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Margret Dörr, Burkhard Müller (Hrsg.): Nähe und Distanz

Cover Margret Dörr, Burkhard Müller (Hrsg.): Nähe und Distanz. Ein Spannungsfeld pädagogischer Professionalität. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 204 Seiten. ISBN 978-3-7799-1726-7.

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Thema

Das Wortpaar Nähe / Distanz ist in der Alltagssprache wohlgelitten. Es dient der Beschreibung einiger Aspekte von Beziehungsinszenierungen. In seiner metaphorischen Unbestimmtheit ist es gut brauchbar, um komplexe Sachverhalte auf eine einfache und (scheinbar) allgemeinverständliche Formel zu bringen. Auch in der Pädagogik, der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit spielt das Begriffspaar in der beruflichen und vage reflektierenden Sprache eine Rolle. Um für eine wissenschaftliche Bearbeitung und Durchdringung nützlich zu sein, wird man jedoch um eine Aufschlüsselung der Bedeutung nicht umhin kommen, um klar zu machen, wovon überhaupt genau die Rede ist. Angesichts von misslingender Praxis können jedenfalls Vereinseitigungen als kontraproduktiv bzw. die Rechte der KlientInnen (der Educandi) verletzend eingeschätzt werden: Ausufernde professionelle Distanzinszenierungen missachten die Ansprüche der KlientInnen / Educandi auf Respekt und Hilfe genauso, wie übergriffige Nähe. Eine sorgfältige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Begriffspaar scheint also für die Entwicklung hilfreicher Beziehungen nützlich zu sein - und könnte Hinweise für Anforderungen an die Kompetenzentwicklung in einschlägigen Studiengängen geben.

Entstehungshintergrund

Am Anfang der Entstehung dieses Bandes stand eine Tagung zum Thema. Die Herausgeberin und der Herausgeber wollten vor allem den Dialog zwischen der Sozialpädagogik und der psychoanalytischen Pädagogik erneut anregen. Disparate Diskurse in pädagogischen Teildisziplinen sollten zusammengeführt werden.

Aufbau

Nach einer programmatischen Einleitung der Herausgeber gliedert sich der Band in drei Abschnitte:

  1. Entwicklungslinien und -tendenzen pädagogischer Professionalität;
  2. Professionalität im Spannungsfeld von sozialer und psychosexueller Frage;
  3. Felder der Vermittlung professioneller Nähe und Distanz.

1. Entwicklungslinien und -tendenzen pädagogischer Professionalität

  • Der erste Abschnitt wird mit einem Beitrag von Hans Thiersch zu "Nähe und Distanz in der Sozialen Arbeit" eröffnet. Er argumentiert, dass lebensweltorientierte Soziale Arbeit sowohl die Nähe zu den, das Einlassen auf die Lebenswelten der KlientInnen erfordert, als die Absicherung durch die Möglichkeit einer Distanzierung durch die Organisation / Profession. Er insistiert auf die richtige "Balance" (auch das eine recht unklare metaphorische Bestimmung) und kritisiert die Überbetonung der Bedeutung von "Grenzen" und "Grenzsetzungen".
  • Volker Schmidt orientiert sich am Übertragungskonzept und kritisiert von diesem Standpunkt aus die doch etwas zu einfache Geometrie der Nähe-Distanz-Metapher.
  • Vera King schreibt über pädagogische Generativität und hat die Ermöglichung adoleszenter Entwicklung durch erwachsene PädagogInnen im Blick. Beiderseitige Angst und Ambivalenz müsse ausgehalten werden, um Entwicklung zu ermöglichen. Still vorausgesetzt scheint zu sein, dass die Möglichkeit der Individuation nur bei einer förderlichen Gestaltung von Lernchancen durch die PädagogInnen bestehe.
  • Thomas Klatetzki setzt einen organisationstheoretischen Kontrapunkt zu den restlichen Beiträgen des Bandes. Inwieweit die Metapher von Nähe und Distanz ein sinnstiftendes bzw. erhellendes Instrument sein kann, ist sein Thema. Er bezweifelt das, und er bezweifelt das "befreiende" Element dieses Diskurses.

2. Professionalität im Spannungsfeld von sozialer und psychosexueller Frage

Der zweite Abschnitt enthält zwei Beiträge.

  • Barbara Rendtorff kramt in den Giftkästen von zwei Klassikern, Hermann Nohl und Siegfried Bernfeld. Beide weisen den Geschlechtern in der Erziehung klare Rollen zu. Und in beiden Konzepten wird die Nähe als tendenziell gefährlich konnotiert. Die Autorin plädiert für eine Auflösung der Bindung der Konzepte von Nähe und Distanz an die biologischen Geschlechter, und für eine Auflösung der Identifikation von Distanz mit Professionalität.
  • Christian Niemeyer setzt die Suche im Giftschrank fort, seine "Opfer" sind Mollenhauer, Pestalozzi und Wichern. Alle drei lokalisieren das Böse in der Triebhaftigkeit der Zöglinge (z.B. in der Onanie). Er plädiert für Nietzsche und Freud, bleibt aber in der Skizzierung einer wünschenswerten aufgeklärten Sozialpädagogik zur "sexuellen Frage" unscharf.

