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Almut Göcke: Der rechtliche Schutz für Inzestopfer und Hilfestellungen [...]

Cover Almut Göcke: Der rechtliche Schutz für Inzestopfer und Hilfestellungen durch die soziale Arbeit. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2006. 99 Seiten. ISBN 978-3-8309-1605-5. 14,90 EUR.
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Themenstellung und Entstehungshintergrund

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder hat bekanntermaßen viele Facetten, und jeder dieser Facetten haften spezifische Besonderheiten im Hinblick auf Entstehung, Erscheinungsform und Folgen für die Betroffenen an. So kann die Gewalt durch eine fremde oder sozial/familiär vertraute Person, gleichgeschlechtlich oder gegengeschlechtlich erfolgen. Die praktizierten Handlungen können sich in der gesamten Bandbreite dessen verorten, was wir gesamtgesellschaftlich als sexuell deuten. Sie können als einmalige Tathandlung in Erscheinung treten oder als wiederholter Tatbestand, manchmal über Jahre.

Das Wissen um die Vielfalt möglicher Erscheinungsformen sexualisierter Gewalt gegen Kinder ist Voraussetzung für eine angemessene Prävention und Intervention. Es ist inzwischen in der Theorie und Praxis unumstritten, dass vorbeugende Maßnahmen mit Mädchen und Jungen ebenso mehrdimensional angelegt sein müssen wie Hilfsangebote, die Betroffene dabei unterstützen sollen, ihre jeweils spezifischen Gewalterfahrungen zu verarbeiten.

Almut Göcke greift in ihrem Buch aus der Gesamtproblematik speziell den Vater-Tochter-Inzest auf. Sie begründet diese Schwerpunktsetzung mit der Annahme, dass diese Facette bislang zu wenig Beachtung gefunden hat und Hilfsangebote für die betroffenen Mädchen vielfach ungenügend sind.

Die Autorin hat ihre Publikation in sieben Kapitel untergliedert. Jedes Kapitel schließt mit einem Fazit, das neben zusammenfassenden Anmerkungen des jeweiligen Kapitels auch zum nächsten behandelten Thema überleitet.

1 Mythen

In der Einleitung (1) setzt sich die Autorin mit den Mythen auseinander, die seit jeher um die TäterInnen der sexualisierten Gewalt gegen Kinder kreisen, und informiert über den Aufbau ihres Buches.

2 Begriffsdefinitionen

Unter dem Titel Begriffsdefinitionen (2) liefert sie zunächst einen Überblick (2.1) über die Behandlung und Einordnung sexualisierter Gewalt in der Vergangenheit und Gegenwart. Sie beginnt mit einer Darstellung des aktuellen Fachdiskurses über mögliche Täter-Opfer-Konstellationen bei innerfamiliärem Missbrauch, Formen und Handlungen bei sexuellem Kindesmissbrauch und deren Kategorisierung nach Schweregrad. Daran schließt eine Betrachtung geschichtlicher Belege für sexualisierte Gewalt gegen Kinder und kulturhistorisch differierender Bewertungen der Tathandlungen an. Einen eigenen Abschnitt widmet sie der Behandlung von Inzest in der Psychoanalyse. Den Abschluss dieses Unterkapitels bildet eine Auflistung der aktuell gültigen Rechtsvorschriften.

Im anschließenden Unterkapitel legt die Autorin ihre Begriffsfestlegung (2.2) offen. Danach wird in ihrem Buch unter dem Begriff des Inzests sexualisierte Gewalt durch leibliche und soziale Väter gefasst, unabhängig vom Schweregrad der Gewalthandlungen.

Sie schließt das Gesamtkapitel mit dem Fazit (2.3) ab, dass die bisherige Definitionsvielfalt dem Phänomen nicht gerecht wird und die Besonderheiten dieser Gewaltform, d. h. die Ausnutzung der geschlechtlichen und generativen Vormachtstellung der Täter nicht hinreichend transparent macht.

