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Christopher Rauen (Hrsg.): Handbuch Coaching

Cover Christopher Rauen (Hrsg.): Handbuch Coaching. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. 558 Seiten. ISBN 978-3-8017-1873-2. 49,95 EUR, CH: 86,00 sFr.

Reihe: Innovatives Management.
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Einführung in das Thema, Hintergründe und Autor

Ein Buch, das in der Coaching-Szene zum Klassiker avanciert ist, liegt in dritter Auflage vor. Grund genug, es noch einmal vorzustellen. Es atmet noch den Geist der Zeit, als Coaching in erster Linie eine Unterstützung für Manager in Wirtschaftsunternehmen bedeutete. Die Sozialberufe nannten die professionelle Unterstützung durch Beratung, die sie selbst in Anspruch nahmen, damals noch durchgängig Supervision. Das hat sich geändert, nicht zuletzt dadurch, dass heute viele Bereiche sozialer Arbeit sehr viel (betriebs-)wirtschaftlicher arbeiten müssen und damit Denkweisen, Führungsstrategien etc. aus dem Profit- in den Non-Profit-Bereich eingezogen sind. Coaching ist ihnen gefolgt. Im vorliegenden Handbuch allerdings versammeln sich fast ausschließlich AutorInnen aus dem Bereich des Coachings im Bereich der Wirtschaft, und der Bereich des Coachings im sozialen Bereich ist nicht im Blick. Wer (nur) das sucht, muss zu anderen Büchern greifen.

In der offiziellen Definition von "Coaching" des Deutschen Bundesverbandes Coaching e.V. (DBVC) heißt es: "Coaching ist die professionelle Beratung, Begleitung und Unterstützung von Personen mit Führungs-/Steuerungsfunktionen und von Experten in Unternehmen/Organisationen. Zielsetzung von Coaching ist die Weiterentwicklung von individuellen oder kollektiven Lern- und Leistungsprozessen bzgl. primär beruflicher Anliegen." (vgl. S. 12) Insofern ist Coaching ein Personalentwicklungsinstrument für Führungskräfte, und zwar eines, dessen Wirksamkeit mittlerweile gut dokumentiert ist - nicht zuletzt durch Arbeiten, die in diesem Handbuch dokumentiert sind.

Der Herausgeber Christopher Rauen hat viel für die Systematisierung des Faches getan. Sein ebenfalls bei Hogrefe erschienener Band mit dem Titel "Coaching" gilt als eines der Referenzwerke, auf die sich die Literatur immer wieder bezieht. Er ist Dipl.-Psych. Und arbeitet als Coach, Autor und Herausgeber sowie Lehrbeauftragter an mehreren Universitäten. Er betreibt verschiedenen coachingrelevante Internetseiten, unter anderem die Coach-Datenbank (www.coach-datenbank.de) und ist Vorstandsmitglied des Deutschen Bundesverbandes Coaching e.V.

Aufbau

Der Band ist grob in drei Teile gegliedert.

  1. Der erste ist den "Grundlagen" gewidmet,
  2. der zweite den "Konzepten" und
  3. der dritte der "Praxis".

1. Grundlagen

Der "Grundlagen"-Teil enthält vier empirisch orientierte Arbeiten.

  • Uwe Böning (Management-Consultant und Coach, 1. Vorsitzender im Deutschen Bundesverband Coaching e.V.) resümiert den "Siegeszug eines Personalentwicklungs-Instruments" in einer "15-Jahres-Bilanz". Er zeichnet die Entwicklungsphasen des Coachings seit den 70er Jahren nach und versucht eine gegenwärtige Standortbestimmung. Dabei wertet er eine Reihe von Studien über Coaching (1989, 1998, 2004) aus.
  • Mäthner, Jansen, Bachmann (alle verbunden mit dem artop-Institut an der Humboldt-Universität Berlin) stellen die Ergebnisse eine Untersuchung zur Wirksamkeit von Einzelcoaching durch einen organisationsexternen Coach vor.
  • Jüster, Hildenbrand und Petzold(Studiengang Supervision und OE an der VU Amsterdam) die "Essenz" einer empirischen Untersuchung zum Thema "Coaching in der Sicht von Führungskräften".
  • Und Offermanns (Dipl.Psych., Partnerin bei der Organisationsberatung Meinsen & Steinhübel) schließlich referiert eine dreijährige Pilotstudie zur Wirksamkeit von Einzelcoaching unter dem Titel "Braucht Coaching einen Coach?"

Der erste Teil wird abgerundet von zwei Grundsatzartikeln. Der erste stammt von Rauen: "Varianten des Coachings im Personalentwicklungsbereich", der zweite von Wahren (Communication Consulting Team): "Präventive Interventionen vor einem Coaching". Darin sieht er Coaching in der Nachbarschaft präventiver Interventionen (Lesen, Musik, autogenes Training, Biofeedback etc.) einerseits und Therapie andererseits.

2. Konzepte

Der zweite Teil bietet Grundkonzepte der Coaching-Arbeit. Die Bandbreite reicht von Einzel-, Gruppen- und Teamcoaching über Konfliktcoaching, Businesscoaching bis zu interkulturellem Coaching. Rauen stellt in einem eigenen Beitrag den "Ablauf eines Coaching-Prozesses dar, in einem weiteren, gemeinsam mit Steinhübel, werden den LeserInnen Entscheidungskriterien für die Auswahl passender Coachingweiterbildungen gegeben. Dieser Teil des Handbuches hat Lehrbuchcharakter.

