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Maria Bitzan, Eberhard Bolay u.a. (Hrsg.): Die Stimme der Adressaten

Cover Maria Bitzan, Eberhard Bolay, Hans Thiersch (Hrsg.): Die Stimme der Adressaten. Empirische Forschung über Erfahrungen von Mädchen und Jungen mit der Jugendhilfe. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 291 Seiten. ISBN 978-3-7799-1222-4. 21,90 EUR.
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Thema und Zielsetzungen

Obwohl in der Sozialen Arbeit seit langer Zeit die professionellen Grundsätze der Lebensweltorientierung und damit der Subjektorientierung und Partizipation der AdressatInnen oder NutzerInnen gelten und immer wieder betont und herausgestellt werden, gibt es dazu überraschender Weise kaum entsprechende Forschungsarbeiten. Statt die Biografien, Interessen, Bedürfnisse und Sichtweisen der AdressatInnen Sozialer Arbeit zu erforschen, gelten die Forschungsbemühungen vor allem der Institutionen- und Interventionsforschung sowie dem professionellen Selbstverständnis. Um dieses aus meiner Sicht beklagenswerte Forschungsdesiderat zu schließen – klafft hier doch eine bedeutsame Lücke zwischen professionellen Ansprüchen und Forschungsaktivitäten -, haben Maria Bitzan, Eberhard Bolay und Hans Thiersch in einem Sammelband insgesamt 14 Beiträge – neben der Einführung - zusammengestellt und veröffentlicht, die sich sowohl mit forschungsmethodologischen und –praktischen Fragestellungen als auch mit den sich daraus ergebenden Konsequenzen für die "Praxisanstrengungen einer lebensweltorientierten und darin subjektorientierten Sozialen Arbeit" (S. 7) kritisch-konstruktiv auseinander setzen.

Entstehungshintergrund und Erkenntnisinteressen

Dem Sammelband zugrunde liegt eine Fachtagung, die im Februar 2004 im Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen durchgeführt wurde und an der im Wesentlichen der Tübinger Jugendhilfeforschungsverbund mit verschiedenen Beiträgen beteiligt war. Damit gelingt es den HerausgeberInnen eine bunte Vielfalt unterschiedlicher Forschungsprojekte zur AdressatInnenforschung vorzustellen. In den Einzelbeiträgen wird deutlich, dass AdressatInnenforschung im Wesentlichen drei verschiedene Erkenntnisinteressen verfolgen kann und sollte (S. 268f.):

  • Erstens geht es im Sinne der Lebenswelt- und damit Subjektorientierung darum, die subjektiven Deutungen, biografischen Relevanzen und Bedürfnisse der AdressatInnen systematisch aufzunehmen und diese auch im Sinne der Partizipation zum zentralen Bezugspunkt in der praktischen Gestaltung sozialpädagogischer Arbeit machen.
  • Zweitens sollen die AdressatInnen mit ihren Einschätzungen, positiven und kritischen Stimmen zu den erfahrenen sozialpädagogischen Interventionen zu Wort kommen. In diesem Sinne ist AdressatInnenforschung auch immer Evaluationsforschung.
  • Drittens sollen die Forschungsergebnisse zur kritischen Selbstreflexion der eigenen professionellen Arbeit und des Hilfesystems herangezogen werden, denn die AdressatInnenforschung leistet bedeutsame Aufschlüsse dazu, welche institutionellen Zwänge oder auch vermeintlichen Selbstverständlichkeiten der "deformation professionelle" die praktische Soziale Arbeit beeinflussen oder sogar bestimmen.

Allerdings weisen die HerausgeberInnen in ihrem abschließenden Beitrag ausdrücklich darauf hin, dass "die Subjektperspektive in der Sozialen Arbeit nicht ein Medium der noch zielgenaueren Bemächtigung der AdressatInnen werden" (S. 284) dürfe. Um dies zu verhindern, stellen sie die hier geteilte Forderung auf, dass "Rahmenbedingungen zur Selbstreflexion dauerhaft institutionalisiert sein" (ebda) müssen.

