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Doris Arens, Ellen Görgen: Eltern-Kind-Behandlung in der Psychiatrie

Cover Doris Arens, Ellen Görgen: Eltern-Kind-Behandlung in der Psychiatrie. Ein Konzept für die stationäre Pflege. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2006. 150 Seiten. ISBN 978-3-88414-399-5. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Autorinnen

  • Doris Arens, Jahrgang 1965, Krankenpflegeexamen 1985, seitdem in der Psychiatrie tätig, Fachkrankenschwester für Psychiatrie, seit 1992 in der Tagesklinik "Alteburger Straße" Köln (Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie), seit 1999 Familientherapeutin (DGfS), 2000 Mitbegründerin des Arbeitskreises "Eltern-Kind-Behandlung in der Psychiatrie in NRW", seit 2004 curriculäre Fort- und Weiterbildung in integrativer Eltern-Säuglings-/Kleinkind-Beratung (IESK-B) in München.
  • Ellen Görgen, Jahrgang 1967, Krankenpflegeexamen 1988, ab 1988 in den Rheinischen Kliniken Köln (Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie), ab 1992 Pflegedienstleiterin einer ambulanten Pflegestation, seit 1997 in der Tagesklinik "Alteburger Straße", Köln, seit 2000 Leitung der Arbeitsgruppe Pflegestandards, Mitarbeit im Arbeitskreis "Eltern-Kind-Behandlung in der Psychiatrie in NRW".

Thema und Aufbau des Buchs

Vorgestellt wird eine in Deutschland sich leider nur langsam etablierende Behandlungsform: Die gemeinsame stationäre Aufnahme und Behandlung von Eltern und Kind bei psychiatrischer Erkrankung eines Elternteils. Während beispielsweise in England diese Intervention bereits 1948 als eine vom staatlichem Gesundheitssystem anerkannte Behandlungsform gilt, ist sie in Deutschland noch immer allzu sehr ein Novum. Insofern ist es ein besonderer Verdienst der beiden Autorinnen, einem fachlichen wie einem gesundheitspolitischen AdressatInnenkreis ein sehr gut lesbares und zudem prägnant gefasstes Buch vorzustellen. Unverkennbar geht es den Autorinnen um leidende Eltern - mehrheitlich Mütter -, die trotz psychosozialer Erkrankungen und den damit verbundenen Schwierigkeiten und Ängsten ihren Säuglingen und Kleinkindern eine hinreichend gute und entwicklungsfördernde "Bemutterung" bieten wollen. Psychiatrische Klassifikationen der AdressatInnen spielen zu Recht eine untergeordnete Rolle.

Die Autorinnen wollen mit dem Buch insbesondere Pflegende dazu motivieren, sich dem Thema zu stellen und aktiv bei der Umsetzung dieser Behandlungsform mitzuarbeiten. Gerade das Engagement der auf der Station unmittelbar mit den Betroffenen in Interaktion stehenden Pflege-, Psycho- und Sozialberufler/innen werden von Arens und Görgens ermutigt, ihren wesentlichen Beitrag bei dieser Therapieform wahrzunehmen und kompetent auszufüllen. Sie gemeinsam sind es, die Eltern und Kinder im Alltag begleiten und dabei helfen können, gemeinsam mit den AdressatInnen Handlungsweisen zu entwickeln, mit denen sie ihre Ängste und Unsicherheiten abbauen können.

Mit dem vorgestellten Konzept zeigen die Autorinnen eine fachlich begründete institutionelle Rahmung auf, mit der es möglich werden kann, auf das verantwortliche Hilfeersuchen der Eltern professionell zu antworten. Zentrales Ziel ist es, der erkrankten Mutter/dem Vater einen Platz zu bieten, wo sie/er sich wegen der Erkrankung nicht schämen muss, erst einmal selbst genügend versorgt wird mit dem Ziel der (Rück)Gewinnung der verlorengeglaubten Fähigkeit, ein Säugling/Kleinkind hinreichend versorgen zu können. Das Buch ist in folgende 9 Kapitel unterteilt, die je für sich einfühlsam, sachverständig und gut lesbar sind:

  1. Familie im Wandel
  2. Theoretische Aspekte der Eltern-Kind-Beziehung
  3. Das Setting der Eltern-Kind-Station
  4. Hilfsangebote anderer Institutionen
  5. Aus Erfahrung lernen: Wie sich das Konzept unserer Eltern-Kind-Behandlung entwickelte
  6. Die integrative Eltern-Säuglings-/Kleinkind-Beratung
  7. Interviews
  8. Blick in die Zukunft
  9. Wegweiser

