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Clemens Hillenbrand: Einführung in die Pädagogik bei Verhaltensstörungen

Cover Clemens Hillenbrand: Einführung in die Pädagogik bei Verhaltensstörungen. UTB (Stuttgart) 2006. 3.estaltete Auflage. 256 Seiten. ISBN 978-3-8252-2103-4. 29,90 EUR.
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Autor

Prof. Dr. Clemens Hillenbrand ist Professor an der Universität Köln und zugleich geschäftsführender Direktor des Seminars für Erziehungshilfe und sozial-emotionale Entwicklungsförderung.

Thema und Zielgruppen

Die Situation des Fachgebietes "Pädagogik bei Verhaltensstörungen" ist in grundlegender Veränderung begriffen, indem neue Studiengänge wie Bachelor und Master entstehen, sich ein Generationswechsel der Fachvertreter vollzieht und die damit einhergehenden strukturellen Veränderungen zu neuen Rahmenbedingungen für Studium und Forschung führen. Für Studierende der neuen Studiengänge sind u. a. auch deswegen gut lesbare Einführungen unverzichtbar. Dem kommt das Buch entgegen. Es richtet sich vorwiegend an Studierende der Heil- und Sonderpädagogik, bietet aber auch Studierenden der Sozialpädagogik sowie Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe eine kompetente Orientierung. Es werden Richtungen, Zusammenhänge und Entwicklungsstränge verdeutlicht, die einen fundierten und differenzierten Überblick ermöglichen und so zu einem intensiven, selbständigen Studium anleiten.

Aufbau

Das Buch ist in zehn Kapitel untergliedert. Es beginnt mit den Vorworten zur ersten und dritten Auflage, denen sich Benutzungshinweise für verschiedene Symbole anschließen, die dann durchgehend für Definitionen, Beispiele, Übungsaufgaben, Kritik und Literaturempfehlungen gelten. Dadurch wird das Buch transparenter, übersichtlicher und studienfreundlicher. Am Buchende hilft ein Glossar, zentrale Fachbegriffe zu erläutern.

Allgemeine Einführung

Einführend werden anhand eines Einstiegsbeispiels Fragen formuliert, wobei betont wird, dass es beim Studium der Pädagogik bei Verhaltensstörungen nicht um Effekthascherei und Sensationslust geht, sondern darum, Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung nüchtern zu präsentieren und zugänglich zu machen.

1. Wissenschaftliche Grundlegung

Nach einem allgemeinen Überblick über das Fachgebiet und die Institutionen der sozialpädagogischen und schulischen Hilfen werden wesentliche Termini wie Erziehung, Pädagogik oder Verhaltensstörung definiert und erläutert. Danach wird eine Standortbestimmung der Pädagogik bei Verhaltensstörungen im Kontext des gegenwärtigen Entwicklungsstandes vorgenommen, die verdeutlicht, dass sie keine Anwendungswissenschaft der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder der Psychologie darstellt, sondern fachlich fest innerhalb der Pädagogik verortet ist. Schließlich wird noch hervorgehoben, dass eine intensive interdisziplinäre Kooperation mit anderen Wissenschaften wie Psychologie, Soziologie, Kriminologie, Jura und Medizin unverzichtbar ist.

2. Geschichte der Pädagogik bei Verhaltensstörungen

Anhand der Chronologie der Institutionen wie Heimerziehung, Sonder- und Klinikschulen, Erziehungsklassen, Jugendstrafvollzug sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie wird die Geschichte dieses Teilbereiches der Pädagogik resümiert, dabei der ideengeschichtliche Hintergrund beleuchtet und das für Verhaltensstörungen verwendete Vokabular differenziert erläutert. Anschließend folgen mit Textpassagen von Pestalozzi, Trüper und Fuchs exemplarisch drei historische Beispiele, die für eine bestmögliche Erziehung bei Verhaltensstörungen plädieren.

3. Wissenschaftliche Modelle der Pädagogik bei Verhaltensstörungen

Die verschiedenen Modelle wie das biophysische, psychodynamische, verhaltenstheoretische, soziologische, politökonomische und ökologische Modell beleuchten auf ihre Weise je einen wesentlichen Aspekt des Problemfeldes und spiegeln insofern die Vielfalt und Breite wissenschaftlicher Ansätze wider. Diese Vielfalt schlägt sich auch in den Hilfsangeboten für betroffene Kinder und Jugendliche nieder, denn die Erziehung bei Verhaltensstörungen verlangt die Fähigkeit zu multistrukturellem Denken und Handeln.

4. Ausgewählte Konzeptionen der Pädagogik bei Verhaltensstörungen

Es werden einige gegenwärtig besonders wichtige Konzeptionen, ihre theoretischen

Grundlagen, praktischen Anwendungsformen und auch kritischen Seiten dargestellt sowie durch Übungsaufgaben illustriert. Im Einzelnen handelt es sich

  • bei den psychodynamischen Theorien bzw. Konzeptionen um die Theorie der Ich-Unterstützung nach Fritz Redl,
  • bei den lerntheoretischen Konzeptionen um die Kognitive Verhaltensmodifikation sowie
  • bei den ökologischen Konzeptionen einerseits um die Systemtheorie und andererseits um das handlungstheoretische Modell.

