Rolf Gloel, Kathrin Gützlaff: Gegen Rechts argumentieren lernen
Rezensiert von Prof. Dr. phil Marianne Schmidt-Grunert, 02.10.2006
Rolf Gloel, Kathrin Gützlaff: Gegen Rechts argumentieren lernen. VSA-Verlag (Hamburg) 2005. 171 Seiten. ISBN 978-3-89965-146-1. 12,80 EUR.CH: 23,20 sFr.
Die Autoren
Dr. Rolf Gloel ist Professor für Methoden der Sozialen Arbeit und Jugendarbeit an der Fachhochschule Merseburg. Von ihm liegen zahlreiche Veröffentlichungen zum Problem gewaltbereiter und rechtsextremistisicher Jugendlicher vor. Dr. Kathrin Gützlaff ist Professorin für Medienpädagogik am Fachbereich Soziale Arbeit an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe.
Einführung in das Thema
Sozialpädagogische Profis arbeiten in unterschiedlichen öffentlichen Einrichtungen mit Jugendlichen zusammen. Sie tun dies in aller Regel gerne, bietet sich hier doch ein breites Feld an Möglichkeiten kreativer Auseinandersetzung und beeinflussender Alltagsbegleitung. Allerdings tun sie sich schon immer mit einer Zielgruppe schwer - mit Jugendlichen aus der rechten Szene. Diese sind zunehmend in öffentlichen Jugendeinrichtungen ein Problem, sie lassen sich schwer in laufende Angebote integrieren und haben zugleich den Anspruch, ihre rechten Überzeugungen zur Anschauung zu bringen. Auch schrecken rechte "Jugendcliquen" vor gewaltsamen Auseinandersetzungen nicht zurück und der dort anzutreffende Umgang zwischen Jungen und Mädchen ist geprägt von männlichem Dominanzverhalten.
Viele Soziale Profis - im Jugendfreizeitbereich wie auch in Schulen - wissen nicht, wie sie sich mit diesen rechts gesinnten Jugendlichen auseinandersetzen können, sie resignieren, da sie an die Jugendlichen nicht wirklich "ran kommen" und als letzte Konsequenz verhängen sie nicht selten Hausverbote für diese, was die Aufgabe und das Scheitern eines pädagogischen Veränderungswillens und damit den Verzicht auf eine jede sozialpädagogische Einflussnahme impliziert.
Zielsetzung der Buchkonzeption
Die Autoren vorliegender Publikation gehen folgerichtig davon aus, dass es offensichtlich mehr als nur eines guten Willens bedarf, um derartigen sozialpädagogischen Herausforderungen begegnen zu können. Sie zeigen auf, dass sozialpädagogische Profis über fundierte Kenntnisse rechten Gedankenguts verfügen sollten, um Auseinandersetzungen mit rechten Jugendlichen nicht nur auf einer moralischen, sondern auf einer inhaltlich ausgewiesenen Ebene führen zu können. Anders gesagt: um rechtes Gedankengut kritisieren und darüber verändern zu können, sollten rechte Gesinnungen gekannt und verstanden werden - nur auf dieser Grundlage lässt sich Sinn und Unsinn rechter Weltanschauungen kritisieren. Das Gespräch ist in aller Regel das Kommunikationsmittel, mit dessen Hilfe unterschiedliche bis gegensätzliche Weltanschauungen offen gelegt, sich darüber verständigt und im günstigsten Falle eine Auseinandersetzung initiiert werden kann. Ein Leitfaden und vielseitige Anregungen für eine inhaltliche Ausrichtung politischer Fachgespräche nicht nur mit rechtsradikalen Jugendlichen liegt mit diesem Studien- und Lehrbuch vor.
Aufbau und Inhalt
Die vorliegende Publikation greift die Frage auf, "warum werden Jugendliche rechtsradikal?", und beantwortet diese auf unterschiedlichen Ebenen anschaulich an Alltagsbeispielen und theoretisch in deren inhaltlicher Auflösung. Gängige rechte Argumentationsmuster werden
- in ihrer originären Sinnstruktur vorgestellt,
- in ihren inhaltlichen Aussagen ernst genommen und
- in ihren Bedeutungen analysiert.
Auf dieser Grundlage entwickeln die Autoren Vorschläge, wie man als pädagogische Fachkraft "Gegen Rechts argumentieren lernen" kann und damit zeigen sie Möglichkeiten einer beabsichtigten politisch kontroversen Auseinandersetzung im Umgang mit rechtem Gedankengut auf.
