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Rolf Werning, Birgit Lütje-Klose: Einführung in die Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen

Cover Rolf Werning, Birgit Lütje-Klose: Einführung in die Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen. UTB (Stuttgart) 2006. 2., überarbeitete Auflage. 240 Seiten. ISBN 978-3-8252-2391-5. 19,90 EUR.

Mit zahlreichen Übungsaufgaben.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8252-3690-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Autor und Autorin

  • Prof. Dr. Rolf Werning arbeitet als geschäftsführender Direktor des Instituts für Sonderpädagogik an der Universität Hannover.
  • Prof. Dr. Birgit Lütje-Klose ist seit April 2007 Professorin für Sonderpädagogik an der Universität Bielefeld und war vorher am Institut für Sonderpädagogik der Universität Hannover beschäftigt.

Thema und Zielgruppen

Die Autoren legen ein Lehrbuch für die Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen vor, das an Studienanfänger der Pädagogik und insbesondere an Studierende der Heil- und Sonderpädagogik gerichtet ist. Aber auch in anderen Bereichen tätige Pädagogen können sich einen guten Überblick über den gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Debatte und pädagogische Förderkonzepte verschaffen. Das Buch ist von der Überzeugung geleitet, dass die Bewältigung komplexer Aufgaben vergleichbar der vorliegenden zunehmend der Kooperation von Pädagogen unterschiedlicher Profession bedarf, und demzufolge Transparenz sowie gegenseitiger Informationstransfer eine immer größere Bedeutung erlangen werden.

Aufbau

Das in fünf Kapitel gegliederte Lehrbuch beginnt mit einem Vorwort zur ersten und zweiten Auflage und gibt anschließend einige Hinweise zur Benutzung, indem verschiedene Symbole eingeführt werden, die dann für Definitionen, Beispiele, Übungsaufgaben, Kritik und Literaturempfehlungen gelten. Durch diese Symbolik wird die Darstellung transparenter, übersichtlicher und studienfreundlicher. Das Glossar am Buchende hilft, zentrale Fachbegriffe zu erläutern.

1. Wenn das Lernen beeinträchtigt ist

Anhand von fünf Fallbeispielen wird die Vielfältigkeit von Lernbeeinträchtigungen umrissen und das Ausmaß für die pädagogische Praxis durch statistische Erhebungen für die Bundesrepublik Deutschland vor Augen geführt. Ein wesentlicher Teil des Kapitels beschäftigt sich mit terminologischen Fragen, wobei die Genese des Begriffs "Lernbeeinträchtigung" vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart verfolgt und erläutert wird. Auch die Begrifflichkeiten der ehemaligen DDR und Definitionen anderer Länder, bis hin zur aktuellen Terminologie, werden klar und nachvollziehbar dargestellt, so dass für den Leser ein angemessenes Hintergrundwissen entsteht.

2. Die Entstehung einer besonderen Pädagogik für Kinder mit Lernbeeinträchtigungen

Die Geschichte der Pädagogik für Kinder mit Lernbeeinträchtigungen setzt gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einer Zeit grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen ein. Da Kinder mit Lernschwierigkeiten in der Volksschule wenig Aussicht auf eine angemessene Förderung hatten, wurden spezielle Institutionen für schulschwache Kinder geschaffen. So entstanden die Hilfs- und Sonderschulen, wobei die Hilfsschulen als ein Ableger der Volksschulen zu betrachten sind. Es wurden kontroverse Diskussionen für und wider Hilfsschulen geführt, bei denen sich letztlich die Verfechter eigenständiger Hilfsschulen gegenüber Pädagogen durchsetzen konnten, die integrations-pädagogische Ideen vertraten. Anschließend wird die Entwicklung von Hilfsschulen bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts verfolgt. Übungsaufgaben am Ende des Kapitels helfen dem Leser, den Stoff zu vertiefen.