3 Inzest im "Schutz der Familie"

Mit Inzest im "Schutze der Familie" (3) überschreibt die Autorin ihre Ausführungen zum familiensystemischen Zusammenhalt im Falle der innerfamiliären sexualisierten Gewalt. Im ersten Unterkapitel nimmt sie Stellung zum Ausmaß von inzestuösem Missbrauch (3.1) und führt hier einerseits eine Dunkelfeldschätzung von 1983 zur Gesamtzahl betroffener Kinder an, andererseits eine vergleichsweise aktuelle Darstellung zur Altersverteilung der Opfer, um zu verdeutlichen, dass nicht erst junge Menschen in und nach der Pubertät sexualisierte Gewalt erfahren.

Anschließend geht sie auf die psychosoziale Familienstruktur (3.2)ein und beleuchtet hier getrennt voneinander das Kind, den Vater und die Mutter. Im Hinblick auf die betroffenen Kinder skizziert die Autorin zunächst die Besonderheit von Gewalt durch eine wichtige kindliche Bezugsperson und gibt einige Beispiele dafür, wie Kinder ihrerseits versuchen, den Missbrauch abzuwenden. Des weiteren gibt sie einen kurzen Einblick in das Erleben der Opfer, insbesondere geht sie auf die Schuldgefühle, die Verantwortungsübernahme für die Gewalterfahrung und das Bemühen den Erhalt der Familie ein. Da Betroffene Gefahr laufen, im Falle einer Aufdeckung als Inzestopfer stigmatisiert zu werden, ist es nach Almut Göcke ihrer Heilung nicht dienlich, sie an spezialisierte Einrichtungen für Opfer sexualisierter Gewalt zu vermitteln. Bezogen auf die Väter geht die Autorin auf deren Strategien zur Manipulation ihrer Töchter, zum Schutz vor Aufdeckung und zur Entlastung nach Bekanntwerden ihrer Taten ein. Ebenso reißt sie Versuche von Tätertypologien an und gelangt dabei zu dem Schluss, dass es weder klar definierte Tätertypen noch Täterprofile gibt, weil keine äußeren Merkmale Missbrauchstäter von anderen Männern unterscheiden. Die Mütter betreffend kritisiert die Autorin die häufig von außen vorgebrachten Vorwürfe einer Mitschuld. Auch legt sie die widerstreitenden Gefühle und Verunsicherungen seitens der Mütter im Falle einer Aufdeckung dar. Eine fachlich begleitete Aufarbeitung der nunmehr selbst erlittenen Traumatisierung ist ihrer Ansicht nach notwendige Voraussetzung dafür, dass die Mütter ihre Töchter in deren Verarbeitung unterstützen können. Das Kapitel schließt ab mit einem Fazit (3.3), das eine Anmerkung zu dem Märchen Allerleihrauh enthält.

4 Folgen und Spätfolgen des Inzests

Unter Folgen und Spätfolgen des Inzests (4) werden zunächst "Stumme Schreie" (4.1) aufgelistet im Sinne von unmittelbaren psychischen, psychosomatischen und körperlichen Auswirkungen, die gleichfalls Anzeichen für Inzesterfahrungen sein können, aber nicht zwangläufig sein müssen. Bei der Beschreibung der Spätfolgen des Inzest (4.2) stellt Almut Göcke insbesondere die Krankheitsbilder psychogene Amnesie, multiple Persönlichkeit, Borderline-Syndrom und Störungen der eigenen Körperwahrnehmung heraus. Auch geht sie ein auf die gesellschaftlich häufig praktizierte Reduzierung von Betroffenen auf den Opferstatus sowie auf den Zusammenhang von Promiskuität und Prostitution einerseits und Inzesterfahrungen in der Kindheit andererseits. Sie schließt dieses Unterkapitel mit Anmerkungen zur Praxis der Inzesttherapie ab, in denen sie neben Möglichkeiten und Grenzen dieser Verarbeitungshilfe einen Katalog von Erwartungen betroffener Frauen an das Hilfsangebot vorstellt. Im Fazit (4.3) kommt sie u. a. zu dem Schluss, dass viele Opfer an Spätfolgen leiden, weil sexuelle Übergriffe sich häufig über Jahre nicht in Auffälligkeiten der Kinder äußern, die dann Anlass zum Handeln geben könnte.