Aufbau

In ihrer "Einführung" weisen die HerausgeberInnen Maria Bitzan, Eberhard Bolay und Hans Thiersch darauf hin, dass es ihnen ein besonderes Anliegen ist, die verschiedenen, im Tübinger Jugendhilfeforschungsverbund gesammelten Erfahrungen aus Projekten der AdressantInnenforschung in der Kinder- und Jugendhilfe zu übergreifenden methodologischen, methodischen, aber auch kritisch-theoretischen Diskussionslinien zusammenzuführen. Insbesondere ihrem letzten Anspruch werden sie in ihrer Einführung gerecht, in dem sie darauf verzichten, die Einzelbeiträge jeweils vorzustellen. Stattdessen stellen sie sieben kritische Thesen zur bisher in der Disziplin Sozialer Arbeit vorhandenen AdressatInnenforschung auf. Damit wird für mich eine hervorragend strukturierte Reflexionsgrundlage aufgespannt, um mich mit den folgenden 14 Beiträgen auseinander zu setzen.

Insgesamt beinhaltet der Sammelband zwei Teile:

  1. Im 1. Teil werden die Forschungserfahrungen und –ergebnisse aus Einzelprojekten vor allem des Tübinger Jugendhilfeforschungsverbundes vorgestellt.
  2. Im 2. Teil werden diese Einzelerfahrungen in übergreifende Diskussions- und Reflexionslinien zur AdressatInnenforschung zusammengeführt.

I. Einzelprojekte

  • Im 1. Beitrag diskutieren Franz Hamburger und Heinz Müller kritisch die bereits vorliegenden quantitativen und qualitativen Forschungsergebnisse aus Evaluationsprojekten im Bereich der sozialraumorientierten Weiterentwicklung der Hilfen zur Erziehung.
  • Im 2. Beitrag stellt Margarete Finke Erfahrungen und Ergebnisse aus Biografieforschungsprojekten in der Heimerziehung vor.
  • Im 3. Beitrag schildert Maren Zeller die Möglichkeiten und Grenzen, mit der qualitativen Forschungsmethode der "Grounded Theory" "die Perspektiven von AdressatInnen als Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung flexibler, integrierter und sozialraumorientierter Erziehungshilfen" zu nehmen.
  • Im 4. Beitrag berichtet Birgit Hofgesang über "Erfahrungen und Ergebnisse aus biografisch orientierten Interviews mit "jungen Menschen in extremen individuellen und sozialen Problemlagen"".
  • Der 5. Beitrag von Gerd Stecklina und Steve Stiehler setzt sich mit den Partizipationsmöglichkeiten von Mädchen und Jungen in stationären Hilfen auseinander. Sie begründen die Notwendigkeit, dass die MitarbeiterInnen mit den Mädchen und Jungen neue Umgangsformen und Beziehungsstrukturen ausprobieren und finden sollten, um sie in ihrem zivilgesellschaftlichen Status zu stärken.
  • Der 6. Beitrag ist dem gesundheitswissenschaftlichen Bereich Sozialer Arbeit zuzuordnen. Aufgrund der Erkenntnisse aus biografischen Interviews mit stark belasteten Jugendlichen zu ihrer "biografischen Konstruktion von Gesundheit" plädiert Gabriele Stumpp für eine Erweiterung des salutogenetischen Konzepts von Aaron Antonovsky.
  • Gisela Braun stellt im 7. Beitrag Lebensthemen von jungen Menschen vor, die sich zum Zeitpunkt der narrativen bzw. biografischen Interviews im Übergang in das Arbeitsleben befanden und am Forschungsprojekt "Wohnen und Arbeiten" in Baden-Württemberg teilnahmen.
  • Im 8. Beitrag berichten Sandra Menk und Vanessa Schneider über ihre Erfahrungen und Ergebnisse aus einer "Langzeitstudie zur Evaluation eines sozialpädagogischen Kriseninterventionszentrums", in dessen geschlossenen Gruppen Mädchen und Jungen gemeinsam untergebracht waren. Dabei wurden sowohl quantitative als auch qualitative Forschungsmethoden eingesetzt und neben der Perspektive der Mädchen und Jungen auch jene der Eltern, ErzieherInnen und zuständigen MitarbeiterInnen in den Jugendämtern aufgenommen.
  • Im 9. Beitrag zeigen Carola Flad und Eberhard Bolay anhand ihrer Ergebnisse aus Leitfaden gestützten Interviews, welche Rolle Schulsozialarbeit für SchülerInnen bei der Bewältigung ihrer Probleme spielen kann.

