbar zu gestalten und darzulegen, wobei der Jugendhilfe mit ihren möglichen Unterstützungspotentialen deutlich zu wenig Gewicht zukommt. Durch die Einbettung in aktuelle soziologische Fachliteratur und ein wissenschaftlich exaktes Vorgehen stellt das Buch dennoch ein exemplarisches Beispiel zum Thema dar. Vor einer platten Verallgemeinerung der Ergebnisse auf alle Jugendlichen sei jedoch ausdrücklich gewarnt.


Rezension von
Prof. Dr. Lutz Finkeldey
Professor für „Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit - Jugendhilfe“, Verstehenssoziologe, Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit an der „Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst“ (HAWK) - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen, Standort Hildesheim
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Zitiervorschlag
Lutz Finkeldey. Rezension vom 15.10.2006 zu: Thomas Wetzstein, Patricia Isabella Erbeldinger, Judith Hilgers, Roland Eckert: Jugendliche Cliquen. Zur Bedeutung der Cliquen und ihrer Herkunfts- und Freizeitwelten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14572-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3681.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


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