5 Prävention, Intervention und Hilfsangebote für sexuell missbrauchte Kinder

Prävention, Intervention und Hilfsangebote für sexuell missbrauchte Kinder ist Thema des nächsten Hauptkapitels. Gemäß dieser Gliederung befasst sich die Autorin hier an erster Stelle mit der Prävention (5.1)und hier zunächst mit grundlegenden Kriterien für eine wirkungsvolle Vorbeugung. Ebenso geht sie auf Voraussetzungen ein, die Fachkräfte mitbringen müssen, um Präventionsarbeit leisten zu können. Anschließend werden bedeutsame Elemente und Strukturen der Präventionsarbeit mit Kindern aufgeführt und diskutiert, aber auch Anforderungen an die diesbezügliche Elternarbeit. Für beide Zielgruppen betont Almut Göcke die Notwendigkeit eines fortlaufenden Angebots im Gegensatz zu häufig nur einmalig oder in großen Abständen praktizierten Präventionsmaßnahmen. Als weitere Dimension umfassender Vorbeugung bezieht sie die Öffentlichkeitsarbeit und mediale Präsentation ein und kritisiert die häufig reißerische Problemdarstellung in Presse und Fernsehen.

Bei der Intervention (5.2) beleuchtet Almut Göcke zunächst deren Ziele und notwendige Voraussetzungen dafür, dass Dritte in das Geschehen eingreifen. Im weiteren beschreibt sie die Grundsätze für die Arbeit mit betroffenen Kindern. Auch geht sie auf die Grenzen der Intervention ein und führt in diesem Zusammenhang an, dass Helfer/innen gemäß der Fachliteratur zum Thema nur in Ausnahmefällen die notwendige Ruhe und Zeit finden, um gemeinsam zu überlegen, welche Hilfe dem Opfer angemessen ist. Stattdessen, so Almut Göcke, wünschen sie sich häufig, nicht in Kenntnis von Gewalterfahrungen der Kinder zu gelangen, da das Wissen nach ihrem Erleben mit Anforderungen verbunden ist, denen sie sich nicht gewachsen fühlen. Unter Hilfsangebote für sexuell missbrauchte Kinder (5.3) wird im Hinblick auf beratende Angebote das Jugendamt ins Zentrum der Betrachtung gestellt. Als konkrete Schutzmaßnahmen werden Zufluchtsangebote benannt, die das Jugendamt per Gesetz bereithalten muss. Abschließend werden Prinzipien der therapeutischen Arbeit mit Opfern aufgelistet und verschiedene Therapieformen, u. a. die Familientherapie kurz skizziert.

Im Fazit (5.4) fordert die Autorin eine schnelle Behandlung betroffener Kinder im Falle einer Aufdeckung und einen vermehrten Einsatz präventiver Maßnahmen.

6 Der rechtliche Schutz für Inzestopfer

Der rechtliche Schutz für Inzestopfer wird in diesem Kapitel behandelt. Es beginnt mit einer Veranschaulichung über "die Situation eines Inzestopfers vor Gericht" (6.1) anhand eines zitierten Fallbeispiels.

