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Cornelia Schweppe, Werner Thole (Hrsg.): Sozialpädagogik als forschende Disziplin. [...]

Cover Cornelia Schweppe, Werner Thole (Hrsg.): Sozialpädagogik als forschende Disziplin. Theorie, Methode, Empirie. Juventa Verlag (Weinheim) 2005. 332 Seiten. ISBN 978-3-7799-1526-3. 25,00 EUR, CH: 43,80 sFr.

Reihe: Grundlagentexte Pädagogik.
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Hintergrund und Funktion des Buches

Im Zentrum des Buches steht eine realistische Einschätzung, die auch schon Anlass und Leitgedanke ähnlicher Publikationen war [1]: „Weit über den engeren Kreis der unmittelbar empirisch arbeitenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hinaus herrscht ein breiter Konsens darüber, dass die disziplinäre und professionelle Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit ohne einen konsequenten und intensiv betriebenen Ausbau der empirischen Forschung nicht möglich ist.“ (ebenda S. 4)  Und so „… hoffen die HerausgeberInnen, zu einer qualitativen wie quantitativen Konsolidierung der Idee der Notwendigkeit und Dringlichkeit von Forschung und insbesondere von empirischer Forschung im Kontext der Sozialpädagogik beitragen zu können.“

So versteht sich diese Sammlung von Beiträgen, die Gegenstand der Diskussion auf der Jahrestagung 2003 der Kommission Sozialpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft waren, auch konsequenter Weise als Dokumentation des empirischen Forschungsstandes im Feld Sozialer Arbeit, als Forum neuer Ideen, als Darstellung bewährter Forschungsansätze und nicht zuletzt als kritische Bühne für die Diskussion der Anwendungsfragen unterschiedlicher Forschungsmethoden. Ob man dabei auch schon von der Entwicklung einer Forschungstheorie reden kann, bleibt eher offen.

Als wohltuend werden es die Leserinnen und Leser empfinden, dass sich das Buch nicht mit der inzwischen müßigen und vor allem in keiner Weise der Sache dienlichen Grundsatzfrage nach der Differenz von universitärer „sozialpädagogischer Forschung“ auf der einen und fachhochschulbezogener „Sozialarbeitsforschung“ auf der anderen Seite beschäftigt. Obwohl dem aufmerksamen Beobachter auffällt, dass durchgängig von Sozialpädagogik und nicht von Sozialer Arbeit als Akteur und Gegenstand von Forschung die Rede ist, geht es – Gott sei Dank – um die Sache selbst – und dies macht ein solches Buch auch empfehlenswert.

Immerhin 19 Autorinnen und Autoren sind denn auch beteiligt bei der Entfaltung einer großen Palette an verschiedenen Perspektiven auf

  • disziplinäre und professionstheoretische Fragen sozialpädagogischer Forschung,
  • Methodologie und Methoden sozialpädagogischer Forschung,
  • Strukturdimensionen der Sozialpädagogik im Blick der Forschung und auf
  • Sozialpädagogische Arbeitsfelder im Fokus der Forschung.

Inhaltliche Einblicke in das Buch

Hier nur einige ausgewählte Beispiele aus den einzelnen Beiträgen [2], die diese große Bandbreite über alle vier Bereiche hinweg deutlich machen:

