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Thomas Greven, Thomas Grumke (Hrsg.): Globalisierter Rechtsextremismus?

Cover Thomas Greven, Thomas Grumke (Hrsg.): Globalisierter Rechtsextremismus? Die extremistische Rechte in der Ära der Globalisierung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 227 Seiten. ISBN 978-3-531-14514-3. 26,90 EUR.
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Globalisierte Anti-Globalisierungsbewegung - ein Paradoxon?

Der Ultranationalismus des extremistischen, nationalistischen Denkens sei mit ihren spezifisch ethnischen, kulturellen oder weltanschaulichen Ausgrenzungskriterien und kollektiven Homogenitätsvorstellungen, so die traditionelle politische Einschätzung, nicht in der Lage, über die nationalen und ideologischen Grenzen hinaus mit Gleichgesinnten aus anderen Ländern und Regionen, zu kooperieren oder sich gar zu vernetzen. Doch die "Internationalisierung" der rechtsradikalen Parteien und Zusammenschlüsse ist in der Zeit der sich immer interdependenter entwickelnden Welt, in vollem Gange, etwa wenn sich die NPD,  als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001, "an die Spitze einer neuen deutschen Friedensbewegung und aller Globalisierungsgegner setzen" wolle. Die Autoren, Thomas Greven, wissenschaftlicher Assistent am John F. Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der FU in Berlin, und Thomas Grumke, wissenschaftlicher Referent beim Verfassungsschutz des Innenministeriums NRW, nähern sich dem bisher im politischen und gesellschaftlichen Diskurs wenig beachteten Phänomen der "rechtsextremistischen Anti-Globalisten" in zwei Fragebereichen: Im ersten geht es darum, die ideologische Fundierung dadurch deutlich zu machen, dass in der Ablehnung von Globalisierung bei den Rechten die Kontinuität zum Antisemitismus und Rassismus deutlich wird, denn "im Zuge der Globalisierungsprozesse werden die sonst trennenden ultranationalistischen Positionen zu einer auch grenzüberschreitend mobilisierbaren Gemeinsamkeit in der politischen, ökonomischen und kulturellen Globalisierungsdebatte und im Kampf gegen einen global verorteten Feind". Im zweiten Bereich werden die Strukturen transnationaler Aktivitäten rechtsextremistischer Gruppieren diskutiert, deren demagogische und weltanschauliche Argumentationen bis hin zu fundamentalistischen, islamistischen Bündnispartnern reichen.

