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Peter Brieger, Stefan Watzke u.a.: [..] berufliche Rehabilitation und Integration psychisch kranker Menschen

Cover Peter Brieger, Stefan Watzke, Anja Galvao, Michael Hühne, Berthold Gawlik: Wie wirkt berufliche Rehabilitation und Integration psychisch kranker Menschen? Ergebnisse einer kontrollierten Studie. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2006. 144 Seiten. ISBN 978-3-88414-397-1. 29,80 EUR, CH: 52,20 sFr.
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Entstehungshintergrund

Die vorliegende wissenschaftliche Studie wurde an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Martin-Luther Universitzät Halle-Wittenberg unter der Förderung des Forschungsverbundes Rehabilitationswissenschaften Sachsen-Anhalt/Mecklenburg-Vorpommern im Zeitraum 2002 - 2005 durchgeführt und durch das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft finanziell unterstützt.

Zielsetzung und Anlage der Studie

Mit der Studie wurde beabsichtigt, die Effekte von Maßnahmen der beruflichen  Rehabilitation bei Menschen mit psychischen Erkrankungen in zwei Einrichtungen mit gemeindenahen Konzepten (RPK gGmbH und TSE gGmbH in der Stadt Halle/Saale)

zu erfassen und die Entwicklung der Maßnahmeteilnehmer (n = 123) mit einer Gruppe von psychisch erkrankten Menschen mit ähnlichen Krankheitsbildern (n = 75) zu vergleichen, die an keinen Rehabilitationsmaßnahmen teilgenommen hatten. Dabei sollten nicht nur die möglichen beruflichen Integrationseffekte erforscht werden, sondern gleichfalls eine Analyse der individuelle Zugangswege erfolgen, um gegebenenfalls Prädiktoren für einen problematischen oder günstigen Verlauf des Rehabilitationsprozesses benennen zu können. Schließlich ging es darum, die Bedeutung der beruflichen Rehabilitation für den Gesamtrahmen der psychiatrischen Versorgung zu diskutieren.

Die vorwiegend an quantitativen Messverfahren orientierte Studie entspricht mit ihrem typischen systematischen Aufbau  einer qualifizierten wissenschaftlichen Abhandlung.

Aufbau

So referieren die Autoren nach einer Zusammenfassung der Ergebnisse (Kap.1.) auf der Basis der bislang vorliegenden Studien zunächst Problemstellungen der beruflichen  Rehabilitation bei psychisch kranken Menschen im nationalen und internationalen Vergleich (Kap 2), diskutieren allgemeine Rehabilitationskonzepte für diesen Personenkreis und stellen die beiden Einrichtungen vor, deren Rehabilitationsteilnehmer in die Untersuchung einbezogen wurden.

Daraufhin werden die methodischen Grundlagen der Untersuchung (Zielsetzung, Fragestellungen, Studiendesign) und Vorgehensweisen plausibel und überschaubar dargestellt (Kap 3), um in einem 4. Kapitel die Ergebnisse sorgfältig zu referieren und Konsequenzen im 5. Kapitel abschließend zu diskutieren.

Differenzierte Betrachtung des Erfolgs von Rehabilitation

Obwohl diese Studie durch die Vorstellung der verschiedensten ausgewählten Messinstrumente und die differenzierte Wiedergabe der quantitativen Ergebnisse nicht ganz einfach zu lesen ist, lohnt sich auch für den in der (beruflichen) Rehabilitation tätigen Leser - und nicht nur für fachwissenschaftlich vorgebildete - die Lektüre dieser Abhandlung. So überzeugt, dass das Verständnis von Rehabilitation, respektive von beruflicher Rehabilitation, in dieser Studie eine längst überfällige, aber wichtige Differenzierung erfährt:

