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Miriam K. Damrow: Sexueller Kindesmissbrauch. Eine Studie zu Präventionskonzepten, Resilienz und erfolgreicher Intervention

Cover Miriam K. Damrow: Sexueller Kindesmissbrauch. Eine Studie zu Präventionskonzepten, Resilienz und erfolgreicher Intervention. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 260 Seiten. ISBN 978-3-7799-1881-3. 21,00 EUR.
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Thema und Anliegen

Im Zuge der Enttabuisierung des sexuellen Missbrauchs von Kindern wurden zahlreiche Ansätze zur Intervention entwickelt und es entstanden entsprechende Beratungs- und Anlaufstellen. Ging es zunächst vorrangig um die Beendigung eines bestehenden Missbrauchs und um die Unterstützung für die Betroffenen, stellte sich dennoch zunehmend die Frage, wie Mädchen und Jungen vor sexuellem Missbrauch zu schützen sind. Es entstanden Präventionsprogramme gegen den sexuellen Kindesmissbrauch, deren Vielzahl kaum mehr zu überschauen ist. Oftmals wurden die Konzepte aus den Erfahrungen der Praxis heraus entwickelt, ohne jedoch eine wissenschaftliche Fundierung sicher zu stellen. Andererseits beschäftigte sich die Forschung insbesondere in Deutschland erst relativ spät mit der Frage, welchen fachlichen Anforderungen Präventionsangebote genügen müssen um einen tatsächlichen Beitrag gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern zu leisten. Gleichzeitig steigt seit Jahren die Notwendigkeit in der Jugendhilfe, die Qualität der Arbeit nachzuweisen und vor allem die Wirksamkeit, auch von präventiven Maßnahmen, zu belegen.

Die Intention der Autorin ist eine Analyse bestehender Präventionsprogramme im Rahmen ihrer Dissertation. Dabei erfolgt eine Konzentration auf diejenigen Programme, die sich sowohl an Kinder als auch an Erwachsene als Zielpublikum richten. Diese Opferpräventionsprogramme werden systematisiert erfasst, nach wissenschaftlichen Grundlagen der Prävention katalogisiert und in einem weiteren Schritt analytisch auf ihre Bestandteile und deren Wirksamkeit untersucht. Hierzu wird ein Klassifikationsmodell entworfen, mit dessen Hilfe die Umsetzung verschiedener Präventionsideen in Präventionsprogramme berücksichtigt und Qualitätsindikatoren abgeleitet werden können, so die Aussage der Autorin.

Betont wird darüber hinaus die Notwendigkeit eines Perspektivenwechsels. Ergebnisse der Resilienzforschung werden genutzt um die Zukunftsorientierung im Rahmen von Interventionsprogrammen für Betroffene von sexuellem Missbrauch zu betonen. Ein auf diesen Kriterien fußendes Interventionsprogramm wird in der Veröffentlichung vorgestellt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich insgesamt in 9 Kapitel.

Nach der Einführung (1) bietet das 2. Kapitel Grundlageninformationen zur kindlichen Sexualität über Begriffe und Definitionen, Theorien zur sexuellen Entwicklung, über das Sexualwissen und die Sexualerziehung von Kindern.

Das 3. Kapitel beschäftigt sich mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern und dessen Prävention. Zunächst gibt es auch hier grundlegende Informationen über den sexuellen Missbrauch in Form von Definitionen, Ausführungen zu Warnhinweisen und Krisensignalen, über die Folgen sexuellen Missbrauchs, differenziert nach Jungen und Mädchen sowie zu den Rahmenbedingungen. Nach einer Abhandlung über die Notwendigkeit der Prävention, wird auf die Prävention als solche mit ihren unterschiedlichen Aspekten eingegangen. Diese sind: Ebenen der Prävention, Möglichkeiten der Orientierung präventiver Maßnahmen, Täter- und Opferprävention und kulturelle und ethnische Faktoren. Sodann erfolgt eine Differenzierung nach primären und sekundären Präventionsprogrammen.
Unter Primärpräventionsprogrammen erfolgen Beiträge über die Bestandteile, die Settings, Evaluationen, Wirkungen sowie Mängeln und Grenzen der Programme. Abgeschlossen wird dieser Abschnitt mit Schlussfolgerungen und Herausforderungen für künftige Primärpräventionsprogramme. Die folgende Abhandlung über sekundäre Präventionsprogramme wird differenziert nach sekundärer Prävention für Erwachsene und Kinder. Das 3. Kapitel schließt mit einem Fazit.

Im 4. Kapitel erfolgt dann die kritische Analyse von Primärpräventionsprogrammen, differenziert nach den Dimensionen der Verantwortung Kinder oder Erwachsene und in weiteren Schritten noch untergliedert in die jeweiligen Subdimensionen Klientel Kinder, Klientel Eltern und Klientel Kontext (Lehrer, Erzieher, Großeltern etc.). Das Kapitel schließt mit einer Synopse.

Das 5. Kapitel geht schließlich auf die Intervention bei sexuellem Kindesmissbrauch ein. Neben einleitenden theoretischen Vorüberlegungen zu Aufgaben und Zielen der Intervention, Arten der Psychotherapie und weiteren Erwägungen wird ein Interventionsprogramm mit seinen Zielen vorgestellt. Im Anschluss erfolgt die Darstellung des Curriculums für Therapeuten und Kinder. Dieses Kapitel wird mit Aussagen über die möglichen Grenzen des Interventionsprogramms beschlossen.