Inhalt

Bindungstheorie und Säuglingsforschung, die die Autorinnen in Kapitel (2) in ihren Grundzügen darlegen, dienen als Bezugsrahmen, mit denen Interaktionen sowie ihre Störungen zwischen Eltern und Kinder besser begriffen werden können. Mit der Auswahl der wichtigsten Forscher/innen und ihrer Arbeiten (John Bowlby, Mary Ainsworth, Donald W. Winnicott, Daniel N. Stern, Mechthild Papousek, Christiane Deneke), die in einem geschichtlichen Abriss vorgestellt werden, führen sie die Leserin in ein Theoriegebäude ein, mit dem das Sinn-Verstehen von - auch nonverbalen - Handlungen der erwachsenen und kindlichen Akteure ins Zentrum des Nachdenkens gerückt ist. Darüber wird die grundsätzliche humanistisch-dialogische Haltung, die das vorgestellte Behandlungskonzept durchzieht, auch theoretisch umrahmt.

Im folgenden Kapitel (3) wird die besondere Bedeutung eines fördernden Settings der Eltern-Kind-Station beschrieben. Neben der notwendigen Räumlichkeiten, der  Stationsausstattung sowie der strukturierten Wochen- und Tagesplanungen zeigen Arens und Görgen auf, welche Kriterien vor der Aufnahme, sowie während der Behandlung in die Überlegungen des Teams immer wieder aufgenommen werden sollen, um eine flexible, auf die jeweiligen AdressatInnen bezogene Behandlung hinreichend zu gewährleisten. Die vielfältigen lebendigen Fallbeispiele machen erkennbar, wie sehr - neben einer klaren Rahmung - eine flexible Einzelfallorientierung vom Behandlungsteam angestrebt wird. Hervorhebenswert halte ich die offene Darstellung der diversen Suchbewegungen der in Rede stehender Institution, mit denen auf jeweils neue Problemlagen reagiert wurde und wird. Dabei spielen auch die Anstrengungen zur Vernetzung mit anderen ärztlichen und psychosozialen Hilfeinstitutionen bis hin zur Integration in die einzelnen Behandlungsverläufe eine essentielle Rolle.

Die Kürze des 4. Kapitels, welches die Hilfeangebote anderer Institutionen thematisiert, verweist auf eine bisher noch weitgehende fachliche Leerstelle, die nicht allein den Autorinnen zugeschrieben werden kann. Auch wenn dies nicht explizit von Arens und Görgen kritisiert wird, so haben doch gerade Sozialpädagoginnen und Sozialarbeiterinnen in Jugendämtern sich bisweilen nur ansatzweise der Problemlage von psychisch kranken Eltern und ihren Säuglingen/Kleinkindern in der Weise angenähert, dass von ihnen sozialpädagogisch-fachliche Beratung und Begleitung [innerhalb des KJHG] hinreichend bereit gestellt werden. Als Barrieren professioneller Hilfe in diesen Kontexten sind daher nicht allein die zunehmende Finanzmisere des Sozialwesens zu nennen, sondern ebenso die bisher nicht hinreichend konzeptionellen Anstrengungen der Professionellen Sozialer Arbeit für das Aufgabenfeld von präverbalen Interaktionskrisen zwischen Eltern und ihren Kleinkindern und dies nicht nur bei psychisch kranken Eltern. Ein Sachverhalt, der eine fachliche Vernetzung zwischen einer - von der Krankenkasse finanzierten - psychiatrischen Behandlung und einer - von den Kommunen finanzierten - ambulanten (sozial)pädagogischen Hilfeangeboten deutlich erschwert.

Die Ausführungen im nächsten Kapitel (5) machen einmal mehr deutlich, wie eine sich als lernende Organisation verstehende psychiatrische Abteilung mit jeweils neuen Anforderungen konstruktiv umzugehen lernt. Arensund Görgen zeichnen Wege und Umwege ihrer konzeptionellen Entwicklung der Eltern-Kind-Behandlung nach, weisen auf interpersonale und institutionalisierte Dynamiken und Abwehrmechanismen hin und machen darüber fachlich interessierten Personen Mut, "aus Erfahrung zu lernen". Auch in diesem Abschnitt führen sie die LeserInnen beispielhaft und bilderreich durch Höhen und Tiefen mehrgenerationaler Familiengeschichten, die während der Behandlung zu institutionellen Fallgeschichten werden, aus denen beide Parteien immer wieder lernen können. Und obgleich sie einige Beispiele durch Überschriften mit "psychiatrischen Diagnosen" strukturieren, so wird erkennbar, dass die jeweiligen psychiatrischen Klassifikationen keine Aussagen geschweige denn Prognosen über die Beziehungsqualitäten zwischen Mütter/Väter und ihren Kleinkindern mitliefern. Auch hier werden die einzelfallbezogenen Besonderheiten genau in den Blick genommen.

