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Bernd Rainer Birgmeier: Coaching und Soziale Arbeit

Cover Bernd Rainer Birgmeier: Coaching und Soziale Arbeit. Grundlagen einer Theorie sozialpädagogischen Coachings. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 292 Seiten. ISBN 978-3-7799-1952-0. 26,00 EUR.
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Einführung in das Thema, Hintergründe und Autor

Die alten Trennlinien sind löchrig geworden. In den 90ern waren die Zuordnungen klar: im sozialpädagogischen Kontext hatte sich Supervision mit ihrem Focus auf der Beziehungsthematik etabliert, im Kontext der Wirtschaft Coaching als Methode der Personalentwicklung bei Führungskräften. Diese Trennlinie war eine Weile haltbar, weil die Milieus denkbar konträr waren: die Sozialpädagogik hat es häufig mit Menschen zu tun, die, aus welchen Gründen auch immer, Hilfe und Unterstützung brauchen. Voraussetzung für das Erreichen der Ziele sozialpädagogischer Arbeit ist immer eine gelungene Beziehungsgestaltung, alles andere tritt demgegenüber in den Hintergrund, weil Kriterien wie Effektivität, Wirtschaftlichkeit und Umsatzsteigerung nicht ohne diese Voraussetzung denkbar sind. Das Management dagegen hat das Beziehungsthema erst spät in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Zielstrebigkeit, Stringenz, Effektivität und Prozessoptimierung waren vertrautere Begriffe als Empathie, Kongruenz oder Wertschätzung. Mittlerweile sind eben diese Begriffe als "soft skills" auch im Management etabliert, und die Beratungsformate Coaching und Supervision sind einander begegnet und haben voneinander gelernt. Supervisorische Ansätze und Arbeitsweisen haben das Inventar des Coaching angereichert, die Ziel- und Lösungsorientierung des Coaching bewahren die Supervision davor, sich in Problemrekonstruktionen und Tiefungen zu verlieren. Was bleibt, ist die Ausrichtung des Coaching auf (Führungs-)Rollen und Managementaufgaben. Dazu gehört im Konzept des vorliegenden Bandes auch das Selbstmanagement.

Birgmeier ist wissenschaftlicher Assistent an der Katholischen Universität Eichstätt und freiberuflicher Coach. Er vertritt dort u.a. die Arbeitsschwerpunkte Coaching, Handlungstheorie sowie philosophische, ethische und anthropologische Aspekte der Sozialpädagogik/Pädagogik .

Aufbau und Inhalte

Die "Einführende Orientierung" umreißt die Grundspannung eines "sozialpädagogischen Coachings". Coaching hat ursprünglich eine elitäre Klientel, nämlich Führungskräfte aus dem Topmanagement. Die Klienten sozialpädagogischer Arbeit dagegen haben ganz andere Probleme als Karriere und Leistungsoptimierung: sie versuchen ihr soziales (Über-)Leben zu sichern. So gesehen scheinen Coaching und Sozialpädagogik inkompatibel zu sein. Birgmeier macht sich auf die Suche nach Berührungspunkten und gemeinsamen Themen, die es - vor allem in elaborierten Coachingkonzepten - gleichwohl gibt und versucht von da aus, ein Konzept sozialpädagogischen Coachings zu begründen. Wegweiser auf diesem Weg sind: der Wandel von der Personal- zur Persönlichkeitsentwicklung im Coaching und die Verwandtschaft zwischen Coaching und Supervision. Birgmeier versteht Coaching als eine spezifische Form der Supervision. Seine Arbeit will ein Rahmenmodell entwickeln, das mit Coaching, Supervision und Therapie gleichermaßen kompatibel ist (S. 16). Die Basis dieses Modell bildet ein (allgemeine) Handlungstheorie, die Handlung als das grundlegende Bestimmungsmerkmal des Menschen versteht.

Das erste Kapitel trägt die Überschrift: "Coaching - ein Überblick" und beginnt mit einer "historiographischen Skizze zum Coaching", um dann aus der Begriffsklärung heraus zentrale Begriffe eines spezifisch sozialpädagogischen Coaching zu entwickeln (das allerdings eher systematisch-summarisch). Es folgt ein Abschnitt über "Ziele, Anlässe, Themen, Inhalte" im Coaching, ein weiterer über Coachingansätze und -konzepte, der besonders das Menschenbild vorliegender Konzepte reflektiert, um daraus ein eigenes (Meta-)Modell zu entwickeln, das auf einer handlungstheoretischen Basis steht. Ein fünfter Abschnitt widmet sich den Interventionen und Methoden im Coachingprozess, und ein sechster schließlich stellt die Frage nach den Anforderungen an die Professionalität von Coachs, bevor der letzte Abschnitt des Kapitels ein Fazit zieht.