5. Diagnostik bei Verhaltensstörungen

Im Mittelpunkt stehen hier die Ziele und Aufgaben für die Diagnostik von Verhaltensstörungen, wobei die verschiedenen Diagnostikmodelle wie das medizinische, behaviorale und interaktionistische die verschiedenen theoretischen Vorstellungen bzw. Sichtweisen von Veraltensstörungen widerspiegeln. Innerhalb der Heilpädagogik haben sich dabei eigene Vorstellungen entwickelt, die sich insbesondere vom medizinischen Diagnostikmodell kritisch distanzieren. Aber auch die behavioralen und interaktionistischen Diagnostikmodelle mit ihrer stärkeren Betonung von Lernprozessen, sozialen Entwicklungsbedingungen, positiven Handlungskonzepten und gezielter Förderung stehen im Gegensatz zur defizitorientierten Sichtweise des medizinischen Modells. Diese Suche nach

positiven Handlungskonzepten wird als sonderpädagogische Förderdiagnostik bezeichnet und detailliert dargestellt.

6. Erzieherisches Handeln bei Verhaltensstörungen

Die Vielfältigkeit der Erscheinungsformen von Verhaltensstörungen zeigt sich auch in den erzieherischen Hilfen, wobei präventives, intervenierendes und beratendes Handeln als zentrale Arbeitsfelder der Erziehung bei Verhaltensstörungen gelten können. Anschließend werden die einzelnen Arbeitsfelder vorgestellt. Prävention und Intervention sind dabei im Sinne von Förderansätzen zu verstehen, die mit Spiel, Kunst, Musik, Entspannung, Erlebnispädagogik und Verhaltensmodifikation agieren, wohingegen das pädagogische Handeln die verschiedenen Formen pädagogischer Beratung umfasst.

7. Institutionen der Erziehungshilfen bei Verhaltensstörungen

Neben den rechtlichen Rahmenbedingungen schulischer, sozial- und kriminalpädagogischer sowie psychiatrischer Hilfen werden die einzelnen Hilfen inhaltlich und auch ihren möglichen Vernetzungen nach dargestellt.

8. Spezielle Störungen

Dieses Kapitel liefert einen Überblick über einige wichtige Störungsformen und soll den Einstieg in differenzierte, wissenschaftliche Betrachtungsweisen ermöglichen. Speziell wird auf die Phänomene Aggression, Hyperaktivität und Angst eingegangen, wobei die Theorien und Maßnahmen für den Umgang mit diesen Verhaltensstörungen erörtert werden. Die Erziehung steht angesichts dessen vor schwierigen Aufgaben, die zunehmend individualisierte Formen der Erziehungshilfe auf der Basis hoher Sachkompetenz erfordern. 

9. Perspektiven der Pädagogik bei Verhaltensstörungen

Anhand von Forschungsansätzen zur Resilienz, Metakognition und Integration bei Verhaltensstörungen wird das Für und Wider diese Ansätze diskutiert. Dabei muss die Resilienzforschung der letzten Jahre im Hinblick auf die Abgrenzung gegenüber Risikofaktoren, dem Nachweis von Puffereffekten u. a. m. kritischer betrachtet werden. Untersuchungen über die basalen Zusammenhänge und Strukturen psychischer Prozesse, die einer gelungenen Anpassung zugrunde liegen, könnten die Resilienz-Problematik jedoch erhellen. Die Forschungsansätze zur Metakognition und Integration bergen durchaus Potenzen für die Gestaltung heilpädagogischer Interventionen. Ob die Pädagogik bei Verhaltensstörungen tatsächlich eine Chance erhält, diese Aufgaben zu erfüllen, hängt unter anderem davon ab, ob es gelingt, Lobbyisten und Sponsoren für die Kinder- und Jugendhilfe zu gewinnen. 

10. Diskussion und offene Fragen

Im letzten Kapitel wird die Dominanz psychologischer Theorien hervorgehoben und noch einmal darauf verwiesen, das die Pädagogik der Verhaltensstörungen genuin der Pädagogik als solcher zuzurechnen ist, da sie ansonsten Gefahr läuft, ihr pädagogisches Selbstverständnis zu verlieren. Noch einmal wird herausgestellt, dass die Beziehungen zwischen Eltern und Kind, Lehrer und Schüler sowie Erzieher und Kind die Grundlagen allen erfolgreichen Handelns sind und das Moral eine zentrale Kategorie für die Pädagogik bei Verhaltensstörungen ist, weil die betroffenen Kinder und Jugendlichen häufig in einem Chaos der Beziehungen, Werte und Normen aufwachsen.

Fazit

Das Buch ermöglicht in gedrängter Form interessante Einblicke in wissenschaftliche Grundpositionen, historische Modelle und Handlungskonzepte der Pädagogik bei Verhaltensstörungen. Außerdem vermittelt es wertvolle Erkenntnisse aus den Bereichen der Diagnostik und erzieherischen Hilfen und zeigt zudem die Perspektiven dieser Wissenschaft auf.


Rezension von
Prof. Dr. Eva-Mia Coenen
Studienrichtungsleiterin Hilfen für Erziehung an der Staatlichen Studienakademie Breitenbrunn
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Zitiervorschlag
Eva-Mia Coenen. Rezension vom 09.10.2007 zu: Clemens Hillenbrand: Einführung in die Pädagogik bei Verhaltensstörungen. UTB (Stuttgart) 2006. 3.estaltete Auflage. ISBN 978-3-8252-2103-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3683.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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