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Christine Schlang: Tödlich verlaufende elterliche Gewalt

Cover Christine Schlang: Tödlich verlaufende elterliche Gewalt. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2006. 144 Seiten. ISBN 978-3-88414-407-7. 29,90 EUR, CH: 52,20 sFr.
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Das Thema

Die vorliegende Studie über Häufigkeit, Ursachen und Folgen tödlich verlaufender elterlicher Gewalt in 195 Fällen ist identisch mit der gleichnamigen Dissertationsschrift der Autorin an der Universität Frankfurt/Main.

Zum Autor

Dr. med. Christiane Schlang arbeitet als Weiterbildungsassistentin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Bürgerhospitals Friedberg.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel.

Nach einer lesenswerten Einführung in die Thematik, die kurz Bezug nimmt auf die Geschichte elterlicher Gewalt, Kindesschutz und Medien, referiert das 2. Kapitel den augenblicklichen Stand der Forschung. Die unterschiedlichen Erklärungsansätze für elterliche Gewalt umfassen psychopathologische, sozialwissenschaftliche und sozialpsychologische  Modelle. Unterschiedliche Definitionen zu Gewalt an Kindern, Kindesmisshandlung, Tötungsdelikten und Suizidalität sind einer umfassenden Literaturübersicht vorangestellt.

Das 3. Kapitel repräsentiert die eigene Studie der Autorin, die einen Untersuchungszeitraum von 1985 bis 1989 abdeckt, in dem 231 Kinder durch die eigenen Eltern getötet wurden. Sehr detailreich, aber nicht voyeuristisch werden hier insgesamt 195 Fälle vorgestellt, so dass sich ein anschauliches und beklemmendes Bild psychosozialer Zustände in belasteten Familien abbildet.

Beeindruckend ist das 4. Kapitel, in dem Christiane Schlang eine Bewertung der Ergebnisse vornimmt und zu Diskussion stellt. Dabei leistet sie, ihre erhobenen Daten in Bezug zu vergleichbaren internationalen Studien zu setzen. Dadurch entsteht ein sehr dichtes Bild einer Thematik, die durch eine polarisierende und verzerrende Medienberichterstattung extrem emotionalisiert ist. Der Verdienst dieser Studie - deren Aktualität hinsichtlich der Ergebnisse auch nach ca. 15 Jahren noch angenommen werden kann - besteht darin, in einer sachlichen Art und Weise Täterinnen und Täter, Opfer, beteiligte Institutionen und Verläufe nahe zu bringen, so dass Überlegungen zur Prävention und vorbeugender Intervention möglich werden. Wie erwartet stellt die Studie heraus, dass gewalttätige Eltern nicht rational, sondern in aller Regel aus einer komplexen Stress- und Überforderungssituation heraus handeln. Von daher plädiert die Autorin nicht für härtere Strafen, sondern für qualifizierte Präventions- und Interventionsmaßnahmen (Seite 114 ff.), die sie unter das Schlagwort "Bildungsoffensive" stellt. Der Gedanke drängt sich auf, dass manches der getöteten Kinder vielleicht noch leben könnte, wenn es mehr familienstützende Beratungs- und Betreuungsangebote geben würde.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an interessierte Fachkräfte und Studierende, die sich mit dem Problem elterlicher Gewalt auseinandersetzen wollen oder müssen.

Fazit

Eine lesenswerte Studie, die einige Denkarbeit erfordert. Zu wünschen wäre, dass die politisch Verantwortlichen in diesem Land die Ergebnisse zur Kenntnis nehmen und entsprechende Maßnahmen folgen ließen. Da dies aber nicht sehr wahrscheinlich ist, bleibt der kleinere Wunsch, dass möglichst viele Praktikerinnen und Praktiker, die im Bereich des Kinderschutzes tätig sind, dieses Buch zur Kenntnis nehmen.  Dies schließt ein, dass es auch in jeder Hochschulbibliothek für Studierende zu finden sein müsste.


Rezensent
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 26.05.2007 zu: Christine Schlang: Tödlich verlaufende elterliche Gewalt. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2006. ISBN 978-3-88414-407-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3751.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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