Das zweite Kapitel beginnt mit der Frage, ob Coaching eine Methode oder eine Profession sei. Als Methode stünde sie der Sozialpädagogik ebenso zur Verfügung wie anderen Beratungsformen. (Womit allerdings über die Kompatibilität noch nichts gesagt ist!) Als Profession stünde sie neben anderen Professionen im Bereich der Beratung. Diese Diskussion führt das gesamte zweite Kapitel unter verschiedenen Aspekten. Grundthese dabei ist, dass Professionalisierung zwingend Verwissenschaftlichung voraussetzt, d.h. wissenschafts- und erkenntnistheoretische Fundierung sowie die Reflexion ethischer Dimensionen und zugrunde liegender Menschenbilder. Die Professionalisierung eines sozialpädagogischen Coaching begründet Birgmeier durch die "Programmatik einer Sozialpädagogik als Handlungswissenschaft" (S. 165ff) und ihre philosophisch-anthropologische Grundlegung (S. 168ff). Im "Fazit"-Teil des Kapitels wird aus dieser Grundlegung ein "Meta-Modell für die Theorie sozialpädagogischen Coachings" formuliert, das die bisher vorliegenden Entwürfe, vor allem den von Astrid Schreyögg, einbezieht.

Das dritte Kapitel verortet Coaching zwischen seinen Nachbardisziplinen Psychotherapie und Supervision. Das therapeutische Modell, das eine Brückenfunktion einnehmen kann, ist das Konzept der "Selbstmanagementtherapie" aus der verhaltenstherapeutischen Tradition. Das bietet einen lösungsorientierten Ansatz für ein Coachingkonzept, wobei die Grenzlinie so gezogen wird: "Probleme, die primär aus der Person des Klienten hervorgehen, sind Aufgabe des Therapeuten; demgegenüber hilft der Coach diejenigen Probleme des Klienten zu lösen, "die primär aus seiner Situation hervorgehen"". (S. 217) Schwieriger ist natürlich die Abgrenzung zwischen Coaching und Supervision, wenn Coaching als Sonderfall der Supervision verstanden wird. Dennoch gibt es Unterschiede in Geschichte, Konzept und Arbeit. Birgmeier übernimmt die von Fallner/Pohl formulierten Unterschiede zwischen beiden Formaten. (in: "Coaching mit System"). Ein Abschnitt über das Konzept eines speziell sozialpädagogischen Coaching, das vom "klassischen" Coaching (Rauen, Vogelauer) abgegrenzt wird, beschließt den Band.

Diskussion

Birgmeier versucht, Brücken zu schlagen und so zu verbinden, was sich nicht guten Gewissens trennen lässt. Menschen sind nicht anders, wenn sie in profitorientierten Unternehmen arbeiten oder in der Sozialarbeit. Wenn es im Coaching nicht nur um Personal-, sondern auch (und damit zusammenhängend) um Persönlichkeitsentwicklung geht, spielen anthropologische Aussagen eine grundlegende und integrative Rolle in der Theoriebildung des Coaching. Auch Leitungshandeln ist Handeln von Menschen. Dennoch braucht Coaching eine klare Akzentuierung - auch in einer sozialpädagogischen Konzeption, nämlich die auf Rollenhandeln, Strukturen, Zielerreichung, Leistung, Prozessoptimierung, Pragmatik. Eben diese Akzentuierung macht den Unterschied zu Supervision einerseits und Therapie andererseits aus, und diese Konturen dürfen beim Überbrücken nicht verwischt werden.

An vielen (zu vielen?) Stellen belässt es Birgmeier dabei, zu benennen und aufzuzählen, was im Sinne einer wissenschaftlichen Begründung sozialpädagogischen Coachings konzeptualisiert und formuliert werden müsste, die Ausführung bleibt aber (vorerst?) aus. Ich würde mir an vielen Stellen weniger Hinweise und Aufzählungen und mehr (notwendigerweise selektive) Ausarbeitungen wünschen. Das Projekt aber, Coaching sozialpädagogisch zu (re-)formulieren, ist sicher aussichtsreich, dient der intensiven Reflexion seiner impliziten und expliziten Voraussetzungen und bringt so das Fach insgesamt voran. Den Anspruch "Grundlagen einer Theorie sozialpädagogischen Coachings" zu formulieren, löst Birgmeier ganz sicher ein. Passagenweise hat der Band auch Lehrbuchcharakter und ist auch in Ausbildungszusammenhängen gewiss brauchbar.

Damit ist die Frage nach dem Leserkreis schon angedeutet. Birgmeierselbst schreibt: "Es geht darum, einen für Wissenschaftler, Praktiker, Studierende und an Coaching Interessierte ersten Überblick darüber zu geben, welche wichtigen Inhalte, Zusammenhänge, Fragestellungen und Problem- und Diskursebenen sich zum Thema auftun." (S. 21) Ich stimme ihm zu: für diesen Personenkreis ist es ein lesenswertes, informatives und anregendes Buch.

Fazit

Coaching sozialpädagogisch zu konzeptualisieren ist ein spannender Ansatz, und wer diese Fragestellung verfolgen möchte, wird das Buch mit Gewinn lesen!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 27.06.2006 zu: Bernd Rainer Birgmeier: Coaching und Soziale Arbeit. Grundlagen einer Theorie sozialpädagogischen Coachings. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. ISBN 978-3-7799-1952-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3757.php, Datum des Zugriffs 17.07.2019.


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