3. Praxis

Die Praxis des Coachings hat der dritte Teil im Blick. Er beginnt noch vor dem Beginn:

  • Wrede (Trainerin und Coach) gibt Hinweise: "So finden Sie den richtigen Coach" und richtet sich damit sowohl an Personalentwickler als auch an Kunden für Einzelcoaching.
  • Dehner (Konstanzer Seminare) bietet einen "Leitfaden für das erste Coaching-Gespräch" und nimmt damit den Faden von Rauens Artikel über den Prozessablauf auf.

Insgesamt wirkt der dritte Teil ein wenig wie ein Coaching-Sammelsurium, in dem sich methodische und grundsätzliche Artikel mit Berichten über spezielle Coachingarbeiten (z.B. "Einzelcoaching mit Schichtleitern") mischen.

[Ein vollständiges Inhaltsverzeichnis des Handbuches und ausführliche Angaben zu den AutorInnen sind auf der Internetseite www.handbuch-coaching.de zu lesen.]

Diskussion

Ob das Buch gut ist oder nicht, muss m.E. nicht diskutiert werden. Schlechte Bücher werden selten zu Klassikern ihres Faches - wobei die Frage noch nicht wirklich beantwortet ist, ob Coaching wirklich (schon) ein "Fach" ist. Das "Handbuch Coaching" tut viel für die Professionalisierung, nicht nur durch die grundsätzlichen systematischen Beiträge, sondern vor allem durch die Auswertung empirische Studien zu Wahrnehmung und Wirkung von Coaching. Dementsprechend fehlen auch die diversen, auf der (auslaufenden?) Welle des Psychobooms schwimmenden Moden und Psychotechniken, die den Coaching-Markt so überaus bunt "yuppiefizieren" (so Gröning schon im Jahr 1993!). Im Handbuch sind die seriösen Ansätze und Methoden vertreten; systemisches Coaching (Hamm), Visualisieren mit "Inszenario" (König) etc. Theorie und Praxis sind in guter Mischung und sinnvollem Bezug aufeinander vertreten und repräsentieren den gegenwärtigen Stand des Faches. Dabei gibt es keine Festlegung auf einen bestimmten theoretischen Ansatz, wenngleich die systemische Sicht dominiert - aber anders kann ich mir gutes Coaching auch nicht vorstellen.

Manche Abgrenzungsversuche gelingen nicht wirklich gut. Ein Coaching, das als Zielgruppe das (Top-)Management der Wirtschaft im Blick hat, hat eine elitäre Klientel. Mein Eindruck ist, dass dieses Elitedenken auf die vorgestellten Konzepte durchschlägt und Coaching zu einer elitären Disziplin mit hohen Ansprüchen an sich selbst wird. So schreibt z.B. Wrede: "Coaching ist eine Methode zur unmittelbaren Befähigung. Der Kunde wird befähigt, durch zieldienliches Verhalten das gewünschte Resultat zum gewünschten Termin zu realisieren. Er wird befähigt zu zieldienlichem Denken, Sprechen und Handeln." (S. 335) Wenn das mehr sein soll als lautes Klappern mit dem eigenen Handwerkszeug, finde ich"s bedenklich. Dementsprechend ist - nach Wrede - der Zweck von Supervision "die Verbesserung der Beziehungsqualität in der Arbeit" - und sonst nichts. Zur "Beratung" heißt es: "In einer klassischen Beratung wird dem Kunden auf seine Anfragen ein Rat/Tipp gegeben." (ebd.) Das sind freilich Zitate aus nur einemBeitrag - aber ein Austausch mit und ein vorurteilsfreies Lernen von Nachbardisziplinen könnte Coaching auch im zielorientierten Bereich des Managements bereichern.

An der Aufmachung des Buches fallen die Marginalien angenehm auf: sie leiten gut durch die Hauptgedanken des jeweiligen Artikels und erleichtern das Wiederfinden des Gelesenen. Hilfreich ist weiter das Glossar am Ende des Bandes. Nicht alle Stichworte wären nötig, aber bei vielen ist es gut, sich kurz informieren zu können. Die AutorInnen-Vorstellung ist umfangreich und mit Verweisen auf Internetadressen versehen, so dass man sich bei Interesse weiter informieren kann. Ein Autoren- und ein Stichwortverzeichnis fehlen ebenfalls nicht, und schließlich werden weitere Recherchemöglichkeiten im Internet aufgelistet.

Zielgruppen

Das Handbuch Coaching wird einen breiteren Leserkreis ansprechen: Coaches sowieso, aber auch Menschen, die in den Nachbardisziplinen Supervision, Therapie, Beratung etc. zuhause sind und einen Blick über den Zaun werfen möchten. Ganz gewiss auch alle, die sich wissenschaftlich mit Coaching befassen, die werden manch einen Hinweis für eine interessante Weiterarbeit finden. Vor allem wegen der grundsätzlichen Artikel und des "Lehrbuchcharakters" des zweiten Teils werden auch AusbildungskandidatInnen in Coachingausbildungen gern zu dem Buch greifen oder wenigstens zu dem einen oder anderen Beitrag. Und schließlich wird es auch für manch einen Kunden von Interesse sein, um sich zu orientieren.

Fazit

Ein gut gemachtes Handbuch, ein Standardwerk für jeden Coach, das man auch immer wieder als Nachschlagewerk zu Rate ziehen wird. Vermutlich wird es nicht die letzte Auflage bleiben.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 20.06.2006 zu: Christopher Rauen (Hrsg.): Handbuch Coaching. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8017-1873-2. Reihe: Innovatives Management. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3706.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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