  • Michael Winkler plädiert im ersten Teil für „das sozialpädagogische Forschungsprojekt“, nennt aber gleichzeitig auch Anstrengungen und zeigt Grenzen auf.
  • Franz Hamburger beleuchtet das Verhältnis zwischen Forschung und Praxis als eine „widersprüchliche Einheit“, aus der sich bestimmte Implikationen für sein Verständnis von Praxisforschung ergeben.
  • Mit dem zur Verfügung stehenden Methodenspektrum beschäftigen sich daran anschließend Hans-Günter Micheel aus quantitativer und Werner Thole sowie Peter Cloos aus qualitativer Sicht. In beiden Beiträgen herrscht dabei Einigkeit, dass die Herausforderung vor allem in einer Präzisierung der Ansätze besteht, die eines leisten muss: nämlich zum Nachweis der Angemessenheit und der Validität der Instrumente und der generierten Befunde beizutragen. Sehr wohltuend erscheint gerade an der Stelle auch das einmütige Plädoyer für eine weitere Entideologisierung der Methodendiskussion.
  • Dass Evaluation als spezielle Form dabei schon jetzt einen hohen Stellenwert einnimmt, betont Christian Schrapper und bezeichnet sie sinniger Weise als „die kleine Schwester“ der Sozialforschung, die sich vor allem mit anwendungsbezogenen Prüffragen auseinander zu setzen hat.
  • Hans Gängler und Wolfgang Schröer beleuchten im dritten Teil die von ihnen als eher lückenhaft bezeichneten Ansätze der historisch orientierten sozialpädagogischen Forschung. Nicht nur zu den bisher noch nicht geklärten methodischen Problemen liefern sie Ideen, auch wie eine sozialpädagogische Historiographie insgesamt aussehen könnte, wird von ihnen in Ansätzen dargestellt. Außerdem wenden sich die AutorInnen in diesem Teil – und hier scheint ja gerade vor dem Hintergrund einer eher ökonomischen Debatte über Soziale Arbeit – enormer Bedarf an Praxisforschung zu entstehen – der AdressatInnenforschung, der Ausbildungsforschung und der Organisationsforschung zu.
  • Dass es im vierten Teil bei der Beleuchtung der arbeitsfeldbezogenen Forschung sowohl um den Gesundheitsbereich (Günther Homfeldt) als auch um Armutsforschung (Karl August Chassé und Margherita Zander) geht, liegt nahe und rundet den breiten Blick dieses Bandes gut ab. Und dass auch die Jugendhilfe – nicht zuletzt historisch gesehen – dabei nicht fehlen darf, machen Nicole Rosenbauer und Udo Seelmeyer mit einem Blick in das „Forschungsinformationssystem Sozialwissenschaften“ (FORIS) deutlich.

Fazit

Es handelt sich zwar nicht um ein Lehrbuch. Empirisches Wissen zur Gestaltung forschender Zugriffe auf die Praxis Sozialer Arbeit wird in diesem Buch nicht systematisch und für Studierende oder sich weiterbildende PraktikerInnen didaktisch aufwändig aufbereitet. Trotzdem ist dieses Buch sehr empfehlenswert: nämlich als Informationsquelle und als Arbeitsbuch für Studierende, Fach- und Führungskräfte der Sozialen Arbeit und für alle ForscherInnen, die darüber hinaus dabei sind, sich – in welchem Ausmaß auch immer – an der Generierung und ständigen Verbreiterung der empirischen Basis zu beteiligen, die in der Tat notwendig ist für die Weiterentwicklung der Profession und der Disziplin Soziale Arbeit. Dazu enthält dieses Buch tolle Anregungen. Und es macht hoffentlich gerade auch denen Lust und Mut zum „Forschen in eigener Sache“ (Maja Heiner), die eher weiter weg sind vom „inner circle“ der Kommission Sozialpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft.


[1] vgl. Otto, H.-U., Oelerich, G. & Micheel, H.-G.  (Hrsg.) (2003). Empirische Forschung und Soziale Arbeit - Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Luchterhand,

[2] Die folgenden Formulierungen sind sinngemäß dem differenzierten Einleitungskapitel des Buches entnommen, in dem die VerfasserInnen u.a. einen guten Überblick über die inhaltliche Ausrichtung der Einzelbeiträge geben und gleichzeitig eine systematische Zuordnung zu den einzelnen Abschnitten des Buches begründen.


Rezension von
Prof. Dr. Joachim König
Evangelische Hochschule Nürnberg
Allgemeine Pädagogik & Empirische Sozialforschung
Leiter des Instituts für Praxisforschung und Evaluation
Homepage www.evhn.de/hochschule/organisation/personenverzeic ...
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Zitiervorschlag
Joachim König. Rezension vom 27.09.2007 zu: Cornelia Schweppe, Werner Thole (Hrsg.): Sozialpädagogik als forschende Disziplin. Theorie, Methode, Empirie. Juventa Verlag (Weinheim) 2005. ISBN 978-3-7799-1526-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3710.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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