Inhalt

  • Die Ideologie des globalisierten Rechtsextremismus wird einleitend von Thomas Greven dargestellt. Die Anschlussfähigkeit der "Politik der Wut", wie sie von den Kritikern der negativen Erscheinungs- und Wirkungsformen der Globalisierung praktiziert wird, an den rechtsextremen Gegenentwurf für eine "re-nationalisierte, völkische Ordnung" gelingt in dem Maße, in dem die Verlierer der neoliberalen Globalisierung mehr und die Gewinner dabei immer reicher werden.
  • Der Politikwissenschaftler an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Swisttal-Heimerzheim, Armin Pfahl-Traughber, analysiert in seinem Beitrag die inhaltliche Bedeutung und die ideologischen Hintergründe der rechtsradikalen Parolen im Kontext ihrer Globalisierungskritik. Interessant dabei, dass die Rechten vielfach die Schlagwörter aus der globalisierungskritischen Bewegung, wie etwa von Attac, übernehmen und mit ihren demagogischen Schlagwörtern übertünchen.
  • Der Direktor der Task Force Against Hate des Simon Wiesenthal Centers in New York, Mark Weitzman, setzt sich mit den permanenten Elementen des globalisierten Rechtsextremismus auseinander: Antisemitismus und Holocaust-Leugnung. Beim "Kampf gegen den jüdischen Globalismus" schmieden die unterschiedlichsten Ideologen ihren Bund. Mit dem Slogan "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" dient für Rechtsextremisten und Islamisten das "Feindbild Jude" als einigendes Band. Das Internet dient dabei als Transportmittel, gefährlich auch deshalb, weil die Parolen nicht diskussions- und dialogfähig sind.
  • Von einer "Gesinnungsverwandtschaft" spricht der Lehrbeauftragte für Politik und Amerikastudien an der FU Berlin, Albert Scharenberg, bei der Analyse, wie die rechtsextremen Parteien in Europa den "Mainstream" in den jeweiligen Gesellschaften in ihr Agitationspotential hinein nehmen. Besonders die populistischen Einstellungen, wie etwa "Deutschland den Deutschen", verweisen auf den Zusammenhang zwischen Rechtsextremismus und politischer Mitte. Des Autors Prognose: Angesichts der gesellschaftlichen Transformationskrisen in den europäischen Gesellschaften ist "davon auszugehen, dass Rechtsextremismus und -populismus nicht von der politischen Bühne verschwindet, sondern sich stabilisieren und möglicherweise weiter wachsen werden".
  • Am Beispiel Russlands zeigt der Dozent an der Sozialwissenschaftlichen Akademie in St. Petersburg, Mikhail Sokolov, die Entstehungsbedingungen der Intellektuellen Neuen Rechten auf. Seine interessante These: Die durch die jeweiligen Hochschulreformen benachteiligten und in ihrer Karriere auf intellektuelle Berufe beeinträchtigten Intellektuellen "scheinen intellektuellen Nationalismus herauszufordern".
  • Thomas Grumke leitet den zweiten Teil der Analyse mit der Darstellung der transnationalen Infrastruktur der extremistischen Rechten ein. Die von einer "pan-arischen" Weltanschauung bestimmten Ideologien gehen davon aus, dass der "Prozess der Globalisierung als planvoll gesteuerte Vernichtung von Kulturen, Traditionen und Werten … durch die … mächtigen Globalisten" ausgeht", die eine "übermächtige (jüdische) Verschwörung" anzettelt. Wie kann es gelingen, Rechtsextremisten, die "wie übrigens alle Fundamentalisten, in einer hermetischen ideologischen Gegenwelt" leben, zu entlarven?
  • Der wissenschaftliche Referent beim Verfassungsschutz in NRW, Thomas Pfeiffer, sieht in der "Internationale des Online-Rechtsextremismus" eine "Schnellstraße zum Volk". Durch die Vernetzung der jeweiligen im Internet verbreiteten Seiten miteinander, werden nationale Rechts- und Strafvorschriften übergangen und außer Kraft gesetzt; ganz zu schweigen von der schwer zu kontrollierenden E-Mail-Kommunikation.
  • Michael Whine, Vorsitzender des Community Security Trust / Board of Deputies of British Jews in London, macht auf die "unheilige AllianzÓ zwischen Rechtsextremismus und Islamismus aufmerksam. Die seit den 30er und 40er Jahren aufgebauten Kontakte zwischen Faschisten und Islamisten allerdings sind nicht stabil; sie wirken aber, wie etwa Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers in ihrem Buch "Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina" (2006) zeigen, diffus und offen bis heute.
  • Schließlich diskutiert die Geschäftsführerin der Bildungsvereinigung Arbeit und Leben aus Bremen, Brigitte Brück, die Rolle der Frauen in der Transnationalisierung des Rechtsextremismus. Sie vergleicht in ihrer Arbeit die Entwicklungen, wie sie sich in Deutschland, Frankreich und Italien bei den "Aktivistinnen" der rechtsradikalen Bewegungen vollziehen. Die "braunen Schwestern" (Antifaschistisches Frauennetzwerk. Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus, Hg., Braune Schwestern? Feministische Analysen zu Frauen in der extremen Rechten, 2005) sind ein bisher in der politischen Einschätzung und Auseinandersetzung um rechtsradikale Bewegungen viel zu wenig beachtetes Potential.

Fazit

Das Buch "Globalisierter Rechtsextremismus? Die extremistische Rechte in der Ära der Globalisierung" macht auf ein Problem aufmerksam, das bisher von der Forschung über Rechtsextremismus in Europa und den USA kaum beachtet wird; das aber, betrachten wir die Wirkungen und politischen Entwicklungen, längst in der Mitte der Gesellschaften angekommen ist. Wenn etwa in der kürzlichen Meinungsumfrage von Leipziger Wissenschaftlern ermittelt wird, dass jeder vierte der über 14jährigen Befragten in Deutschland das Mehrparteiensystem ablehne und sich dafür eine einzige Partei wünsche, die die "Volksgemeinschaft" vertrete und die "Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert", dann ist die rechtsradikale Saat bereits auf fruchtbaren Boden gefallen. Dagegen hilft nur, die Demokratie mit allen demokratischen Mitteln zu verteidigen - weil es keine bessere Regierungs- und Gesellschaftsform gibt!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.01.2007 zu: Thomas Greven, Thomas Grumke (Hrsg.): Globalisierter Rechtsextremismus? Die extremistische Rechte in der Ära der Globalisierung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. ISBN 978-3-531-14514-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3708.php, Datum des Zugriffs 31.03.2020.


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