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Uwe Uhlendorff, Stephan Cinkl et al.: Sozialpädagogische Familiendiagnosen

Rezensiert von Dr. Anne-Kathrin Mayer, 29.08.2006

Cover Uwe Uhlendorff, Stephan Cinkl et al.: Sozialpädagogische Familiendiagnosen ISBN 978-3-7799-1686-4

Uwe Uhlendorff, Stephan Cinkl, Thomas Marthaler: Sozialpädagogische Familiendiagnosen. Deutungsmuster familiärer Belastungssituationen und erzieherischer Notlagen in der Jugendhilfe. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-1686-4. 21,00 EUR.

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Zur Relevanz des Themas

Seit Anfang der 90er Jahre das Kinder- und Jugendhilfegesetz in Kraft trat, sind die Jugendämter der Bundesrepublik Deutschland verpflichtet, Jugendhilfepläne zu erstellen, wenn die einer Familie zu leistenden "Hilfen zur Erziehung" sich über einen längeren Zeitraum erstrecken sollen. Diese Hilfepläne sollen auf der Grundlage fachlicher Teameinschätzungen und unter Mitwirkungen der betroffenen Eltern und Jugendlichen erstellt werden. Entscheidende Voraussetzung für die Akzeptanz der Hilfen ist dabei, dass die Problembeschreibungen und -erklärungen der Familien angemessen in den Planungsprozess einbezogen werden. Entsprechende "Selbstdeutungen" werden jedoch bislang nach Meinung von Uhlendorff und Mitarbeitern bei der sozialpädagogischen Aufgabenfindung nicht ausreichend berücksichtigt. Dies wiederum sei sowohl auf mangelnde Grundlagenforschung zur (subjektiven) Situation psychosozial belasteter Familien als auch auf das Fehlen praxistauglicher sozialpädagogischer Familiendiagnoseverfahren, die aus den Befunden solcher Forschungsarbeiten abgeleitet werden könnten, zurückzuführen.

Vor diesem Hintergrund berichten die Autoren im vorliegenden Band über eine empirische Studie, deren Ziele darin bestanden, zunächst Problemtypen familiärer Belastungssituationen und erzieherischer Notlagen zu eruieren, diese sodann auf sozialpädagogische Aufgabenstellungen zu beziehen und abschließend auf ihrer Grundlage die Konzeption einer sozialpädagogischen Familiendiagnose zu erarbeiten. Die Studie entstand im Rahmen einer Kooperation der Universität Kassel, der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen, der Universität Osnabrück, dem Brandenburgischen Institut für Familientherapie, der Alida Schmidt-Stiftung Hamburg und der Universität Dortmund.

Aufbau und Inhalt

Der Band lässt sich in zwei Teile gliedern, von denen der umfangreichere erste Teil als grundlagenorientiert, der zweite hingegen als eher anwendungsorientiert zu kennzeichnen ist.

Im ersten Teil, bestehend aus den ersten sechs der insgesamt acht Kapitel, berichten die Autoren umfassend über eine empirische Studie, deren Datenbasis aus Interviews mit 77 west- und ostdeutschen Familien besteht, die Hilfen zur Erziehung beanspruchten. Aus diesen Familien wurden jeweils ein oder mehrere Mitglieder (Erwachsene und Kinder) anhand eines standardisierten Leitfadens befragt.

  • In Kapitel 1 werden zunächst die Fragestellungen und Methoden der Studie skizziert; insbesondere werden die Entwicklung des Auswertungssystems und das Vorgehen bei der Analyse der Interviews erläutert.
  • Kapitel 2 beinhaltet eine Beschreibung der Stichprobe hinsichtlich familienstruktureller Merkmale.
  • Sehr ausführlich wird in Kapitel 3 auf die Befunde zu den Selbstdeutungsmustern der Familien eingegangen; diese werden auf 12 Dimensionen (z.B. "Biografische Leidensmuster", "Einbindung in informelle Helfersysteme", "Familiäre Arbeitsteilung") abgebildet.
  • Die in den Familien identifizierten Konfliktthemen, die sich fünf "Hauptclustern" mit insgesamt 16 Themen zuordnen ließen, werden in Kapitel 4 beschrieben.
  • Kapitel 5 stellt die identifizierten eltern- und erwachsenenbezogenen Hilfethematiken dar, welche ebenfalls clusteranalytisch aus den Daten abgeleitet wurden (z.B. "Wie erziehe/n ich/wir die Kinder?, "Welche Ressourcen habe ich als Mutter?")". 
  • Aus den Selbstdeutungsmustern werden schließlich mittels einer weiteren exploratorischen Clusteranalyse sechs Aufgabentypen für die Familienhilfe abgeleitet, die in Kapitel 6 dargestellt sind (z.B. "Fürsorgefamilien: Ganzheitliche Fürsorge für Mutter und Kind"; "Erziehungskonfliktfamilien: Vater-Sohn-Beziehung stärken".)