Im Anschluss behandelt die Autorin strafrechtliche Aspekte zum Schutz vor dem Inzest (6.2) und diskutiert hier zunächst die Frage, ob eine Strafanzeige erstattet werden soll und muss. Dabei betont sie die Belastungen für die Opfer im Falle eines Verfahrens und die Notwendigkeit, diese in den Entscheidungsprozess einzubeziehen, benennt relevante Straftatbestände und hilfreiche Maßnahmen zur Begleitung der Opfer, so sie sich für eine Anzeige ausgesprochen haben. Hier führt die Autorin detailliert aus, was alles auf die Betroffenen in diesem Fall zukommt, d. h. eine tiefgehende Befragung, gegebenenfalls eine ärztliche Untersuchung und eine psychologische Begutachtung. Im Gegenzug werden einerseits die rechtlichen Vorgaben aufgeführt, die dem Opfer eine Verweigerung von Aussagen ermöglichen. Andererseits verweist Almut Göcke auf die Möglichkeit der aktiven Beteiligung am gerichtlichen Verfahren im Rahmen der Nebenklage. Dieses Unterkapitel schließt nach einer Beschreibung der Hauptverhandlung mit einer Beschreibung möglicher Folgen einer Verurteilung des Täters. Auch bei einer Haftstrafe ist der Schutz der Opfer vor weiteren sexuellen Übergriffen nach Ansicht der Autorin stets nur temporär gewährleistet, wenn während der Haftstrafe keine Therapie erfolgt, die die Einstellung des Täters grundlegend ändert.

Nachfolgend werden Möglichkeiten zum Schutz des Inzestopfers durch zivilrechtliche Verfahren (6.3) erläutert, welche flankierend oder unabhängig von strafrechtlichen Schritten eingeleitet werden können. Sie haben laut Almut Göcke den Vorteil, dass sie schneller als Schutz für die betroffenen Kinder wirksam werden als strafrechtliche Konsequenzen für die Täter, zumal entsprechende Verfahren sich häufig über einen sehr langen Zeitraum hinziehen.

Im Fazit (6.4) erfolgen abschließende kritische Anmerkungen zur Rechtspraxis im Umgang mit Opfern von Inzest, sowohl was die Dauer als auch Form des Gesamtprozesses angeht.

7 Inzest als Straftat - Der Täter vor Gericht

Das vorletzte Kapitel mit dem Titel Inzest als Straftat - Der Täter vor Gericht befasst sich noch einmal mit der Praxis der Rechtssprechung unter besonderer Berücksichtigung der Auswirkungen auf die Täter. Unter der Überschrift Begründung eines strafrechtlichen Eingreifens (7.1)wird zunächst die Bedeutung des Strafrechts als Rechtsgüterschutz behandelt. Im Anschluss geht die Autorin auf die Praxis der Haftverschonung und bekannte Urteile und Urteilsbegründungen zugunsten der Täter ein. Letztere prägen nach ihrer Ansicht die Überzeugung, dass eigentlich die Täter die Verletzten sind, Opfer der Gesellschaft und persönlicher Lebensumstände. Zahlen der Strafverfolgungsstatistik (von 1950 bis 1991) führt sie zur Untermauerung ihrer Sichtweise an. Die Verantwortung für diese Verzerrung der Realität sieht sie bei den Richter/innen ebenso wie bei Gutachtern.

Im Fazit (7.2) gelangt sie denn auch zu dem Schluss, dass die gängige Praxis ihr Ziel verfehlt.

8 Ausblick

In ihrem Ausblick, der nur eine Seite umfasst, stellt Almut Göcke die Aufforderung, dass die deutsche Gesetzgebung mehr bieten sollte als eine akademische Rechtstheorie. Jenseits juristischer Möglichkeiten zum Schutz von Opfern vor Inzest ist es aus ihrer Sicht unerlässlich, dass diese Form der Gewalt enttabuisiert wird und Fachkräfte hinreichend sensibilisiert und qualifiziert werden, um betroffenen Kindern die notwendige Unterstützung gewähren zu können.