Während das 6. Kapitel entlang einer Fallbeschreibung deutlich machen kann, wie sehr die integrative Eltern-Säuglings/Kleinkind-Beratung (Mechthild Papousek) das Konzept der Eltern-Kind-Behandlung ergänzen und bereichern kann, berichten im Interview-Kapitel (7) Mütter über ihre Erfahrungen mit der Eltern-Kind-Behandlung. Dabei kommen ehemalige Patientinnen zu Wort, die zu verschiedenen Zeiten der Konzept-Entwicklung und mit unterschiedlichen Krisen- und Problemlagen in der Klinik Unterstützung/Therapie erhalten hatten. Aus der Sicht der Adressatinnen werden u.a. hervorgehoben, dass sowohl ein Mehr an Informationsbedarf über solche Behandlungs- und Unterstützungsangebote gewünscht wird, als auch das hohe Engagement des Teams sowie die fachliche, zeitlich abgestimmte Assistenz zur (Rück)Gewinnung von Selbstvertrauen und Handlungskompetenz im Umgang mit dem eigenen Säugling/Kleinkind wesentlich gewesen seien. Auch das Wissen um eine Anlaufstelle, an die man sich bei erneuten Krisen wenden kann ohne beschämt zu werden, ist für die Befragten ein zentrales Gütekriterium ihrer positiven Erfahrungen.  

Mit ihrem "Blick in die Zukunft" (8) bringen die Autorinnen noch einmal explizit u.a. ihre Hoffnungen und Wünsche auf eine baldige Anerkennung der Eltern-Kind-Behandlung als Regelbehandlung sowie auf eine fachliche Vernetzung mit Institutionen, die im Interesse der Kinder arbeiten zum Ausdruck. Zudem fordern sie, dass diese Behandlungsform  fester Bestandteil der Krankenpflegeausbildung werden sollte sowie einen deutlichen Ausbau der Vor- und Nachsorge. Dazu gehört eine vermehrte öffentliche Sensibilität für psychische Erkrankungen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt sowie eine deutliche Verankerung schon bestehender Hilfe- und Therapieangebote im öffentlichen Bewusstsein.

Den Abschluss des kleinen informativen Bandes bildet ein Wegweiser (9) mit der Angabe wichtiger Adressen auf Landesebene sowie Regionaler Angebote, die sowohl für Pflegekräfte, Eltern, aber auch für Sozialpädagoginnen/-arbeiterinnen in diesem Arbeitsfeld hilfreich sein können. Informativ ist meines Erachtens auch der im Anhang abgedruckte "Standard der Eltern-Kind-Behandlung der Tagesklinik Alteburger Straße, Köln". 

Fazit

Das vorliegende Buch vermittelt Denk- und Handlungsanstöße hinsichtlich der Problematik von psychisch kranken Eltern mit ihren Säuglingen/Kleinkindern. Es ist eine informative und anregende Darstellung einer Eltern-Kind-Behandlung, die angenehm frei von Stigmatisierungen und moralischen Forderungen ist und dabei eine differenzierte und anschauliche Illustration der Umgangs- und Handlungsspielräume für die psychosoziale Pflegearbeit gibt. Zudem ist dieser Band auch geeignet für Lehrende und Studierende an Hochschulen für Soziale Arbeit.


Rezensentin
Prof. Dr. Margret Dörr
Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt „Theorie Sozialer Arbeit, Gesundheitsförderung“ an der Katholischen Hochschule in Mainz.
Arbeitsschwerpunkte: ‚Biographieforschung,‘ ‚Psychoanalytische (Sozial)Pädagogik‘, ‚Klinische Sozialarbeit‘‚Abweichendes Verhalten und Psychopathologie‘.
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Zitiervorschlag
Margret Dörr. Rezension vom 19.09.2006 zu: Doris Arens, Ellen Görgen: Eltern-Kind-Behandlung in der Psychiatrie. Ein Konzept für die stationäre Pflege. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2006. ISBN 978-3-88414-399-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3690.php, Datum des Zugriffs 23.06.2017.


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