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Andreas Klärner, Michael Kohlstruck (Hrsg.): Moderner Rechtsextremismus in Deutschland

Cover Andreas Klärner, Michael Kohlstruck (Hrsg.): Moderner Rechtsextremismus in Deutschland. Hamburger Edition (Hamburg) 2006. 344 Seiten. ISBN 978-3-936096-62-0. 35,00 EUR.
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Rechtsextremismus als soziale Bewegung

Die politische und öffentliche Aufregung ist groß: Die neuen Daten des Bundeskriminalamts über die gravierende Zunahme von rechtsextremen Gewalttaten in Deutschland bringen eine Aufmerksamkeit in den Medien und Parteien zu Tage, die die bisherigen Reaktionen auf rechtsextremes Gedankengut ablösen durch Forderungen nach dem, was einmal "streitbare Demokratie" (Hans-Gerd Jaschke) bezeichnet wurde. Die bis in die 80er Jahre im politischen Diskurs über Rechtsextremismus benutzten Formeln, es handele sich beim rechtsextremen Denken und Handeln um Ideologien der "Ewiggestrigen" und von "Demokratiefeindlichkeit", bedürfen heute einer neuen Bewertung. Rechtsextremismus in Deutschland - und auch in anderen europäischen Ländern - gründet sich nicht mehr nur auf die Leugnung der nationalsozialistischen Verbrechen und der Verherrlichung des Führertums, sondern erreicht mit rassistischen Ausgrenzungstendenzen und der Verfolgung von Minderheiten eine Ausweitung, die weit in die "Mitte der Gesellschaft" zeigt.

Entstehungshintergrund und Zielsetzung der Veröffentlichung

Beim Hamburger Institut für Sozialforschung fand vom 27. bis 29. August 2003 ein wissenschaftliches Symposium zu aktuellen Tendenzen der Rechtsextremismusforschung statt. Die Ergebnisse der Veranstaltung werden von den Herausgebern Andreas Klärner, Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich "Nation und Gesellschaft" des Hamburger Instituts und Michael Kohlstruck, Politikwissenschaftler und Mitarbeiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin, im o. a. Band dokumentiert. Dabei geht es den Autorinnen und Autoren nicht darum, "den Rechtsextremismus im Allgemeinen zu erklären", sondern mit qualitativen Forschungsmethoden allzu schnellen Verallgemeinerungen des Phänomens zu begegnen: Es geht darum, einen genauen Blick auf die jeweiligen Bewegungen und rechtsextreme Entwicklungen zu werfen. Dabei zeigen sie auf, dass in der Bewertung und Forschung des Rechtsextremismus in den letzten Jahrzehnten eine Veränderung stattfindet. Spätestens seit der Veröffentlichung der Anfang der 80er Jahre von der damaligen SPD/FDP-geführten Bundesregierung in Auftrag gegebenen Studie über rechtsextreme Einstellungen bei den Deutschen (SINUS-Institut) wird im gesellschaftlichen Diskurs und in der Forschung eine Erweiterung des Rechtsextremismusbegriffs vorgenommen, "der nicht mehr auf politisches Handeln und Ideologieproduktion begrenzt wird, sondern nun auch Einstellungen der Bevölkerung umfasst". Die im folgenden Jahrzehnt erfolgte Einschätzung der Aktivitäten der "Neuen Rechten" und der "neuen radikalen Rechten", sowohl in der Bundesrepublik, als auch in der damaligen DDR mit der rechtsextremen Jugendbewegung als Subkultur, veränderte sich mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten ab 1990. Ein "soziologischer Rechtsextremismusbegriff" umfasst seitdem in der Diskussion sowohl Ideologien der Ungleichheit, als auch der Adaption von physischer Gewaltausübung zur Durchsetzung der rechtsextremen Ideen.

