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Peter Wensierski: Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik

Cover Peter Wensierski: Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2006. 240 Seiten. ISBN 978-3-421-05892-8. 19,90 EUR.
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Vorbemerkung

Diese Rezension ist parteiisch und gleichermaßen kritisch. Parteiisch, da der Rezensent selbst in den Jahren ab 1967 in der Heimerziehung tätig war und kritisch in Kenntnis der Geschichte der deutschen Heimerziehungsgeschichte.

Thema

Der Autor Peter Wensierski schreibt über die Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Heimerziehung der neuen BRD bis 1969/70. Er schreibt journalistisch gut lesbar und mit vielen Beispielen aus Interviews mit ehemals Betroffenen. Er schreibt engagiert und parteilich für die tausenden von betroffenen ehemaligen Kinder und Jugendlichen. Er klagt an und fordert Wiedergutmachung. Alles, was der Autor Wensierski schreibt, ist fachöffentlich seit langem bekannt. Wissenschaftlich gibt es eine Fülle von Untersuchungen und Bestandsaufnahmen über die Heimerziehung vor und nach 1969. Von daher nichts Neues. Und doch, das Buch ist deshalb besonders, da es an zwei fundamentalen Linien ansetzt die vielleicht Bewegung in dieses dunkle Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte bringen kann.

  1. An der Schuldfrage von Gewalt und Unmenschlichkeit (Menschenrechtsverletzungen und Folter) von Erziehern/innen an Kindern und Jugendlichen in der Heimerziehung von vor 1969 in der BRD.
  2. Der Autor verknüpft die unmenschliche Geschichte der Erniedrigungen und psychischen Verwüstungen junger Menschen in der Heimerziehung der "alten" BRD mit der Eilfertigkeit der DDR Jugendwerkhofskandalisierungen durch die politische Klasse der "alten" BRD.

Der Autor Peter Wensierski wendet sich mit diesem Buch nicht an die Fachwelt der Heimerziehung. Er wendet sich als Unterstützer für Wiedergutmachung an die ehemals Betroffenen gegen die großen kirchlichen Träger Caritas und Innere Mission. Weiterhin wendet er sich an die Politik, den Bundestag und indirekt an die Gerichte im Sinne von Wiedergutmachung, von Rentenzahlungen, von Rehabilitationsleistungen, von Entschädigungen tätig zu werden.

Inhalt

Der Autor baut sein Buch entlang von Erzählungen von knapp 800 ehemaliger Fürsorgezöglinge auf. Darin wird geschildert, wie Kinder und Jugendliche geschlagen, getreten, mit Valium und anderen Medikamenten still und süchtig gemacht wurden, wie Kinder und Jugendliche in dunkle Verliese eingesperrt wurden, wie Zwangsarbeit herrschte, wie es kein Briefgeheimnis gab, wie sexueller Missbrauch herrschte, wie christliche Gehirnwäsche betrieben wurde gegen die "Erbsünde " und  "Negermusik" bis hin zur Scheinhinrichtung, wie Kinder und Jugendliche wie Sachen behandelt wurden aller menschlichen Würde entkleidet , unfähigen Erziehern, Nonnen, Schwestern und deren Willkür Tag für Tag ausgeliefert. Die damalige Gesellschaft interessiert dies alles nicht. Sie lebte im "Wirtschaftswunder " und war froh diese Kinder und Jugendliche in billigen oftmals christlichen Heimen weggeschlossen zu bekommen.

Der Autor beschreibt entlang der biographischen Bruchstücke die Mafiastruktur zwischen christlichen Heimen (billig durch die Nonnen) und öffentlicher Jugendhilfe (hörig und "Allwissend"), den zynischen Umgang mit den Müttern dieser Kinder durch die Jugendhilfe, den Gerichten, die im Zweifelsfall immer gegen Kinder und Jugendliche als "Schädlinge" entschieden. Deutlich wird dabei vom Autor gezeigt, dass die meisten dieser Pastoren, Schwestern, Nonnen, Richter und Fürsorgerinnen und Erzieher/innen in einer großen Kontinuität mit dem Naziregime standen und in diesem Sinne die Kinder und Jugendlichen in der Fürsorgeerziehung "Abschaum" und "Dreck" waren und entsprechend behandelt werden mussten. Der Autor zeigt dabei auf, wie die Heime und ihre Leitungsebenen teil hatten am "Wirtschaftswunder" durch Zwangsarbeit der Kinder und Jugendliche und durch geringe Bezahlung der Nonnen und Erzieher.