Diskussion

In der Fachwelt besteht aktuell ein weitreichendes Wissen um die vielfältigen Erscheinungsformen der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und auch die Einsicht in die Notwendigkeit einer mehrdimensionalen Bewältigungsstrategie. Das wachsende Problembewusstsein, dass auch in der Bevölkerung seinen Niederschlag zeigt, ist Ergebnis eines jahrzehntelangen Prozesses, den Fachkräfte aus Forschung und Praxis, aber vor allem auch Betroffene selbst durch ihren Mut zur detaillierten Aufdeckung eigener Gewalterfahrungen in Gang gebracht und voran getrieben haben. Die Vielzahl von Fachpublikationen mit einer differenzierten Darstellung der Gesamtproblematik und die Veranschaulichung der erläuterten Tatsachen durch Ausschnitte aus Erfahrungsberichten betroffener Menschen geben Zeugnis davon.

Eine weitere Veröffentlichung, die sich diesem Themenfeld im Gesamten oder in Ausschnitten widmet, lässt meines Erachtens erwarten, dass einerseits den bisherigen Erkenntnissen und Entwicklungen hinreichend Rechnung getragen wird und andererseits entweder Lücken oder Fehlentwicklungen im bisherigen Bemühen um einen verbesserten Schutz aufzeigt oder Anregungen zur Verbesserung der Praxis zur Diskussion gestellt werden.

Beides ist der Autorin aus meiner Sicht nicht gelungen. Zum einen rekurriert sie in ihren Ausführungen mehrfach auf Publikationen, die in den Anfängen der Enttabuisierung der sexualisierten Gewalt gegen Kinder abgefasst wurden und auf einem deutlich geringeren Wissenstand beruhen, als er heute gegeben ist. Auch völlig überarbeitete Neuauflagen bestimmter Standardwerke lässt sie scheinbar teilweise außer Acht und greift inhaltlich stattdessen auf die Ursprungspublikationen zurück. Es scheint beispielsweise nicht nachvollziehbar, weshalb die Autorin eine Dunkelfeldschätzung aus dem Jahre 1983 für ihre Ausführungen heran zieht, obwohl diesbezüglich neuere Daten vorliegen. An anderer Stelle greift sie auf ein 20 Jahre altes Werk zurück und die darin abgefasste Äußerung, dass 40% der kindlichen Opfer in ihrem Verhalten in den ersten Jahren der sexuellen Übergriffe keine Auffälligkeiten zeigen. Dem ist zu entgegnen, dass vor zwei Jahrzehnten in der Sozialen Arbeit und auch in der Öffentlichkeit nicht annähernd jene Sensibilität vorhanden war, wie wir sie heute dank fortlaufender Aufklärungsarbeit und Qualifizierung verzeichnen können. Zur Kritik an der Rechtspraxis werden Statistiken von 1950 bis 1991 heran gezogen, obwohl davon auszugehen ist, dass auch in der für Veränderungen eher schwer zugänglichen Rechtssprechung in den letzten 15 Jahren ein stärkeres Problembewusstsein zur Entfaltung gelangt ist.

Zum anderen enthalten ihre Ausführungen keine neuen Informationen oder weiterführende Interpretationen bzw. Bewertungen bisheriger Praxis zum Schutz von Kindern. Die in der Regel sehr knappen Abhandlungen der verschiedenen Themenbereiche erzeugen zum Teil eher ein verzerrtes Abbild der Gegebenheiten. Die inhaltliche Gliederung korrespondiert im Übrigen nicht wirklich mit der Ankündigung im Titel, zumal Ausführungen zum rechtlichen Schutz der Inzestopfer erst sehr spät erfolgen und nur etwa ein Zehntel des Gesamtwerkes ausmachen. Etwas umfangreicher ist die ebenfalls im Titel angekündigte Abhandlung zu Hilfestellungen der Sozialen Arbeit. Zudem muten einige Äußerungen eher wie ein Rückschritt an, etwa die Behauptung. "Es wäre beispielsweise unangebracht, sie in besondere Einrichtungen für Kinder mit sexuellen Missbrauchserfahrungen zu bringen, wo jeder gleich weiß, dass sie ein Inzestopfer sind" (S. 25). Dies widerspricht der inzwischen unumstrittenen Erkenntnis, dass besonders jene Fälle, die - aus Sicht der Autorin zu Recht - aufgrund der Gewaltausübung durch eine wichtige Bezugsperson des Kindes als schwerwiegend einzustufen sind, eine hohe Professionalität voraussetzen, die gerade in diesen spezialisierten Einrichtungen gegeben ist.