3. Felder der Vermittlung professioneller Nähe und Distanz

Im dritten Abschnitt folgen eine Reihe relativ praxisnaher Beiträge.

  • Ursula Rabe-Kleberg diskutiert sozialberufliche Handlungsmodi am Beispiel der Kleinkinderziehung in den neuen deutschen Bundesländern. Neben der schwierigen Findung von Balance zwischen Nähe und Distanz ortet sie die Typen der regressiven Abwehr oder der bedingungslosen Unterwerfung unter die sozialen und institutionellen Rahmenbedingungen.
  • Achim Würker empfiehlt Psychoanalytisch orientierte Selbstreflexion als Konzept zur Kompetenzentfaltung angehender LehrerInnen.
  • Burkhard Müller spricht von der nötigen "Verschränkung" von Nähe und Distanz als Charakteristikum professioneller Beziehungen, um dann aber doch die Metapher beiseitezulassen und Carl Weick folgend eine achtsame Organisationskultur zu fordern. Interessant seine Überlegungen, die Lektüre von Goffman für ein Verständnis struktureller Probleme helfender Dienstleistungsprofessionen nutzbar zu machen.
  • Dominik Petko untersucht empirisch die Sozialpädagogische Familienhilfe. Er identifiziert Formen der Inszenierung von "Nähe" und der Inszenierung von "Distanz".
  • Am Beispiel der Beratung von Eltern in Zusammenhang mit pränataler Diagnostik problematisieren Wilfried Datler und Andrea Strachotka eine bloß an den "äußeren" Bedingungen orientierte Beratung. Hinreichende Unterstützung erfordere auch die Thematisierung der "inneren Welt" der ProbandInnen.
  • Reinhold Stipsits schließlich diskutiert anhand eines ethnographischen Projekts (studentische Sozialreportagen in Cluj / Klausenburg) Nähe und Distanz im Verhältnis zum Fremden.

Zielgruppen

Im Band werden keine Zielgruppen genannt. Er dürfte jedoch vor allem für Lehrende und Studierende an Studiengängen der Pädagogik und der Sozialen Arbeit interessant sein.

Diskussion

Als Rezensent war ich oftmals versucht, das Buch wegzulegen. Einige der Texte sind in einer nebeligen Sprache geschrieben, die der Erhellung des Gegenstands nur bedingt dient. Der Versuch, den abgehandelten Begriffen "Nähe" und "Distanz" etwas analytische Schärfe abzugewinnen, wird gar nicht angegangen. Kein einziger Beitrag versucht die Metapher auszuloten, in den meisten Texten ist völlig unklar, ob von physischer, emotionaler, realer Nähe oder von "Nähe" gesprochen wird. Erwartet hätte ich auch, dass unerfreuliche Erscheinungsformen wie Übergriffe pädagogischen Personals oder allzu rigide Distanzinszenierungen hier abgehandelt werden, das Thema hätte das nahegelegt. Die Hoffnung blieb weitgehend vergeblich.

Auch der von der Herausgeberschaft im Vorwort angekündigte Dialog zwischen der Sozialpädagogik und der psychoanalytischen Pädagogik bleibt mangels gegenseitiger Bezugnahme in den Texten ein uneingelöstes Versprechen.

Fazit

Der potenzielle Reichtum des Themas, der Nähe-Distanz-Metapher, wird in dem Band kaum erschlossen. Dazu ist es sowohl zu wenig philosophisch, als auch zu wenig konkret und analytisch. Der bisweilen immer noch erhobene Anspruch der Pädagogik, Leitwissenschaft für die Soziale Arbeit zu sein, kann sich hier nicht legitimieren. Eine vergebene Chance.


Rezension von
Prof. Mag. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher
Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor (ÖVS)
Leiter Department Soziale Arbeit, Master-Stdgg. Soziale Arbeit
Fachhochschule St.Pölten GmbH University of Applied Sciences
Homepage pantucek.com


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Zitiervorschlag
Peter Pantuček-Eisenbacher. Rezension vom 14.02.2008 zu: Margret Dörr, Burkhard Müller (Hrsg.): Nähe und Distanz. Ein Spannungsfeld pädagogischer Professionalität. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. ISBN 978-3-7799-1726-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3752.php, Datum des Zugriffs 22.10.2020.


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