- Das erste Kapitel greift fünf verbreitete Erklärungsmuster zur Frage "Warum werden Jugendliche rechtsradikal" auf. Es setzt sich mit Ideologien, die zu rechtsradikalem Denken führen, wie auch mit Gründen und Motiven auseinander, die auf ihre gesellschaftliche Genese verweisen. Überzeugend wird beispielsweise dargelegt, dass die pädagogischen und auch soziologischen Begründungen, die in der Sozialisation der Jugendlichen die Gründe für den Einstieg in die "rechte Szene" sehen, wenig schlüssig sind. Jugendliche wachsen in unterschiedlichen Milieus auf, der sozialisationstheoretische Determinismus, der das Milieu als Grund für "rechts" behauptet, widerlegt sich selbst damit, dass in den gleichen Milieus zahlreiche Kinder und Jugendliche aufwachsen, die diesen Schritt nicht vollziehen, vielmehr in ein ganz "normales" Alltags- und Berufsleben einmünden. Mit der Vorstellung dieses Sachverhaltes begnügen sich die Autoren nicht, sie entwickeln Thesen, die dieses Kapitel abschließen, in denen sie aufdecken, wie im Alltagsbewusstsein, z.B. die politisch durchaus erwünschte "Liebe zum Vaterland" oder im täglichen Umgang mit Ausländern, nationalistische, rassistische und fremdenfeindliche Elemente enthalten sind. Diese sind nicht selten für rechte Jugendliche die Grundlage, auf der sie ihre politischen Überzeugungen und ihre eigenständigen politischen Urteile herleiten und ihre rechte Gesinnung begründen. Für eine Auseinandersetzung mit rechten Jugendlichen finden sich bedenkenswerte Hinweise, die überzeugend darlegen, dass nicht eine fehlgeleitete Erziehung rechtes Gedankengut hervorbringt, sondern diesem ein subjektiver Entschluss und damit eine eigenständige Entscheidung, rechts "gut" zu finden, zugrunde liegt. Die Autoren zeigen, wie man rechte Jugendliche ernst nehmen und sie als autonome Subjekte verstehen kann, die ihre eigensinnigen Gründe zum Gutfinden rechter Ideologien haben. Rechte Jugendliche werden somit nicht als Opfer - also als Subjekte, die nicht wissen, was sie tun - entschuldigt, vielmehr wird aufgezeigt, wie sie als vergesellschaftete Subjekte aus politischen Tagesverlautbarungen, gesellschaftlich gebilligten Werten und Normen, ihre Gründe für die Übernahme rechter und rechtsradikaler Weltbilder selbstbewusst formulieren und im Handeln praktisch umsetzen.
- Die folgenden Kapitel zwei, drei und vier greifen rechtsradikale Paradigmen wie Nationalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auf und zeigen an aktuellen Beispielen, wie auch im ganz normalen demokratischen Alltag rechtes Gedankengut verankert und damit bewusstseinsbildend wirksam ist. Die verwendeten Materialien, Karikaturen, Texte, rechtsradikale Lieder, Zitate aus Zeitungsartikeln wie auch unterschiedliche Literatur sind gut geeignet, rechte Standpunkte inhaltlich erkennen und nachvollziehen zu lassen und eröffnen darüber "erkenntnisleitende Fragen" zum Nachdenken. Den Autoren geht es nicht nur um die bildhafte Vorstellung der Erscheinungsformen von Nationalismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, sie beabsichtigen vielmehr, den Lesenden deren immanente Logik nahe zu bringen und rechte Standpunkte im alltäglichen Denken aufzuzeigen. Beispielhaft dafür steht die Diskussion um den "Stolz aufs Vaterland", die sich mit der Frage auseinandersetzt, wie sich ein Mensch diese "Tugend" aneignet, welche gedanklichen Leistungen dieser Abstraktion vom Alltäglichen zugrunde liegen, auf welche gesamtgesellschaftlichen Wurzeln sie verweist und mit welchen Widersprüchen ein Mensch zu kämpfen hat, macht er sich diesen "Stolz aufs Vaterland" zur Leitlinie seines konkreten Zurechtkommens. Alle weiteren Beispiele folgen der gleichen aufgezeigten Sachlogik und führen in die Grundelemente rechtsradikalen Denkens und des daraus abgeleiteten Handelns ein. Das begriffslogische "Begreifen" rechter Gedanken erweist sich nicht nur als eine fundierte theoretische Darstellung eines in der demokratischen Gesellschaft missliebigen politischen Standpunktes, vielmehr überzeugen die Autoren mit dem Nachweis, dass eine unideologisierte Kenntnisnahme und inhaltsbezogene Analyse rechter Denkmuster eine wesentliche Grundlage zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit rechten Argumentationen sind. Bemerkenswert ist, dass die Autoren nationalistisches und rassistisches Denken präsentieren, das inhaltlich breiten Teilen der demokratischen Öffentlichkeit und der oft zitierten "gesellschaftlichen Mitte" nicht unbekannt ist und teilweise sogar von dieser geteilt wird. Sie setzen sich also nicht nur mit "rechtsradikalemDenken" auseinander, sondern sie weisen auch auf alltäglich vorhandenes "rechtes Denken" hin und motivieren gerade darüber sozialpädagogische Profis zum Nachdenken über vorhandene Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Erfahrungen und subjektiven Bewältigungsformen des Alltags, die nachweislich einen möglichen Übergang zum Rechtsradikalismus in sich tragen können.