Die Ausführungen zu den Tätern wirken zuweilen nicht minder antiquiert. So kategorisiert die Autorin beispielsweise sexualisierte Gewalt durch die Väter als "triebgesteuertes sexualisiertes Verhalten" (S. 23f) und erklärt einige Seiten weiter: "Es gibt keine äußeren Merkmale, die Missbrauchstäter von anderen Männern unterscheiden. Aus diesem Grund gibt es auch keinen klar definierten "Tätertypus" oder ein "Täterprofil"" (S. 30).

Zugunsten der Autorin ist festzuhalten, dass weder in der Sozialen Arbeit noch in der Rechtsprechung gegenwärtig die Überzeugung (wieder) Einzug finden darf, sexualisierte Gewalt im Allgemeinen und innerfamiliäre Gewalt im Besondern sei inzwischen hinlänglich als Problemfeld bekannt und mit den notwendigen Konsequenzen in Prävention und Intervention beantwortet. Zwar teile ich nicht die Überzeugung von Almut Göcke, wonach auch in der heutigen Zeit häufig "Helfer/innen den Wunsch (äußern), "es" besser nie erfahren zu haben, weil sie sich mit den Schwierigkeiten, die sich bei der Intervention des Missbrauchs zeigten, vollkommen überbeansprucht, zerrissen, ohnmächtig und hilflos fühlten" (S. 61). Dem steht entgegen, dass fundierte Kenntnisse über das Problemfeld und Maßnahmen zum Schutz von Kindern heutzutage als Qualitätsstandard in der Jugendhilfe gelten, und themenspezifische Fortbildungen und Qualifizierungen vielerorts Normalität geworden sind. Allerdings kann von einem flächendeckenden Problembewusstsein und bedarfsgerechtem Wissen um notwendige Angebote zur Prävention und Intervention noch lange nicht die Rede sein. Nur allzu häufig ist nicht ausreichend im Fokus, dass die nachwachsende Generation der sozialen Fachkräfte nicht in gleicher Weise geschult ist wie eventuell die "alten Hasen". Für die öffentliche Bewusstseinbildung sind demgegenüber in der Tat die mediale Präsentationen nicht selten abträglich, weil sie vielfach alte Mythen aufleben zu lassen. Der allgemeine Sparzwang lastet überdies auf dem Bemühen um weitreichenden Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt.

Fazit

Aufklärung über Erscheinungsformen und Folgen sexualisierter Gewalt gegen Kinder, über Prävention und Intervention darf und muss in der Fachwelt und in der breiten Öffentlichkeit ein Dauerbrenner bleiben. Zu groß ist ansonsten die Gefahr, dass angesichts z. T. wiedersprüchlicher gesellschaftlicher Phänomene (Skandalisierungen des Kindesmissbrauchs einerseits und Verharmlosungen durch Täterorganisationen andererseits) alte und dem Schutz von Kindern abträglich Mythen wieder zum Leben erweckt werden. Das Buch von Almut Göcke ist aus meiner Sicht ein unzureichender Versuch, dem Anspruch der Aufklärung Folge zu leisten. Wenngleich es in Auszügen, speziell in Bezug auf den rechtlichen Schutz von Inzestopfern, über bestimmte Sachverhalte einen relativ guten Überblick gibt, erscheint mir daher eine Empfehlung des Werks weder für Fachkräfte noch für Betroffene angebracht.


Rezension von
Dr. Claudia Bundschuh
Hochschule Niederrhein Fachbereich Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Claudia Bundschuh. Rezension vom 05.09.2006 zu: Almut Göcke: Der rechtliche Schutz für Inzestopfer und Hilfestellungen durch die soziale Arbeit. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2006. ISBN 978-3-8309-1605-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3729.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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