Zur Bewertung, wirksamen Einschätzung und Auseinandersetzung mit dem politischen Rechtsextremismus ist es wichtig zu erkennen, dass sich seit den 80er Jahren verschiedene Modernisierungsprozesse vollzogen haben und weiterhin wirken: Da ist zum einen die Veränderung der bis dahin hierarchisch bestimmenden Vorherrschaft von rechtsextremen Parteien und paramilitärischen Jugendorganisationen bei der Rekrutierung von Anhängern hin zu bewegungsförmigen und informellen Zusammenschlüssen und Subkulturen. Damit vollzieht sich in der rechtsextremen Entwicklung so etwas wie eine Enthierarchisierung.

Die Entdeckung der öffentlichen Medienwirksamkeit durch rechtsextreme Gruppierungen und die sich in diesem Zusammenhang vollziehende Ausbildung und Trainierung von jugendlichen Rechtsextremen stellt eine zweite Ebene der neuen Aktionsformen dar. Sie ist verbunden mit einer neuen Aufmerksamkeit von jungen Menschen, vor allem denjenigen, die sonst als "Verlierer" im gesellschaftlichen Prozess gelten. Eine besondere Bedeutung hat hierbei auch, dass die rechtsextremen Agitatoren und Meinungsführer zur Verbreitung ihrer Ideen eine regelrechte rechtsextreme Kulturindustrie aufgebaut haben, mit der Produktion und Verbreitung von Musik-CD, Kleidung u.a.

Die dritte Ebene der Modernisierungsprozesse stellt die veränderte ideologische Ausrichtung des rechtsextremen, fremdenfeindlichen und rassistischen Gedankenguts dar. Nachdem der "Urfeind" des nationalistischen und rechtsextremen Denkens, der Kommunismus, nicht mehr in dem Maße Reibe- und Stoßfläche bietet, wird die Idee des "Dritten Wegs" zwischen Kapitalismus und Kommunismus propagiert; eine vor allem für junge Leute nicht uninteressante Sichtweise.

Aufbau und Inhalt

Entsprechend der Zielsetzung des Tagungsbandes, nicht "Rechtsextremismus" an sich zu diskutieren, sondern die vernetzten rechtsextremen Aktivitäten in ihren jeweiligen konkreten Erscheinungsformen und Bewegungen zu betrachten, stellen auch die einzelnen Beiträge der überwiegend jungen Forscher differenzierte Betrachtungen aus der jeweiligen disziplinären und interdisziplinären Position dar. Die Herausgeber gliedern das Buch, neben der Einleitung, in drei Hauptteile: Bewegung und Gegenbewegung - Strategien, Akteure und Parteien - Szenezugang, Selbst- und Rollenbilder.

Im ersten Teil weist Andreas Klärner Tendenzen der rechtsextremen Bewegung am Beispiel einer ostdeutschen Mittelstadt von Mitte der 80er Jahre bis 2000 auf: "Zwischen Militanz und Bürgerlichkeit". Der Soziologe und Lehrbeauftragte an der Universität Marburg, Fabian Virchow reflektiert die "Dimensionen der „Demonstrationspolitik“ der extremen Rechten in Deutschland", mit der bemerkenswerten Feststellung, dass die identitätsbildenden Aktionen, wie Aufmärsche, u.a., gezielt auf die insbesondere in Teilen Ostdeutschlands bei Jugendlichen vorfindbaren fremdenfeindlich-nationalistischen Weltbilder treffen und so das neofaschistische Potential immer wieder neu produzieren. Der Politikwissenschaftler Henning Flad setzt sich mit der Bedeutung des Handels mit Musik als eines der wichtigsten Mittel der rechtsextremen Szene zur Verbreitung ihres Gedankenguts auseinander. Besonders die sich dadurch ergebende Integration der Ökonomie als Triebmittel der Bewegung stabilisiert die Gruppierungen. Die Soziologinnen und Soziologen Jana Klemm, Rainer Strobl und Stefanie Würtz stellen ihre Erfahrungen beim lokalen Umgang mit Rechtsextremismus in zwei Kleinstädten zur Diskussion, mit der durchaus positiven Einschätzung, dass eine demokratische Stadtkultur zu aktivieren sei.