Das 6. Kapitel ist die Conclusio. Aufgezeigt werden der Forschungsbedarf zum Themenkomplex Sexualität und sexueller Missbrauch, die weitergehenden Fragestellungen zur Prävention sexuellen Kindesmissbrauchs sowie die Verknüpfungen mit weiteren Ansätzen der Emotions-, Resilienz- und Traumaforschung. Die letzten 3 Kapitel umfassen das Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen, die Bibliographie und den Anhang.

Diskussion

Die Tatsache, dass bis heute viele bestehende Präventionsprogramme gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern noch zu wenig wissenschaftlich fundiert sind, ist fachlich unumstritten. So bleibt oftmals unklar, ob eigentlich das, was mit diesen Maßnahmen erreicht werden soll, auch tatsächlich erreicht wird. Da viele Konzepte aus der Praxis heraus entstanden sind, ist ein Überblick nur schwer zu erlangen.

Berechtigt ist es im Hinblick auf Präventionskonzepte auch die Frage aufzuwerfen, inwiefern Kinder überhaupt die Hauptklientel dieser Programme sein sollten, besteht dadurch doch die Gefahr des Signals, sie seien für ihren eigenen Schutz verantwortlich statt der Erwachsenen. Insofern ist jeder Ansatz zu begrüßen, der in diesem Kontext versucht, bestehende Lücken dadurch zu schließen, dass Präventionsprogramme systematisiert erfasst und analysiert werden um somit Praxis und Wissenschaft zu verknüpfen. Gerade deshalb ist es für die bundesdeutschen Praktiker/-innen schade, dass in dieser Veröffentlichung hauptsächlich globale Präventionsprogramme dargestellt und analysiert werden, die teilweise bereits älteren Datums sind. Die heute als Präventionsprogramme gegen sexuellen Kindesmissbrauch ebenso vorfindbaren Selbstverteidigungs- oder Selbstbehauptungskurse finden damit keinen Eingang in die Untersuchung, obwohl sie in Deutschland weit verbreitet sind. Darüber hinaus haben sich zwischenzeitlich deutsche Organisationen mit der Frage der Qualität und Wirksamkeit von Präventionsprogrammen im Kontext der sexualisierten Gewalt gegen Mädchen und Jungen auseinandergesetzt. Entwickelt und veröffentlicht wurden Qualitätsstandards für Präventionsangebote (u. a. Bundesverein zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen e.V.: Empfehlungen für Qualitätskriterien in der Präventionsarbeit im Bereich der sexualisierten Gewalt an Mädchen und Jungen, Amyna e.V. (Hg.): Expertise zur Evaluation der Wirksamkeit präventiver Angebote gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen). Es ist bedauerlich, dass solche Veröffentlichungen keine Berücksichtigung in der vorliegenden Dissertation gefunden haben.

Zu begrüßen ist die Veränderung der Perspektive für Betroffene: Ein erfahrener sexueller Missbrauch ist eine schwerwiegende Erfahrung im Leben und kann zu erheblichen Traumatisierungen und Folgeproblemen führen. Es muss dennoch nicht bedeuten, dass für das weitere Leben mit entsprechender Unterstützung und Hilfe keine Zukunftsorientierung möglich ist. Hier die Erkenntnisse aus der Resilienzforschung nutzbar zu machen, ist ein wichtiger Paradigmenwechsel in der Arbeit mit Mädchen und Jungen, die Opfer sexuellen Missbrauchs wurden oder sind. Ein hierauf aufbauendes Interventionsprogramm vorzustellen, bleibt für die Leserin/den Leser gleichwohl nicht ganz nachvollziehbar, da sich der größte Teil der Veröffentlichung mit der theoretischen Aufarbeitung der Prävention bzw. entsprechender Programme befasst. Die theoretischen Grundlagen der Intervention bei sexualisierter Gewalt werden vergleichsweise sehr kurz abgehandelt. So wäre es gerade für Praktiker/-innen hilfreicher gewesen, ein Präventionsprogramm vorzustellen, das den heraus gearbeiteten Analysen und Qualitätsindikatoren Rechnung tragen würde.

Fazit

Die Veröffentlichung bietet Praktikerinnen und Praktikern, die in der Präventionsarbeit tätig sind, sicherlich Anregungen, die eigenen Konzepte kritisch zu prüfen. Da aber globale Präventionsprogramme einer Analyse unterzogen werden und in Deutschland verbreitete Maßnahmen kaum Berücksichtigung finden, dürfte der Nutzen für die praktische Arbeit begrenzt sein. Interessanter ist das Buch aufgrund des entworfenen Klassifikationsmodells für Wissenschaft und Forschung.


Rezension von
Martina Huxoll-von Ahn
Stellv. Geschäftsführerin Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
Homepage www.dksb.de
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Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 13.12.2007 zu: Miriam K. Damrow: Sexueller Kindesmissbrauch. Eine Studie zu Präventionskonzepten, Resilienz und erfolgreicher Intervention. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. ISBN 978-3-7799-1881-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3766.php, Datum des Zugriffs 24.11.2020.


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