"Erfolg" wird nicht mehr mit einer vordergründig gelungenen beruflichen (Re-) -Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt gleichgesetzt. Denn diese verkürzte, aber auch vereinfachende Sichtweise, die den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht Rechnung trägt und in einer Zeit großer wirtschaftlicher Probleme und einer durchschnittlichen europäischen Beschäftigungsquote von Menschen mit psychisch. Behinderung mit ca. 20 % weder den betroffenen Rehabilitanden noch den Bemühungen der Rehabilitationsinstitutionen gerecht wird, spiegelt lediglich den unerfüllbaren Wunsch diverser Kostenträger wider. Die Autoren argumentieren demgegenüber überzeugend, dass "Erfolg" letztlich aus einer ganzen Reihe von Variablen resultiert, die jeweils einer eigenen sorgfältigen Betrachtung in der Studie unterzogen werden: Es ist nachhaltig zu  unterstützen, dass lineare Funktionsmodelle bzw. die Reduzierung auf ein oder zwei Outcomekriterien einer systemisch-komplexen Sicht der Dinge weichen, die dem Untersuchungsgegenstand eher entsprechen. Als abhängige Variablen und Erfolgskriterien werden von den Autoren genannt;

  • Der relative berufliche Fortschritt (kompetitive, teilgeschützte, geschützte Tätigkeiten)
  • Die Zufriedenheit mit der aktuellen Wohnsituation
  • Die Erfassung der individuelle Bedürfnislage
  • Die Beurteilung der Rehabilitanden, den Anforderungen einer beruflichen Tätigkeit  
  • gewachsen zu sein
  • Die Beurteilung des aktuellen sozialen und beruflichen Funktionsniveaus
  • Die subjektive Beurteilung der Lebensqualität
  • Die Beurteilung der einzelnen Rehabilitationsmaßnahmen

Als unabhängige Variablen/ Prädiktoren gelten u. a. Schulbildung, berufliche Vorerfahrungen, prämorbide soziale Anpassung, Persönlichkeitsparameter, Intelligenz, Diagnose, Motivation.

Die Ergebnisse der Studie zeigen schließlich, dass Rehabilitationsmaßnahmen zu einer initialen Verbesserung der Arbeitsfähigkeiten führten, eine hohe Zufriedenheit mit den Maßnahmen  herrschte, das Funktionsniveau gegenüber der Vergleichsgruppe verbessert wurde und der Zugang zu Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnissen des geschützten Arbeitsmarktes sowie zu Beschäftigungsverhältnisse auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Erleichterung erfuhr: 40 versus 19 % der Vergleichs-Probanden befanden sich katamnestisch schließlich in einem tagesstrukturierenden Beschäftigungsverhältnis.

Diskussion

Den Autoren ist es gelungen, den Nachweis zu erbringen, dass Prinzipien der evidenz-basierten Medizin  durchaus auch auf sozialpsychiatrische Fragestellungen anzuwenden sind.

Des weiteren ist hervorzuheben, dass diese Untersuchung in einem regionalen Kontext mit der bundesweit höchsten Arbeitslosenquote statt fand, in der zwangsläufig eine berufliche Reintegrationsquote sehr pessimistisch einzuschätzen ist.

So gilt es lediglich zu bemängeln, dass der Leser nichts über die Strukturqualität und die konkreten Maßnahmen in den Rehabilitationseinrichtungen erfährt, die ja letztlich als ausschlaggebend für subjektives Wohlbefinden und objektiven Zugewinn an Kompetenzen der Probanden zu gelten haben.

Die Autoren plädieren in ihrem Schlussresümee, die Zugangswege und Finanzierung für Rehabilitationsmaßnahmen zu erleichtern, sich dem Paradigma der regionalen gemeindepsychiatrischen Versorgungsverpflichtung zu stellen, medizinische Leistungen verstärkt zu berücksichtigen und berufliche Rehabilitation als Teil einer umfassenden Hilfeplanung zu begreifen.

Fazit

Eine der wenigen sorgfältig abgefassten Studien zur Rehabilitation psychisch kranker Menschen mit kontrolliertem Design, der ich viele Leser und Nachahmer wünsche.


Rezension von
Prof. em. Dr. phil. Matthias Dalferth
Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg
Studienschwerpunkt Rehabilitation/Arbeit mit behinderten und psychisch kranken Menschen
Homepage www.oth-regensburg.de/professoren-profilseiten/prof ...
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Zitiervorschlag
Matthias Dalferth. Rezension vom 01.08.2006 zu: Peter Brieger, Stefan Watzke, Anja Galvao, Michael Hühne, Berthold Gawlik: Wie wirkt berufliche Rehabilitation und Integration psychisch kranker Menschen? Ergebnisse einer kontrollierten Studie. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2006. ISBN 978-3-88414-397-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3692.php, Datum des Zugriffs 06.12.2021.


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