Im zweiten Teil reflektiert Rainer Erb vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin über den "Typus des rechtsextremen Bewegungsunternehmers". Der "ordentliche Kaufmann", Neonazi und Bewegungsunternehmer Christian Worch aus Hamburg z. B. wird in dieser Fallanalyse als ein Beispiel für die geschickte Einbindung der rechtsextremen Ökonomie in den gesellschaftlichen Alltag dargestellt und auf ein Forschungsdefizit auf diesem Gebiet verwiesen. Die Politikwissenschaftlerin Uta Döring nimmt Stellung zur Entstehung und zur Karriere eines neofaschistischen und rechtsradikalen Begriffs: "National befreite Zonen", als ein neues ideologisches Symbol der deutschen und europäischen Faschisten. Sonja Kock bringt in einer Analyse verschiedene politikwissenschaftliche Erklärungsansätze von rechtsextremen Wahlerfolgen in Baden-Württemberg. Bemerkenswert ihre Erkenntnis, dass "ein starkes katholisches Milieu eine relativ hohe Barriere gegen rechtsextreme Wahlerfolge … darstellt"; andererseits "können Arbeitermilieu und konservativ-kleinbürgerliches Milieu diese durchaus fördern".

Das dritte Kapitel, das sich mit "Szenezugang, Selbst- und Rollenbilder" in der rechtsextremen Szene beschäftigt, beginnt die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Jena, Christine Wiezorek, mit Ausführungen über die Bedeutung der Biografieanalyse in der Rechtsextremismusforschung. Anhand der Rekonstruktion der Biografie von fremdenfeindlichen Gewalttätern zeigt sie den Zusammenhang mit der sozialen Identität auf. Michaela Köttig von der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Georg August Universität Göttingen verweist in ihrem Beitrag "Zur Entwicklung rechtsextremer Handlungs- und Orientierungsmuster von Mädchen und jungen Frauen" auf die bisher im Forschungsprozess wenig beachtete Bedeutung der Hinwendung von Mädchen und jungen Frauen zur rechtsextremen Szene. Der Kulturwissenschaftler Oliver Geden vom Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin, wirft mit seinem Beitrag zur "Thematisierung von Männlichkeit in der Freiheitlichen Partei Österreichs" einen Blick über den nationalen Gartentaun. Michael Kohlstruck und die Europäische Ethnologin Verena Münch zeigen am Fallbeispiel der Ermordung des 16jährigen Marinus Schöberl in der Uckermark/Brandenburg durch drei alkoholisierte rechtsextreme, junge Straftäter, die Fallstricke auf, die bei der Bewertung, Einschätzung und Reaktion der Straftat auftreten können.

Fazit

Die im vorliegenden Band breit diskutierten Aspekte, Zugangs- und Realisierungsformen bei der Bewertung der rechtsextremen, faschistischen, fremdenfeindlichen und rassistischen Bewegungen in Deutschland und Europa machen deutlich, dass Rechtsextremismus nicht mehr nur eine Ideologie der "Ewiggestrigen" ist, sondern sich als "soziale Bewegung" etabliert hat. Diese Erkenntnis erfordert, im Forschungsprozess wie im alltäglichen, politischen Umgang mit der Ideologie, eine neue Achtsamkeit der Demokraten. Die interdisziplinären Beiträge im Buch produzieren dazu einen wichtigen und weiter führenden Baustein in der aktiven Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.11.2006 zu: Andreas Klärner, Michael Kohlstruck (Hrsg.): Moderner Rechtsextremismus in Deutschland. Hamburger Edition (Hamburg) 2006. ISBN 978-3-936096-62-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3721.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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