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Werner Vogelauer (Hrsg.): Coaching-Praxis

Cover Werner Vogelauer (Hrsg.): Coaching-Praxis. Führungskräfte professionell begleiten, beraten und unterstützen. Luchterhand Verlag (München) 2002. 4., erweiterte und überarbeitete Auflage. 172 Seiten. ISBN 978-3-472-04787-2. 39,00 EUR.
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Einführung in das Thema

Coaching ist im Bereich der Wirtschaft ein gut eingeführtes und akzeptiertes Beratungskonzept, das vor allem auf eine Stärkung der persönlichen Ressourcen und der sozialen, besonders der kommunikativen Kompetenzen zielt. Eine weiterer Akzent der Coachingarbeit liegt auf der Rolle, die der "Coachee" (der/die zu Coachende) in seiner Organisation ausfüllt: "Wenn wir von Coaching sprechen, meinen wir eine Begleitarbeit für Menschen in Organisationen, um ihre Rolle erfolgreich und zufriedenstellend in Gegenwart und Zukunft ausfüllen zu können. Dabei wollen wir die beruflich-strukturelle, die beziehungsmäßige wie auch die persönliche Seite ansprechen." In diesem Dreieck "Struktur – Beziehung – Person" bewegen sich die zehn in diesem Band zusammengefassten Beiträge.

Hintergründe und AutorInnen

Die meisten der AutorInnen sind Mitarbeiter der TRIGON Entwicklungsberatung in Österreich. TRIGON ist eine Beratungsfirma, die BeraterInnen unterschiedlicher Ausbildungswege beschäftigt und sich mit Fragen marktorientierter Organisations- und Personalentwicklung beschäftigt. Sie bietet "maßgeschneiderte" Entwicklungskonzepte für Unternehmen und Verwaltungen an. Coaching ist nur eine Methode im Spektrum der Firma. Als Referenzen führt TRIGON im Internet und im Anhang des Buches u.a. BASF, BMW, Credit Suisse, Deutsche Bank, Hoffmann-LaRoche etc. an. (Ich nenne diese Hintergrundinformationen, weil sie Hinweise enthalten auf die besondere Akzentuierung dieses Coaching-Buches).

Der Herausgeber mag stellvertretend vorgestellt sein: Werner Voglauer ist Dipl.Kfm., Dr. der Handelswissenschaften, Unternehmensberater, Coach und Trainer, Transaktionsanalytiker, Lehrsupervisor EAS, Gründungsmitglied von TRIGON, selbst 12 Jahre Führungskraft in Dienstleistungsorganisationen. Auch die meisten anderen Autoren kommen aus dem Bereich der Wirtschafts- oder Organisationswissenschaft, einige haben eine psychologische Ausbildung. Das bedeutet: die AutorInnen wissen, wovon sie reden, wenn es um die Begleitung und Beratung von Führungskräften in der Wirtschaft geht.

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Der Band bietet zehn Aufsätze zu unterschiedlichen Aspekten des Coaching. Hans von Sassen und Werner Voglauer haben den einführenden Artikel unter der Überschrfit "Coaching – ganzheitlich gesehen. Voraussetzungen – Konzepte - Praxisergebnisse" geschrieben, der das Arbeitsfeld "Coaching" gut und umfassend umreißt und so eine erste Orientierung ermöglicht. Voglauer reflektiert im zweiten Aufsatz den "Coaching-Prozess. Die Phasen und ihre praktische Umsetzung" und ergänzt damit den ersten Artikel um die Prozessperspektive. Mein Eindruck ist, dass mit dieser sehr konzentrierten Darstellung vor allem Beratungsprofis etwas anfangen können – als Strukturierung eigener Erfahrungen.

Eines der Glanzlichter des Bandes ist der Aufsatz der Psychologin und Psychotherapeutin Elfriede Biehal-Heimburger: "Persönlichkeitsentwicklung im Coaching", denn sie liefert eine gestalttherapeutisch/wahrnehmungspsychologische Begründung des Coaching und bietet dabei zahlreiche Anregungen für die eigene Weiterarbeit. Einige Kapitelüberschriften aus ihrem Artikel: Die Tendenz zur guten Gestalt. Wahrnehmen lernen. Die Perspektiven wechseln können. Träume als Botschaften begreifen. Schatten und Doppelgänger erkennen.