- Im abschließenden sechsten Kapitel gelingt es den Autoren einen Spagat zu vollziehen, der theoretische Erkenntnisse über "rechte Jugendliche" in praktische Handlungsvorschläge überführt. Erfreulich direkt wird hier die gerade in der Sozialen Arbeit vorherrschende Skepsis theoretischen Argumentationen gegenüber widerlegt und in konkrete Handlungskonzepte überführt, wenn herausgearbeitet wird, dass man sich auf einer kenntnisreichen Wissensgrundlage über rechtes Gedankengut mit "rechten Jugendlichen" inhaltsbezogen im Gespräch auseinandersetzen kann. Gegensätzliche theoretische und gesellschaftspraktische Standpunkte sind, dies wird aufgezeigt, nicht ein Auftakt zur moralisch pädagogischen Verurteilung und zur sozialpädagogischen Ausgrenzung beispielsweise aus dem Jugendhaus oder aber gar zur Akzeptanz und damit ignoranter Nichtbeachtung rechter Gesinnung. Sie sind vielmehr ein Ansatzpunkt einer pädagogisch initiierten politischen Auseinandersetzung, die vermittelt über Gespräche den Anspruch hat, rechte Jugendliche zu einer Hinterfragung und Infragestellung ihrer politischen Haltung zu veranlassen.
Tauglichkeit für die sozialpädagogische Praxis
Die besprochenen Publikation bietet neue Möglichkeiten eines politisierten sozialpädagogischen professionellen Handelns, das ein besonderes Augenmerk auf "Fremdverstehen" als eine wesentliche berufliche Kompetenz richtet und darüber rechten Jugendlichen einen Weg aus einem Denkgebäude aufzeigen kann, das nachweislich "gegen ihre eigenen Interessen" gerichtet ist. Sachbezogene und inhaltlich ausgewiesene Kontroversen - geführt als Einzel- und Gruppengespräche - mit rechten Jugendlichen sollten zum selbstverständlichen sozialpädagogisches Arbeitsmittel einer sich politisch verstehenden Sozialen Arbeit in öffentlichen Einrichtungen zählen.
Mit dieser Publikation zeigen die Autoren eine Alternative zu bekannten Strategien auf, wie sie mit Wilhelm Heitmeyers "Warum handeln Menschen gegen ihre eigenen Interessen" im "ran handbuch" (Köln 1991) oder mit der von Franz Josef Krafeld entwickelten "Akzeptierenden Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen" (Landszentrale für politische Bildung, Bremen 1992) oder auch in erlebnispädagogischen Konzepten vorliegen. Die pädagogischen Erfolge dieser Konzepte sind wenig nachhaltig - dies zeigt die Berichterstattung über zunehmende Ausschreitungen von rechten jugendlichen Szenen gegenüber Ausländern und Obdachlosen, Menschen also, die "Rechte" für nicht gesellschaftsnützlich erachten.
Fazit
Warum junge Menschen aus durchaus unterschiedlichsten Milieus sich rechtem Gedankengut zuwenden und dieses zu einer rechtsradikalen Gesinnung verfestigen und wie man dem professionell erfolgreich begegnen kann - auf diese Fragestellungen, die Soziale Arbeit nicht nur im Jugendbereich herausfordern, gibt die besprochene Publikation vielfältige Antworten, die praxisrelevant sind. Rechte Jugendliche werden von den Autoren im gruppenpädagogischen Sinne "ernst" genommen in dem, was sie denken und äußern. Eine professionelle "Fremdheitshaltung" rechtem jugendlichen Denken gegenüber und eine damit verbundene "forschende Haltung" versucht über das Gespräch einen verstehenden Zugang zu den rechten Sinnlogiken in ihren gesellschaftlichen Kontexten zu erlangen, d.h. diese erstens in ihrem rechten Gedankengut originär zu verstehen; zweitens dieses inhaltlich zu analysieren, um drittens in diesem Schnittstellen zu gesellschaftlichen Alltagslogiken herauszufinden und schließlich viertens Konsequenzen für sozialpädagogisches Handeln aufzuzeigen, die verändernd wirken können.
In diesem Selbstverständnis ist diese Publikation gerade im Bereich Soziale Arbeit nicht nur zum Selbststudium zu empfehlen, sondern auch als praktischer Ratgeber im Umgang mit rechten Jugendlichen ein sinnvoller Wegbegleiter; auch wenn die das Buch durchziehende pädagogisierende didaktisch methodische Frage- und Antwortstruktur das Lesen für ungeduldige Leser ein wenig mühsam macht, für die praktische Arbeit allerdings gerade darin nützlich sein mag.
Rezension von
Prof. Dr. phil Marianne Schmidt-Grunert
Professorin für Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaft Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales, Department Soziale Arbeit; mit den Schwerpunkten Soziale Arbeit mit Gruppen, dem Studienschwerpunkt Kultur-Bildung-Medien, Sozialarbeitswissenschaft; empirische qualitative Methoden der Sozialforschung (Schwerpunkte: Grounded Theory und qualitative Evaluation von Gruppen)
Mailformular
Es gibt 5 Rezensionen von Marianne Schmidt-Grunert.