3. Theorien in der Pädagogik

Zunächst wird ein komprimierter Überblick über wissenschaftliche Positionen geboten, die sich oft erheblich voneinander unterscheiden, wobei die Gründe dieser großen Heterogenität nach Werning schon in der höchst kontroversen Diskussion der wissenschaftlich-theoretischen Grundlagen zu suchen sind. Danach werden einige, besonders relevante Theorien vorgestellt, die bspw. Lernbeeinträchtigungen in Abhängigkeit individueller Defekte, sozialer Randständigkeit und aus systemisch-konstruktivistischer Sicht betrachten. Dabei wird deutlich, dass im Gegensatz und in Abgrenzung zum lebensweltlichen und alltagssprachlichen Umgang mit Lernbeeinträchtigungen für die Konstruktion wissenschaftlicher Theorien, die diese Phänomene erfassen sollen, weitaus anspruchsvollere und strengere Standards und Kriterien gelten, die vor allem die Transsubjektivität und Reproduzierbarkeit zu sichern haben. Dies betrifft bspw. die Definition des Gegenstandsbereiches, die Wahl einer geeigneten  Terminologie, die argumentative Kultur kritischer Diskussion und Reflexion sowie die Signifikanz und Validität empirischer Befunde, um das Wichtigste zu nennen.

4. Didaktik/Unterricht für Schülerinnen und Schüler, die von Beeinträchtigungen des Lernens betroffen sind

Nachdem ausgewählte didaktische Konzepte wie die von Klauer, Bleidick/Häckel, Nestle, Bergemann, Kutzer/Probst und Hiller sowie Einflüsse der integrativen Pädagogik ausführlich diskutiert worden sind, erfolgt anschließend eine subtile Reflexion von Prinzipien und Strategien lern- und entwicklungsfördernden Unterrichts aus systemisch-konstruktivistischer Perspektive, um dann Bausteine für einen solchen Unterricht vorzustellen. Diese Bausteine setzen sich zusammen aus kooperativer Lernbegleitung, selbstbestimmtem Lernen in der Freiarbeit, kooperativem Lernen, entdeckendem Lernen im Sachunterricht sowie einer Sensibilisierung für Gemeinsamkeiten im fächerübergreifenden Unterricht und die Relevanz des Lebensweltbezugs.

5. Perspektiven der Förderung von Schülerinnen und Schülern

In diesem Kapitel setzen sich die Autoren mit den gegenwärtigen Konzepten der sonderpädagogischen Förderung auseinander, indem sie das Für und Wider integrativer versus segretativer Beschulung und Integration versus Separation sowie die Auswirkungen dieser Konzepte auf die schulische, soziale, emotionale und psychische Entwicklung diskutieren. Außerdem wird die integrativ-pädagogische Förderung auch für lernbeeinträchtigte Kinder der Primarstufe als sinnvoll erachtet, allerdings hängt der Erfolg dabei maßgeblich von zwei Voraussetzungen ab:

  1. Von der Reformbereitschaft und dem Vermögen der jeweiligen Grundschule, sonderpädagogische Fragestellungen, Ziele und Arbeitsformen mit aufzunehmen sowie
  2. von der Anschlussfähigkeit des gewählten sonderpädagogischen Konzepts an die Reformbestrebungen der Grundschule.

Zum Schluss werden die Perspektiven der integrativen Förderung in der Sekundarstufe 1 erörtert und kritisch beleuchtet. Dabei wird deutlich, dass die frühe Auslese im deutschen Schulsystem die größte Hürde gemeinsamer Erziehung in der Sekundarstufe ist. Am Modell der Jugendschule und anhand der Konzepte Community Educations bzw. Gemeindeschulen werden spezifische, pädagogisch interessante Ansätze für Kinder und Jugendliche mit Lernbeeinträchtigungen vorgestellt. Als Resümee bleibt nüchtern festzuhalten, dass die Zukunft der Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen weniger vom Fortschritt erziehungswissenschaftlicher Forschung und Erkenntnisse als vielmehr von politischen Grundsatzentscheidungen abhängt.

Fazit

Das Buch wird seinem Anspruch für all jene gerecht, die einen fundierten Überblick über den Stand der wissenschaftlichen Diskussion, Fördermethoden von Schülern und Perspektiven im Bereich der Sonderpädagogik suchen.


Rezensentin
Prof. Dr. Eva-Mia Coenen
Studienrichtungsleiterin Hilfen für Erziehung an der Staatlichen Studienakademie Breitenbrunn
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Zitiervorschlag
Eva-Mia Coenen. Rezension vom 26.09.2007 zu: Rolf Werning, Birgit Lütje-Klose: Einführung in die Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen. UTB (Stuttgart) 2006. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8252-2391-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3684.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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