Meiner Meinung nach das zweite Glanzlicht des Bandes ist der Aufsatz von Hans von Sassen (Bauingenieur und Psychologe) zum Thema "Coaching als Problemlösungs- und Entscheidungshilfe." Quasi mikroskopisch wird hier die "Entscheidung" betrachtet: sie hat zum einen den Aspekt der Krise, wobei Krise sowohl als Bedrohung als auch als Herausforderung erlebt werden kann. Zum anderen hat Entscheidung den Aspekt der Wahl – der Coach wird hier zum "Wahl-Helfer". Verschiedene Arten von Entscheidungen werden reflektiert, und schließlich bietet der Artikel ein Modell für die Entscheidungssuche, mit dem sich hervorragend arbeiten lässt.

Hilfreich fand ich auch den Artikel von Werner Voglauer: "Was macht einen guten Coach aus?" (Kap. 9) Hier werden die Erwartungen und die Wahrnehmungen der Coaching-KundInnen dargestellt und reflektiert – gut zu lesen sowohl für Coaches als auch für Coachees.

Bei einer spontanen Schnellbewertung der Artikel habe ich zweimal "sehr gut", einmal "gut", viermal "ok" und einmal "nee" vergeben – der Rest war "na ja". Das "nee" hat der Aufsatz von Ulrich Schwaemmle (Diplom-Sozialwirt) und Philippe Staehelin (lic.rer.pol. und Organisationsberater): "Rolle, Perspektiven und Arbeitsweisen von internen und externen Coaches" bekommen. Der Artikel strotzt vor banalen Feststellungen und Tautologien: "Dem externen Coach wird vor allem die Außensicht, dem internen Coach die Innensicht zugeschrieben." (S. 110) Ja, ja: Schimmel sind vor allem weiß, Rappen vor allem schwarz...

Zielgruppen

Ausgewählte Aufsätze des Sammelbandes könnte ich mir gut als Unterrichtspapiere in Coachingausbildungen vorstellen. Gerade angehende Coaches könnten sich mit dem Buch einen fundierten Überblick über das Fach verschaffen. Aber auch erfahrene Berater finden in "Coaching-Praxis" zahlreiche Anregungen: vieles, das man "irgendwie" schon wusste, ist gut auf den Punkt gebracht, vieles ist übersichtlich systematisiert und strukturiert. Falls sich Coachingkunden über Coaching informieren wollen, finden auch sie in dem Band viele wertvolle und orientierende Informationen.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Vielleicht ist ein Klischee hilfreich: Coaches, die von einer sozialpädagogischen Ausbildung her kommen und eher im Non-Profit-Bereich arbeiten, neigen zu großem Tiefgang in Sachen Emotionen und Beziehungsgestaltung, sind aber "Strukturchaoten". Coaches, die von der eine ökonomische Ausbildung absolviert haben und in profitorientierten Unternehmen arbeiten, können wunderbar strukturieren, verlieren aber die Emotionen und die Beziehungen leicht aus dem Blick. Nur ein Klischee eben. Mir fiel aber wohltuend die hervorragende Strukturiertheit und Klarheit der Beiträge auf. Ich hatte manchmal das Gefühl, ich säße in einem Managerseminar zum Thema Coaching – und es war ein gutes Gefühl.

Dennoch fehlt es mir, von den genannten "Glanzlichtern" abgesehen, manchmal an Tiefe. Eine systemische Sicht, die das gesamte Ensemble der Bedingungsfaktoren eines Coachingproblems zu erfassen versucht, ist nicht durchgängig selbstverständlich, wird aber auch nicht ersetzt durch eine andere Sicht mit "ganzheitlichem" Anspruch. Das bewahrt vor vorschnellem und dilettantischem "Therapeutisieren", nährt aber auch die Illusion, professionelle Fragen hätten vor allem oder gar ausschließlich mit der Profession zu tun.

Fazit

Am Rand meines Exemplares stehen viele Ausrufezeichen, weil ich bei der Lektüre viel gelernt habe. Auch stehen da viele Verweise in das Literaturverzeichnis, weil ich an manchen Themen weiterarbeiten möchte. Beides hat das Buch zu einer lohnenden Lektüre gemacht. Die Autoren sind bestens ausgewiesene und kompetente Unternehmensberater und Coaches, die viel Wissen zu vermitteln haben.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 18.06.2002 zu: Werner Vogelauer (Hrsg.): Coaching-Praxis. Führungskräfte professionell begleiten, beraten und unterstützen. Luchterhand Verlag (München) 2002. 4., erweiterte und überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-472-04787-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/371.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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