Im zweiten Teil des Bandes wird auf der Grundlage der empirischen Ergebnisse ein Modell zur sozialpädagogischen Familiendiagnose entwickelt, dessen Fokus auf der Eruierung subjektiver Sichtweisen der untersuchten Familien liegt.

  • Kapitel 7 enthält einen knappen Rekurs auf vorliegende sozialpädagogische Diagnoseverfahren und stellt anschließend den eigenen Ansatz vor. Der Ansatz konzentriert sich auf die Erfassung der aktuellen Bewältigung des Familienalltags und der Kindererziehung, der familialen Konfliktthemen und der damit in Verbindung stehenden sozialpädagogischen Aufgabenstellungen. Dies geschieht mit Hilfe eines im Anhang des Bandes enthaltenen Interviewleitfadens. Als Betrachtungs- und Interpretationshintergrund fungieren die ebenfalls im Rahmen des Interviews eruierten Familien- und Beziehungskonzepte der Eltern(teile). Das Vorgehen bei der Gewinnung solcher Familiendiagnosen wird jedoch lediglich sehr knapp beschrieben. Zwei detailliert dargestellte Fallbeispiele dienen der Veranschaulichung des Vorgehens.
  • Kapitel 8 dient der abschließenden Zusammenfassung der Position der Autoren.

Angesprochener Nutzerkreis

Die Autoren richten sich mit ihrem Band vorwiegend an wissenschaftlich tätige Sozialpädagoginnen und -pädagogen, denen neue Perspektiven für die theoretische Auseinandersetzung mit Themen der Erziehungshilfe eröffnet werden sollen. Zugleich gehen sie davon aus, dass ihre Konzeption eines Diagnoseverfahrens sich auch für die Arbeit von Praktikerinnen und Praktikern in der Familienhilfe als fruchtbar erweisen könnte.

Tauglichkeit, Nützlichkeit, Lesbarkeit

Angesichts der sehr verständlichen und zugleich anschaulichen Darstellung der Studie, die durch zahlreiche Fallbeispiele illustriert wird, erscheint diese auch für Praktikerinnen und Praktiker gut lesbar. Der völlige Verzicht auf eine Wiedergabe methodisch-statistischer Details (z.B. zu den Ergebnissen der Clusteranalysen) erschwert allerdings eine Beurteilung der Befundmuster aus wissenschaftlicher Sicht. Das aus den Daten abgeleitete "Modell" wird nur sehr kursorisch dargestellt und erscheint bislang zu wenig elaboriert, um als ein "Diagnoseverfahren" in die praktische Arbeit einfließen zu können.

Fazit / Kritische Würdigung

Die von den Autoren vorgelegte Studie liefert wertvolle Erkenntnisse über die Sichtweisen problembelasteter Familien auf ihre aktuelle Lebenssituation und ihren Umgang mit den familiären Belastungen. Kritischer zu sehen ist die anschließende Konzeption eines "Diagnoseverfahrens". Der Ansatz erscheint zwar insofern viel versprechend, als er subjektive Selbst- und Situationsdeutungen familiärer Belastungssituationen in den Vordergrund rückt und eine "kommunikative Validierung" der im Fachteam gezogenen Schlussfolgerungen im Gespräch mit den betroffenen Familien vorgesehen ist. Empirische Erfahrungen mit dem Modell wurden jedoch bislang lediglich an acht Fällen gewonnen, statistische Bewährungskontrollen wurden nicht durchgeführt. In der Praxis wird sich erweisen müssen, inwieweit sich die an einer (auch gemessen am gewählten Auswertungsverfahren) doch recht kleinen Stichprobe gewonnenen Typologien familialer Deutungsmuster replizieren lassen. Zudem wird darauf zu achten sein, dass die intuitiv so plausible typologische Betrachtung nicht den Blick auf die Besonderheiten des Einzelfalls verstellt.

Rezension von
Dr. Anne-Kathrin Mayer
Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID), Trier
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Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 1. Auflage aus dem Jahr 2006.

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ISSN 2190-9245