II. "Übergreifende Reflexionen"

  • Im 10. Beitrag setzt sich Rainer Treptow mit grundsätzlichen Fragen der "Fallbeschreibung zwischen Selbst- und Fremddeutung" auseinander, wobei er die Fall verstehenden Verfahren auch kritisch im Rahmen sozialpolitischer Steuerungsstrategien reflektiert.
  • Gertrud Oelerich und Andreas Schaarschuch skizzieren im 11. Beitrag die "sozialpädagogische Nutzerforschung", so wie sie von Andreas Schaarschuch im Zusammenhang mit der sozialpädagogischen Konzeption sozialer Dienstleistungen entwickelt wurde. Sie grenzen diese ausdrücklich von der Wirkungs- und AdressatInnenforschung ab. Dabei gehen sie von der radikalen These aus, dass das Aneignungshandeln der NutzerInnen über den Erfolg oder Misserfolg jeglicher sozialpädagogischer Intervention entscheide. Aus ihrer Sicht ist deshalb "das Aneignungshandeln der NutzerInnen unhintergehbarer Ausgangspunkt" und darüber hinaus "die Beantwortung der Frage nach dem Nutzen, nach dem Gebrauchswert für die NutzerInnen, für die Soziale Arbeit als Profession essentiell" (S. 188).
  • Werner Schefold reflektiert im 12. Beitrag seine "Erfahrungen aus biografieanalytischer Kinder- und Jugendhilfeforschung" in vierfacher Hinsicht. Er fragt erstens danach, wann und aus welchen Gründen Biografieforschung eingesetzt werden sollte sowie zweitens nach ihren Möglichkeiten und Problemen und drittens nach ihrem Ertrag für die Praxis. Aus der Beantwortung dieser Fragen formuliert er viertens und abschließend Schlussfolgerungen für einen reflektierten Umgang mit Biografieforschung in der Sozialen Arbeit.
  • Im 13. Beitrag nehmen Barbara Stauber und Gerrit Kaschuba geschlechtertheoretische Diskurse, insbesondere die Subjekt-Debatte der Frauen- und Geschlechterforschung auf und spiegeln an dieser kritisch den Subjektbezug in der AdressatInnenforschung.
  • Im 14. Beitrag gelingt es aus meiner Sicht den HerausgeberInnen Maria Bitzan, Eberhard Bolay und Hans Thiersch, die in den vorherigen 13 Einzelbeiträgen vorgestellten und kritisch diskutierten Erfahrungen und Ergebnisse aus den verschiedenen Forschungsprojekten in einer Gesamtschau zu zeigen und nochmals die zentralen Diskussionslinien aufzunehmen und systematisch zusammenzuführen. Gemeinsam mit der Einführung gewährleisten sie auf diese Weise eine Gesamtrahmung für die in diesem Sammelband zusammengestellten 13 Einzelbeiträge, so dass diese nicht unverbunden nebeneinander stehen.

Zielgruppen

Aus meiner Sicht ist dieser Sammelband für alle in der Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit tätigen Menschen interessant und lesenwert. Dabei schließe ich auch ausdrücklich die Studierenden der Sozialen Arbeit, Sozialpädagogik und Sozialarbeit mit ein. Denn für mich ist es in den 14 von den HerausgeberInnen Maria Bitzan, Eberhard Bolay und Hans Thiersch gelungen, die vielfältigen Möglichkeiten und Grenzen der AdressatInnenforschung zusammenzustellen und dabei die eingangs erwähnten drei verschiedenen Erkenntnisinteressen gemäß der professionellen Grundsätze der Lebensweltorientierung und damit der Subjektorientierung und Partizipation konsequent zu verfolgen: (1) Erkenntnis der subjektiven Deutungsmuster, biografischen Relevanzen und Bedürfnisse der AdressatInnen, um lebensweltorientierte Soziale Arbeit gestalten zu können, (2) Kenntnis des Nutzens bzw. der Bewertungen der AdressatInnen bezogen auf die sozialpädagogischen Angebote und schließlich (3) das selbstkritische professionelle und institutionell-strukturelle Reflexionsinteresse.

Fazit

Meines Erachtens ist es den HerausgeberInnen in Gänze gelungen, bedeutsame methodologische und methodische Grundlagen der AdressatInnenforschung zu legen und diese kritisch in aktuelle gesellschaftliche und sozialpolitische Entwicklungen und deren Konsequenzen für die Soziale Arbeit einzuordnen. Dabei vernachlässigen sie nicht, auch die Auswirkungen einer auf Ergebnissen der AdressatInnenforschung basierten lebensweltorientierten Sozialen Arbeit zu beleuchten, so dass die Forschungsergebnisse auch für die Praxis fruchtbar gemacht werden können.


Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 07.01.2009 zu: Maria Bitzan, Eberhard Bolay, Hans Thiersch (Hrsg.): Die Stimme der Adressaten. Empirische Forschung über Erfahrungen von Mädchen und Jungen mit der Jugendhilfe. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. ISBN 978-3-7799-1222-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3761.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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