Dabei wird vom Autor Wensierski deutlich entlang der biographischen Interviews gezeigt, welche katastrophalen menschlichen Folgen diese Gewalt gegen mehrere hunderttausend Kinder und Jugendliche bis heute hat in Form von seelische Leiden, Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfähigkeit, Krankheiten und entgangenes Leben, sowie immer Angst und Traumatisierungen. Deutlich wird in diesem Zusammenhang auch vom Autor hingewiesen auf heutige " so genannte neue" Forderungen von Zucht und geschlossenen Heimen und den verheerenden Folgen für die betroffenen jungen Menschen. Dabei versucht der Autor auch zusammen mit ehemaligen Fürsorgezöglingen die damaligen Peiniger aufzusuchen und zur Rede zu stellen. Diese Passagen sind etwas schwach geblieben.

Kommentar

Kritisch sei anzumerken, dass der Autor etwas stark auf Baader/Ensslin  und Meinhof die späteren RAF Mitglieder wurden und die Staffelbergkampagne eingestiegen ist und dabei die gesamte Reformbewegung kritischer Heimerziehung der damaligen Zeit zu sehr in den Hintergrund gedrängt hat. So hat der Rezensent selbst erlebt, wie ab 1967 im Wichernstift in Delmenhorst, einem Heim der Inneren Mission, eine kleine Gruppe Erzieher anfing, ein neues Verständnis von Erziehung, von Zusammenleben und Erziehen, von Elternarbeit und Öffentlichkeitsarbeit (Gewerkschaftsarbeit und Kriegsdienstverweigerungsberatung) durchzusetzen. Sie wurden alle rausgeschmissen und gründeten 1969/70) dann das Kleinkinderheim Haus am Bach.

Kritisch bleibt weiterhin anzumerken, dass die Heimreform verschiedene Stränge hatte die der Autor etwas vernachlässigt hat. Da war zum einem die neue Generation von ausgebildeten Erziehern/inne, Richtern, Pastoren, zum zweiten wurden die "christlichen" Heime  mangels Nonnen und Schwestern selbst immer teurer, zum dritten wurden die Zwangsarbeiten durch Mechanisierung und Kapitalisierung überflüssig und zum vierten wurde zunehmend "mehr Demokratie wagen"  (Willy Brandt 1969) propagiert.

Fazit

Für viele ehemalige Heimzöglinge wird dieses Buch trotz aller Kritik ein Meilenstein der öffentlichen Aufrüttelung sein und dies sollte es auch sein. Und vielleicht hilft dies Buch auch in der aktuellen Debatte gegen geschlossene Heimerziehung und für mehr und besseres Personal in den jetzigen Heimen.

Abschließend: es wäre gut, wenn Caritas und Diakonie und Innere Mission zu einer Entschuldigung und Wiedergutmachung kämen. Aber möglicherweise muss das auch erst vor den Gerichten erstritten werden. Das Buch ist dazu eine Hilfe.


Rezensent
Prof. Dr. Peter Schütt
Hochschule Mittweida, Fachbereich Soziale Arbeit
Sozialarbeiter, Dipl. Pädagoge, Dipl. Psychologe, Familientherapeut
1967 -1969 Mitarbeiter im Team "Haus am Bach", Heim für schwerst geschädigte Kinder/Jugendliche
1977-83 Projekt Pflegekinderarbeit
1983-1990 Arbeit mit ehemaligen psychiatrisierten Langzeitpatienten


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Zitiervorschlag
Peter Schütt. Rezension vom 08.10.2007 zu: Peter Wensierski: Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2006. ISBN 978-3-421-05892-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3783.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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